Highfield Festival One Last Dance: Episode 3 mit das Lumpenpack: Große Bühnen brauchen kleine Räume

Special

Halten wir uns das mal vor Augen: DAS LUMPENPACK hat in den vergangenen zehn Jahren in Stuttgart in zehn oder zwölf Clubs gespielt. Vier davon seien heute noch geöffnet, erzählt Max im Podcast.

Für eine Band, die inzwischen vor mehreren tausend Menschen spielt, könnten diese Orte wie Stationen einer abgeschlossenen Vergangenheit wirken. Tatsächlich erzählen sie etwas über die Gegenwart. Denn zwischen Kleinkunsttheater und Festivalbühne liegt eine Infrastruktur, ohne die Bands kaum wachsen können.

„Wir müssen daran arbeiten, dass wir Bühnen und Räume erhalten, sonst funktioniert das alles nicht mehr“, sagt Max.

Beim Highfield gewinnt dieser Satz an Gewicht. DAS LUMPENPACK spielt das Festival zum ersten Mal – und zugleich bei dessen letzter Ausgabe in dieser Form. Für „One Last Dance“ sprechen Max und Jonas über Clubs, Corona, Community und darüber, was von den kleinen Bühnen bleibt, wenn eine Band längst auf den großen Bühnen angekommen ist.

Max erinnert sich an kleine Umsonst-und-draußen-Festivals in der bayerischen Provinz: Schülerbands neben Acts, die bereits professioneller arbeiteten. Verschiedene Entwicklungsstufen standen dort selbstverständlich nebeneinander.

Jonas landete als Student beim Southside – vier Leute im Auto, kaum funktionierende Zelte, mehrere Tage Matsch und Deichkind auf dem Höhepunkt ihrer damaligen Bühnenshow. Geblieben ist ihm vor allem die Erfahrung, was kollektive Begeisterung in großer Menge freisetzen kann.

Heute kennt DAS LUMPENPACK beide Seiten. Vor zehn Jahren spielten Max und Jonas noch im Duisburger Kleinkunsttheater Die Säule vor 99 Abonnentinnen und Abonnenten. Fun-Fact oder auch traurige Wahrheit darüber ist: Das Publikum war größtenteils über 70 Jahre alt und wohl eher wegen des „Enkelbonus“ da und weil die jungen Leute noch was mit Worten und Musik machen. Im Rückblick klingt das eher bedrückend als beglückend. Dass daraus einmal Shows vor mehreren tausend Menschen werden könnten, lag weit außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Als das Management den nächsten Schritt plante, hielt Jonas selbst dagegen: Wer glaubt, DAS LUMPENPACK könne vor 1.500 oder 2.000 Menschen funktionieren, habe die Band nicht verstanden. Er lag falsch.

Mitgewachsen ist vor allem die Fähigkeit, einen Raum zu lesen. Sie kommt aus der Kleinkunst, aus Shows, bei denen die unmittelbare Reaktion Teil des Abends ist. Jonas habe seine Ansprache zwischen 200 und 4.000 Menschen erstaunlich wenig verändert, erzählt Max. Auf großen Bühnen arbeitet er selbst irgendwann mit einer Art „emotionalem Copy-and-paste“: einzelne Gesichter suchen, ihre Reaktionen lesen und hoffen, dass sie für den ganzen Raum stehen.

Nähe skaliert nicht automatisch. Man muss lernen, sie mitzunehmen.

Was verschwindet, wenn ein Club schließt?

Wie fragil diese Räume sind, wurde für die Band spätestens während der Pandemie sichtbar.

Anfang März 2020 war DAS LUMPENPACK auf Tour in der Schweiz, als eine Veranstaltung nach der anderen wegbrach. Wenige Wochen später fand im leeren Kölner Gloria ein Streamingkonzert statt. Was zunächst Mietwagen, Equipment und eine weitere Gage für die Crew absichern sollte, wuchs zu einer größeren Hilfsaktion heran. Eine sechsstellige Summe wurde zusammengeführt und unter anderem an Clubs, Veranstaltende und Menschen hinter den Kulissen weitergegeben.

Gerade dort zeigte sich, wie viel Livemusik jenseits der sichtbaren Band stattfindet. Musikerinnen und Musiker konnten streamen, Merch verkaufen und digitale Formate ausprobieren. Für selbstständige Backliner, Technikpersonal und andere Gewerke bedeutete der Stillstand dagegen unmittelbar den Verlust ihrer Arbeit. Viele sind nicht zurückgekehrt.

Jonas sieht darin eine der Ursachen für den Druck, unter dem die Branche bis heute steht. Infrastruktur wurde teurer, Fachkräfte gingen verloren, knapp kalkulierte Systeme erwiesen sich als wenig krisenfest. Corona hat diese Schwächen besonders sichtbar gemacht.

Und dann sind da wieder diese vier verbliebenen Clubs in Stuttgart. Ein geschlossener Club bedeutet eben mehr als nur eine fehlende Adresse im Tourplan. Es fehlt ein Ort, an dem eine junge Band ihre ersten schlechten Shows spielen, besser werden, Publikum finden und überhaupt herausfinden kann, wer sie auf einer Bühne sein will.

DAS LUMPENPACK: Wenn der Witz nicht mehr alles auffangen muss

Auch im Songwriting hat sich DAS LUMPENPACK verändert. Lange führte vieles zur Punchline. Selbst melancholische Momente blieben in Ironie eingewoben. Auf „Bevor der Mut dich verlässt“ sitzt dieser Schutz lockerer. Max und Jonas sind älter geworden, beide inzwischen Väter. Mit dem Leben verändert sich auch, worüber man schreibt – und wie viel Abstand ein Witz noch schaffen soll.

„Die Leute sind nicht mehr nur da, weil wir mal den witzigen Song über die WG-Partys geschrieben haben“, sagt Max. Sie seien geblieben, weil die Band für das stehe, wofür sie stehe. Deshalb müsse man heute nicht mehr jeden ernsthaften Gedanken sofort brechen.

Jonas beschreibt Songwriting als Suche nach etwas, das einem selbst fehlt: ein Gefühl oder einen Gedanken in eine Form zu bringen, die man anderswo noch nicht gefunden hat.„Es geht ja nicht darum, eine Lücke zu füllen, die wir bei den Rezipienten sehen, sondern in eine Lücke hineinzuschreiben, die wir vielleicht selbst empfinden.“

So können auf Lumpenpack-Platten Wut und Erschöpfung nebeneinanderstehen. Die globale Polykrise endet nicht vor der eigenen Haustür; gleichzeitig trägt jeder Mensch seine privaten Kämpfe mit sich herum. „Es ist komplett normal, an einem Tag überfordert davon zu sein und am anderen Tag wieder richtig mutig zu sein und richtig aufbrechen zu können.“

Die neueren Songs markieren deshalb weniger einen Bruch als vielmehr eine Öffnung. Was früher oft durch Ironie gefiltert wurde, darf inzwischen direkter stehen bleiben.

Der Lumpenclub: Vom Publikum zur Gemeinschaft

Während der Corona-Pandemie gründete DAS LUMPENPACK auch den Lumpenclub. Anfangs funktionierte er ähnlich wie Patreon: Podcasts, Demos und gemeinsame Zoom-Runden. Bald merkten Max und Jonas, dass die Menschen die Band dafür kaum noch brauchten.

„Die brauchen uns hier eigentlich gar nicht“, erinnert sich Max. Freundschaften entstanden, Menschen mit ähnlich „weirdem“ Musikgeschmack fanden zusammen. Damit wurde der Fanclub zu etwas, das Livemusik ohnehin ständig erzeugt: soziale Räume.

Wer einen großen Teil seiner Freundschaften auf Konzerten pflegt, verlor während der Pandemie mehr als nur Veranstaltungen. Clubs und Festivals sind Orte, an denen Szenen entstehen, Menschen wiederkommen, Beziehungen wachsen und gemeinsame Geschichte geschrieben wird.

Auch der Lumpenclub existiert heute weiter. Viele Mitglieder kommen regelmäßig zu Shows und die Band kennt sie beim Namen. Sie haben den Weg von kleineren Konzerten in größere Hallen mitgemacht und mussten dabei akzeptieren, dass etwas, das sich einmal fast privat angefühlt hat, plötzlich Tausenden gehört. Wachstum bedeutet eben auch, die Gemeinschaft neu auszuhandeln.

Es bleibt Arbeit

Auf dem Highfield kann DAS LUMPENPACK diese gemeinsame Geschichte kaum noch aufbauen. Die erste Show fällt mit dem Abschied des Festivals in seiner bisherigen Form zusammen. Jonas kann vor dem Auftritt noch nicht sagen, welche Beziehung zwischen Band und Publikum entstehen wird. „Wir schreiben ja quasi diese Geschichte jetzt zum ersten Mal selbst“, sagt er.

Vielleicht liegt genau darin der Kern dieses Gesprächs.

DAS LUMPENPACK hat inzwischen einen Weg hinter sich, den viele junge Bands erst noch suchen: vom Kleinkunsttheater über kleine Clubs bis zu großen Hallen und Festivalbühnen. Je weiter dieser Weg führt, desto sichtbarer wird das Fundament darunter.

Clubs, in denen eine Band scheitern darf. Veranstalter, Crews und Technik. Festivals, Jugendzentren und kleine Bühnen. Menschen, die zunächst wegen einer Band kommen und irgendwann auch wegen der anderen Menschen im Raum bleiben.

Große Bühnen entstehen nicht aus dem Nichts. Oder, wie Jonas es deutlich knapper sagt: „Es ist noch Arbeit, Leute.“

One Last Dance Episode 1: KAFVKA
One Last Dance Episode 2: HI! Spencer

Galerie mit 26 Bildern: Das Lumpenpack - Summer Breeze Open Air 2026
Quelle: Interview Das Lumpenpack Highfield Festival 2026
23.09.2026

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