Tool - Aenima

Review

Tool = Werkzeug und diese Metapher paßt zur Band um Chefdenker und Philosoph Maynard James Keenan wie die Faust aufs Brot. Nach der Debut-EP „Opiate“ und dem Megaseller „Undertow“ mußte der Fan lange (3 Jahre) auf das neue Werk dieser abgefahrenen Band warten. Und das Resultat übertraf meine Erwartungen um Längen.

Wer schon immer Mal wissen wollte, welche Trips man alleine mit dem Hören einer CD fahren kann, kommt an dieser CD einfach nicht vorbei. Vorausgesetzt, die Ohren vertragen musikalische Härte der Marke PRONG oder KYUSS, kombiniert mit der Intensivität, die PINK FLOYD zu „Meddle“-Zeiten erreichte. Wer soweit gehen kann, wird bald erkennen, daß TOOL „lediglich“ ein Werkzeug ist, um in neue musikalische Dimensionen vorzustoßen.

„Stinkfist“: Gnadenlos eröffnen TOOL Ihre Schlacht um die Gunst des Hörers. Eine geniale Rhythmik präzisiert die Leiden des Sangeskünstlers Keenan, der einen sofort in seine kranke Welt zieht : „Relax, turn around and take my hand“, dazu diese emotionsgeladene Songstruktur die in den gängigen Rockzappelbuden inzwischen zum Kult geworden ist. Einen besseren Einstieg kann man nicht hinbekommen.

„Eulogy“: Ein typischer TOOL-Longtimer und aufgrund seiner vielen Breaks nur sehr schwer zugänglich. Adam Jones unkonventionelle Gitarrenarbeit zu Danny Careys hypnotischen Schlagzeugfiguren werden dann durch den alles anklagenden Refrain völlig auseinandergenommen, um dann im nächsten Abschnitt wieder zusammenzufinden und sich dabei immer weiter in einen Rausch spielen.

„H“: Keine Zeit zum Durchatmen, auch wenn „H.“ ruhiger daherkommt als die beiden vorigen Tracks. „H.“ steht für Heroin bzw. dagegen, denn textlich ist es eine anspruchsvoll vorgetragene Anti-Drogen-Kampagne. Wie TOOL so etwas zeremonieren, sollte man gehört haben, denn sie malen eine musikalische Landschaft daher, wie jemand diese Droge zu sich nimmt und daran zugrunde geht. Dieser Song geht definitiv unter die Haut, ohne sich dabei zu verseuchen.

„Useful Idiot / Forty-Six And Two“: „Useful Idiot“ ist ein erster Gimmick, um diese doch sehr ernste Scheibe aufzulockern Zeit, um wieder auf die Erde zu kommen, bevor es mit „Forty-Six And Two“ wieder gewaltig eins auf die Glocke gibt. Nur eine Melodie zieht sich durch diesen Song, aber mit jedem Anlauf wird diese Melodie neu definiert und in immer härtere Bahnen getrieben, bis TOOL diese Melodie mit einem gewaltigen und langgezogen Schlagzeugbreak auf die Spitze treiben um dem Song einen heftigen Abschluß zu verleihen.

„Message To Harry Manback / Hooker With A Penis“: Erneut ein Gimmick um sich vom Schockzustand zu erholen. Diese Message, die von einer zärtlichen Klaviermelodie begleitet wird, ist alles andere als nett. Ganz im Gegenteil, denn es wird hier der Spruch eines Anrufbeantworters wiedergegeben, der nicht gerade höfliche Zukunftswünsche an eine Person wiedergibt. Eine Übersetzung erspare ich mir hier lieber…. War die Message von eben etwa für den frechen Kerl gedacht, um den es in „Hooker With A Penis“ geht? Keenan konnte es sich nicht verkneifen, aus einem tatsächlich vorgefallenen Ereignis einen Song zu machen. Mehr als verständlich, wagte diese Person doch, ihm vorzuwerfen, daß TOOL mit „Undertow“ einen musikalischen „Sell-Out“ betrieben haben. Somit kommt dieser Song mit der totalen musikalischen Agressionen daher, untermauert von einer Aussage, die unumstößlich ist : „All you know about me is what I have sold you, Dumb fuck. I sold out long before you ever heard my name. I sold my soul to make a record, Dip shit, And you bought one !“ Muß ich wohl nicht weiter erläutern…

„Intermission / Jimmy“: Es ist schon witzig. Da katapultieren TOOL den Hörer ein ums andere Mal in ihre musikalischen Spinnennetze und dann kommen sie uns mit merkwürdigsten Gimmicks daher. Mit einer Orgel (!!) wird hier eine nette Schunkelmelodie (!!!) vorgetragen, die im anschließenden „Jimmy“ von einer extrem verzerrten Gitarre weitergeführt wird. In diesem äusserst tragischen Song beweist Keenan sein ganzes Können : Seine Stimme schlängelt sich hier durch die Tiefe der Musik, geht manchmal verloren um dann mit erlösenden Schreien wieder an die Oberfläche zu gelangen. Helge Schneider würde jetzt philosophieren, dass der Song den Raum dreidimensional werden lässt…..Aber hört selbst.

„Die Eier Von Satan“: Aus dem deutschen Spacecake-Rezept eine kurze Industrialnummer zu machen (NINE INCH NAILS lassen Grüssen..), kann eigentlich nur für die Experimentierfreude von TOOL sprechen. Das Resultat sorgte in den USA für Aufruhr, denn aufgrund der Betonung der einzelnen Wörter hielten es viele für eine Rede aus der Nazi-Zeit. Cleverer kann man die Naivität vieler Amis nicht auf die Schippe nehmen.

„Pushit“: Ein weiteres Meisterwerk, dessen Aussage zwischen Vater-Sohn-Konflikt und Kindesmißhandlung zu suchen ist. Keenan wäre nicht er selbst, wenn der Text einfach nur platt daher kommt und so passiert wieder mal sehr viel zwischen den Zeilen, die instrumental sehr sphärisch in Szene gesetzt werden. Er versteht es, mit seinen Ängsten umzugehen und sie positiv zu verarbeiten auch wenn die eingesetzten Stilmittel nicht bei jedem auf Verständnis stoßen werden. Auch dieser Song reisst einen mit unglaublicher Atmosphäre in seinen Bann. Wirklich spannend wird es, wie der Song nach einem ruhigeren Mittelpart eine wahrlich klaustrophobische Anwandlung erhält und der Hörer urplötzlich versteht, was TOOL uns hier plausibel machen wollen : „…there is no love in fear.“ Stimmt.

„Cesaro Summability / Ænema“: Die gesampleten Babyschreie läuten das Finale ein. Sinnbildlich stehen die Schreie wohl für die unschönen Seiten der Menschheit, mit denen man leider leben muß. Oder so… Denn : „Some say the end is near. Some say we will see armageddon soon. I certainly hope we will. I sure could use a vacation from this… …bullshit three ring circus slideshow of freaks“ In diesem nicht ganz ernstzunehmenden Track wünscht sich Keenan den Untergang der Stadt L.A., der Stadt, in der er lebt und dessen Menschen er kennt. Ohne Gnade geht er textlich gegen Scientology, Intoleranz, Junkies, Möchtegerne und Oberflächlichkeiten vor und wünscht sich Änderungen, die seiner Ansicht nur durch einen völligen Neuanfang möglich sind. Er selbst nimmt sich dabei auch nicht heraus und schreit nach seiner Mammi, die es doch bitte wieder richten möge, womit er zeigt, daß er die Weisheit auch nicht mit dem Löffel gefressen hat und der aktuellen Situation in dieser Welt eher hilflos gegenübersteht. Und ganz selbstverständlich untermauern TOOL seine Gedanken mit einer grandios gesteigerten Härte, die anfangs wohldosiert und abschließend infernal eingesetzt wird.

„Ions (-) / The Third Eye“: TOOL lassen die Welt natürlich nicht zusammenbrechen und bringen mit „Ions (-)“ ein weiteres Gimmick, der einer Art Elektrogeburt gleicht…Aber das kann man natürlich auch wieder anders interpretieren.. Wohl aber nicht den Herzschlag, mit dem der abschließende Track eingeleitet wird. Dazu ein Ausschnitt aus einem Werk des leider verstorbenen Stand-up-Comedians Billy Hicks, bevor kräftige Percussions zum eigentlichen Song überleiten. TOOL treiben hier ihre enorme Vielfalt und Tiefe auf die Spitze. „Third Eye“ ist ein kleines Kunstwerk für sich und sollte von den anderen Songs losgelöst betrachtet werden. Ein extrem eiernder Spannungsbogen, angefüllt mit Samples der ekelhafteren Art (z.B. Atmungsgeräusche aus einer Gasmaske) lässt „Third Eye“ zu einem hässlichen Monster mutieren, einem Song, der zwar dieses Masterpiece meisterlich enden lässt, aber nicht so recht zu den anderen Juwelen auf dieser Scheibe passen will. Irgendwie läuft hier alles rückwärts….

Mein Fazit: Rein musikalisch wird hier unglaublich viel geboten, ich gehe sogar soweit und behaupte, daß Aenima das einzige Album der letzten Jahre ist, welches wirklich neue Pfade beschreitet. Sicher ist das Album für viele Ohren gefüllt von Chaos. Wer sich aber die Zeit nimmt und sich vor allem auch mit den Texten beschäftigt, wird erkennen müssen, das die Musiker nicht einfach „nur“ Musik machen sondern eine Einheit bilden, die ihresgleichen sucht. Die Texte bieten eine enorme Interpretationsvielfalt. Je nachdem, welchen Blickwinkel Du auch nimmst, welche Lebenserfahrungen Du selber gemacht hast – Keenans Thematiken sind selten auf den Punkt gebracht, sondern wollen verschieden verstanden werden. Und wer mit dieser Scheibe einmal klargekommen ist, der wird daran ewig seine Freude haben – ich höre die Scheibe seit der Veröffentlichung im Oktober 96 immer noch mit der selben Begeisterung. Von Abnutzungserscheinungen keine Spur. Aber wer nicht hören will….

11.10.1999
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