Fvneral Fvkk
"Komm, lass mal echt machen jetzt. Es ist Zeit."
Interview
In der Tat, es wurde wirklich allerhöchste Zeit, dass endlich der Nachfolger zum genialen „Carnal Confessions“ von 2019 erscheint. Jetzt ist es soweit, das neue Album von FVNERAL FVKK ist draußen. Nachdem uns Gitarrist Decanus Obscaenus im Track-By-Track Special schon in die Hintergründe der einzelnen Songs eingeweiht hat, ließen wir es uns trotzdem nicht nehmen und setzten uns, wie schon zum Vorgänger, mit ihm und Sänger Cantor Cinaedicus zusammen, um in Sachen „Indecent Idols“ noch etwas mehr ins Detail zu gehen.
Hallo zusammen! Sieben Jahre ist es jetzt her, dass wir uns über euer Album-Debüt „Carnal Confessions“ unterhalten haben. Damals sagtet ihr, ihr wüsstet nicht, ob es überhaupt nochmal ein weiteres FVNERAL-FVKK-Album geben wird. Erfreulicherweise ist das der Fall, aber hättet ihr selbst gedacht, dass es so lange dauern würde?
Decanus Obscaenus: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, so gehen wir an diese Band nicht ran. Das klingt immer danach, als ob wir das planen. Ich glaube jede normale Band, die irgendwie kommerziell erfolgreich sein oder zumindest ein bisschen was reißen will, macht alle zwei, vielleicht alle drei Jahre ein Album. So funktioniert es bei uns überhaupt nicht,sondern wir machen ein Album, wenn es sich danach anfühlt, dass eins kommen muss. Vielleicht ist es auch ein bisschen überreif gewesen, das kann man schon sagen. Vielleicht hätten wir es auch schon fünf Jahre nach dem letzten Album machen können, aber ich gehe da schon eher nach dem Bauchgefühl und sage: Wenn der Moment da ist, dann kommt es. Ich persönlich sammel immer relativ viele Ideen und Riffs, die auch wirklich reifen müssen. Ich schmeiße dann auch relativ viel weg und habe so ein Portfolio an Sachen, die ich wirklich richtig gut finde und nur das schafft es dann auch auf auf das Album. Die Zeit ist also vielleicht auch ein bisschen einer gesteigerte Qualitätskontrolle geschuldet, würde ich sagen.
Cantor Cinaedicus: Ich stimme dir zu, aber um nochmal direkt auf die Frage zu antworten: Genau, es musste reifen, aber ich glaube, wir hätten schon selber nicht erwartet, dass es so lange reifen muss. Wir erzwingen es nie, aber irgendwann kam schon der Zeitpunkt, an dem wir uns gegenseitig gesagt haben: „Komm, lass mal echt machen jetzt. Es ist Zeit.“
In der Zwischenzeit habt ihr ja immer wieder mal ausgewählte Konzerte gegeben, aus meiner Sicht wart ihr also dauerhaft aktiv. Gab es auch jemals die Option, die Band aufzulösen oder zumindest auf Eis zu legen?
Decanus Obscaenus: Nach „Carnal Confessions“ war es wirklich unklar, wie es weitergeht. Es war zumindest unklar, ob nochmal so viel Material zustande kommt, ob das Konzept nochmal für uns funktioniert. Es wäre also durchaus auch eine Option gewesen, nach drei oder vier Jahren zu sagen, dass wir es nicht mehr spüren und das war es für uns. So ist es nicht gekommen, aber das wäre eine Option gewesen. So sehe ich das zumindest.
Cantor Cinaedicus: Ich würde auch nicht sagen, dass das nie zur Debatte gestanden hätte. In erster Linie hat es uns aber immer sehr gefreut, dass wie du schon gesagt hast, live immer noch Nachfrage besteht, obwohl sieben Jahre eine verdammt lange Zeit sind. Es gibt also offensichtlich immer noch Leute, die eine Band, die gerade Mal ein Album und eine EP veröffentlicht hat, live sehen wollen. Das ist natürlich ein riesiges Privileg und deswegen waren wir gefühlt auch, obwohl eine lange Zeit vergangen ist, nie weg. Es hätte aber trotzdem auch passieren können, dass wir irgendwann feststellen, dass wir nichts geiles mehr zusammen bekommen und dann wäre das auch eine valide Option gewesen. Das ist auch immer noch jederzeit eine valide Option, wenn wir feststellen sollten, dass wir nichts mehr zu sagen haben, was uns zufriedenstellt. Dann lassen wir es halt.
Gab es einen bestimmten Zeitpunkt, an dem ihr die Entscheidung gefällt habt, dass ihr mit der Produktion einer neuen Platte beginnen wollt? „Bishop Of The Iron Guard“ habt ihr ja schon im letzten Jahr auf dem Doom Ship gespielt, ich nehme also an die Songs sind über einen längeren Zeitraum entstanden?
Cantor Cinaedicus: Das kann man schon so sagen. Nagel mich jetzt nicht auf einen Tag fest, aber gefühlt ungefähr ein Jahr, bevor wir es dann wirklich aufgenommen haben. Es kam einfach ein Punkt, an dem gesagt haben: Wenn wir das machen wollen, dann müssen wir uns jetzt auch wirklich mal auf den Hosenboden setzen, gezielt den Pool sichten und daraus konzentriert Songs zusammen stricken. Ansonsten fallen die Ideen einfach irgendwann hinten runter und es wird nie was. Es muss also schon der Punkt kommen, wo du dir gezielt vornimmst, etwas fertig zu machen das auch durchziehst. Also regelmäßigere Treffen, die Sachen dann fertig schreiben und ich glaube – korrigiere mich gerne – das war circa ein Jahr vor den eigentlichen Studioaufnahmen, oder?
Decanus Obscaenus: Das habe ich auch so in Erinnerung. Ungefähr ein Jahr, bevor wir dann wirklich aufgenommen haben, haben wir das entschieden. Es gibt ja zu diesem Reifen von Songs eben auch das Gegenstück. Nämlich, dass es nie fertig wird, weil man immer nochmal was besser machen kann und wir haben dann relativ bewusst entschieden, dass wir mal in das Material rein hören. Wir haben alle gesagt, dass wir darauf bauen können, dass das etwas wird und haben angefangen, wirklich ganz konzentriert daran zu arbeiten. Das komplette Songwriting hat dann wirklich ein Jahr gedauert inklusive Proben, bis wir ins Studio sind. Vorher war da kaum etwas fertig, es gab nur Schnipsel, die noch zusammengefügt werden mussten.
Cantor Cinaedicus: Und tatsächlich haben wir uns, bewusst oder unbewusst, selber ein bisschen Druck damit gemacht, dass wir den Studio-Termin irgendwann einfach gebucht haben, ohne wirklich sicher absehen zu können, wann wir fertig werden. So hatten wir quasi eine Deadline, zu der wir fertig sein mussten. Im Nachhinein war es zum Ende hin wirklich stressig, aber letztlich auch gar nicht so schlecht, glaube ich.
Decanus Obscaenus: Für mich ist es immer unendlich stressig, so eine Platte fertig zu machen, weil einfach unglaublich viele kleine Schritte dazu gehören. Ich glaube das stellt man sich als Außenstehender gar nicht so vor, aber es ist ein riesiger Prozess alles abzustimmen, miteinander die Sachen zu bauen, zu gucken, was wirklich die optimale Lösung ist und dann auch wirklich ein schlüssiges Konzept für ein Album zusammen zu bekommen. Dabei reden wir noch gar nicht über diesen ganzen peripheren Kram wie Texte, Albumtitel, Cover, wie überhaupt die Recording-Session aussehen soll.
Cantor Cinaedicus: Genau, also bei wem aufgenommen werden soll, welches Label Interesse haben könnte, usw.
Das ist eine hervorragende Überleitung zu meiner nächsten Frage, vielen Dank. Nachdem „Carnal Confessions“ noch bei Solitude Productions heraus kam, musstet ihr euch nach einem neuen Label umschauen. Wie kam der Kontakt zu Florian von Dying Victims zustande und war er von Anfang an begeistert von der Idee, eure neue Platte auf seinem Label zu veröffentlichen? Immerhin fallt ihr stilistisch dort ganz schön aus dem Rahmen.
Decanus Obscaenus: Genau, Florian hat ja eher ein klassisches Thrash-Metal-Label, ab und zu noch ein bisschen Black Metal, ein bisschen Death Metal, auch ein ganz bisschen Doom. Also vielleicht nicht zu hundert Prozent Thrash, aber das ist schon der überwiegende Teil und wir haben wirklich lange überlegt, wo wir uns bewerben sollen. Es kam gar nicht so viel in Frage, wo wir Lust drauf hatten. Wir hätten uns natürlich bei den ganz Großen bewerben können, das wäre aber wahrscheinlich nichts geworden. Die Kleinen hätten uns wiederum oft „nichts gebracht“, in Anführungsstrichen.
Richtig zustande gekommen ist das dann über meinen Podcast „Wheel Of Steel“, wo wir Florian in einer Folge zu Gast hatten. Das war der erste Kontakt zwischen mir und ihm und ich fand ihn total sympathisch. Nach der Aufnahmesession zum Podcast habe ich ihn kurz gefragt, ob er sich das mal anhören möchte. Er kannte FVNERAL FVKK auch und hat dann relativ schnell gesagt, dass er das sofort machen würde. Es war also gar kein großes Schachern, er hat auch nicht gesagt: „Doom, weiß ich jetzt nicht so.“ Er hat direkt gesagt, dass ihm das gefällt, wir haben ihm noch ein paar Demo-Aufnahmen geschickt, die zu dem Zeitpunkt schon fertig waren und er hat sofort gesagt, dass wir das machen. Wir sind wirklich happy. Ich kann nur sagen, dass ich in erster Linie die Kommunikation mit ihm übernehme und es könnte nicht traumhafter sein.
Natürlich muss man auch sagen, dass wir von einem russischen Label kommen, das in der Kommunikation, ich sage mal eher nicht so vorbildlich war und wo ein paar Sachen gelaufen sind, die man zumindest hätte kritisieren können. Nichts dramatisches, aber ich bin sehr froh, einfach jemanden zu haben, dem ich eine kurze Mail schreibe und ich weiß, spätestens zwei Tage später habe ich eine klare Antwort. An dieser Stelle daher ein großer Dank an Florian von Dying Victims Productions.
Mich hatte es auch sehr gefreut, als ich gelesen hatte, dass ihr dort unter gekommen seid. Auch wenn man kein riesiger Fan von Thrash oder Speed Metal ist, rein qualitativ kann man da ja eigentlich fast blind alles kaufen.
Decanus Obscaenus: Für mich ist das immer ganz witzig, sein Programm anzugucken, da ich einfach nie so der Thrash-Hörer war. Ich kenne zwar so die wichtigsten Sachen, aber wenn ich mir sein Programm anschaue, denke ich bei fast allem, dass es irgendwie geil aussieht. Ich kenne seine „Big Player“, aber er macht so viele Sachen, bei denen ich denke, dass ich unbedingt mal rein hören müsste, komme aber meistens nicht dazu. Bei mir hat es sich aber auch relativ schnell ausgeshrasht. Das ist zwar immer geil, aber für mich eher absolute Live-Mucke. Vom Ruf her hast du natürlich völlig recht, man kann bei ihm ziemlich blind einkaufen.
Lasst uns kurz das Thema wechseln, hin zu den Details des Albums. Ihr habt zu „The Beasts Of Speyer“ erstmals ein Musikvideo gedreht, unter deiner Regie, Decanus Obscaenus. Sicher eine nicht ganz einfache Angelegenheit, bei dem ernsten Hintergrund des Songs und insgesamt, die Band im richtigen Licht darzustellen, oder?
Decanus Obscaenus: Du hast damit erst einmal Recht. Ich fand es auch schwierig, es ist aber ähnlich zustande gekommen, wie das Album. Wir haben gesagt, wir machen ein Musikvideo, wir müssen das jetzt auch mal fertig bekommen. Da hatten wir ungefähr noch sechs Wochen, bis es erscheinen sollte. Wir hatten vom Label also schon das Datum bekommen, wann es veröffentlicht werden soll.
Cantor Cinaedicus: Der Druck, was die Deadline angeht, war nochmal erheblich höher als bei dem Album.
Decanus Obscaenus: Genau, es wurde wirklich eng. Ich muss dazu sagen, dass ich in der Vergangenheit relativ viele Musikvideos produziert habe. Alles im Underground, ich habe aber entsprechend Erfahrung und habe das Equipment einfach da. Was das angeht, kann ich es also relativ schnell umsetzen. Es ist trotzdem ein super großer Aufwand das zu planen, zu überlegen was man überhaupt machen will. Es gab Ideen, dann gab es terminliche Probleme, dass wir nicht alle an einem Datum konnten und ich sage mal so: Im Endeffekt bin ich sehr happy, wie es geworden ist. Ich habe da gar nicht mit gerechnet, dass es wirklich so ein schickes Video wird. Eher gab es einen Moment, an dem ich dachte: „Komm, wir machen jetzt einfach irgendwas, damit wir etwas zum Abliefern haben.“ Umso mehr freue mich jetzt drüber, dass es so gut wegkommt und auch okay aussieht., Zumindest nach allem, was ich gehört habe ist es eben nicht lächerlich, sieht nicht witzig aus, oder so. Wir konnten, glaube ich, die Atmosphäre des Songs ganz gut übertragen, ohne dass es irgendwie komisch wirkt. Da hat mir meine Erfahrung beim Produzieren von Musikvideos schon sehr in die Karten gespielt, aber es war alles auch sehr improvisiert.
Cantor Cinaedicus: Wenn Du das gerade so erzählst: Man hört ja häufiger, dass gerade die improvisierten Sachen, die so ein bisschen unter Druck entstehen, oft die geilsten sind, gerade weil man vielleicht nicht alles bis zum allerletzten Schnipsel durchdenkt, sondern einfach auch mal in der Situation sagt: „Alles klar, damit arbeiten wir jetzt, lass uns das einfach mal ausprobieren, wie das wird.“ Da muss man dann einfach zusehen, dass das in dem Moment gut wird.
Decanus Obscaenus: Ich weiß nicht, ob du diesen Kommentar unter dem Video bei YouTube gelesen hast. Dort schreibt jemand sinngemäß: „Cooles Video, aber krass, dass sie Euch in Deutschland in einer Kirche filmen lassen.“ Das fand ich irgendwie schon witzig. Ich war dort natürlich ganz alleine, privat und habe ein paar Szenen gedreht in den Hamburger Kirchen, aber es ist nie eine Bandszene in irgendeiner Kirche gedreht worden. Wenn man das weiß, ist das irgendwie klar, aber ich habe das als großes Kompliment gesehen. Wenn man das denkt, dass es in einer Kirche gedreht worden ist, haben wir unser Ziel erreicht, denn genau das wollten wir ja, aber es ist halt bei mir auf dem Dachboden.
Cantor Cinaedicus: Wir hatten im Vorfeld auch überlegt, ob es vielleicht irgendwo eine Kirche gibt, in die wir rein gehen können, wenn in dem Moment vielleicht keiner da ist. Uns war natürlich klar war, dass wir da hochkant raus fliegen, wenn wir ernsthaft versuchen, in unserem Ornat dort aufzulaufen und dort irgend etwas zu drehen. Es wird ja relativ schnell offensichtlich, dass wir etwas machen, was vielleicht mit deren Message nicht ganz konform geht.
Apropos Message. Theoretisch könnte man ja völlig ohne Probleme nur Songs über Missbrauchsskandale in der christlichen Kirche schreiben, was ja auch gut zur lüsternen Priesterhorde passen würde. Auf diesem Album habt ihr aber auch andere Themen aufgegriffen. Ich denke da vor allem an „Mastro Titta“, der Scharfrichter des Kirchenstaates im 19. Jahrhundert war, um den es in „Crosses To Gallows“ geht. Während bei Missbrauchsskandalen das System der Kirche ausgenutzt wird, werden hier ja Verbrechen öffentlich im Namen derselben begangen. Wolltet ihr bewusst dieses Mal auch in diese Richtung gehen oder sind euch die Geschichten quasi einfach vor die Füße gefallen?
Cantor Cinaedicus: Beides so ein bisschen, würde ich sagen. Wir wollten natürlich schon ein bisschen die lyrische Bandbreite diversifizieren, wie du schon völlig richtig festgestellt hast. Man könnte – und es ist bitter, das so sagen zu müssen – eine unendliche Anzahl an Texten über wahre Missbrauchsfälle schreiben, aber das ist ja nicht die einzige Absurdität dieser Institution. Wir wollten einfach da, wo es möglich ist, nochmal ein paar andere Facetten dieser Absurdität aufgreifen.
Das hat man natürlich, wenn eine Institution, die als eine zentrale Message Nächstenliebe predigt, einen offiziellen Scharfrichter beschäftigt, der zudem selber anscheinend, nach dem was überliefert ist, eine sehr illustre Gestalt war und auch fraglich ist, wie klar der so im Kopf war. Er hat die Hingerichteten als Patienten beschrieben, die er von der Sünde heilt.
Ganz, ganz wichtig, fand ich auch den Text zu „Bishop Of The Iron Guard“, da das nochmal ein völlig anderes Thema ist: Die Verzahnung von Religion und extremen politischen Ausrichtungen. In diesem Fall in erster Linie Faschismus, wo die Kirche einfach mindestens kleinlaut, manchmal aber auch helfend auftritt, wenn es ihr opportun erscheint für die eigene Sache. Das ist ja etwas, was gerade angesichts der aktuellen Weltströmung unserer Meinung nach hochaktuell ist. Es erschien uns also sehr passend, diesen Fall zu verarbeiten.
Decanus Obscaenus: Ich glaube, interessant ist für uns immer alles, was sich wie eine moralische Bankrotterklärung anfühlt, wenn man das historisch betrachtet. Das sind eigentlich immer die Sachen, die spannend sind für uns. Sowohl „Mastro Titta“, der die Leute totgeprügelt hat teilweise, also wirklich bestialisch umgebracht im Namen der Kirche, was heutzutage wirklich absurd klingt, als auch Trifa aus „Bishop Of The Iron Guard“. Der hat einfach ganz knallhart mit den Nazis koaliert und da mit gemacht. Es geht halt um Moral.
Cantor Cinaedicus: Eine heuchterische Moral, oder auch Doppelmoral, im Prinzip.
Als drittes würde mir dann noch Papst Formosus aus „Leichensynode“ einfallen, was ja eher in die Richtung „Kuriositäten“ geht. Also insgesamt schon „anstößige Idole“, aber möchtet ihr euch auch weg bewegen von eurer ursprünglichen Darstellung der „lüsternen Priesterhorde“?
Cantor Cinaedicus: Das war keine bewusste Entscheidung, sondern eine, die sich entwickelt hat, als wir selber festgestellt haben, dass es diese Entwicklung hin zu eher ernsthafteren Themen gibt. Ich glaube, wir haben auf diesem Album nämlich ausschließlich Texte, die auf wahren Fällen beruhen, was zwar auf der „Carnal Confessions“ überwiegend der Fall war, aber nicht ausschließlich. Das hat sich so entwickelt, wir gehen damit aber auch sehr d’accord, jetzt wo wir das im Nachhinein nochmal erkannt haben.
Man muss ja zugeben, zu Zeiten der „Lecherous Liturgies“-EP war das, ich sage das immer so ein bisschen salopp, auch nicht zu Ende gedacht. Das war eher: „Ja geil, lass mal eine bitterböse Satire machen, wir sind perverse Priester, hähä.“ Das hat sich einfach auf natürliche Art und Weise in eine etwas ernsthaftere Richtung entwickelt, mit der ich mich zumindest ganz wohl fühle, ohne dass ich jetzt Lust hätte, die ganze Zeit einen moralischen Zeigefinger zu schwingen. Es ist schon immer noch eine bitterböse Satire, aber es ist auch immer noch ein lustiger Tick dabei. Einfach ein bisschen anders als zu Beginn.
Decanus Obscaenus: Ich denke auch, das Füllhorn der Verfehlungen der Kirche ist schon wirklich reichlich gefüllt. Da sind ja Sachen dabei, die kannst du dir nicht ausdenken. Du hast gerade schon die „Leichensynode“ angesprochen. Den Papst wieder auszubuddeln, auf den Thron zu setzen, nochmal zu verklagen, um ihn dann wieder in den Fluss zu schmeißen, das ist schon wirklich wild, was da so passiert ist und natürlich total dankbar. Das ist ja wie geschrieben für uns in seiner Absurdität und ich glaube, so was hätten wir uns wirklich nicht ausdenken können.
Ich denke, die Band hätte auch nicht weiter bestehen können, wenn wir nicht diesen Schwung in Richtung Realität genommen hätten. Cantor Cinaedicus hat es ja auch schon schön gesagt, die EP ist noch total fiktional. Das erste Album quasi zur Hälfte und jetzt sind wir komplett in der Realität angekommen. Ich glaube, sonst wäre es einfach langweilig geworden. Die Schwere der Geschichten unterstützt die Musik ja auch gut. Das passt gut zusammen und wir haben sehr klar gespürt, dass es bei uns in diese Richtung gehen muss.
Wie funktioniert das eigentlich bei euch mit der Recherche zu den Songs? Im letzten Interview habt Ihr erzählt, dass Frater Flagellum oft mit den historischen Hintergründen kommt, dieses Mal kam aber offenbar auch Cantor Cinaedicus mit einer Idee, dann gab es noch die Geschichte mit der True-Crime-Doku zu Valerian Trifa. Macht ihr euch mittlerweile alle Notizen, wenn ihr im Alltag etwas zu Verbrechen im Zusammenhang mit der Kirche aufschnappt, weil es ein Thema für FVNERAL FVKK sein könnte?
Decanus Obscaenus: Es ist genau so. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, wo wir relativ regelmäßig alles das, was uns über den Weg läuft posten und uns daraus bedienen. Es stellt sich relativ schnell heraus, was für einen Song geeignet und was eher nur eine witzige Anekdote ist. Daraus entstehen dann die Texte, aber dazu kann Cantor Cinaedicus mehr erzählen.
Cantor Cinaedicus: Es ist nach wie vor so, dass die lyrischen Grundideen relativ oft von Frater Flagellum kommen. Allerdings hat auf „Indecent Idols“ Decanus Obscaenus zum allerersten Mal auch einen Text geschrieben. Außerdem wurden die Songs ein bisschen häufiger auch kooperativ fertig geschrieben. Beispielsweise hat einer etwas angefangen hat und ich habe es habe es dann vervollständigt, da ich ganz am Ende sowieso nochmal das Ganze bezüglich Rhythmik und Gesangsmelodie für mich ein bisschen umbauen muss, damit es wirklich hundertprozentig passt. Natürlich baue ich teilweise auch noch Formulierungen um, damit ich mich damit beim Singen wohlfühle.
Wie Decanus Obscaenus aber schon gesagt hat, findet die Themensammlung wirklich gemeinsam statt. Jeder, der irgend etwas abstruses liest, schreibt das so in den Chat und dann destillieren wir daraus Themen, bei denen alle finden, dass das einen guten Song abgeben könnte. Die Texte entstehen bei uns immer erst auf einen fertigen Song. Es ist also nie so, dass es komplette Lyrics vor einem musikalisch fertiggestellten Song gibt. So können wir dann anhand der fertig geschriebenen Musik ein bisschen entscheiden, was der Song für einen Vibe hat. Welches Thema könnte dafür benutzt werden? Meistens ist es so, dass sich erst einmal einer „verantwortlich“ fühlt und anfängt, einen Text zu schreiben, den entweder selbst fertig macht oder ich komplettiere ihn dann. Die „Leichensynode“ habe ich beispielsweise komplett geschrieben, das ist immer ein bisschen unterschiedlich.
Habt ihr eigentlich auch schon mal Themen verworfen, weil sie euch nicht passend für FVNERAL FVKK erschienen? Gibt es Themen im Zusammenhang mit der Kirche, die für euch ein „No Go“ wären, um als Texte für die Band verarbeitet zu werden?
Decanus Obscaenus: Prinzipiell nehmen wir erst einmal jede Schweinerei an, die uns präsentiert wird. Aber natürlich gibt es einige, die sich besser eignen, weil sie ein bisschen plakativer oder ein bisschen besonders sind. Das klingt jetzt natürlich ein bisschen wild, aber der klassische Missbrauchsfall, der vertuscht wird, in dem irgendwelche Priester mit drin hängen, der geht bei uns ja fast in der Masse unter, die wir schon an wilden Texten haben. Wir picken uns natürlich die heraus, die aus irgendwelchen Gründen ein bisschen hervorstechen und sei es, weil es darüber sehr genaue Dokumentationen gibt.
Cantor Cinaedicus: Was wir für meinen Geschmack dieses mal stärker versucht haben ist, verschiedene Perspektiven einzubringen, da man ein und dasselbe Thema natürlich auch nur mit einer gewissen Anzahl Worten beschreiben kann. Obwohl das immer ein bisschen eine heiße Kiste ist, haben wir das erste Mal einen Song aus der Opferperspektive erzählt. Wir hatten uns da bisher nicht so richtig heran getraut, da wir uns nie anmaßen würden, für Opfer zu sprechen. Wir haben einfach versucht, Perspektiven aufzuschreiben, die in Interviews von Opfern selbst so artikuliert wurden.
Grundsätzlich haben wir auch versucht, kleine besondere Details aufzugreifen. Beim letzten Song des Albums, „Even In Death (We Possess You)“ ist die unfassbare „Schlusspointe“, dass das Opfer irgendwann Suizid begangen hat und danach in der Gemeinde bestattet worden ist, in der der Missbrauch stattgefunden hat. Ich weiß nicht, ob nicht sogar der besagte Pfarrer noch die Grabrede gehalten hat.
Decanus Obscaenus: Ja, das hat er tatsächlich.
Cantor Cinaedicus: Da fragt man sich einfach, wie so etwas passieren kann. Nach solchen Details, an denen man sich ein bisschen festhalten kann, suchen wir.
Decanus Obscaenus: Von oben betrachtet, hat der Fall natürlich schnell so etwas reißerisches. Wir versuchen dabei dann, auch auf die Details zu achten und zu schauen, wie sich beispielsweise jemand fühlt, dem so etwas passiert. Wir brauchen jetzt nicht die große Bild-Zeitungsüberschrift, sondern es geht wirklich um das einzelne Schicksal der Person. Wie geht es jemandem, der in so einer Situation steckt?
Bei dem Text zu „The Beasts Of Speyer“, den ich geschrieben habe, habe ich wirklich lange darüber nachgedacht, wie sich ein Kind fühlen muss, das in so einem Umfeld lebt, sich Schutzräume bauen muss, das flüchten muss und weiß, wenn der kommt, dann passiert das und das. Zu versuchen diese Tragik in Worte zu fassen, finde ich immer sehr schwer und wir wollen uns wirklich nicht anmaßen, dass wir es schaffen, das zu transportieren. Ich hoffe aber, dass zumindest die Mühe, die wir uns damit geben, deutlich wird. Das macht es aus meiner Sicht ein bisschen lebendiger, als wenn wir uns nur auf die aller krassesten Sachen stürzen würden.
Cantor Cinaedicus: Manchmal ist das ein wahnsinnig schmaler Grat, der uns bisher – und darüber sind wir wahnsinnig froh – anscheinend immer gelungen ist. Wir haben auch schon Zuschriften von Betroffenen bekommen, die das sehr gut fanden, was wir machen. Das ist für uns eine super wertvolle Aussage, weil wir total oft darüber diskutieren, ob wir etwas machen können oder ob es vielleicht verletzend für Betroffene sein könnte, es irgendwie anmaßend ist oder uns einfach nicht zusteht. Grundsätzlich sprechen wir über die Texte und Themen mit der gesamten Band relativ viel.
Abschließend hätte ich noch eine Frage zur musikalischen Ausrichtung, auch wenn ich mir schon ein bisschen denken kann, wie die Antwort ausfällt. Dieses Mal scheint mir ein klein wenig mehr „richtiger“ Epic Doom dabei zu sein, ein paar wenige Male kam mir dann doch CANDLEMASS zu Messiah-Marcolin-Zeiten in den Sinn. Absicht oder Zufall?
Cantor Cinaedicus: Das ist die klischeehafteste Musikerantwort, aber tatsächlich brauche ich immer ein bisschen Abstand von einem frisch aufgenommenen Album, um so etwas so richtig analysieren zu können. Ich hätte aber eine Theorie, woher das vielleicht kommt. Es ist absolut keine bewusste Entscheidung gewesen, so viel können wir auf jeden Fall sagen. Vielleicht kommt es daher, dass der Produzent der ersten Platte ursprünglich aus dem Metalcore kommt und dementsprechend auch produziert hat, bis wir ihn dann ein bisschen in Richtung Doom getreten hatten. Jens (Ballascke, Produzent von „Indecent Idols“, Anmerk. d. Verf.) hatte erstens mit dem ersten Album eine Blaupause, an dem wir uns orientiert haben und zweitens kommt er zwar auch aus dem extremen Metal, ist aber generell breit aufgestellt, was klassische Metal-Alben angeht. Das wäre eine Theorie. Was meinst du dazu, Decanus Obscaenus? Ich vermute, dass es eher eine Sound-Frage ist.
Decanus Obscaenus: Also interessanterweise ist das Equipment exakt das gleiche, wie auf der „Carnal Confessions“. Es ist aber trotzdem eine Frage des Abmischens. Ich glaube das hört man auch gar nicht so. Ich kann es dir gar nicht genau erklären, finde es aber interessant, dass du das so einordnest, da ich das gar nicht über das Album gesagt hätte, ohne es total falsch zu finden. Ich könnte mir eher vorstellen, dass ich, der die meisten Riffs beisteuert, einfach viel Epic-Zeug höre und mich mittlerweile auch stärker in Richtung klassischen Heavy Metals entwickelt habe, auch in Richtung Power Metal. Vielleicht kommt es auch ein bisschen daher. Natürlich hat die Platte keinen Power-Metal-Einschlag. Es ist schon eher dieser CANDLEMASS-Doom und das ist ja eigentlich auch das, was mir am Herzen liegt, was ich am meisten mag. Trotzdem sind das alles Sachen, die wir nicht bewusst steuern. Das entsteht einfach und lässt sich manchmal auch gar nicht so richtig ergründen. Auch für mich ist das Album außerdem noch zu präsent, als dass ich das jetzt wirklich beurteilen könnte.
Cantor Cinaedicus: Ich finde es eine super interessante Einschätzung. Ich habe gerade nochmal darüber nach gedacht, während Decanus Obscaenus geantwortet hat. Ich finde es auch keineswegs falsch, sondern eine völlig legitime Einschätzung, hätte sie aber so nicht getroffen. Ich finde nicht, dass sie Epic-Doomiger als die erste Platte klingt. Letztendlich ist es ja auch egal. Wie du schon merkst: Wir haben keine gute Erklärung dafür.
Decanus Obscaenus: Außerdem ist es auch erst das zweite Album der Band. Ich glaube, die EP haben wir einfach mal so gemacht, das erste Album war ein Ding, um den Sound zu finden und jetzt sind wir nochmal einen Schritt weiter gegangen. Das fühlt sich für mich alles nach Bandentwicklung an, dass wir da jetzt sind fühlt sich total schlüssig an. Ich habe da gar nicht solche Fragezeichen im Kopf.
Ich danke Euch für das entspannte Gespräch.
Decanus Obscaenus und Cantor Cinaedicus: Danke Dir!
