Devin Townsend - The Moth
Review
DEVIN TOWNSEND gefällt sich offensichtlich in seiner Rolle als nonkonformer, eigensinniger Künstler, der sich jeglicher Erwartungshaltung verweigert und in keine Schublade gesteckt werden möchte. Beständig folgt der gute Mann seiner kreativen Vision. Und nun auch noch das!
Nun auch noch das!
Nach dem quasi-Fanservice „Empath“ kam das relaxte wie unaufdringliche „Lightwork“, dem wiederrum das zwischen den Stühlen sitzende „PowerNerd“ mit seinem stilistischen Potpourri voller Ironie folgte.
Lange angekündigt, noch länger daran gearbeitet, gibt uns der seit über 30 Jahren aktive und in zahlreichen Bands und Projekten involvierte Devin Townsend jetzt „The Moth“. Ein monumentales Konzeptwerk, dessen ursprüngliche Idee 10 Jahre zurückgeht. Um dann vor sechs Jahren langsam konkret zu werden: Nach einem Akustikkonzert in Amsterdam kontaktierte der Leiter des Nordniederländischen Symphonie-Orchesters und Chors den kanadischen Tausendsassa mit dem Angebot, die Diskografie von DEVIN TOWNSEND orchestral aufzuarbeiten.
HevyDevy schwebte aber schon längere Zeit ein von Grund auf neues, großes Werk vor, originell, orchestral, choral wie theatralisch sollte es sein, dass sich in der Folge als sehr ambitioniertes, opulentes Mammutprojekt entwickelte. Hunderte beteiligte Musiker, Orchester und Chor, Devins künstlerisches Netzwerk über den Globus verteilt, musikalisch wie organisatorisch eine Herausforderung. Dazu eine kreative Grenzerweiterung, die mit der Weiterentwicklung von DEVIN TOWNSEND einherging.
Die Weiterentwicklung von DEVIN TOWNSEND
Wie schon so oft in seinen musikalischen Wandlungen ist Devin für „The Moth“ aus seinem Kokon geschlüpft. Angefangen beim Erlernen des klassischen Komponierens, neben Musiktheorie auch die verschiedenen Instrumente, ihrer Tonumfänge, Spieltechniken und Klangfarben. Dazu lag es an Townsend, neben der eigenen Band all die vielen Musiker verteilt überall auf der Welt zu koordinieren. Darunter Gitarrenlegende Steve Vai, der Devins professionelle Musikerkarriere ins Rollen brachte, seine langjährige Weggefährtin Anneke van Giersbergen oder auch Lynn Wu von der chinesischen Prog-Metal-Band OU. Wenn Townsend selbst von seinem Lebenswerk spricht, ist man gewillt, ihm zu glauben.
Unkonventionell ist auch die Struktur von „The Moth“. 24 Stücke verteilt auf rund 70 Minuten Spielzeit. Da sind neben „Songs“ auch viele Interludes, Brücken, kurze Story-Elemente, teilweise unter einer Minute. All das unterstreicht die emotionale Transformation, die den Mittelpunkt des Konzepts bildet. Die Motte als Metapher in „The Moth“ – mehr als nur aufgemothzt!
Mehr als nur aufgemothzt!
„The Moth“ ist eine lose Geschichte. Der Protagonist erkennt, dass ihm alte Verhaltensmuster nicht mehr dienlich sind. Durch Selbstreflexion erkennt die Person den inneren Konflikt, dem sie sich seit Jahren widersetzt oder unbewusst rationalisiert hat. Es geht um echte Selbstakzeptanz. Devin selbst: „Die offensichtlichste Metapher für Veränderung innerhalb des Konzepts dieses Projekts war eine Motte: von der Raupe zu einem völlig anderen Wesen – einem, das so sehr vom Licht angezogen wird, dass es sich selbst verbrennt. Was bleibt, ist unveränderlich – allein der Geist.“ Es gleicht einer Reise mit schmerzenden Erkenntnissen, vielen kleinen Stationen und einigen großen Momenten und quasi keinen Wiederholungen. Nein, DEVIN TOWNSEND bietet uns hier keine leichtverdauliche Kost, weder inhaltlich noch musikalisch.
Keine leichtverdauliche Kost
Verglichen mit seinem bisherigen Schaffen setzt „The Moth“ auf die konsequente Integration von Orchester und Chor in das Gesamtbild des Progressive Rock und Metals. Oder besser gesagt umgekehrt – ein klassisch ersonnenes Werk, in das Prog-Metal-Elemente eingestreut wurden. Wirkt mal wie ein Musical, mal wie ein Soundtrack. Und funktioniert eher gehört im Ganzen am Stück, einzelne Songs für sich gestellt weniger. Das Werk will aufmerksam erforscht und erlebt werden. Das passt insofern zu DEVIN TOWNSEND, da einiges in der Vergangenheit nicht immer leicht zu entschlüsseln war, hier setzt das neue Album aber noch einmal neue Maßstäbe.
Neue Maßstäbe
Auf „The Moth“ verzichtet Dev meist auf typische Refrains, setzt deutlich mehr Fokus auf Opulenz, Bombast wie Emotionen, auf Dynamiken zwischen zarter Schönheit bis dystopischer Dissonanz, auf Epik, Stimmvielfalt, auf die perfekt ausbalancierte Einsätze von Band, Chor wie Orchester. Geniale Melodien und die eine oder andere Referenz aus der bisherigen Diskografie. Die emotionale Bindung bleibt dabei in erster Linie über die Stimmen, und Devin bildet deren Zentrum. Townsend montiert, baut auf, um anschließend wieder zu brechen, was manchmal etwas sprunghaft ist. Und doch als Ganzes funktioniert, da es eben nicht wie ein Sammelsurium wirkt. Musikalische Zurückhaltung? Nicht mit Dev!
Der kurze Opener „Semi-Prologue“ ist eine wunderschöne Arie mit einnehmender Melodieführung und Gesangslinie und Spannungsbogen bei Chor und monumentalem Orchester. Hier zeigt sich gleich deutlich der Qualitätsunterschied durch den Einsatz echter Symphoniemusik mit Bläsern und Streichern verglichen zur Konserve. Die detailreich ausgearbeitete Produktion ist großartig und lebt vom typischen, präzisen Townsend-Wall-Of-Sound.
„War Beyond Words“ gleicht mit beunruhigenden Streichern und Kriegstrommeln einem Panikanfall und ist zugleich eine aufwühlende Hymne, wie sie so nur von DEVIN TOWNSEND stammen kann. Dazu die charismatische Stimme von Anneke van Giersbergen.
Beim epischen Titelsong fühlt man sich gar an den legendären Soundtrack zu „Star Wars“ erinnert. Aus dem Rahmen fällt das mit acht Minuten längste und sich langsam entfaltende „Covered By Causes“. Townsend und van Giersbergen zaubern gemeinsam wunderschöne Harmonien, das passt hervorragend und wird von den Akustikgitarren wie zurückhaltenden Streichern toll unterstützt. Dann singt Lynn Wu chinesisch, Ton, Atmosphäre und Stil wechseln dynamisch. Ein echter Fixpunkt des Albums.
Die inneren Kämpfe leben auch in „The Mothers“, schmerzerfüllte Schreie und Synthesizer, dass in skurrilen Walzer wechselt. Erinnert stellenweise an „Synchestra“.
Spannungsgeladen wie treibend und düster ist das apokalyptische „Prepare For War“ – die Magie von Townsend, dann der von Wu angeführten Wechsel in der Mitte, Steigerungen bis hin zu rasenden Blast Beats und einem Crescendo des Orchesters bis hin zur Ekstase. Richtig Metal ist das dunkle „The Big Snit“, riffgeladen, progressiv windend, Ausbruch in Schreien, Double Bass und krassen Streichern. „Stained Hearts“ – ein emotionales wie eindringliches Duett von Devin und Anneke, groß!
Vergleiche zu ziehen ist hier nicht ganz einfach. Natürlich ist „The Moth“ deutlich weniger zugänglich als es „PowerNerd“ war. Das neue Album kommt „Empath“ näher, wirkt aber durchkomponierter, zielgerichteter, ja konsequenter. EINAR SOLBERG hat mit „Vox Occulta“ ebenfalls Progressive Metal mit orchestralem Ansatz geliefert. Aber wo EINAR SOLBERG fast kammermusikalisch zurückgenommen agiert, ist DEVIN TOWNSEND ausladend, fast schon exzessiv. Es bleibt, wie es immer war – DEVIN TOWNSEND macht, was DEVIN TOWNSEND macht.
DEVIN TOWNSEND macht, was DEVIN TOWNSEND macht
Das detailverliebte „The Moth“ ist fordernd wie einnehmend faszinierend.
Devin Townsend - The Moth
| Band | |
|---|---|
| Wertung | |
| User-Wertung | |
| Stile | Klassik, Progressive Metal, Progressive Rock, Rockoper, Soundtrack |
| Anzahl Songs | 24 |
| Spieldauer | 70:14 |
| Release | 29.05.2026 |
| Label | InsideOut Music |
| Trackliste | 01. Semi-Prologue 02. War Beyond Words 03. The Moth 04. Ode To My Eye 05. Enter The City 06. Covered By Causes 07. Lexin 08. Runaways 09. A Proxy For God 10. The Mothers 11. Orion 12. Stay There 13. Home At Night 14. Intermission 15. Lexin Returns 16. The Clergy 17. Prepare For War 18. The Big Snit 19. Silver Princess 20. A Life in Review 21. Metamorphosis 22. Stained Hearts 23. Let Go 24. We Don’t Deserve Dogs |
