25 Jahre Itchy: Musik braucht Räume und Menschen

Special

Auf dem HIGHFIELD Festival haben wir Sibbi von ITCHY getroffen. In dieser Episode von „One Last Dance“ schwelgen wir ein bisschen in Erinnerungen, schauen auf 25 Jahre Bandgeschichte und auf die Bedeutung von Livekultur.

Als ITCHY unbedingt auf ihrem ersten größeren Festival spielen wollten, boten sie dem Veranstalter eine Gage von drei Euro an – einen Euro pro Bandmitglied. Sie nervten Bekannte, ließen sich bereits vorsorglich in der Zeitung ankündigen und bekamen schließlich ihren Slot. Auf dem Line-up standen damals unter anderem die DONOTS und die BEATSTEAKS. 25 Jahre später eröffnen ITCHY das letzte Highfield; die BEATSTEAKS beschließen zwei Tage später das Festival. „Ach guck! Da schließt sich der Kreis“, sagt Sibbi.

Happy Little Accidents: Professionalität ohne Hochglanz

ITCHY machen aus 25 Jahren Bandgeschichte keine Heldengeschichte. Schon der Titel des kommenden Albums „Happy Little Accidents“ (VÖ 16.10.2026) passt zu einer Band, bei der auf der Bühne Texte verschwinden, Technik ausfällt und Improvisation dazugehört. Professionalität heißt hier nicht, jede Unwägbarkeit auszuschalten. Sie bedeutet, nach mehr als tausend Shows zu wissen, welche Form zur eigenen Band passt.

Sibbi beobachtet durchaus perfekt getaktete Shows, herausragende Musiker oder große Produktionen. Der Maßstab für ITCHY entsteht daraus trotzdem nicht. „Wir müssen die Show so machen, wie sie zu uns passt und so sein, wie wir sind.“ Dahinter steckt ein Punkverständnis, das wenig mit Genregrenzen zu tun hat: das zu tun, worauf man Lust hat, auch wenn es Gegenwind gibt oder gerade nicht in Mode ist.

25 Jahre ITCHY

Die Bandgeschichte besteht allerdings nicht nur aus Tourneen und Jubiläen. Während Fans und Außenstehende häufig nur die Spitze des Eisbergs einer Band sehen, geht eine Bandfamilie im besten Fall gemeinsam durch die Höhen und Tiefen, die dieser Weg mit sich bringt. Einer der schwersten Momente für ITCHY war sicherlich der Verlust ihres langjährigen Freundes, Weggefährten und Backliners Bobbes. Der Song „Oh Boy“ erinnert an ihn und lässt uns gemeinsam an ihn denken. Live lässt sich diese Geschichte nicht routiniert abspielen. Sibbi erzählt von einer stockenden Stimme und von Menschen im Publikum, die ihre eigenen Verluste in den Song hineintragen.

„Jetzt ist er nicht mehr hier, immerhin haben wir einen Song, um ihn wieder zu uns zu holen.“

Vielleicht liegt darin eine der stilleren Seiten eines solchen Jubiläums: Mit 25 Jahren Bandgeschichte wächst nicht nur das Repertoire, sondern auch das, was man gemeinsam erlebt und verloren hat. „Oh Boy“ macht Bobbes dabei nicht zur Fußnote dieser Geschichte. Der Song hält die Erinnerung an ihn bei jeder Show lebendig.

Kultur braucht mehr als Publikum

Auch Festivals gehören zu dieser Bandgeschichte. Sibbi erinnert sich an frühere Highfield-Auftritte, volle Zelte und Begegnungen mit musikalischen Vorbildern. Solche Erfahrungen tauchen in keiner Streamingstatistik auf. Musik schafft Orte für Begegnung und Austausch, für neue Entdeckungen und gemeinsame Erlebnisse. Manche davon verbinden sich mit bestimmten Songs, Menschen und Lebensphasen und bleiben weit über den eigentlichen Konzertabend hinaus.

Das gilt für das Publikum wie für die Bands. Festivals sind mehr als Stationen eines Tourplans: Hier kreuzen sich Wege, alte Weggefährten treffen aufeinander und Musiker begegnen denjenigen, die sie selbst einmal geprägt haben. Auch daraus entsteht Musikgeschichte.

ITCHY-Solitickets: Teilhabe muss möglich bleiben

Geraten Festivals und Clubs unter Druck, greift ein simples „Geht mehr auf Konzerte“ zu kurz. Sibbi benennt den Widerspruch selbst: „Natürlich kann man sagen, jeder sollte so viel wie möglich auf Shows gehen und an der Kultur teilhaben. Andererseits wird’s auch immer teurer. Das muss man sich auch leisten können.“

Livekultur braucht Menschen vor Ort: Menschen vor den Bühnen, in Clubs und auf Festivals, die mit ihren Tickets und Merchkäufen auch die Strukturen tragen, in denen Bands spielen können. Doch Ticketpreis, Anreise und Verpflegung machen diese Teilhabe für viele zunehmend schwieriger. Wer kulturelle Räume erhalten will, muss deshalb auch über deren Zugang sprechen.

ITCHY setzen auf ihrer kommenden Tour an diesem Punkt selbst an. Über ihre Website gibt es begrenzte Soli-Tickets zu etwa der Hälfte des regulären Ticketpreises. Die strukturellen Probleme der Livebranche löst das nicht. Es schafft aber ganz konkret Zugang für Menschen, für die ein reguläres Konzertticket längst keine selbstverständliche Ausgabe mehr ist.

Vielleicht ist genau das eine der Geschichten, die in 25 Jahren ITCHY stecken: Musik braucht Menschen, die sie machen und Menschen, die kommen, zuhören, mitsingen und aus einem Konzert eine Erinnerung machen.

One Last Dance Episode 1: KAFVKA
One Last Dance Episode 2: HI! Spencer
One Last Dance Episode 3: DAS LUMPENPACK

Quelle: Interview Sibbi von Itchy, Highflied 2026
14.10.2026

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