BLIND DATE: Sechs Songs, 15 Bands, zwei Labels. Wie MUNICH WAREHOUSE und UNCLE M Kollaboration neu denken

Special

In dieser Folge von „Metal Minds – The Pit Unplugged“ wird es kooperativ, unbequem und überraschend zukunftsweisend: Zu Gast sind Mario Radetzky (MUNICH WAREHOUSE) und Mirko Gläser (UNCLE M). Zwei Labelinhaber, die mit dem Projekt BLIND DATE ein echtes Experiment gestartet haben.

Die Idee: Bands schreiben und produzieren gemeinsam einen Song, ohne vorher zu wissen, mit wem. Kein kalkuliertes Feature, keine Reichweiten-Addition, sondern bewusstes Loslassen von Kontrolle und genau dadurch entstehen künstlerische Freiheit, Reibung und im besten Fall Magie.

Ausgangspunkt des Gesprächs ist der BLIND DATE Sampler mit insgesamt sechs Songs und 15 beteiligten Bands. Darunter die Songs von HEISSKALT x KOCHKRAFT DURCH KMA („Realität“) und ATTIC STORIES x EMMERICH x FRIENDS DON’T LIE („Wasted Youth“). Wir sprechen darüber, wie diese ungewöhnlichen Paarungen entstanden sind, welche Hürden es im Prozess gab und warum Vertrauen dabei nicht Nice-to-have, sondern Grundbedingung war.

Darüber hinaus geht es um die große Frage: Wie kann Zusammenarbeit in der Musikbranche neu gedacht werden? Was bedeutet Kooperation jenseits von Marketinglogik, Algorithmusdruck und Kannibalisierung? Welche Rolle müssen Labels künftig einnehmen? Und wie könnte eine Musikwelt aussehen, in der Austausch wichtiger ist als Abschottung?

Ein Gespräch über Musik, Haltung und die Kraft von Projekten, die mehr bewegen als sie auf den ersten Blick versprechen.

BLIND DATE : Wie zwei irritierende Singles den Blick auf eine andere Musikwelt freilegten

Am 14. November 2025 erscheint eine Single, die sofort hängen bleibt. HEISSKALT veröffentlicht gemeinsam mit KOCHKRAFT DURCH KMA den Song „Realität“, ein Stück Musik, das sich nicht anbiedert, sondern Haltung zeigt. Soundästhetisch präzise, in seiner musikalischen Ausgestaltung kantig und offen zugleich, textlich unbequem, ohne plakativ zu werden. Es ist einer dieser Songs, bei denen man nicht lange überlegen muss, warum sie funktionieren. Sie tun es einfach.

Eine Woche später, am 21. November 2025, folgt die nächste Veröffentlichung, die ähnlich stark wirkt. ATTIC STORIES bringen gemeinsam mit EMMERICH und FRIENDS DON’T LIE die Single „Wasted Youth“ heraus. Emotional aufgeladen, melodisch zugänglich und gleichzeitig rau genug, um nicht in Gefälligkeit abzurutschen. Wieder so ein Song, der nicht nach Aufmerksamkeit schreit und sie trotzdem bekommt.

Und dann ist da dieses Detail, das irritiert. Beide Singles tragen ein identisches Artwork. Ein Schmetterling, gleiche Farbgebung und Bildsprache. Der erste Gedanke ist wenig romantisch, dafür umso naheliegender: „Oh fuck. Hat hier jemand sein Artwork doppelt verkauft? Ist das ein Missverständnis, ein Fehler, ein Schnellschuss?“

Die Antwort lautet: „Nein!“
Und genau an diesem Punkt beginnt eine Recherche, die nicht nur zwei Singles miteinander verbindet, sondern den Blick auf ein Projekt lenkt, das deutlich mehr über den Zustand und die möglichen Zukünfte der Musikwelt erzählt, als es auf den ersten Blick scheint.

Der BLIND DATE Sampler: Kollaboration ohne Sicherheitsnetz

Hinter beiden Singles steht der BLIND DATE Sampler, ein gemeinsames Projekt der Labels MUNICH WAREHOUSE und UNCLE M, initiiert von Mario Radetzky und Mirko Gläser. Die Grundidee ist so einfach wie radikal. Bands schreiben und produzieren gemeinsam einen Song, ohne im Vorfeld zu wissen, mit wem sie zusammenarbeiten werden. Kein Feature zur Reichweitenmaximierung, keine strategische Paarung anhand von Streamingzahlen, Social-Media-Statistiken oder anderen wirtschaftlich kooperativen Kennwerten. Stattdessen ein echtes kreatives Blind Date.

Im Podcast „Metal Minds – The Pit Unplugged“ erzählen Radetzky und Gläser, dass dieses Projekt nicht aus einem großen Masterplan heraus entstanden ist, sondern aus einer sehr alltäglichen Beobachtung. Obwohl beide Labels seit Jahren befreundet sind und ähnliche Werte vertreten, kannten sich viele ihrer Bands kaum. Zwischen Nord und Süd, zwischen Szenen, Städten und Routinen existieren unsichtbare Barrieren. Der oft zitierte Weißwurstäquator wird dabei zum Sinnbild für Trennlinien, die weniger mit Musik als mit Gewohnheit, Zeitmangel und fehlenden Anlässen zur Begegnung zu tun haben. Genau diese Barrieren wollten sie bewusst aufbrechen.

Entscheidend ist dabei die Rolle der Labels. MUNICH WAREHOUSE und UNCLE M agieren hier nicht als klassische Verwerter oder bloße Dienstleister, sondern als aktive Ermöglicher. Sie kuratieren Konstellationen, schaffen Rahmenbedingungen, koordinieren Prozesse und halten sich gleichzeitig aus dem kreativen Kern heraus. Die Bands behalten jederzeit ein Vetorecht. Niemand wird zu etwas gezwungen. Niemand wird in einen Raum gesperrt, bis ein Song fertig ist. Vertrauen ist keine Floskel, sondern eine Voraussetzung. Genau diese druckfreie Atmosphäre macht es möglich, Risiken einzugehen und sich auf etwas einzulassen, das nicht von vornherein kalkulierbar ist.

Ein Blick zurück: Roadrunner United und das orchestrierte All-Star-Modell (2005)

Ganz neu ist die Idee solcher Kollaborationen nicht. Wer sich länger mit Metal und Hardcore Geschichte beschäftigt, stößt unweigerlich auf Roadrunner United: The All Star Sessions, veröffentlicht 2005 zum 25 jährigen Jubiläum von ROADRUNNER RECORDS. Damals stellten vier Captains, JOEY JORDISON, ROBB FLYNN, DINO CAZARES und MATT HEAFY, Teams aus dem Label-Roster zusammen, komponierten neue Songs und wählten gezielt die beteiligten Musikerinnen und Musiker aus. Das Projekt war groß, international und professionell kuratiert und ist bis heute ein Referenzpunkt dafür, wie Labels als kulturelle Knotenpunkte funktionieren können.

Doch so wichtig Roadrunner United war, so deutlich unterscheidet es sich vom BLIND DATE-Sampler. Roadrunner konnte sich dieses Experiment leisten, weil es ein Major Label mit entsprechender Infrastruktur und finanzieller Absicherung war. Die Kollaboration war top-down organisiert, durchdacht und orchestriert. BLIND DATE dagegen ist ein Projekt ohne Sicherheitsnetz. Kein Majorhintergrund, keine Möglichkeit, ein Scheitern einfach abzufedern. Gerade darin liegt seine Radikalität. Kontrolle wird bewusst abgegeben, nicht aus Naivität, sondern aus Überzeugung.

Ein weiterer Referenzpunkt: Metallica und die kulturelle Geste der Zusammenarbeit (2021)

Auch METALLICA haben mit The Metallica Blacklist (2021) gezeigt, wie Kollaboration als kulturelle Geste funktionieren kann. Über fünfzig Acts aus den unterschiedlichsten Genres interpretierten Songs des legendären Black Albums neu. Reichweite wurde genutzt, um andere sichtbar zu machen, Vielfalt zu feiern und musikalische Perspektiven zu öffnen.

Doch auch hier zeigt sich ein zentraler Unterschied. METALLICA nutzt ihre bestehende Macht, um Räume zu öffnen. BLIND DATE erzeugt Räume erst durch Zusammenarbeit. Sichtbarkeit entsteht hier nicht als Ausgangspunkt, sondern als Ergebnis. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied und einer, der viel über unterschiedliche Logiken von Kooperationen erzählt.

Blind Date: Zusammenarbeit jenseits von Marketing und Zahlen

Im Podcast wird deutlich, wie sehr Mario und Mirko die Kollaboration von der heutigen weit verbreiteten Marketinglogik abgrenzen. Zu oft werden gemeinsame Songs als Werkzeuge verstanden, um Reichweiten zu addieren, Algorithmen zu triggern oder Zielgruppen zu kapern. All das ist nicht per se illegitim, greift aber zu kurz. Zusammenarbeit, so beschreiben es beide, ist vor allem ein Lernraum.

Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Etwa die des aktiven Tourmusikers Mario, geprägt von Bühnenrealität, Unsicherheit und direktem Publikumskontakt, und die des Labelmachers und sich selbst als Schreibtischtäter bezeichnenden Mirko, dessen Blick stärker auf Struktur, Organisation und Langfristigkeit ausgerichtet ist. Zusammenarbeit beginnt genau dort, wo Routinen hinterfragt werden müssen.

Gerade in einer Branche, die immer stärker vereinheitlicht wird, in der sich Marketingpläne ähneln und Entscheidungen zunehmend datengetrieben getroffen werden, liegt darin ein enormes Potenzial. Zusammenarbeit zwingt dazu, implizites Wissen explizit zu machen, eigene Prozesse zu erklären und zu reflektieren. Sie erzeugt Demut, aber auch neue Ideen. Nicht trotz der Unterschiede, sondern wegen ihnen.

Der zuhinterfragende Status quo: Die Musikindustrie als entpersonalisierte Struktur

Ein zentraler Gedanke, der sich durch das Gespräch zieht, ist die zunehmende Entpersonalisierung der Musikindustrie. Plattformen, Algorithmen und automatisierte Prozesse haben viele menschliche Schnittstellen ersetzt, die früher selbstverständlich waren. Plattenläden, deren Betreiberinnen und Betreiber aus Überzeugung Alben ins Schaufenster stellten, wurden durch Bannerflächen ersetzt, deren Sichtbarkeit von Budgets abhängt. Persönliche Anrufe wurden durch standardisierte E-Mails mit Preisschild ersetzt. Entscheidungen werden durch Zahlen legitimiert und lassen kaum Raum für zweite oder dritte Meinungen.

BLIND DATE ist auch eine Reaktion auf diese Entwicklung. Nicht als nostalgischer Rückgriff auf eine vermeintlich bessere Vergangenheit, sondern als bewusste Gegenbewegung im Hier und Jetzt. Ein Projekt, das sagt: Wir wissen, dass wir das System nicht von heute auf morgen ändern können. Aber wir können entscheiden, wie wir innerhalb dieses Systems handeln.

Zusammenarbeit als Haltung: Wie Labels wieder zu Beziehungsknoten werden

An diesem Punkt wird deutlich, dass sich der notwendige Wandel der Musikwelt nicht allein bei den Künstlerinnen und Künstlern entscheidet, sondern ganz wesentlich bei den Labels selbst. Wenn Labels auch in Zukunft relevant bleiben wollen, müssen sie ihre Rolle neu denken. Weg vom reinen Verwertungs- und Kontrollorgan, hin zu Ermöglichern, Übersetzern und aktiven Beziehungsknoten innerhalb eines kulturellen Ökosystems.

Genau das wird im Zusammenspiel von Mario Radetzky und Mirko Gläser sichtbar. Ihre Zusammenarbeit ist keine bloße Zweckpartnerschaft, sondern ein Prozess gegenseitiger Selbstbefruchtung. Der aktive Musikerblick trifft auf eine reflektierte, strukturierende Labelperspektive. In diesem Spannungsfeld entstehen nicht nur bessere Entscheidungen, sondern auch Lernbereitschaft, Demut und ein gemeinsames Hinterfragen eigener Routinen. Labels, die so arbeiten, verstehen sich nicht mehr als Gatekeeper, sondern als Schutzräume für künstlerisches Risiko. Als Instanzen, die Verantwortung übernehmen, statt sie an Algorithmen, Plattformen oder kurzfristige Marktlogiken auszulagern. Im Jahr 2026 brauchen wir genau diese Haltung dringender denn je. Weil die Musikindustrie weiter entpersonalisiert wird. Weil datengetriebene Entscheidungen die menschliche Urteilskraft verdrängen. Und weil Vereinzelung und Kannibalisierung reale Existenzen gefährden. Kooperation auf Label-Ebene ist damit kein Idealismus, sondern eine kulturelle und strukturelle Überlebensstrategie.

Eine Skizze einer möglichen Zukunft (These)

Was wäre, wenn man diese Logik weiterdenkt. Wenn Zusammenarbeit nicht die Ausnahme, sondern das Organisationsprinzip wäre. Diese Gedanken führen zwangsläufig in einen utopischen Raum und genau dort sollen sie bleiben. Als These, als Skizze, nicht als fertiges Modell.

In einer solchen Musikwelt könnten Labels, Bands, Venues und andere Akteure stärker gemeinschaftlich organisiert sein. Infrastruktur würde gemeinsam getragen, Risiken geteilt, Erlöse transparenter verteilt. Mindeststandards für Gagen und Produktionsbedingungen wären keine Idealvorstellungen, sondern Selbstverständlichkeiten. Erfolg würde nicht allein in Reichweite gemessen, sondern in Tragfähigkeit, Würde und langfristigen Beziehungen.

Niemand würde behaupten, dass alle davon reich werden. Aber vielleicht könnten mehr Menschen gut leben von dem, was sie tun. Nicht gegen den Markt, sondern gegen seine destruktiven Ausprägungen. Mario bringt es im Podcast auf den Punkt, wenn er davon spricht, einen eigenen Wertekompass zu entwickeln und Wege zu gehen, die zur eigenen Kunst passen, auch wenn sie nicht dem schnellsten, algorithmisch belohnten Pfad entsprechen.

Zeitdokumente der Zusammenarbeit: Warum solche Projekte bleiben

Mit dem Abstand von mittlerweile zwanzig Jahren lässt sich erkennen, warum Projekte wie „Roadrunner United: The All Star Sessions“ bis heute nachwirken und warum der BLIND DATE Sampler in eine ähnliche, wenn auch ganz anders gelagerte Tradition gehört. Ihr eigentlicher Mehrwert liegt weniger im kurzfristigen Impact einzelner Songs als in dem, was sie sichtbar machen. Zusammenarbeit als kulturelle Praxis.

Für die beteiligten Bands bedeuten solche Projekte die seltene Gelegenheit, aus eingespielten Routinen auszubrechen, andere Arbeitsweisen kennenzulernen und das eigene künstlerische Selbstverständnis im Austausch zu schärfen. Oft nachhaltiger als jeder klassische Feature Deal. Für Labels werden diese Formate zu Lernräumen, in denen sie ihre Rolle neu verhandeln. Nicht als Verwerter, sondern als Kuratoren von Beziehungen und als Instanzen, die Vertrauen organisieren. Fans wiederum erleben ihre Lieblingsbands jenseits klarer Genre und Szeneschubladen und bekommen Einblicke in eine Musikwelt, die nicht von Konkurrenz, sondern von Neugier getragen ist. Die größte Wirkung entfalten solche Projekte jedoch dort, wo sie über das konkrete Produkt hinausgehen. Sie erzählen von einer Musikwelt, in der Austausch wichtiger ist als Abschottung. In der kultureller Wert nicht allein in Zahlen messbar ist. Und in der Zusammenarbeit als Haltung verstanden wird. Dass wir zwanzig Jahre später noch über Roadrunner United sprechen, ist kein Zufall. Es ist ein Hinweis darauf, dass es genau diese Formen des Miteinanders sind, die bleiben und an denen sich die Musikwelt immer wieder neu orientieren kann.

Für die Ewigkeit: BLIND DATE

Der BLIND DATE Sampler ist kein Manifest. Er ist kein moralischer Zeigefinger und kein lauter Gegenentwurf zur Industrie. Er ist vor allem eines. Ein Praxisbeispiel. Eines, das zeigt, dass Kooperation jenseits des Kalküls möglich ist. Dass Labels mehr sein können als bloße Schnittstellen zur Verwertung. Und dass Musik oft dann am stärksten wirkt, wenn sie aus Vertrauen entsteht.

Vielleicht wird sich nicht jede und jeder an dieses Projekt erinnern. So wie viele heute Roadrunner United nur noch vage im Kopf haben. Aber vielleicht sitzt irgendwo in zwei Jahren eine Band, ein Label oder eine Konzertgruppe zusammen und denkt: Warum machen wir das eigentlich nicht auch so?

Manchmal reicht genau das.

Quelle: Interview Mario Radetzky und Mirko Gläser, 07.01.2026
11.01.2026

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