Helrunar - Vanitas Vanitatvm

Review

Wenn es um hochqualitativen, ideenreichen und anspruchsvollen Black Metal deutscher Herkunft geht, führt seit Jahren kein Weg mehr an HELRUNAR vorbei. Mit ihrem überragenden, vielschichtig komplexen Doppelalbum „Sól“ hatten sie sich selbst ein Denkmal gesetzt. Auch das folgende Album „Niederkunfft“ war beseelt mit anspruchsvollem, ausdruckstarkem, atmosphärisch dichten Metal, war aber auch in vielerlei Hinsicht ein Bruch im Wirken von HELRUNAR. Waren die tiefgründigen Texte zuvor in erster Linie mythologisch inspiriert, beschäftigte sich Sänger Skald Draugir zum ersten Mal mit einem historischen Thema, dem europäischen Menschen an der Schwelle vom Mittelalter in die Neuzeit. Aberglaube, Schrecken und Ängste im Konflikt zwischen Religion und Aufklärung. Auch musikalisch beschritten HELRUNAR neue Pfade, fügten ihrem vormals nordisch frostigen Sound klassischen Old School Death Metal und abgründigen Doom Metal hinzu, wodurch alles apokalyptischer und morbider wirkte. Drei Jahre später folgt nun mit „Vanitas Vanitatvm“ der Nachfolger.

Die lyrische Grundlage des neuen HELRUNAR Albums „Vanitas Vanitatvm“

„Vanitas Vanitatvm“ fußt thematisch ebenfalls in der Neuzeit. Der Titel verweist auf den deutschen Dichter und Dramatiker Andreas Gryphius im Zeitalter des Barocks, dessen Ode „Vanitas! Vanitatvm Vanitas!“ („Eitelkeit! Alles ist Eitelkeit!“) in der Mitte des 17. Jahrhunderts für Empörung sorgte. HELRUNAR typisch mit Pessimismus, hässlicher Misanthropie und bohrendem Zynismus komplex und mehrdeutig interpretiert. „Vanitas Vanitatvm“ ist Leiden, Vergänglichkeit, Verfall, Trug, Unheil, Abgründe. Dabei wird die Thematik deutlich breiter aufgestellt, als der Titel vermuten mag und reicht von Homers Odyssee, wie bereits „Wein für Polyphem“ auf der „Fragments – A Mythological Excavation“ Split mit ÁRSTÍÐIR LÍFSINS, bis zu von Grimmelshausens Simplicissimus; natürlich vornehmlich auf (Alt)Deutsch vorgetragen. Und auch „Satvrnvs“, der römische Gott der Aussaat, wird thematisiert, der entsprechende Planet stand im Mittelalter und der frühen Neuzeit für Krankheit, Sorge und Entbehrung, aber auch für Ordnung und Maß. Es bleibt düster…

Die musikalische Umsetzung von „Vanitas Vanitatvm“

Um es vorneweg zu nehmen: HELRUNAR klingen auf „Vanitas Vanitatvm“ wieder deutlich klassischer nach HELRUNAR. Will heißen, die Elemente des Death Metals und Doom Metals wurden wieder deutlich zurückgefahren, über weite Strecken herrscht der gute alte Black Metal. Deutlich prägnanter orientieren sich HELRUNAR, bewusst oder unterbewusst, am Vorzeigealbum „Sól“, ohne dieses aber zu kopieren. Dadurch wirkt „Vanitas Vanitatvm“ wie das fehlende Bindeglied zwischen „Sól“ und „Niederkunfft“. Diese typisch frostige Kälte, die klirrend sägenden Riffs, das peitschende Schlagzeugspiel, der garstig giftspeiende Gesang, verheißungsvoller Sprechgesang. Der ureigene Stil, noch einmal gereifter, im Detail ausgefeilter und pointierter, etwas komplexer, herber, grässlich, viel kälter. So schonungslos und unverblümt die Worte, so der Black Metal. „Satvrnvs“ eiskalt frostig, vertraute Gefilde. In hohem Tempo und dabei präzise und brachial, knorriger Gesang, sperrig und wuchtig zugleich. Hätte auch ähnlich auf „Frostnacht“ oder „Baldr Ok Iss“ gepasst. HELRUNAR kommen richtig in Fahrt, „Lotophagoi“ kommt mit Blast Beats daher, garstige Screams und Growls, das vorgetragene Grauen wirkt greifbar. Mit dem brutalen als auch manischen „Blutmond“ spannen HELRUNAR den Bogen zwischen eigener Historie und jüngerer Vergangenheit. Einerseits die klirrend-kalten, nordischen Black-Metal-Gitarren wie seit den Anfangszeiten der Band, dann wieder die zähe Schwere, die auch das letzte Album häufiger zeigte. Weitere Höhepunkte von „Vanitas Vanitatvm“ sind die eisigen Tremolo-Riss im monströsen „In Eis und Nacht“ mit seinen epischen Textpassagen, der trostlose, rein akustisch-instrumentale Titeltrack sowie die misanthropische Härte im brutalen „Als die Welt zur Nacht sich wandt“. Ganz hervorragend gelungen ist das achtminütige „Nachzehrer“. Minimalistisch gehalten, mit unheimlichen Clean-Strophen und tonnenschwerem Refrain, nahezu durchgehend in unheilvoller doomiger Trägheit gehalten. Schwelendes Unheil vertont, hätte so auch gut auf „Niederkunfft“ gepasst.

„Vanitas Vanitatvm“ von HELRUNAR

HELRUNAR haben mit „Vanitas Vanitatvm“ wieder zu alter Stärke gefunden, ohne jedoch die jüngsten Entwicklungen völlig außen vor zu lassen. Eine Mischung aus abweisender Kälte, schonungsloser Raserei, zugleich einigen Elementen des Dooms, gekrönt von intelligenten Texten und einer organischen Produktion. Die Genialität von „Sól“ wird nicht ganz erreicht, ein starkes Stück schwarzer Tonkunst ist „Vanitas Vanitatvm“ aber auf jeden Fall.

24.10.2018

Geschäftsführender Redakteur (stellv. Redaktionsleitung, News-Planung)

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