Alkaloid
Das kleinstmögliche Orchester

Interview

Progressive Death Metal schrammt seit einigen Jahren immer häufiger daran vorbei, tatsächlich progressiv zu sein. Nicht so bei ALKALOID um die renommierten Virtuosen Hannes Grossmann und Linus Klausenitzer sowie den klassischen Komponisten Florian Magnus Maier, der im Metal-Kontext unter dem Pseudonym Morean auftritt. Ihr neuester Streich verbindet Blastbeats und Growls mit sakral anmutender Hochkultur und ist in Teilen eine Auftragsarbeit, die auf den Namen “Bach Out Of Bounds” hört. Wir nutzten die Gelegenheit, um mit einem sehr aufgeschlossenen Morean über das Projekt, aber auch die Verbindung von Klassik und Metal generell zu sprechen.

 

Manchen dürfte es klar sein, aber vielleicht kannst du ja zu Beginn denjenigen unserer Leserinnen und Leser, die nicht ganz so bewandert in der Thematik sind, kurz erklären, wie es dazu kommt, dass man als Prog-Death-Metal-Band auf einem Bach-Fest spielt?

Tja, wie kam es dazu, dass ALKALOID auf einem Bach-Festival stehen? Das war im Prinzip einfach so, dass mich das Bach-Festival angerufen hat, weil sie mich kennen als klassischen Komponisten hier in den Niederlanden. Ich habe ja auch schon viele Crossover-Projekte gemacht, auch mit Metal und mit allem möglichen anderen Zeug. Also wurde beim Bach-Festival wohl der Wunsch geäußert, im Jahr 2024 etwas mit Metal zu machen. Die müssen sich ja jedes Jahr etwas Neues zur Aufführung der alten Bach-Werke ausdenken, und da war dann wohl Metal an der Reihe.

Ich bekam also den Anruf und hatte von deren Seite carte blanche. Sie sagten: Was könntest du dir denn ausdenken mit Bach und Metal? Da habe ich erst einmal geschluckt, weil Bach wirklich nicht die einfachste Materie ist – die Musik ist so unglaublich gut und steht auch nach Jahrhunderten noch als eines der höchsten erreichbaren Werke menschlicher Kunst im Raum.

Mir war aber sofort klar, dass ich das unbedingt mit ALKALOID machen möchte, weil ich genau weiß, wie die Leute ticken. Wir kennen uns gut, und es sollte kein Ad-hoc-Projekt werden, das ein paar Mal aufgeführt und beklatscht wird und dann wieder in der Irrelevanz verschwindet. Es sollte ein echtes Band-Projekt sein.

Natürlich musste Bach gespielt werden, aber wir wollten nicht anderthalb Stunden nur Bach spielen. Es ging um Fusion. Außerdem sollte ich ein neues Stück schreiben, das diese Fusion zementiert – das wurde “Haunter Of The Void”, ein zehnminütiges Werk. Es war das erste Mal, dass Alkaloid mit Gastmusikern gearbeitet hat und für eine erweiterte Besetzung schrieb.

Ich hatte anfangs gehofft, wir könnten Chor und Orchester zusammenbringen, aber das war nicht realistisch. Am Ende hatten wir zwei Sängerinnen und vier Instrumentalisten – mein „kleinstmögliches Orchester“. Wichtig war, dass die klassischen Musiker ebenfalls hybride Persönlichkeiten sind: exzellente Klassik-Profis mit einem Faible für Metal.

So entstand die Kombination aus Bach, neuen Stücken und bestehenden Alkaloid-Songs in erweiterten Versionen. Die Musik von Alkaloid hat ohnehin viele Schichten – das wollten wir mit den Gästen besonders herausarbeiten. Und als die Band zugesagt hatte, konnte ich loslegen und viel zu viele Noten schreiben.

Wie müssen wir uns die Veranstaltungen vorstellen? War das Publikum wirklich halb Metal-Fans und halb Klassik-Publikum?

Bei der Premiere in Dordrecht auf dem Bach-Festival auf jeden Fall. Es war das Abschlusskonzert 2024, und das Publikum war gut gemischt. Viele kamen wegen der Band, teilweise aus verschiedenen Ländern angereist – das war gigantisch. Gleichzeitig waren viele Bach-Festival-Besucher da, die vielleicht noch nie Metal gehört hatten.

Aber Publikum ist Publikum. So wie wir auf der Bühne ein Ensemble waren und nicht “Metal plus Streicher-Soße”, war auch das Publikum eine Einheit. Alle hörten Vertrautes und Neues. Es war für alle ein Abenteuer. Wir wussten nicht, wie das klassische Publikum auf Double Bass und Blastbeats reagieren würde – aber sie sind nicht weggelaufen. Manche kamen sogar zu weiteren Shows. Darauf sind wir sehr stolz.

Du bist seit vielen Jahren in beiden Welten zu Hause. Würdest du sagen, dass beide Seiten im Laufe der Jahre offener füreinander geworden sind?

Auf jeden Fall. Heute haben wir Zugang zu Musik aus allen Zeiten und Regionen – das war früher völlig anders. Als ich jung war, gab es Platten und vielleicht ein Tape vom Freund. Zu Bachs Zeiten musste man warten, bis jemand in die Stadt kam. Heute liegt alles gleichzeitig vor uns. Dadurch entstehen Fusionen nicht nur oberflächlich („Guck mal, eine Geige!“), sondern im Kern. Es geht mehr um die Frage: Was haben diese Extreme gemeinsam? Wo berühren sie sich?

Florian Magnus Maier aka. Morean verbindet Metal und Klassik seit 30 Jahren.

Gleichzeitig gibt es mehr Möglichkeiten zu experimentieren – man braucht kein Studio mehr. Die Genre-Mauern werden durchlässiger. Aber: Klassik und Metal stehen sich auch oft im Weg. Ein großes Thema ist Dynamik. Klassik lebt von dynamischer Abstufung. Im extremen Metal ist es oft binär – alles maximaler Punch. Bands wie OPETH bringen mehr Dynamik rein. Bei extrem dichten Produktionen braucht es exzellente Komposition, um klassische Elemente sinnvoll einzubetten. Das merkt man auch live – auf kleinen Bühnen mit viel Lautstärke verschwimmt vieles. Das sind reale Herausforderungen.

Bei eurem Ansatz wirkt alles sehr verzahnt und gleichberechtigt. Hattest du von Anfang an im Kopf, welche Bach-Stücke zu euren Songs passen?

Ja, aber es gab mehrere Iterationen. Ursprünglich wollte ich große Fugen wie “Herr, unser Herrscher” aus der Johannes-Passion oder das “Kyrie Eleison” aus der h-Moll-Messe machen – absolute Höhepunkte der westlichen Kultur. Aber dafür hatten wir nicht genug Leute. Christian Münzner [ehemaliger Lead-Gitarrist – Anm. d. Red.] brachte dann das Cembalo-Konzert in d-Moll ins Spiel – sein Lieblingsstück. Ich hörte sofort das Potenzial: Die schnellen Sätze voller Sechzehntel schlagen eine direkte Brücke zum Prog Metal.

Der langsame zweite Satz war schwieriger – ruhig, doomig. Ich machte daraus einen Song, indem ich Bachs Noten mit Gesang belegte. Als Text nahm ich “Es ist alles eitel” von Andreas Gryphius – ein barockes Gedicht über Vergänglichkeit. So entstand eine neue Ebene, ohne Bachs Töne zu verändern. Außerdem spielten wir das “Agnus Dei” aus der h-Moll-Messe. Hier wollten wir uns möglichst weit in Bachs Welt hineinbewegen. Die klassischen Musiker spielten es im Originalstil, während wir uns mit E-Gitarren einschlichen. Das war fantastisch – die spielen das im Schlaf, und es klingt einfach großartig.

Gerade beim “Agnus Dei” ist die Intimität erhalten geblieben, aber das Sakrale fast verschwunden. Als Band repräsentiert ihr ganz andere Werte als Bach.

Ich weiß gar nicht, wie religiös Bach persönlich war. Die Kirche war einfach sein Arbeitsplatz. Vielleicht ging es ihm weniger um Botschaft als um Musik. Ich sehe Musik unabhängig von Schubladen. Pete Steele hat es gut formuliert: “Music is a logical and pleasurable series of tones.” Mehr ist es im Kern nicht. Auch Spiritualität ist vielleicht eine grundlegende menschliche Emotion – das Bedürfnis, Teil von etwas Größerem zu sein. Das ist nicht exklusiv religiös. Wenn Musik überzeugend ist, schließt sie niemanden aus. Unsere Musik ist für alle offen. Es geht um Geschichten und Emotionen, nicht um Ideologie.

Nachdem ihr vor etwas mehr als zehn Jahren schon mit NONEUCLID ein Wagner-Crossover gemacht habt – welche anderen Komponisten oder Stücke würden dich reizen?

Vor allem osteuropäische Komponisten des späten 19. und 20. Jahrhunderts: Stravinsky, Bartók, Schostakowitsch, Ligeti, Scriabin. “Le Sacre du Printemps” von Stravinsky ist für mich das geilste Stück überhaupt. Manche Bartók-Quartette oder Schostakowitschs 8. Streichquartett sind purer Metal. Natürlich auch Holsts “Mars” – direkte Inspiration für BLACK SABBATH, DIAMOND HEAD oder SLAYER.. Aber da ist die Gefahr, dass es zu platt wird. Spannender ist es, weniger offensichtliche Werke neu zu interpretieren.

Zum Abschluss: Welche klassischen Werke sollten sich Metal-Fans anhören? Und welche Klassik-Metal-Fusionen findest du gelungen?

Unbedingt “Le Sacre du Printemps”. Dann Schostakowitschs 8. Streichquartett oder die 8. Sinfonie. Holsts “Die Planeten” im Konzertsaal – überwältigend. “Carmina Burana” live ist brutal intensiv.

Aus der Moderne: Pendereckis “Polymorphia”, Ligetis “Atmosphères”, “Lux Aeterna” oder “Lontano”. Scriabins “Schwarze Messe” und “Weiße Messe”. Und Schönbergs “Verklärte Nacht” – ein Werk, das ich erst nach 30 Jahren wirklich verstanden habe.

Zu gelungenen Fusionen: DIMMU BORGIR wegen ihres starken Arrangeurs. Innerhalb des Metal-Repertoires haben FLESHGOD APOCALYPSE, SEPTIC FLESH und CARACH ANGREN hervorragende Orchestrierungen, die teilweise ohne Band funktionieren, weil studierte Komponisten Bandmitglieder sind. Und IGORRR ist absolut großartig im Umgang mit Genre-Fusionen.

Wunderbar, vielen Dank für das Gespräch.

Vielen Dank, es war ein wirklich spannendes Gespräch. Leider ist die Zeit über Zoom begrenzt, aber ich freue mich, dass wir alles unterbringen konnten.

Quelle: Morean
02.03.2026

Redakteur

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