
Zehn Jahre Punkrock: ENGST und Gute Laune
Special
Zehn Jahre ENGST! Das sind zehn Jahre deutschsprachiger Punkrock, der sich nie mit einfachen Antworten zufriedengegeben hat. ENGST ist nicht die lauteste Band der Szene, aber immer eine, die zuhört: dem Alltag, den Menschen, den Brüchen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die beobachtet, uns den Spiegel vorhält und damit einen Resonanzraum für Mut und Gemeinschaft schafft.
Das neue Album „Gute Laune“ (VÖ 27.02.2026) erscheint in einer Zeit, in der gute Laune eher als Durchhalteparole als als ehrliche Zustandsbeschreibung funktioniert. Genau dort setzt die Platte an: nicht mit Zynismus, sondern mit Beobachtung. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Geschichten, in denen wir uns alle ein bisschen wiederfinden und auch schmunzeln dürfen.
Alltag statt Parole: Gute Laune
„Gute Laune“ ist kein Konzeptalbum, sondern ein Zeitzeugnis. Die Songs entstanden überwiegend 2024 und 2025. Jahre, die von gesellschaftlicher Verhärtung, Überforderung und spürbarer Müdigkeit im öffentlichen Diskurs geprägt waren.
ENGST reagieren darauf nicht mit großen politischen Thesen, sondern mit dem Blick auf das Konkrete:
auf Begegnungen in der U-Bahn, auf Beziehungen, auf das Scheitern von Nähe, auf Rollenbilder, die längst überholt sein sollten und trotzdem weiterhin reproduziert werden.
Der Song „Großstadtprolet“ ist dafür exemplarisch. Er beschreibt toxische Männlichkeit nicht abstrakt, sondern in ihrer Alltagsform: laut, respektlos, selbstgerecht. Ironie wird hier zur Waffe, nicht zur Verharmlosung. Der Song hält einen Spiegel vor, ohne sich dabei moralisch zu erhöhen.
Mit „Sandra“ wendet sich der Blick nach innen: Beziehungen als Aushandlungsräume zwischen Freiheit und Erwartung, Nähe und Verlust. Der Song verzichtet bewusst auf Schuldzuweisungen. Sondern er skizziert, wie leicht Rollen kippen können, wenn Unsicherheiten übernommen werden.
Die Müdigkeit des Marktes: Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit
Besonders deutlich wird ENGSTs Haltung im Song „Roter Teppich“. Hier richtet sich die Kritik nicht gegen Musik an sich, sondern gegen ihre Verwertungslogik. Gegen eine Branche, in der Sichtbarkeit oft wichtiger erscheint als Substanz, in der Netzwerken zur Pflicht geworden ist und wir uns mehr authentische Momente als Fake-Reacts wünschen.
ENGST verweigert sich dieser Logik konsequent: keine bezahlten Influencer-Kampagnen, keine VIP-Pakete, keine monetarisierte Nähe. Stattdessen stehen sie vor Konzerten im Publikum, reden mit Menschen, bleiben nahbar und mit der Welt verbunden.
Diese Entscheidung ist kein romantischer Rückgriff auf eine vermeintlich „bessere“ Vergangenheit, sondern ein bewusster Gegenentwurf zur aktuellen Ökonomie der übersteigerten Aufmerksamkeit.
ENGST: Gemeinschaft als Gegenmodell
Einer der emotionalen Kerne der Platte ist „Komm mit uns“. Der Song ist ein Dank an Freundschaften, die tragen, wenn Systeme versagen. Der Song erzählt von Krisen, von Überforderung, von Momenten, in denen Selbstermächtigung allein nicht mehr funktioniert.
ENGST sprechen offen über mentale Gesundheit, Depressionen, Therapie und die realen Hürden eines Gesundheitssystems, das für seelische Krisen kaum Raum lässt.
Diese Offenheit ist kein Kalkül, sondern Teil einer Verantwortung, die mit Öffentlichkeit einhergeht.
Zehn Jahre ENGST
Der Rückblick auf zehn Jahre ENGST ist kein nostalgischer. Matze spricht offen über Konflikte, Phasen des Stillstands, harte Auseinandersetzungen, aber auch über Gemeinschaft und darüber, warum sie geblieben sind.
ENGST verstehen sich nicht als harmonische Einheit, sondern als Arbeitsgemeinschaft mit emotionaler Bindung. Familie im funktionalen Sinn: konflikthaft, fordernd, aber tragfähig.
Die Professionalisierung der Band bedeutet für sie nicht die Anpassung an Marktlogiken, sondern Klarheit über eigene Grenzen. Alle Bandmitglieder arbeiten weiterhin neben der Musik. Erfolg wird nicht in Zahlen gemessen, sondern in der Möglichkeit, langfristig Musik machen zu können, ohne sich selbst zu verlieren.
Gute Laune als Haltung
„Gute Laune“ ist kein Versprechen. Es ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, sich nicht vom Dauerkrisenmodus lähmen zu lassen. Eine Entscheidung für Gemeinschaft statt für Vereinzelung. Für Ehrlichkeit statt Pose. Für Musik als Verbindung. ENGST retten nicht die Welt, machen sie aber mit „Gute Laune“ ein Stück weit erträglicher.
Das vollständige Gespräch mit Matze von ENGST hört ihr im metal.de-Podcast „Metal Minds – The Pit Unplugged“. Und im April Tour!


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Diana Heinbucher






























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