Cytotoxin - Nuklearth

Review

Spätestens seit der gefeierten HBO-Miniserie „Chernobyl“ ist der namensgebende Reaktorunfall aus der Ukraine wieder in aller Köpfe. „CYTOTOXIN did it first“, könnte man nun hämisch sagen, während alle auf den „Trendzug“ letztes Jahr erst aufgesprungen sind. Zumindest musikalisch gesehen. „Gammageddon“ war für viele eine Überraschung 2017 (und wäre uns beinahe durch die Lappen gegangen), dementsprechend heißerwartet ist „Nuklearth“. Thematisch stehen mehr als das eigentliche Unglück auf dem neuesten Langspieler eher die Langzeitnachwirkungen vom strahlenden Material (nicht nur von Chernobyl) im Vordergrund als die Katastrophe selbst. Das Artwork, welches erneut von Jan  „Örkki“ Yrlund kommt, unterstreicht das noch einmal. Auch die Kohlekeller-Produktion ist mal wieder transparent und durchschlagskräftig, hat aber immer noch eine gewisse Kernigkeit, die der Sterilität entgegen steht.

CYTOTOXIN haben immer noch nicht genug

Deutete sich auf dem Vorgänger schon in einigen Songs eine neu gefundene Vorliebe für im Kopf bleibende Melodien und größerer Abwechslung an, hat sich auf „Nuklearth“ diese mittlerweile verfestigt. Der Sprung von „Gammageddon“ zu „Nuklearth“ ist somit eher kleiner als der von „Radiophobia“ zu „Gammageddon“.  Im Kopf hängen bleibende Melodien und der häufigere Tritt auf die Bremse gibt es auch auf „Nuklearth“. Dazu nehme man noch üblichen Trademarks:

Stocki verhaut sein Schlagzeug so dolle mit technischer Raffinesse, als hätte es seine Mutter beleidigt. Vor allem gibt es nette Akzente mit einer zweiten Piccolo-Snare, die den so oft im Brutal Death geliebten als auch gehassten „Ping“ gibt, sowie den kompletten Verzicht auf eine Hi-Hat. Der Bass von Vitalis ist dankenswerterweise wieder sehr präsent und spielt auch mal gegen die  Gitarren an. Jason und Fonzo bedienen von Flitzefinger-Sweeps über amtliche Moshparts hin zu hintergründigen und atmosphärischen Melodien das gesamte Saiten-Spektrum. Frontschweinchen Grimo hat die Pigsqueals dieses mal allerdings außen vor gelassen und konzentriert sich eher auf Rhythmik und Phrasierung im stimmlichen Keller. Man lässt sich auch mittlerweile gern Zeit zum Song-Aufbau, wie Single „Dominus“ schon bewiesen hat. Es ist also durchaus Mikroevolution im Sound von CYTOTOXIN zu vernehmen.

Immer noch ist es die Kombination aus Moshparts, den technischen, irren Sweeps, sich festsetzenden Refrains und kleinen Überraschungen wie dem sehr hymnisch-episch angelegten Mittelpart in „Lupus Aurora“ etwa, die CYTOTOXIN die Würze in der Tech-Death-Suppe geben. Auch Tracks wie „Drown In Havoc“ und „Coast Of Lies“ beherrschen dieses Wechselspiel vorzüglich.

„Nuklearth“ zeigt in eine strahlende Zukunft

Auch sind wie gewohnt auf „Nuklearth“ wieder Gäste vertreten: „Soul Harvester“ hat stimmliche Unterstützung von Elliot Desgagnés (BENEATH THE MASSACRE, von denen CYTOTOXIN große Fans sind) und groovt wie Sau, nicht zuletzt durch reduzierte Geschwindigkeit. Was nicht heißen soll, dass sich hier sonst in den meisten Songs an irgendwelche Geschwindigkeitsbegrenzungen gehalten wird. Auf „Quarantine Fortress“ (hat da wer Corona gesagt?) darf sich Ben Duerr (SHADOW OF INTENT) austoben. Zusätzlich  ist der Track ein prügelndes Monster mit wahnsinnig viel Abwechslung und einem wunderbaren, unter die Haut gehendem Finale, das leider viel zu kurz ausgefallen ist.

Zusammen mit den schon ausgekoppelten Singles „Dominus“ und „Lupus Aurora“ durch den Abwechslungsreichtum und die sich festsetzenden Melodien bildet „Quarantine Fortress“ das Albumhighlight. Aber auch der Titeltrack wartet mit coolen, entfernt an GOJIRA erinnernden Tapping-Melodien auf und bildet mit dem folgenden Klavieroutro „Mors Temporis“, das mir unerklärlicherweise „Lux Eterna“ vom „Requiem for a Dream“-Soundtrack in den Kopf ruft, ein gutes Doppelpack und somit eine gelungene Ausleitung von „Nuklearth“. Ein paar durchschnittliche Songs haben sich auch dazwischen geschlichen: Opener „Atomb“ hat trotz fetten Slamparts und Sweeping-Madness nicht wirklich Langzeitwirkung, auch „Uran Breath“ ballert ordentlich und überrascht mit einen coolen Spoken-Word-Part, wo ein wenig die Bremse getreten wird, bleibt aber ebenfalls im Gesamtkontext des Albums eher blass.

Nun ist ein nicht so guter Song auf „Nuklearth“ immer noch ein wahnsinnig guter Song im Allgemeinen fürs Genre, also sind das ein paar Krokodilstränen. Der Überraschungseffekt, den „Gammageddon“ noch hatte, ist allerdings somit ein wenig verpufft und „Nuklearth“ liefert somit „nur“ erneut guten neuen Stoff für eine neue Ladung Circlepitonium. Alle Stalker mit Interesse an Artefakten aus dem Slam, Tech- und Brutal-Death-Umfeld sollten „Nuklearth“ aber trotzdem schnellstens eintüten.

19.08.2020
Exit mobile version