Dødheimsgard - A Umbra Omega

Review

„Back to the roots!“ – dieses geflügelte Wort ist mir im ersten Durchlauf „A Umbra Omega“s sicherlich nicht ohne Grund durch den Kopf gegangen; allerdings wäre eine solche Äußerung zum neuen Album des norwegischen Irrenhauses DØDHEIMSGARD / DHG vermutlich gleich dreifach sehr leichtsinnig: Erstens möchte ich auf keinen Fall das Risiko eingehen, Anhängern der ersten beiden Langspieler „Kronet Til Konge“ und „Monumental Possession“ den Mund wässrig zu machen und dann die Verantwortung für restlose Überforderung und hochgradige Verwirrung zu tragen; zweitens finde ich es angesichts der letzten drei Veröffentlichungen – „Satanic Art“, „666 International“ und „Supervillain Outcast“ – sehr schwierig, so etwas wie klar definierte Wurzeln des DØDHEIMSGARDschen Klangkosmos freizulegen; drittens – und damit kommt nun endlich eine erste belastbare Aussage dazu, wie „A Umbra Omega“ denn nun klingt – würde es dem ersten Lebenszeichen seit 2007 nicht gerecht, es auf den Kontext „666 International“s zu reduzieren.

Ja, richtig gelesen: „A Umbra Omega“ scheint auf den ersten Blick nicht wie die logische Fortsetzung des vor acht Jahren erschienenen „Supervillain Outcast“, das sicher zurecht als „zahmer“ (nichtsdestoweniger aber gelungener) Nachfolger des 1999er-Paukenschlags „666 International“ gehandelt wurde. Nein, „A Umbra Omega“ transportiert den visionären Wahnsinn, die wahnsinnige Vision Yusaf „Vicotnik“ Parvez‘, die sich erstmals vor 16 Jahren ungeschönt und ungezähmt den Weg in die Köpfe offenherziger Schwarzmetaller bahnte. Die Anzahl an Ideen, die der Fünfer in den gut 67 Minuten auffährt, würde einem guten Dutzend Feld-, Wald- und Wiesen-Black-Metal-Bands für ihre gesamte Diskografie reichen – und allein die ersten 30 Sekunden des Openers „Aphelion Void“ sind das Äquivalent zu zwei ausgestreckten Mittelfingern in Richtung sämtlicher Schwarzwurzel-Kapellen, die auch nur mit dem Gedanken spielen, sich das Wort „Avantgarde“ auf die Fahnen zu schreiben.

Dazu nehme man noch die charakteristischen Arpeggio-Gitarren Vicotniks, die aberwitzigen Übergänge (wie oft hatte ich das Bedürfnis, Jemanden am Kragen zu schütteln und zu rufen „Hör dir diese verdammten Übergänge an – das ist doch der helle Wahnsinn!!!“?), die stimmlichen Leistungen des glücklicherweise zurückgekehrten Bjørn „Aldrahn“ Denckers – und siehe da, es tun sich nicht nur erhebliche Parallelen zu „666 International“ auf, sondern auch die Frage, was zur Hölle Vicotnik und seine Mitstreiter eigentlich für Substanzen nehmen, um solche Monster wie diese fünf Songs zu erschaffen.

Mist, hier tut was nicht.Whoops! Hier sollte eigentlich ein Video- oder Audio-embed erscheinen. ...

Nun aber aufgemerkt, liebe Freunde des Black Metals als Kunstform: Jeder weitere Durchlauf gibt „A Umbra Omega“ die Möglichkeit, sich ein Stück weiter zu entfalten; jeder Durchlauf enthüllt weitere, feine Einzelheiten, porträtiert DØDHEIMSGARD als detailverliebte Künstler; jeder Durchlauf verdeutlicht, dass „A Umbra Omega“ deutlich mehr ist als nur der fiese große Bruder „666 International“s, wenngleich sich die Verwandtschaft nicht leugnen lässt. Nach den aufgezeigten Berührungspunkten dieser 16 Jahre auseinander liegenden Alben gilt es also nun, die Unterschiede herauszustellen, um in aller Deutlichkeit festzuhalten: „A Umbra Omega“ ist auf seine Weise ein Meilenstein visionären Black Metals.

Hat man sich erst einmal ein wenig durch die ineinander verzahnten Motive, die vielfältigen Einflüsse, die Wechselspiele aus fiesestem Black Metal und ruhigeren Passagen – kurzum: die unfassbare Dynamik „A Umbra Omega“s – gewühlt, offenbaren sich ganz neue Dimensionen der gebotenen Musik: War „666 International“ in seinem kreativen Chaos noch deutlich stärker auf elektronische Elemente fokusssiert, ist „A Umbra Omega“ sehr viel organischer und (so seltsam das klingen mag) homogener – so sind technoide Drum-Patterns nur noch selten zu hören, und auch die Synthesizer glänzen in erster Linie durch Integrität und weniger durch das Attribut „schräg“. Gerade letztere Beobachtung zeigt dann doch, dass „Supervillain Outcast“ ein nicht zu vernachlässigender Bestandteil der Diskografie DØDHEIMSGARDs ist. Neben souverän eingesetzter Elektronik finden jedoch auch verschiedene Blas-Instrumente (das Saxophon in „Aphelion Void“, die Trompete in „God Protocol Axiom“ oder die Oboe in „Architect Of Darkness“!) und großartige Chöre den Weg in die Musik der Norweger – und wie diese David Gilmour-Gitarre ihren Weg in „Aphelion Void“ gefunden hat, ist mir zwar schleierhaft, sie passt aber perfekt.

Abschließend sei nun jedoch das wohl wichtigste Alleinstellungsmerkmal „A Umbra Omega“s skizziert: Das Album demonstriert das atmosphärische Wachstum des Ausnahme-Künstlers Yusaf Parvez. Bei allem kreativen Chaos, das zunächst im Vordergrund stehen mag, schälen sich nämlich in jedem einzelnen Song Spannungsbögen aus den schwarzmetallischen Kaskaden, die mir bei DØDHEIMSGARD bisher fremd waren. Wahrscheinlich sorgt das Präfix „Post-“ bei den Musikern halbwegs regelmäßig für Lacher – zu weit ist man im Hause DØDHEIMSGARD von derlei Kategorisierungen entfernt -, ich benutze es jetzt trotzdem: Besagte Spannungsbögen erzeugen eine atmosphärische Dynamik, die ich eben in erster Linie aus dem Post-Rock / -Metal / -Hardcore kenne. Da tun sich inmitten des musikalischen Wirbelsturms harmonische Wendungen auf, die gleichzeitig höchst seltsam und seltsam passend anmuten. DØDHEIMSGARD füllen ihre klanglichen Bilder mit Gefühlen – dass es ihnen trotz dieser atmosphärischen Erweiterung ihres Kosmos gelingt, geradezu beängstigend steril und lebensfeindlich zu klingen, ist die Stärke dieser Band, die sich mit „A Umbra Omega“ mächtiger denn je zurück meldet. Chapeau.

15.03.2015
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