Green Carnation - A Dark Poem, Part II: Sanguis

Review

Der erste Teil ihrer “A Dark Poem“-Trilogie erschien letzten September, und schon stehen GREEN CARNATION mit dem zweiten Teil auf der Matte: „A Dark Poem, Part II: Sanguis“ ist Fortsetzung, Mittelteil, alleinstehendes Album, wie man mag. Wie man es von der Band bereits gewohnt ist, verteilt sich die Spielzeit von diesmal gut 37 Minuten auf nur wenige Songs, sechs Stück, die allerdings wieder vollmundig und lang geraten sind. Und wie man es von GREEN CARNATION ebenfalls gewohnt ist, steht die Band für einen melancholischen, progressiven Ansatz, der aus dem Gothic Metal eine recht abwechslungsreiche Angelegenheit macht.

GREEN CARNATION machen’s schnell

„Sanguis“ startet mit fetten Orgelakkorden, die unweigerlich Erinnerungen an Rockgrößen der Siebziger wecken. In der Folge landet der Titeltrack aber bei der lieblichen Melancholie, die GREEN CARNATION seit jeher auszeichnet: Blockige Gitarrenriffs werden von sehr definierten, bollernden Rhythmen angetrieben, während die Keyboards sowie Sänger Kjetil Nordhus mit seiner harmonischen Stimme einen Zuckerguss über den Song legen. Da ändert auch das eingeschobene Fauchen nicht viel am Songcharakter. Das folgende „Loneliness Untold, Loneliness Unfold“ verharrt sogar gänzlich bei Zupfen auf der Akustikgitarre, während der Sänger seine Zeilen sanft darüberlegt. Gleiches gilt für den Rausschmeißer „Lunar Tale“.

„Sweet To The Point Of Bitter” wechselt zwischen Anspannung und Erlösung, zwischen massiven Riffs und epischen Gitarrenleads, die für sich schon sehr eingängig sind – auf jeden Fall einer der Songs, die noch lange im Gedächtnis nachhallen. Das folgende „I Am Time“ findet seinen Höhepunkt im Refrain, wo der Sänger die Gesangsmelodie in die Höhe schraubt. Bleibt noch „Fire In Ice“, das von seinem Kontrast zwischen den Strophen und dem Refrain lebt, zwischen weitgehend gitarrenlosen und schweren Metalpassagen.

Wie gesagt: GREEN CARNATION stehen wieder für melancholischen, progressiven Gothic Metal, bei dem Melancholie genauso viel Platz findet wie süßer Zuckerguss. An dieser Stelle müssen ein paar Worte zu den Texten fallen: Die Scheibe enthält diesmal sehr persönliche Texte aus der Feder von Bassist Stein Roger Sordal, der sich (negative) Erlebnisse aus seiner Kindheit von der Seele schrieb. „Ich hatte einige heftige Probleme mit meinem Vater“, führt er aus und resümiert: „Ich weiß jetzt, dass es ihm noch viel schlimmer ergangen ist.“

„Sanguis“ ist kontrollierte Verarbeitung

Die Band wählt aber nicht den Weg der Urschreitherapie, sondern der lyrischen Verarbeitung, an deren Ende vielleicht kein Verständnis steht, aber zumindest Verstehen. Und dazu passt die musikalische Umsetzung natürlich gut: Kontrolliert. Jeder Ton sitzt, wo er sitzen soll, und die seltenen Ausflüge in extreme Metalgefilde fallen nicht sonderlich ins Gewicht. Stattdessen wird gegen die den Songs innewohnende Melancholie ziemlich stark nachgesüßt. Das muss man mögen und war beispielsweise auf „Leaves Of Yesteryear“ nicht ganz so stark ausgeprägt. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass die Songs sehr einfach den Weg ins Ohr finden, und das ist eine nicht zu unterschätzende Qualität. Wer also die Vorgängerwerke abgefeiert hat, wird mit „Sanguis“ wieder bestens bedient.

09.05.2026

- Dreaming in Red -

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