
Fvneral Fvkk
"Komm, lass mal echt machen jetzt. Es ist Zeit."
Interview
Als drittes würde mir dann noch Papst Formosus aus „Leichensynode“ einfallen, was ja eher in die Richtung „Kuriositäten“ geht. Also insgesamt schon „anstößige Idole“, aber möchtet ihr euch auch weg bewegen von eurer ursprünglichen Darstellung der „lüsternen Priesterhorde“?
Cantor Cinaedicus: Das war keine bewusste Entscheidung, sondern eine, die sich entwickelt hat, als wir selber festgestellt haben, dass es diese Entwicklung hin zu eher ernsthafteren Themen gibt. Ich glaube, wir haben auf diesem Album nämlich ausschließlich Texte, die auf wahren Fällen beruhen, was zwar auf der „Carnal Confessions“ überwiegend der Fall war, aber nicht ausschließlich. Das hat sich so entwickelt, wir gehen damit aber auch sehr d’accord, jetzt wo wir das im Nachhinein nochmal erkannt haben.
Man muss ja zugeben, zu Zeiten der „Lecherous Liturgies“-EP war das, ich sage das immer so ein bisschen salopp, auch nicht zu Ende gedacht. Das war eher: „Ja geil, lass mal eine bitterböse Satire machen, wir sind perverse Priester, hähä.“ Das hat sich einfach auf natürliche Art und Weise in eine etwas ernsthaftere Richtung entwickelt, mit der ich mich zumindest ganz wohl fühle, ohne dass ich jetzt Lust hätte, die ganze Zeit einen moralischen Zeigefinger zu schwingen. Es ist schon immer noch eine bitterböse Satire, aber es ist auch immer noch ein lustiger Tick dabei. Einfach ein bisschen anders als zu Beginn.
Decanus Obscaenus: Ich denke auch, das Füllhorn der Verfehlungen der Kirche ist schon wirklich reichlich gefüllt. Da sind ja Sachen dabei, die kannst du dir nicht ausdenken. Du hast gerade schon die „Leichensynode“ angesprochen. Den Papst wieder auszubuddeln, auf den Thron zu setzen, nochmal zu verklagen, um ihn dann wieder in den Fluss zu schmeißen, das ist schon wirklich wild, was da so passiert ist und natürlich total dankbar. Das ist ja wie geschrieben für uns in seiner Absurdität und ich glaube, so was hätten wir uns wirklich nicht ausdenken können.
Ich denke, die Band hätte auch nicht weiter bestehen können, wenn wir nicht diesen Schwung in Richtung Realität genommen hätten. Cantor Cinaedicus hat es ja auch schon schön gesagt, die EP ist noch total fiktional. Das erste Album quasi zur Hälfte und jetzt sind wir komplett in der Realität angekommen. Ich glaube, sonst wäre es einfach langweilig geworden. Die Schwere der Geschichten unterstützt die Musik ja auch gut. Das passt gut zusammen und wir haben sehr klar gespürt, dass es bei uns in diese Richtung gehen muss.
Wie funktioniert das eigentlich bei euch mit der Recherche zu den Songs? Im letzten Interview habt Ihr erzählt, dass Frater Flagellum oft mit den historischen Hintergründen kommt, dieses Mal kam aber offenbar auch Cantor Cinaedicus mit einer Idee, dann gab es noch die Geschichte mit der True-Crime-Doku zu Valerian Trifa. Macht ihr euch mittlerweile alle Notizen, wenn ihr im Alltag etwas zu Verbrechen im Zusammenhang mit der Kirche aufschnappt, weil es ein Thema für FVNERAL FVKK sein könnte?
Decanus Obscaenus: Es ist genau so. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, wo wir relativ regelmäßig alles das, was uns über den Weg läuft posten und uns daraus bedienen. Es stellt sich relativ schnell heraus, was für einen Song geeignet und was eher nur eine witzige Anekdote ist. Daraus entstehen dann die Texte, aber dazu kann Cantor Cinaedicus mehr erzählen.
Cantor Cinaedicus: Es ist nach wie vor so, dass die lyrischen Grundideen relativ oft von Frater Flagellum kommen. Allerdings hat auf „Indecent Idols“ Decanus Obscaenus zum allerersten Mal auch einen Text geschrieben. Außerdem wurden die Songs ein bisschen häufiger auch kooperativ fertig geschrieben. Beispielsweise hat einer etwas angefangen hat und ich habe es habe es dann vervollständigt, da ich ganz am Ende sowieso nochmal das Ganze bezüglich Rhythmik und Gesangsmelodie für mich ein bisschen umbauen muss, damit es wirklich hundertprozentig passt. Natürlich baue ich teilweise auch noch Formulierungen um, damit ich mich damit beim Singen wohlfühle.
Wie Decanus Obscaenus aber schon gesagt hat, findet die Themensammlung wirklich gemeinsam statt. Jeder, der irgend etwas abstruses liest, schreibt das so in den Chat und dann destillieren wir daraus Themen, bei denen alle finden, dass das einen guten Song abgeben könnte. Die Texte entstehen bei uns immer erst auf einen fertigen Song. Es ist also nie so, dass es komplette Lyrics vor einem musikalisch fertiggestellten Song gibt. So können wir dann anhand der fertig geschriebenen Musik ein bisschen entscheiden, was der Song für einen Vibe hat. Welches Thema könnte dafür benutzt werden? Meistens ist es so, dass sich erst einmal einer „verantwortlich“ fühlt und anfängt, einen Text zu schreiben, den entweder selbst fertig macht oder ich komplettiere ihn dann. Die „Leichensynode“ habe ich beispielsweise komplett geschrieben, das ist immer ein bisschen unterschiedlich.

Decanus Obscaenus beim Hell Over Hammaburg 2024
Habt ihr eigentlich auch schon mal Themen verworfen, weil sie euch nicht passend für FVNERAL FVKK erschienen? Gibt es Themen im Zusammenhang mit der Kirche, die für euch ein „No Go“ wären, um als Texte für die Band verarbeitet zu werden?
Decanus Obscaenus: Prinzipiell nehmen wir erst einmal jede Schweinerei an, die uns präsentiert wird. Aber natürlich gibt es einige, die sich besser eignen, weil sie ein bisschen plakativer oder ein bisschen besonders sind. Das klingt jetzt natürlich ein bisschen wild, aber der klassische Missbrauchsfall, der vertuscht wird, in dem irgendwelche Priester mit drin hängen, der geht bei uns ja fast in der Masse unter, die wir schon an wilden Texten haben. Wir picken uns natürlich die heraus, die aus irgendwelchen Gründen ein bisschen hervorstechen und sei es, weil es darüber sehr genaue Dokumentationen gibt.
Cantor Cinaedicus: Was wir für meinen Geschmack dieses mal stärker versucht haben ist, verschiedene Perspektiven einzubringen, da man ein und dasselbe Thema natürlich auch nur mit einer gewissen Anzahl Worten beschreiben kann. Obwohl das immer ein bisschen eine heiße Kiste ist, haben wir das erste Mal einen Song aus der Opferperspektive erzählt. Wir hatten uns da bisher nicht so richtig heran getraut, da wir uns nie anmaßen würden, für Opfer zu sprechen. Wir haben einfach versucht, Perspektiven aufzuschreiben, die in Interviews von Opfern selbst so artikuliert wurden.
Grundsätzlich haben wir auch versucht, kleine besondere Details aufzugreifen. Beim letzten Song des Albums, „Even In Death (We Possess You)“ ist die unfassbare „Schlusspointe“, dass das Opfer irgendwann Suizid begangen hat und danach in der Gemeinde bestattet worden ist, in der der Missbrauch stattgefunden hat. Ich weiß nicht, ob nicht sogar der besagte Pfarrer noch die Grabrede gehalten hat.
Decanus Obscaenus: Ja, das hat er tatsächlich.
Cantor Cinaedicus: Da fragt man sich einfach, wie so etwas passieren kann. Nach solchen Details, an denen man sich ein bisschen festhalten kann, suchen wir.
Decanus Obscaenus: Von oben betrachtet, hat der Fall natürlich schnell so etwas reißerisches. Wir versuchen dabei dann, auch auf die Details zu achten und zu schauen, wie sich beispielsweise jemand fühlt, dem so etwas passiert. Wir brauchen jetzt nicht die große Bild-Zeitungsüberschrift, sondern es geht wirklich um das einzelne Schicksal der Person. Wie geht es jemandem, der in so einer Situation steckt?
Bei dem Text zu „The Beasts Of Speyer“, den ich geschrieben habe, habe ich wirklich lange darüber nachgedacht, wie sich ein Kind fühlen muss, das in so einem Umfeld lebt, sich Schutzräume bauen muss, das flüchten muss und weiß, wenn der kommt, dann passiert das und das. Zu versuchen diese Tragik in Worte zu fassen, finde ich immer sehr schwer und wir wollen uns wirklich nicht anmaßen, dass wir es schaffen, das zu transportieren. Ich hoffe aber, dass zumindest die Mühe, die wir uns damit geben, deutlich wird. Das macht es aus meiner Sicht ein bisschen lebendiger, als wenn wir uns nur auf die aller krassesten Sachen stürzen würden.
Cantor Cinaedicus: Manchmal ist das ein wahnsinnig schmaler Grat, der uns bisher – und darüber sind wir wahnsinnig froh – anscheinend immer gelungen ist. Wir haben auch schon Zuschriften von Betroffenen bekommen, die das sehr gut fanden, was wir machen. Das ist für uns eine super wertvolle Aussage, weil wir total oft darüber diskutieren, ob wir etwas machen können oder ob es vielleicht verletzend für Betroffene sein könnte, es irgendwie anmaßend ist oder uns einfach nicht zusteht. Grundsätzlich sprechen wir über die Texte und Themen mit der gesamten Band relativ viel.
Abschließend hätte ich noch eine Frage zur musikalischen Ausrichtung, auch wenn ich mir schon ein bisschen denken kann, wie die Antwort ausfällt. Dieses Mal scheint mir ein klein wenig mehr „richtiger“ Epic Doom dabei zu sein, ein paar wenige Male kam mir dann doch CANDLEMASS zu Messiah-Marcolin-Zeiten in den Sinn. Absicht oder Zufall?
Cantor Cinaedicus: Das ist die klischeehafteste Musikerantwort, aber tatsächlich brauche ich immer ein bisschen Abstand von einem frisch aufgenommenen Album, um so etwas so richtig analysieren zu können. Ich hätte aber eine Theorie, woher das vielleicht kommt. Es ist absolut keine bewusste Entscheidung gewesen, so viel können wir auf jeden Fall sagen. Vielleicht kommt es daher, dass der Produzent der ersten Platte ursprünglich aus dem Metalcore kommt und dementsprechend auch produziert hat, bis wir ihn dann ein bisschen in Richtung Doom getreten hatten. Jens (Ballascke, Produzent von „Indecent Idols“, Anmerk. d. Verf.) hatte erstens mit dem ersten Album eine Blaupause, an dem wir uns orientiert haben und zweitens kommt er zwar auch aus dem extremen Metal, ist aber generell breit aufgestellt, was klassische Metal-Alben angeht. Das wäre eine Theorie. Was meinst du dazu, Decanus Obscaenus? Ich vermute, dass es eher eine Sound-Frage ist.
Decanus Obscaenus: Also interessanterweise ist das Equipment exakt das gleiche, wie auf der „Carnal Confessions“. Es ist aber trotzdem eine Frage des Abmischens. Ich glaube das hört man auch gar nicht so. Ich kann es dir gar nicht genau erklären, finde es aber interessant, dass du das so einordnest, da ich das gar nicht über das Album gesagt hätte, ohne es total falsch zu finden. Ich könnte mir eher vorstellen, dass ich, der die meisten Riffs beisteuert, einfach viel Epic-Zeug höre und mich mittlerweile auch stärker in Richtung klassischen Heavy Metals entwickelt habe, auch in Richtung Power Metal. Vielleicht kommt es auch ein bisschen daher. Natürlich hat die Platte keinen Power-Metal-Einschlag. Es ist schon eher dieser CANDLEMASS-Doom und das ist ja eigentlich auch das, was mir am Herzen liegt, was ich am meisten mag. Trotzdem sind das alles Sachen, die wir nicht bewusst steuern. Das entsteht einfach und lässt sich manchmal auch gar nicht so richtig ergründen. Auch für mich ist das Album außerdem noch zu präsent, als dass ich das jetzt wirklich beurteilen könnte.
Cantor Cinaedicus: Ich finde es eine super interessante Einschätzung. Ich habe gerade nochmal darüber nach gedacht, während Decanus Obscaenus geantwortet hat. Ich finde es auch keineswegs falsch, sondern eine völlig legitime Einschätzung, hätte sie aber so nicht getroffen. Ich finde nicht, dass sie Epic-Doomiger als die erste Platte klingt. Letztendlich ist es ja auch egal. Wie du schon merkst: Wir haben keine gute Erklärung dafür.
Decanus Obscaenus: Außerdem ist es auch erst das zweite Album der Band. Ich glaube, die EP haben wir einfach mal so gemacht, das erste Album war ein Ding, um den Sound zu finden und jetzt sind wir nochmal einen Schritt weiter gegangen. Das fühlt sich für mich alles nach Bandentwicklung an, dass wir da jetzt sind fühlt sich total schlüssig an. Ich habe da gar nicht solche Fragezeichen im Kopf.
Ich danke Euch für das entspannte Gespräch.
Decanus Obscaenus und Cantor Cinaedicus: Danke Dir!
Galerie mit 12 Bildern: Fvneral Fvkk - Hell Over Hammaburg 2024 Warm Up

Mehr zu Fvneral Fvkk
| Band | |
|---|---|
| Stile | Doom Metal, Epic Doom |
Interessante Alben finden
Auf der Suche nach neuer Mucke? Durchsuche unser Review-Archiv mit aktuell 38876 Reviews und lass Dich inspirieren!
Fvneral Fvkk auf Tour
| 08.07. - 10.07.27 | metal.de präsentiertDoomShip 2027 (Festival)Funeralium, Thronehammer, Esoteric, Ennui, Lychgate, Wooden Veins, Fading Bliss, Discouraged, Decemberance, Fvneral Fvkk und UrzaMS Stubnitz, Hamburg |





















Kommentare
Sag Deine Meinung!