
BLIND DATE: Sechs Songs, 15 Bands, zwei Labels. Wie MUNICH WAREHOUSE und UNCLE M Kollaboration neu denken
Special
Ein Blick zurück: Roadrunner United und das orchestrierte All-Star-Modell (2005)
Ganz neu ist die Idee solcher Kollaborationen nicht. Wer sich länger mit Metal und Hardcore Geschichte beschäftigt, stößt unweigerlich auf Roadrunner United: The All Star Sessions, veröffentlicht 2005 zum 25 jährigen Jubiläum von ROADRUNNER RECORDS. Damals stellten vier Captains, JOEY JORDISON, ROBB FLYNN, DINO CAZARES und MATT HEAFY, Teams aus dem Label-Roster zusammen, komponierten neue Songs und wählten gezielt die beteiligten Musikerinnen und Musiker aus. Das Projekt war groß, international und professionell kuratiert und ist bis heute ein Referenzpunkt dafür, wie Labels als kulturelle Knotenpunkte funktionieren können.
Doch so wichtig Roadrunner United war, so deutlich unterscheidet es sich vom BLIND DATE-Sampler. Roadrunner konnte sich dieses Experiment leisten, weil es ein Major Label mit entsprechender Infrastruktur und finanzieller Absicherung war. Die Kollaboration war top-down organisiert, durchdacht und orchestriert. BLIND DATE dagegen ist ein Projekt ohne Sicherheitsnetz. Kein Majorhintergrund, keine Möglichkeit, ein Scheitern einfach abzufedern. Gerade darin liegt seine Radikalität. Kontrolle wird bewusst abgegeben, nicht aus Naivität, sondern aus Überzeugung.
Ein weiterer Referenzpunkt: Metallica und die kulturelle Geste der Zusammenarbeit (2021)
Auch METALLICA haben mit The Metallica Blacklist (2021) gezeigt, wie Kollaboration als kulturelle Geste funktionieren kann. Über fünfzig Acts aus den unterschiedlichsten Genres interpretierten Songs des legendären Black Albums neu. Reichweite wurde genutzt, um andere sichtbar zu machen, Vielfalt zu feiern und musikalische Perspektiven zu öffnen.
Doch auch hier zeigt sich ein zentraler Unterschied. METALLICA nutzt ihre bestehende Macht, um Räume zu öffnen. BLIND DATE erzeugt Räume erst durch Zusammenarbeit. Sichtbarkeit entsteht hier nicht als Ausgangspunkt, sondern als Ergebnis. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied und einer, der viel über unterschiedliche Logiken von Kooperationen erzählt.
Blind Date: Zusammenarbeit jenseits von Marketing und Zahlen
Im Podcast wird deutlich, wie sehr Mario und Mirko die Kollaboration von der heutigen weit verbreiteten Marketinglogik abgrenzen. Zu oft werden gemeinsame Songs als Werkzeuge verstanden, um Reichweiten zu addieren, Algorithmen zu triggern oder Zielgruppen zu kapern. All das ist nicht per se illegitim, greift aber zu kurz. Zusammenarbeit, so beschreiben es beide, ist vor allem ein Lernraum.
Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Etwa die des aktiven Tourmusikers Mario, geprägt von Bühnenrealität, Unsicherheit und direktem Publikumskontakt, und die des Labelmachers und sich selbst als Schreibtischtäter bezeichnenden Mirko, dessen Blick stärker auf Struktur, Organisation und Langfristigkeit ausgerichtet ist. Zusammenarbeit beginnt genau dort, wo Routinen hinterfragt werden müssen.
Gerade in einer Branche, die immer stärker vereinheitlicht wird, in der sich Marketingpläne ähneln und Entscheidungen zunehmend datengetrieben getroffen werden, liegt darin ein enormes Potenzial. Zusammenarbeit zwingt dazu, implizites Wissen explizit zu machen, eigene Prozesse zu erklären und zu reflektieren. Sie erzeugt Demut, aber auch neue Ideen. Nicht trotz der Unterschiede, sondern wegen ihnen.
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Diana Heinbucher


















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