Im "Zenit der Dramaturgie"
Special
Sechs Jahre nach der Gründung im Pandemie-Keller erscheint am 29. Mai das Debütalbum „Zenit der Dramaturgie“ von FRIENDS DON’T LIE. Einer Band, die den Regelkanon der Musikbranche konsequent ignoriert hat und damit erstaunlich weit gekommen ist. Im „Metal Minds: The Pit Unplugged“ Podcast sprach Markus Ziesch, Sänger und Gitarrist von FRIENDS DON’T LIE, über ehrliche Texte, den Preis der Unabhängigkeit und einen Albumtitel, der mehr über unsere Zeit sagt als mancher Leitartikel.
Die Geschichte von Friends Don’t Lie klingt nach einem Märchen und das ist gar nicht abwertend gemeint. Im November 2020, mitten im Lockdown, finden sich drei Frankfurter zusammen, die sich bereits aus anderen Projekten kennen. Kein Label, keine Booking-Agentur, kein Konzept außer dem Spaß am Musizieren. Einmal im Monat, stundenweise Proberaummiete in Mannheim, mehr Reden als Spielen, so fangen die meisten Bands an. Die wenigsten landen drei Jahre später auf der Hauptbühne von Rock am Ring.
„Das war irgendwie ganz heilend für die Seele“, erinnert sich Markus im Podcast. „Es war super langsam, dieser ganze Fortschritt. Kein halbes Jahr und schon standen fünf Songs. Das war super entspannt.“
Dieses Tempo änderte sich schlagartig, als die Band kurzerhand beim Warsteiner Band Contest antrat und dort ihre allererste Live-Erfahrung machte. Kein Probelauf, kein Warm-up, direkt vor Jury und Publikum. Und sie gewannen. „Wir finden das immer noch ganz absurd“, sagt Markus. „Allererster Auftritt. Ganz viele Fehler im System, weil man’s halt nie richtig erproben konnte.“
Was folgte, liest sich tatsächlich wie ein Schnelldurchlauf durch die „Hoffentlich-auch-mal-wir“-Wunschliste jeder Newcomer-Band: Rock am Ring, Rock am Park, Lollapalooza, Reeperbahn Festival, Wacken. Ohne Major Label, ohne große Booking-Agentur.
FRIENDS DON’T LIE und Band Contest Gewinne: Ehrliche Bilanz
Unsere Redakteurin Diana Heinbucher spricht aus, was viele denken: Band-Contests sind oft eher ein PR-Instrument der Veranstalter als echte Förderung. Markus stimmt grundsätzlich zu, differenziert aber klar. Im Fall des Warsteiner Band Contests sei tatsächlich das Gegenteil eingetreten: „Wir wurden bedingungslos die ganze Zeit unterstützt, was wir selbst so nie gedacht hätten.“ Medientermine, Vernetzung, professionelle Live-Produktion, ein verwertbares Live-Video. Und: Die Zusammenarbeit läuft bis heute weiter.
Einen rein online-basierten Voting-Contest, bei dem am Ende nur die meisten Likes zählen, bewertet er skeptischer. „Ich glaub, gerade in der heutigen Zeit ist es nicht der beste Weg, nur noch auf Likes und Zahlen zu gucken, sondern das Musik und Kunst wirklich dahinterzustehen.“ Der Kontrast macht deutlich, wo echte Förderung endet und reine Vermarktung beginnt.
Ein wichtiger Nebeneffekt des Contest-Ruhms, der oft unterschätzt wird: FRIENDS DON’T LIE wurde durch die frühe Sichtbarkeit in der Branche mit einem doppelschneidigen Ruf abgestempelt. „Dieser Ruf der Contest-Gewinner-Band ist ja nicht nur positiv“, gibt Markus offen zu. Drei Jahre intensiven Live-Spiels haben das aber inzwischen zurechtgerückt.
DIY ist kein Lifestyle, sondern eine Haltung
Nach dem ersten Rush folgten zweieinhalb Jahre, in denen FRIENDS DON’T LIE einfach wie zuvor weitergemacht hat. „Ich kenne’s gar nicht anders, als selbst mit meinen Jungs zu entscheiden.“
Auf die Frage, was DIY konkret bedeutet, gibt Markus eine ehrlichere Antwort als die romantisierte Variante, die man häufig hört: „Das heißt ja nicht, dass du alles selbst machst. Ich schneide ja nicht jedes Video selbst. Lass es uns so zusammenfassen: Du hast immer noch alles selbst in der Hand.“ Mit jedem Partner, mit jeder neuen Person im Team gibt man etwas ab. Solange man das Fundament behält, selbst entscheiden zu können, bleibt der Spirit intakt.
Von Englisch zu Deutsch: Von Angst zu Ausdruck
Wer die frühen Songs von FRIENDS DON’T LIE kennt, weiß: Die Band begann auf Englisch. Während sie bei Rock am Ring spielten, war die nächste EP bereits auf Deutsch fertig. Ein bewusster Bruch, gegen den Rat mancher aus der Branche.
Der Grund für den ursprünglichen Umweg über Englisch ist überraschend ehrlich: Angst, nicht Kalkül. „Mir fiel’s extrem schwer, so ehrliche, wichtige Themen auf Deutsch auszusprechen. Und auf Englisch klingt’s auch manchmal weniger cringe“, sagt Markus lachend. Er habe sich als Texter an seiner Muttersprache lange nicht wohlgefühlt: zu nah, zu direkt, zu wenig Abstandspuffer.
Casper nennt er als lyrische Referenz, die ihm schließlich zeigte, was deutschsprachige Musik an Dichte leisten kann. Seitdem gilt: „Die Art der Doppelreime und wie man’s in Metaphern ausdrückt, sind auf Englisch durch die Sprachbarriere einfach begrenzt.“ Auf Deutsch kann ich klar ausdrücken, was ich wirklich sagen will.“
„Zenit der Dramaturgie“: Mehr als ein Albumtitel
Der Albumtitel entstand aus einem spontanen Gedanken, den Markus beim Schreiben des ersten Albumsongs notierte: „Wir sind angekommen, Zenit der …“ – „Zenit des Dramas“ klang zu plump, „Zenit der Dramaturgie“ traf es. Der Begriff existiert eigentlich nicht, aber er funktioniert sofort. Die Band war sich einig.
Der Titel rahmt das Album thematisch, ohne ein Konzeptalbum daraus zu machen: Das übergreifende Bild ist das einer Gesellschaft, die sich auf einen Hochpunkt zubewegt, nach dem nur noch der Fall kommen kann. „Wir sind alle dabei, uns zu maximieren, alles größer, besser, schneller zu machen. Und dann hab ich überlegt: Was ist danach? Wenn alles perfekt ist, kann ja nur noch der Fall kommen.“ Gesamtgesellschaftlich, so Markus, steuern wir auf diesen Punkt zu, den wir zwar nie vollständig erreichen werden, uns aber unaufhaltsam nähern.
Songmomente: Zwischen Selbstzweifel und Melancholie
Im Podcast besprechen Markus und Diana auch verschiedene Songs des Debütalbums. Unter anderem: „Jede Zeile ein Schrei“. Die Kollaboration mit GRELL und VINTA entstand ungewöhnlich: Markus gab das fast fertige Instrumental kommentarlos an Fabi von Grell weiter. Dessen Rap-Strophe gab dem Song erst seine Thematik. Selbstbehauptung, innerer Aufruhr, eine Außenseiter-Mentalität, die viele teilen, auch wenn der eigene Schulhof schon Jahrzehnte zurückliegt. „Ich spreche da vielleicht für jemanden aus meiner Vergangenheit.“
„Splitter“ ist gemeinsam mit Johannes von KIND KAPUTT geschrieben, funktioniert nach dem gegenteiligen Prinzip: Mut zur Lücke, minimale Lyrics, maximale Interpretationsoffenheit. „Der Song macht interpretatorisch sehr viel auf. Ich würde erst in einem halben Jahr damit anfangen, ihn zu erklären.“
FRIENDS DON’T LIE: Community zuerst
Der Mai steht bei FRIENDS DON’T LIE unter dem Zeichen der Fananbindung. Die Release-Shows in Frankfurt und Oberhausen sind kostenlos für alle, die je ein T-Shirt gekauft haben oder die Band unterstützt haben. Wer schreibt, bekommt einen Link. Guerilla-Gigs, bei denen die Band einfach draußen aufbaut und spielt. Eine Siebdruck-Aktion in München und verschiedene Verlosungen.
Die Logik dahinter ist einfach: „Lieber mal fünf Leute im kleinen Kreis wirklich erreichen als tausend anonym vor der Hauptbühne.“ Keine Band-hinter-der-Backstage-Wand-Energie, sondern: Einlass machen, Bar machen, rumkommen, reden und schlicht mit den Menschen verbunden sein.
Im Herbst erste eigene Headline-Tour
Im Herbst folgt die erste echte eigene Headline-Tour mit vier Shows in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Köln. Tourname: „Zenit der Dramatourgie“. Der Wortwitz war Pflicht. Anschließend geht’s mit INDECENT BEHAVIOR auf Co-Headline-Tour, mit Fokus auf kleinere Clubs und Städte. „Wir wollten lieber auch mal die kleinere Kultur und die kleineren Szenen unterstützen, als immer nur die großen Städte mitzunehmen.“
FRIENDS DON’T LIE: Laut aus Überzeugung
„Zenit der Dramaturgie“ erscheint am 29. Mai. Die limitierte Surprise-Vinyl-Edition ist laut Markus fast vergriffen. Wer noch eine will, sollte schnell sein. Das Album ist mehr als ein Debüt. Es ist der dokumentierte Abschluss einer unwahrscheinlichen Bandgeschichte und gleichzeitig der Auftakt zu dem, was FRIENDS DON’T LIE eigentlich werden wollen.
Eine Band, die laut ist, nicht weil es cool ist, sondern weil leise bleiben schlicht keine Option mehr ist.
