Helrunar - Sól

Review

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Vier Jahre sind vergangen seit HELRUNAR mit “Baldr Ok Íss” ihr letztes Album veröffentlichten, das nicht zu unrecht als eines der Referenzwerke überhaupt für deutschen Pagan/Black Metal gehandelt wird. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass die Münsteraner, wie schon mit ihrem genialen Demo “Grátr”, in Sachen Tiefsinnigkeit, atmosphärischer Dichte und der Balance zwischen geballter Aggression und ergreifender Melodie Maßstäbe in diesem Genre setzten. Doch als 2008 bekannt wurde, dass mit Tim “Dionysos” Funke einer der Songwriter HELRUNARs die Band verässt, wurde natürlich viel spekuliert und gemutmaßt, welche musikalischen Wege die übrigen Skald Draugir und Alsvatr nun beschreiten würden. Die Antwort darauf liefern uns die Münsteraner mit ihrem neuen Werk “Sól”, einem fast 100-minütigem Doppelalbum, bestehend aus “Sól I – Der Dorn Im Nebel” und “Sól II – Die Zweige Der Erinnerung”, die beide auch einzeln erhältlich, jedoch konzeptuell so eng verzahnt sind, dass sich der Kauf des Doppelalbums empfiehlt, dem zudem ein 50-seitiges Booklet beiliegt, in dem die um die Dimension eines klassischen Dramas erweiterten Liedtexte, exklusive Illustrationen und ein Geleitwort Skald Draugirs enthalten sind.

“Sól I – Der Dorn Im Nebel” beschäftigt sich inhaltlich mit dem Kampf des Individuums gegen und um sich selbst und dieses komplexe Konzept steht auch im Fokus der Kompositionen, die musikalische Seite scheint fast etwas in den Hintergrund zu rücken und lediglich auf die Unterstützung der Vocals ausgerichtet zu sein. So dominieren die inbrünstigen, eindringlichen, streckenweise fast depressiv anmutenden Screams und nahezu geistesabwesend, traumverloren geflüsterte Sprechpassagen Skald Draugirs die acht Stücke, umrahmt von eiskaltem, schneidendem, überwiegend schleppendem, aber auch mal nach vor preschendem Riffing, eingewobenen ruhigen, gedankenvollen Passagen und zurückhaltenden, aber eindrucksvoll frostigen, atmosphärischen Soli. Die Melodien sind weniger greifbar als auf “Bald Ok Íss”, “Sól I” braucht zweifelsohne einige Durchläufe, um seine volle Wirkung zu entfalten und eine pechschwarze, düstere Atmosphäre entstehen zu lassen, auch wenn die perfekt eingearbeiteten Spannungsbögen den Hörer auch schon beim ersten Hören ein Stück weit fesseln können. Doch hat man sich das Album erst einmal richtig warm gehört und ist bereit, sich ihm hinzugeben, vermag “Sól I” es, den Hörer komplett in sich einzuschließen und ihn nicht mehr entfliehen zu lassen.

“Sól II – Die Zweige Der Erinnerung” befasst sich anschließend nicht mehr lediglich mit dem Individuum als solches, sondern seinem Kampf gegen die Gesellschaft. Noch immer spielt das Konzept eine tragende Rolle für die Kompositionen, doch HELRUNAR haben beim zweiten Teil des Doppelalbums offenbar größeren Wert auf die musikalische Ausgestaltung gelegt, auch stilistisch auf dasselbe Grundgerüst wie bei “Sól I” gesetzt wird. Die Strukturen jedoch sind komplexer und durchdachter, die Songs vielschichtiger, der Hörer wird weit mehr gefordert, seine volle Aufmerksamkeit beansprucht, durch Stilmittel wie Monotonie und vielfache Wiederholungen mit minimalen Veränderungen gereizt, seine Geduld gemartert und unerträglich auf die Folter gespannt. HELRUNAR verstehen es wirklich bestens, dem Hörer ihre Musik nicht einfach zum teilnahmslosen Konsum vor die Nase zu setzen, sondern ihn gezielt einzubeziehen, zu provozieren, zu reizen. Brauchte “Sól I” noch einige Durchläufe, um zu zünden, so dauert es bei “Sól II” noch weit länger, um sich dem Hörer zu erschließen. Die Geduld zahlt sich jedoch aus!

Beim Recherchieren für dieses Review bin ich bereits auf verschiedene Presse- und Fan-Meinungen gestoßen, die das Doppelalbum “Sól” als absolutes Meisterwerk betiteln, mit dem sich HELRUNAR selbst übertroffen haben. Dieser Meinung kann ich mich nicht gänzlich anschließen. Die Münsteraner liefern hier zweifelsohne eine Glanzleistung ab und beweisen ein weiteres Mal, dass sie ihren Rang im deutschen Black/Pagan Metal mehr als verdient haben. Doch “Sól” ist meiner Meinung nach nicht ohne Fehl. So mangelt es dem Album meiner Meinung nach z.B. an dem ein oder anderen Highlight mehr und einem kleinen Schuss mehr Abwechslung zwischen den einzelnen Titeln. Man könnte sogar so weit gehen, zu sagen, HELRUNAR hätten “Sól” auf ein einzelnes langes Album kompaktieren können. Dennoch kann ich bedenkenlos eine Kaufempfehlung aussprechen.

29.12.2010

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Helrunar auf Tour

30.04.20metal.de präsentiertAmerican Black Metal Tour Pt. II: European Alliance (Festival)Uada, Grift, Solbrud und VelniasORWOhaus, Berlin

4 Kommentare zu Helrunar - Sól

  1. beta sagt:

    "Sól" könnte tatsächlich der erste Eintrag auf meiner Liste der besten Alben 2011 werden. Zwar haben die Münsteraner bisher noch kein einziges schwaches Album abgeliefert, aber was die Herren hier gleich auf doppelter Distanz abliefern, gehört zweifelsohne zum Besten, was man von HELRUNAR hören konnte. So atmosphärisch und packend hat man sie noch nie gehört. Eine der wenigen deutschen Bands, die auch international zur ersten Liga zählen. Selbst wer die Band bisher nur aus dem Abseits beobachtet hat (oder noch gar nicht kennt), sollte JETZT die Gelegenheit ergreifen!

    8/10
  2. wishmaster89 sagt:

    Was für ein Machtwerk! Über 90 Minuten Spielzeit und was für eine Aufmachung! Sól ist ein Album, dass man wie eine Moonsorrow-Scheibe angehen muss. Viele Songs halten sich im 8-10 Minuten-Bereich auf und sind daher sehr vielschichtig und brauchen Zeit, bis man jede Kleinigkeit aufgesaugt hat. Die Musik ist wie auf den Vorgängern ein Mix aus Black Metal durchzogen von akustischen Passagen mit Flüstergesang und ganz minimal Folk. Im Vergleich zum Vorgänger befinden sich die Songs größtenteils im Midtempo-Bereich, aber es wird auch ordentlich geknüppelt, wie zum Beispiel in "Nebelspinne" oder "Kolapsar". Sonst ist es sehr schwierig einzelne Songs hervorzuheben, da sich alle nur im Ganzen entfalten und ihre volle Kraft freisetzen. Ein großes Lob geht auch an die Texte, welche sehr poetisch ausgefallen und interessant zum Interpretieren sind. Die Musik klingt sehr düster, was nicht allein an den Unterbrechungen in den Songs liegt, in denen man den Hall von tropfendem Wasser in einer Höhle hört. Sól im Ganzen erzeugt eine betrückende Stimmung, wobei der erste Teil "Der Dorn im Nebel" noch düsterer wirkt als "Zweige der Erinnerung". Mir persönlich gefällt der erste Teil besser, aber auch "Zweige der Erinnerung" hat seine Höhepunkte. Die Geschichte hinter Sól ist ebenfalls sehr düster und erzeugt eine melancholische Stimmung. Die Thematik wird wie ein Drama für die Bühne geschildert und wäre sicher schwierig aber großartig zu inszenieren. Die Schöpfer selbst bezeichen ihr Werk als Kulturmystisches Psychodrama in drei Akten", was eigentlich gut zutrifft. Ganz perfekt ist Sól zwar nicht, da meiner Meinung nach teils zu viele ruhige Passagen vorhanden sind, aber sonst haben Helrunar hier etwas so hochwertiges abgeliefert, was beweist dass sie echte Künstler sind und ihr Handwerk mehr als nur verstehen. Niveau hatte die Musik von Helrunar schon immer, aber mit diesem Album wurden drei Schritte nach vorne gemacht, was meiner Meinung nach Anerkennung verdient. Vergleichbar anspruchsvoll sind Moonsorrow`s Kompositionen aber durch die tiefe Verwurzelung im Black Metal sind musikalisch doch massive Unterschiede zu erkennen, bewegen sich Moonsorrow doch größtenteils im Viking Metal Metier. Als Hörer wirklich anspruchsvoller Musik ist Sól absolute Pflicht.

    9/10
  3. wishmaster89 sagt:

    Was für ein Machtwerk! Über 90 Minuten Spielzeit und was für eine Aufmachung! Sól ist ein Album, dass man wie eine Moonsorrow-Scheibe angehen muss. Viele Songs halten sich im 8-10 Minuten-Bereich auf und sind daher sehr vielschichtig und brauchen Zeit, bis man jede Kleinigkeit aufgesaugt hat. Die Musik ist wie auf den Vorgängern ein Mix aus Black Metal durchzogen von akustischen Passagen mit Flüstergesang und ganz minimal Folk. Im Vergleich zum Vorgänger befinden sich die Songs größtenteils im Midtempo-Bereich, aber es wird auch ordentlich geknüppelt, wie zum Beispiel in "Nebelspinne" oder "Kolapsar". Sonst ist es sehr schwierig einzelne Songs hervorzuheben, da sich alle nur im Ganzen entfalten und ihre volle Kraft freisetzen. Ein großes Lob geht auch an die Texte, welche sehr poetisch ausgefallen und interessant zum Interpretieren sind. Die Musik klingt sehr düster, was nicht allein an den Unterbrechungen in den Songs liegt, in denen man den Hall von tropfendem Wasser in einer Höhle hört. Sól im Ganzen erzeugt eine betrückende Stimmung, wobei der erste Teil "Der Dorn im Nebel" noch düsterer wirkt als "Zweige der Erinnerung". Mir persönlich gefällt der erste Teil besser, aber auch "Zweige der Erinnerung" hat seine Höhepunkte. Die Geschichte hinter Sól ist ebenfalls sehr düster und erzeugt eine melancholische Stimmung. Die Thematik wird wie ein Drama für die Bühne geschildert und wäre sicher schwierig aber großartig zu inszenieren. Die Schöpfer selbst bezeichen ihr Werk als Kulturmystisches Psychodrama in drei Akten", was eigentlich gut zutrifft. Ganz perfekt ist Sól zwar nicht, da meiner Meinung nach teils zu viele ruhige Passagen vorhanden sind, aber sonst haben Helrunar hier etwas so hochwertiges abgeliefert, was beweist dass sie echte Künstler sind und ihr Handwerk mehr als nur verstehen. Niveau hatte die Musik von Helrunar schon immer, aber mit diesem Album wurden drei Schritte nach vorne gemacht, was meiner Meinung nach Anerkennung verdient. Vergleichbar anspruchsvoll sind Moonsorrow`s Kompositionen aber durch die tiefe Verwurzelung im Black Metal sind musikalisch doch massive Unterschiede zu erkennen, bewegen sich Moonsorrow doch größtenteils im Viking Metal Metier. Für Hörer wirklich anspruchsvoller Musik ist Sól absolute Pflicht.

    9/10
  4. Chris sagt:

    Absolut in sich stimmiges Doppelalbum, mit einer wirklich tiefen und düsteren Atmosphäre. Auf die eine oder andere (Zwischen-) Passage hätte ich verzichten können, deshalb -1. Mir wäre ein Kauf als ‚echte‘ Doppel-LP zwar lieber gewesen, als 2 mal den vollen Preis für eine Scheibe zu zahlen, aber naja…
    Eines der ersten großen Highlights dieses Jahres!

    9/10