Blutgott
Ein Metal-Universum wächst zusammen
Interview
Nur noch zwei Jahre, dann kann Thomas Gurrath das Silberjubiläum mit seiner Death-Metal-Kriegsmaschine DEBAUCHERY feiern. Sein konstant hoher Output macht den Sänger und Gitarristen zu einer Institution im deutschen Underground. Das gilt umso mehr, da über die Zeit mit zwei Abkömmlingen das eigene Banduniversum BLUTGOTT entstanden ist. Im ersten Teil seines ausführlichen Gesprächs mit metal.de zeichnet Gurrath die Entstehung dieses Kosmos nach und erklärt, warum die Grenzen zwischen den einzelnen Projekten zunehmend verschwimmen. Außerdem geht es um das 2025 erschienene „Legions Of Metal“, prominente Gäste wie Tim „Ripper“ Owens und Michelle Darkness sowie die aufwendige Entstehung von Musik, Videos und Artworks.
Lass uns noch mal kurz die Geschichte abreißen. Du hast Dir ab 2003 Deinen Namen mit DEBAUCHERY aufgebaut und später BLOOD GOD und BALGEROTH als weitere Spielwiesen etabliert. Wann ist erstmals das Wort „Blutgott“ bei Dir aufgetaucht?
Der Blood God begleitet mich seit dem ersten Album. Der kommt schon im Text von „Kill Maim Burn“ vor. Blutgott als deutsches Wort kam 2010, als ich meinen Referendarsplatz verlor. Da nannte mich der Spiegel „Blutgott“, wahrscheinlich weil es krasser klang und einfacher zu lesen war als DEBAUCHERY. Anfangs handelten meine Songs von Bestien und Kriegern des Chaos, oft Anhänger des Blutgottes aus der Warhammer-Welt, während der Bandname DEBAUCHERY einen Bezug zu Slaanesh herstellt. Irgendwann ging das dann über in meine eigenen Geschichten und meine eigene Welt. Dort sind Blutgötter dämonische Vampirdrachen. „Debauchery“ ist einer von ihnen.
Wann hast Du entschieden, BLUTGOTT als Überbegriff zu verwenden?
Ich habe BLUTGOTT als Überbegriff für mein ganzes Metal-Universum gewählt, da der Begriff so einfach ist. Eigentlich ist es die „Trinity Of Blood Gods“, bestehend aus „Balgeroth“, dem Bloodking, „Setekh Drakorgaur“, dem Blood God der Erde, und „Dracul Drakorgoth“, dem Debauchery Blood God. Aber „Trinity Of Blood Gods“ schien mir zu kompliziert, also läuft es alles unter BLUTGOTT.
War es kein Risiko, statt der etablierten Namen nun BLUTGOTT in den Vordergrund zu stellen?
Ein Risiko, meinem gesamten Metal-Universum einen Überbegriff zu geben, gab es eigentlich nicht. DEBAUCHERY gibt es ja weiterhin, ich nutze den Bandnamen und auf CD und digital gibt es vollwertige Alben unter dem Banner. BLUTGOTT kam als Überbegriff dazu. Es gehört alles zusammen und baut aufeinander auf. Live biete ich momentan nur BLUTGOTT in seiner Gesamtheit an.
In der Social-Media-Zeit ist es für mich auch einfacher, einen Begriff für alle meine Seiten zu haben. Also findet man alle News unter BLUTGOTT. Bei den Streaming-Anbietern ist es etwas komplizierter, auch wegen der vielen Verträge, aber ich habe jetzt fast alles aus meinem Universum unter BLUTGOTT. Und alles von DEBAUCHERY auch unter DEBAUCHERY.
Manche Songs laufen nur unter dem BLUTGOTT-Banner, meist steht aber dabei, welche Version es ist. Ich wollte unbedingt alles zusammen anbieten. Mein Banduniversum war voll auf CDs ausgerichtet. Das ist, was ich selbst kaufe und was ich machen wollte. BLUTGOTT bringt es auch etwas ins digitale Zeitalter, indem es die verschiedenen Profile so weit wie möglich bündelt.
Wie stark ist der Name inzwischen verankert – bei den Fans wie auch den Konzert- und Festivalveranstaltern? Ist das eingetreten, was Du Dir von dem Wechsel erhofft hast?
BLUTGOTT ist in erster Linie ein Kunstprojekt. Es gibt, soweit ich weiß, niemanden, der sonst so ein Metal-Universum mit verschiedenen Versionen von Songs macht. Ich denke nicht, dass ich kommerziell einen Vorteil dadurch erzielen kann, aber ich habe zumindest keinen großen Nachteil. Mein Vorteil im realen Leben ist in erster Linie: all mein Zeugs ist zusammen auf einer Seite bei Facebook, Instagram und Co. Ich habe eine Website, auf der alles Wichtige und Neue zu finden ist: Blutgott.com. Und bei Spotify, dem großen Streaming-Anbieter, findet man fast all meine Musik in einem Profil unter BLUTGOTT.
Auch meine Plattenfirma heißt jetzt einfach „Blutgott Metal Universe“. Das macht es etwas übersichtlicher. Bei den Veranstaltern hat sich nichts geändert, und die Fans, die bisher zu den Konzerten gekommen sind, kommen auch weiterhin. Die sind es ja auch schon gewohnt, dass mein Blutfest immer wieder unter anderen Namen läuft, je nach musikalischem Schwerpunkt.
Du bezeichnest BLUTGOTT in erster Linie als Kunstprojekt. Wie wichtig ist Dir dabei die Unabhängigkeit von klassischen Strukturen der Musikbranche?
Es geht um Metal, Kunst, Musik, Bilder, Fantasygeschichten. Es ist sehr vielseitig und wirklich eher etwas für Musikliebhaber. Plattenfirmen haben damit ihre Schwierigkeiten, die sehen meist nur DEBAUCHERY als bisher größte Marke und haben keinerlei Visionen oder Vorstellungen. Obwohl ich bei meiner letzten Plattenfirma ziemlich freie Hand hatte, habe ich den Vertrag nicht verlängert und mache es jetzt alleine.
Kommen wir zum Entstehungsprozess: Wie hat sich Dein Songwriting über die Jahre verändert?
Früher habe ich immer Riffs geschrieben, also jede Woche irgendwas. Einmal im Jahr bin ich ins Studio und habe alles aufgenommen. Ab 2010 habe ich mehrere Bandnamen genutzt, und manchmal Songs aufgehoben, die besser zu DEBAUCHERY Death Metal oder BLOOD GOD Hard Rock gepasst haben, aber nicht zwingend. Bis dahin konnte ich maximal so 10 bis 15 Songs im Kopf behalten. Also alle Riffs, alle Arrangements, Drumparts, alles was dazu gehört. Ich habe nur Texte aufgeschrieben.
Im Studio musste ich das sehr schnell alles abspielen. Wenn etwas nicht gepasst hat, also der Text nicht zur Musik, Riffs nicht zu den Drums usw. musste ich es sofort ändern, da die Aufnahmetage so teuer waren. Also alle Rhythmus-Gitarren für ein Album habe ich meist an einem Tag eingespielt. Alle Gesangsparts für eine Version auch an einem Tag eingesungen.
2019 habe ich das geändert und mir Aufnahmesachen für zu Hause gekauft. 2020 hatte ich meine erste Songwriting-Session in dieser Art und Weise und wollte so lange Songs schreiben, bis ich keinen Bock mehr hatte. 40 davon habe ich jetzt in vier Alben mit elf CDs veröffentlicht. Zwischendrin kamen noch das „Dragongods“-Jubiläumsalbum und das „Respawned In Heavy Metal“-Album. Für „Dracul Drakorgoth“ und „Legions Of Metal“ habe ich auch noch mal was aufgenommen und Dinge nachträglich verändert.
Wie arbeitest Du heute an Musik und dem ganzen BLUTGOTT-Universum?
Ich nehme so oft neue Musik auf, wie ich dazukomme. Neue Songs sind der eigentliche Grund für mich, Musik zu machen. Es geht immer um den kreativen Prozess.
Der große Vorteil ist, dass ich die Gitarren und den Gesang zu Hause aufnehmen kann. Es muss nicht alles beim ersten Mal klappen und dadurch ist auch alles noch besser geworden.
Ideen für die Hintergrundwelt und für die Texte sammle ich jeden Tag. Ich arbeite auch jeden Tag an Bildern, Videos und Artworks. Gitarre spiele ich leider nicht so oft, wie ich gerne würde.
Von der Idee zum fertigen Album: Auf der nächsten Seite geht es um das noch aktuelle Werk „Legions Of Metal“, die Zusammenarbeit mit Tim „Ripper“ Owens und Michelle Darkness von END OF GREEN sowie den enormen Aufwand hinter Musik, Videos und Artworks.
Die ersten beiden BLUTGOTT-Alben „Respawned In Heavy Metal“ und „Dragongods“ enthielten neue Versionen bereits bekannter Songs. Das eigentliche Debüt mit „Dracul Drakorgoth“ erschien dann im bekannten Muster als Dreifach-CD, auf der jede Bandvariante einen Tonträger bekam. Im metal.de-Review zu „Legions Of Metal“ wurde das als „Phase der Selbstfindung“ bezeichnet, weil CD 1 beziehungsweise die LP erstmals wie ein geschlossenes BLUTGOTT-Album wirkt. Teilst Du diese Einschätzung?
Tatsächlich kann ich da nicht ganz mitgehen. „Monster Metal“ (2021), „Demons Of Rock’n’Roll“ (2022), „Dracul Drakorgoth“ (2024), und „Legions Of Metal“ (2025) habe ich gleichzeitig geschrieben und aufgenommen und dann den CDs so zugeteilt, wie es für mich am besten gepasst hat.
Das „Legions Of Metal“-Album war 2020 fertig aufgenommen und hat bis 2025 mit der Veröffentlichung warten müssen, weil einfach so viel zu tun war. In der Zwischenzeit hatte ich dann die Songs mit dem Ripper und mit dem Darkness (gemeint sind Tim „Ripper“ Owens und End-Of-Green-Sänger Michelle Darkness – der Verf.) aufgenommen. Das waren für mich keine Bonustracks, sondern in gewisser Weise die wichtigsten Songs, also mussten sie auf CD 1. Das ursprüngliche Hauptalbum wurde CD 2. Die erste CD ist ein wirkliches BLUTGOTT-Album, da es alle meine Versionen miteinander vereint. Es ist eben sehr vielseitig, und irgendwie ist es so cooler geworden als ursprünglich geplant.
Die ersten beiden Songs auf „Legions Of Metal“ sind bereits bekannte Lieder. Wie kam es dazu, erneut mit Tim „Ripper“ Owens zusammenzuarbeiten und warum wurden es ausgerechnet diese beiden Stücke?
Als sich die Möglichkeit ergab, musste es schnell gehen. Die beiden Songs sind zwei meiner Lieblingssongs und ich hatte Playbacks parat, sodass es sofort losgehen konnte. Zwei meiner besten Songs mit einem meiner Lieblingssänger, da ging schon ein Traum in Erfüllung.
Direkt danach folgt das (coole!) Duett mit Michelle Darkness, das stilistisch und inhaltlich ein wenig aus der Reihe fällt. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Der Darkness ist mein Nachbar. Wir verstehen uns gut und wollten unbedingt einen Song zusammen machen. So kam es zum „Nightking“. Der Arbeitstitel war „John Wick Kills The Nightking“. Darum geht es in dem Song. Es ist ein Crossover von „Game Of Thrones“ und „John Wick“.
Auch der letzte Song des Albums ist eine Neuaufnahme, in dem Fall vom JUDAS-PRIEST-Cover „Painkiller“. Zweifelsfrei ein Übersong, aber was sprach für eine zweite Variante statt eines anderen Covers aus Deinem reichhaltigen Fundus?
Ich habe insgesamt drei Versionen von „Painkiller“ gemacht: Einmal 2015 als Bonustrack für das „Fuck Humanity“-Album, einmal für die BLOOD-GOD-Compilation „Rock’n’Roll Warmachine“ und jetzt nochmal. Es war nicht für das Album geplant, sondern nur für ein Video. Ich wollte unbedingt ein Video zu Painkiller machen. Aber nicht mit der zehn Jahre alten Version, also musste etwas Neues her. Die neue Version war cool und hat irgendwie gut auf CD 1 von „Legions Of Metal“ gepasst.
Die Aufnahmen zu „Legions Of Metal“ liegen teils mehrere Jahre auseinander. Wann sind die verschiedenen Stücke entstanden und wer hat Dich im Studio und an den Instrumenten unterstützt?
„Nightking“ haben wir beim Darkness im Studio aufgenommen. Das war, glaube ich, Anfang 2024. Die Songs mit dem Ripper waren Ende 2024 und die anderen Songs waren von 2020. Das Artwork und die Videos sind alle von 2024 und 2025. Drums sind vom Tomasz. Er ist ein Schulfreund von mir, hat oft live und auch auf vielen meiner Alben gespielt, er war auch ein paar Jahre bei BELPHEGOR. Ich nehme – abgesehen vom „Nightking“ – seit 2005 immer bei Dennis Ward auf, also mischt er alle meine Alben. Ihn kennt man von KROKUS, HELLOWEEN und UNISONIC. Er spielt auch bei jedem Album den Bass.
Wenn die Aufnahmen im Kasten sind, geht die Arbeit ja weiter: Cover-Artwork, Fotos, Layout, Videos … Woher kommen die Bildideen und wie aufwendig ist die Umsetzung inzwischen?
Das läuft bei mir alles parallel. Ich male immer, mache immer wieder Bilder und so weiter. Es ist inzwischen auch alles etwas aufwendiger geworden. Früher habe ich ein Album gemacht, dann brauchte ich ein Bild – das Coverartwork – und ein Bandfoto. Fertig. Manchmal hat man noch ein Video aufgenommen. Heute ist es eigentlich völlig absurd. Für „Legions Of Metal“ habe ich vier Musikvideos und zwei Lyric-Videos gemacht. Jede Single hat ein eigenes Coverartwork. Wegen der KI-Sachen, die jetzt überall zu finden sind, wollte ich kein digitales Coverartwork und habe fast alles in Öl gemalt oder in Öl finalisiert. Ein paar der Bandfotos sind digital nachbearbeitet. Für „Legions Of Metal“ habe ich bestimmt fünf große Bilder gemalt, dazu noch Abwandlungen, Alternativen und so weiter.
Da das inzwischen bei jedem Album so abläuft, dauert es auch so lange mit der Veröffentlichung. Also, auch wenn das Album fertig rumliegt, schaffe ich eigentlich nicht mehr als ein Album pro Jahr zu veröffentlichen. Ich sage „eigentlich“, weil 2024 kam im Januar „Dragongods“ und im September „Dracul Drakorgoth“ mit jeweils drei CDs und einigen Videos und Artworks. Da ging es irgendwie doch…
Was zeigen die Bilder, die rund um die Alben entstehen?
Auf den Bildern sind meist Blutgötter der verschiedenen Fraktionen. Das „Dracul Drakorgoth“-Cover zeigt Kreaturen einer Debauchery-Legion, das „Animal Protector“-Cover einen Murderbrute Minotaur des Setekh, das Hauptcover von „Legions Of Metal“ ist ein Balgeroth Blood God, der der Trinity of Blood Gods folgt.
So, und damit setzen wir einen vorläufigen Schlusspunkt. Thomas, vielen Dank für das Gespräch!
Ausblick: Ende Oktober setzen wir den Austausch fort, um über das neue Album „Die Schlacht um Knochenheim“ zu reden und den Blick hinter die Kulissen des BLUTGOTT-Universums fortzusetzen.
| 18.09.26 | Zauberberg, Passau Blutgott, Balgeroth, Debauchery, Blood God und Abrogation |
| 19.09.26 | Music-House Graz, Graz Blutgott, Balgeroth, Debauchery und Blood God |
| 25.09.26 | Helvete, Oberhausen Blutgott, Balgeroth, Debauchery, Blood God und Abrogation |
| 10.10.26 | Rockclub Nordbayern e. V. "Bavaria Heim", Selb Blutgott, Balgeroth, Debauchery, Blood God und Abrogation |
| 16.10.26 | From Hell, Erfurt Blutgott, Balgeroth, Debauchery, Blood God und Abrogation |
| 17.10.26 | Slaughterhouse, Berlin Blutgott, Balgeroth, Debauchery und Blood God |
| 31.10.26 | Mehrgenerationenhaus LINDE, Kirchheim unter Teck Blutgott, Balgeroth, Debauchery, Blood God und Abrogation |
| 06.11.26 | Musikzentrum Sedel, Luzern Blutgott, Balgeroth, Debauchery und Blood God |
| 13.11.26 | Raw's Diner, Attnang-Puchheim Blutgott, Balgeroth, Debauchery und Blood God |
| 20.11.26 | Barfly, Sonthofen Blutgott, Balgeroth, Debauchery und Blood God |
| 16.01.27 | Logo, Hamburg Blutgott, Balgeroth, Debauchery und Blood God |
| 30.01.27 | La Cham, Cham Blutgott, Balgeroth, Debauchery, Blood God und Abrogation |
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