Mythemia - Wolkenjäger

Review

„Deutschen Fantasy Folk Rock“ haben sich MYTHEMIA auf die Fahnen geschrieben und wecken damit freilich die exakt richtigen Assoziationen. Denn auf ihrem vierten Album „Wolkenjäger“ sind die großen Vorbilder unüberhörbar und die Gefahr, zur bloßen Epigone von VERSENGOLD und Konsorten zu verkommen, omnipräsent.

MYTHEMIA verprühen auf „Wolkenjäger“ klassisch maritimes Flair

Zwar haben MYTHEMIA ein Luftschiff zum lyrischen Vehikel ihrer musikalischen Reise erkoren, das Flair der von Geige und Schifferklavier durchzogenen Kompositionen bleibt jedoch klassisch maritim. Kein Wunder also, dass „Wolkenjäger“ wie das kleine Geschwister des VERSENGOLD-Klassikers „Nordlicht“ oder deren jüngsten Geniestreichs „Eingenordet“ anmutet. Nun sind dies sicherlich nicht die schlechtesten Vorbilder, deren Qualität erreichen MYTHEMIA jedoch leider nicht. Technisch einwandfrei eingespielt und kraftvoll-sauber produziert glaubt man all den mitsingtauglichen Melodien bereits auf dem letzten Mittelaltermarkt oder beim jüngsten Besuch im örtlichen Irish Pub über den Weg gelaufen zu sein, kreative Überraschungen finden sich kaum.

Immerhin passt die Inszenierung wie der landläufige Arsch auf den sprichwörtlichen Eimer. Ob der Shanty-artige Wechselgesang in „Schlechte Heuer, Guter Wind“ oder der düster-hymnische „Ohoho“-Backgroundchor in der Unwetterhymne „Ahoi“, MYTHEMIA reizen das jeweilige Thema ihrer Stücke bis zum äußersten aus und schrecken vor dem theatralischen Pathos einer leidenschaftlichen LARP-Truppe nicht zurück. Hieraus erwachsen echte Highlights wie das vordergründig von mittelalterlichen Hexenjagden handelnde „Nachtgeläute“, das seinen Abzählreim-Vibe im Refrain mit dem Einsatz eines Kinderchors in der Bridge auf die Spitze treibt.

Quäkiger Gesang und klare Haltung

Als gewöhnungsbedürftig erweist sich der bei seiner unbestreitbaren Qualität doch stets etwas zu quäkige Gesang von Frontmann Rodrigo Mansilla. Wohltuend unzweideutig hingegen sind die klaren inhaltlichen Botschaften von MYTHEMIA, die sich nicht in vermeintlich unpolitische Beliebigkeit flüchten. So setzt die Band mit „Der Horizont ist bunt!“ ein unmissverständliches Zeichen gegen Fremdenhass und autoritäre Gleichschaltung, das zwischen positiv-launigen Trinkliedern wie „Teufelskerl“ oder „Darauf trinken wir“ keineswegs deplatziert wirkt. Die Jungs aus Nordrhein-Westfalen zelebrieren eben echte Gemeinschaft und Solidarität, weshalb es nur folgerichtig ist, dass sie ans Ende von „Wolkensänger“ eine Coverversion des Wanderlied-Klassiker „Heute hier, morgen dort“ gesetzt haben, das immerhin vom im traditionellen Arbeitermilieu verwurzelten Liedermacher Hannes Wader stammt.

Als kleinen Beitrag für zukünftige Karnevals-, Après-Ski- oder Volksfest-Besäufnisse haben MYTHEMIA schließlich das launige „Loreley“ geschaffen, für das sie sich Verstärkung in Gestalt von Esther Erichsen aka Pegleg Peggy (MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN) geholt haben. Das Lied reiht sich glatt in jenen inoffiziellen Meerjungfrauen-Songzyklus ein, den KNASTERBART mit „Laich mich ein“ begannen und KUPFERGOLD mit „Muschelbusen“ fulminant fortsetzten. In höchst subversiver Weise senden MYTHEMIA dabei eine klare „NEIN heißt NEIN“-Botschaft gegen sexuelle Übergriffigkeit, die hoffentlich auch bei all jenen Besuchern bierseliger Großveranstaltungen ankommt, die dem hintergründigen Mitgröhl-Ohrwurm spielend auf den Leim gehen dürften.

18.07.2026
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