Imminence: Die Achse der Welt verläuft durch den Proberaum
Special
IMMINENCE haben sich über Jahre eine Ästhetik erarbeitet, die schnell wiederzuerkennen ist: Metalcore-Härte trifft auf Violine, orchestrale Arrangements und eine eng mit der Musik verzahnte Bildsprache. Mit „Axis Mundi“ wird diese Welt größer, ohne dass die Band ihren Arbeitsprozess bloß nach außen verlagert. Das Album zeigt vielmehr, wie sich ihr Verständnis von Eigenständigkeit verändert hat: vom Zugang zu gemeinschaftlicher Infrastruktur über selbst geschaffene Strukturen bis hin zur bewussten Öffnung für andere kreative Perspektiven.
Axis Mundi: Räume, in denen eine Band entstehen kann
Der Ausgangspunkt liegt in einem schwedischen Community-Proberaum. Harald Barrett und Eddie Berg verbrachten dort als Jugendliche unzählige Stunden. Für Harald war dieser Ort Voraussetzung dafür, überhaupt Musik machen zu können: Instrumente standen zur Verfügung, die er zu Hause nicht hatte. Zugleich waren die Proberäume mit Jugendhäusern und kleinen Clubs verbunden. Junge Bands konnten auftreten, bevor sie Reichweite hatten, und wer nicht selbst probte, ging zu Konzerten. Diese Infrastruktur senkte die Schwelle zwischen Interesse und eigener musikalischer Praxis.
Wie sehr sich dieser Einstieg verändert hat, fasst Harald im Gespräch in einer Frage zusammen: „Are you allowed to suck on the internet today?“ Frühe Songs konnten damals vor wenigen Menschen im Jugendhaus scheitern. Heute beginnt die Öffentlichkeit häufig deutlich früher. Die Grenze zwischen Übungsraum und öffentlicher Bewertung ist kleiner geworden und damit auch der geschützte Zeitraum, in dem eine junge Band noch keine fertige Identität vorweisen muss.
IMMINENCE: Gemeinsam die Vision entfalten
IMMINENCE hatten das Glück, sich selbst finden zu dürfen: Mit wachsender Erfahrung übernahmen sie immer mehr Verantwortung, produzierten Videos, organisierten Touren, bauten eigene Strukturen auf und veröffentlichten 2024 „The Black“. „Axis Mundi“ setzt diese Entwicklung fort, erweitert jedoch den Kreis der Beteiligten. Das lässt sich an „Crestfallen“ konkret ablesen. Nach zahlreichen Versionen hatte die Band den Zugang zum Song weitgehend verloren. Doch Co-Produzent Drew Fulk hörte darin weiterhin Potenzial und drängte darauf, das Stück fertigzustellen. Eddie beschreibt das Problem schlicht: Als Songwriter könne man einem Stück irgendwann zu nah sein. Externe Zusammenarbeit bedeutet für IMMINENCE damit weniger Kontrollverlust als einen zusätzlichen Blick auf Material, das im eigenen Arbeitsprozess kaum noch neu zu hören ist.
Auch „Axis Mundi“ selbst entstand nicht aus einem vorab festgelegten Konzept. Die Band schrieb zunächst, ohne den Klang des nächsten Albums festzulegen, die Richtung zeichnete sich erst nach und nach ab. Eddie versteht diese Veränderung als Folge seiner persönlichen Entwicklung. Gegenüber „The Black“ verschiebt sich dabei auch die emotionale Perspektive. „Axis Mundi“ ist für ihn kein zweiter Teil des Vorgängers, sondern ein eigenständiges Werk. Die Dunkelheit bleibt, doch die Texte suchen stärker nach einem Weg aus ihr heraus – nach Hoffnung, Zweck und den Entscheidungen zwischen diesen Polen.
„Axis Mundi“ erwachsen aus Musik
Der Albumtitel kam ebenfalls nicht zuerst. Bei der Suche nach schwedischer Symbolik stieß Eddie über den Mittsommerbaum auf die Axis Mundi, die Weltenachse als Verbindung verschiedener Sphären. Das Bild verlieh den bereits vorhandenen Themen eine gemeinsame Form. Nach demselben Prinzip entstand die visuelle Ebene: Musik und Texte stehen am Anfang, anschließend werden ihre Motive in Bilder übersetzt. Aus der Idee eines Films entwickelten sich eine zusammenhängende Handlung, ein Skript und eine visuelle Dramaturgie.
Damit erzählt „Axis Mundi“ auch etwas über den aktuellen Stand von IMMINENCE. Die Band hat Eigenständigkeit lange Zeit als die Fähigkeit definiert, möglichst viele Strukturen selbst zu schaffen. Inzwischen gehört dazu, entscheiden zu können, wann eine andere Perspektive das eigene Material weiterbringt.
Auf die Frage, worauf sie nach mehr als 15 Jahren am meisten stolz seien, antwortet Eddie: „Maybe that we kept going.“ Dahinter steht keine einzelne Erfolgsgeschichte, sondern ein schrittweiser Weg vom Community-Proberaum über Familienauto, Van und Tourbus bis nach Nordamerika und für Harald die Tour mit IN FLAMES, jener Band, die ihn selbst zur Musik gebracht hatte.
„Axis Mundi“ – die Achse der Welt: IMMINENCE haben aus den Möglichkeiten, die ihnen einst andere Strukturen eröffneten, eigene geschaffen. Heute nutzen sie diese, um andere Stimmen einzubeziehen, ohne die Richtung aus der Hand zu geben.
