Kreator
Mutig die Welt bezwingen

Interview

“Victory Will Come” sang Mille vor mehr als zehn Jahren im gleichnamigen Song. Und in der Tat: Der seit “Violent Revolution” stetig andauernde Siegeszug von KREATOR ist nicht zu stoppen. Die kommerziell erfolgreichste Thrash-Metal-Band des Landes schafft es, mit jeder Platte noch einen draufzusetzen. Thrash-Purist:innen nörgeln angesichts der zunehmend hymnischen Ausrichtung und wuchtigeren Produktionen – der Erfolg und die Liebe der Fans geben den Essenern allerdings Recht.

So wundert es nicht, dass Frontmann Mille Petrozza und Bassist Frédéric Leclercq zu unserem Interview entspannt und bestens aufgelegt sind. Beide strahlen die innere Ruhe von Musikern aus, die mit sich im Reinen sind und exakt das tun, worauf sie Bock haben. Warum sich KREATOR nie zurückentwickeln werden, wie wichtig “Neuzugang” Leclercq seit fast sieben Jahren für die Band ist und warum “Krushers Of The World” trotz aller politischen Schieflagen als positives Album verstanden werden will, lest ihr in unserem Interview.

Foto: Robert Eikelpoth

Mille, Frédéric: Schön, euch sprechen zu können. KREATOR ist für viele eine Band, die einen schon das ganze Leben, meist seit Jugendtagen begleitet. So auch für mich – ein Interview mit euch stand dementsprechend schon länger auf meiner metallischen Bucket List. Gibt es solche Musiker für euch, die ihr selbst Legendenstatus habt, noch?

Frédéric: Wir standen vor kurzer Zeit mit Uli Jon Roth zusammen auf der Bühne …

Mille: … ja, er kam zu uns auf die Bühne …

Frédéric (trocken): Er ist quasi das fünfte Bandmitglied.

Und ihr habt dann ein SCORPIONS-Cover gespielt?

Mille: Nein, einen KREATOR-Song. Er hat “Strongest Of The Strong” mit uns gespielt. Wir haben einen langen Solo-Part für ihn eingebaut. Aber, um zu deiner Frage zurückzukommen: abgesehen von Uli …

Frédéric: … vielleicht Eric Adams?

Mille: Genau und Udo Dirkschneider, der auch schon mal Gast bei uns war. Das sind Leute, mit deren Musik wir aufgewachsen sind. Ich habe inzwischen viele davon kennengelernt und die meisten waren sehr nett. Manchmal läuft man sich bei einem Festival über den Weg und du freust dich, dass die Band, zu der du aufgeschaut hast, nette Leute sind. Zu neunundneunzig Prozent ist das der Fall.

Wir sprechen ja heute über euer immerhin 16. Studioalbum “Krushers Of The World”. Wie beginnt man die Arbeiten an Album Nummer 16? Kriegt man da Panik und fragt sich, wo man noch Kreativität hernehmen soll oder ist es ein Vorteil, weil man von so viel Erfahrung profitieren kann?

Mille: Ich glaube, ich denke da gar nicht groß drüber nach. Wenn man Musiker und Songwriter in einer Band ist [dreht sich zu Frédéric, welcher nickt] – du kennst das wahrscheinlich ebenfalls –, dann ist das einfach deine Tätigkeit. Es gibt eine Zeit, in der du Ideen sammelst und eröffnest sozusagen die Kanäle deiner Kreativität neu.

Kreator – Elbriot 2025Du sitzt zu Hause, nimmst dir eine Gitarre, schaltest die blöden sozialen Medien ab und es geht einfach los. So war es bei mir die meiste Zeit meines Lebens. Einer meiner Lieblingskünstler, NICK CAVE, versetzt sich beim Songwriting in eine Art ‘Office-Modus’, von neun bis fünf. Ich könnte das nicht, ich bin eher ein spontaner Songwriter. Manchmal kommt gar nichts bei raus, manchmal habe ich einen Song in ein paar Minuten fertig. Es gibt keine Formel.

Frédéric, wie war es für dich? Es ist dein zweites Album mit KREATOR. Fühlt sich das sozusagen ‘realer’ als beim ersten gemeinsamen Album an?

Mille [grinst]: Genau, die erste war nämlich ein Fake. [alle lachen]

Frédéric: Ehrlich gesagt nicht, weil wir uns schon so lange vorher kannten. Ich meine, es ist toll und ich habe die Band schon immer geliebt. Aber als Mille mich anrief, war es kein Schock. Es war relativ einfach: ‘Willst du in der Band sein?’ – ‘Okay!’ Dann haben wir gemeinsam gespielt und nach dem zweiten Song hat es sich sehr natürlich angefühlt. Genauso, als wir die Single “666 – World Divided” zusammen gemacht haben.

Seit sieben Jahren wichtiger Bestandteil der Band: Frédéric Leclercq (Foto: Andrea Friedrich / metal.de)

Sie haben meine eigene Herangehensweise an Musik willkommen geheißen und hatten nicht diese Einstellung ‘Wir machen das seit 34 Jahren, halt die Klappe’, sondern sie wollten mich in der Band haben für das, worin ich gut bin. Die erste gemeinsame Platte “Hate Über Alles” lief also sehr gut. Komisch war nur das Timing, weil sie während der Covid-Pandemie entstanden ist. Dieses Mal waren wir vielleicht etwas fokussierter, weil wir auch Zeit gemeinsam auf Tour verbracht haben. Nach der Tour hatten wir auch nur eine kurze Pause und sind danach ins Studio gegangen; hatten also noch diese Energie in uns.

Das Songwriting für “Krushers Of The World” scheint einfach von der Hand gegangen zu sein, denn ihr habt im Vergleich zu anderen Alben relativ schnell nach “Hate Über Alles” eine neue Platte draußen …

Mille: Ich muss dich korrigieren. “Hate Über Alles” war bereits 2021 fertig, wurde aber erst 2022 veröffentlicht. Wir hatten es vor dem Lockdown mehr oder weniger fertig geschrieben und danach aufgenommen. Daher ist das Album eigentlich schon älter und der Zyklus für uns sozusagen der gleiche.

Fiel euch das Songwriting dennoch leicht?

Mille: Würde ich schon sagen, ja. [zu Frédéric:] Was würdest du sagen?

Frédéric: Ja, absolut. Es war viel Arbeit, aber es lief alles sehr geschmeidig – von Milles ersten Demos über die Vorproduktion, bei der Jens [Bogren, Produzent – Anm.] schon mit dabei ist, hin zu den eigentlichen Aufnahmen. Aber die Ideen kamen alle sehr flüssig. Wir waren einfach ein noch besseres Team. Ich finde auch, man kann die ganze Aufregung und Euphorie auf dem Album hören. Ich hoffe, die Fans können das auch hören.


Man kann auf alle Fälle hören, dass ihr zusammen Spaß und Bock auf die Musik hattet. Außerdem klingt das Album sehr frisch. Zugleich fasst es so ziemlich euer ganzes Schaffen seit “Endorama” zusammen.

Mille: Vor allem bei “Tränenpalast”. Oder welchen meintest du?

Den, aber auch den Titeltrack. Der erinnert vom Vibe manchmal an einen Song wie “Golden Age”.

Mille: Ah ja. Nice.

Der Song verdeutlicht auch gut, wie wichtig die Chorus-Parts auf dem Album sind. Da habt ihr zuletzt ja sowieso viel Mühe reingesteckt, hier aber ein neues Level erreicht.

Mille: Im Guten, meinst du hoffentlich?

Absolut.

Mille: Naja, das sehen ja nicht alle so.

Frédéric: ‘Oh no, sie haben jetzt Refrains … ’

Mille: Also erst mal danke für die netten Worte. Aber tatsächlich denken wir gar nicht so viel darüber nach. Es kommt einfach darauf an, was der Song braucht. Wenn das ein großer Chorus ist, dann ist es eben so. Aber es gibt trotzdem ganz verschiedene Chorus-Parts, wenn wir jetzt ins Detail gehen wollen. “Death Scream” hat einen ganz anderen Vibe als “Satanic Anarchy”. Sie unterscheiden sich, weil sie …

Frédéric: … einen Zweck haben.

Mille: Songwriting ist eben ein bisschen wie Puzzeln. Du fügst Teile zusammen und versuchst, sie mit Poesie und Bedeutung zu füllen. Man kommuniziert mit der Außenwelt und gleichzeitig muss uns die Musik selbst glücklich machen. Außerdem sind wir vier sehr unterschiedliche Charaktere und ergänzen uns gegenseitig im Studio, was zu unterschiedlichen Akzenten führt.

„Es gibt keine Formel“ – Mille Petrozza

Da ihr gerade von Charakteren sprecht: Mille, was hat sich am meisten verbessert, seit Frédéric in der Band ist? Und Frédéric, was sind deiner Ansicht nach deine größten Stärken für KREATOR?

Mille: Eigentlich versuchen wir, nicht zu viel darüber nachzudenken, um die Situation nicht zu zerstören. Er ist der “missing link”. Weißt du, eine Band ist wie eine Beziehung mit vier Menschen. Und die Chemie zwischen uns ist einfach friedlich und harmonisch.

Frédéric: Ich weiß ja auch nicht, wie es vor meiner Zeit war. Aber was mir die Band und die Crew an Feedback geben, ist sehr gut. Auf Tour ist man ja wie eine kleine Familie. Ich habe ja auch in anderen Bands erlebt, wie es ist, wenn jemand frisches Blut rein bringt. Ich habe meine eigene Art zu arbeiten und ich kann sehr penibel werden, wenn es um Harmonien und solche Sachen geht.

Mille: Wir haben dadurch jetzt zwei ‘richtige Musiker’ in der Band. Ventor und ich sind ja Autodidakten und bisher war es immer Samis Part, der klassisch ausgebildete Musiker zu sein. Und das ist natürlich gut für die Qualität, die Kommunikation und die Motivation.

Frédéric: Mir wurde auch nie vermittelt, dass ich mich beweisen müsste. Aber ich möchte mich einbringen. Zum Beispiel spreche ich gerne über Dinge wie Choreographie. Oder ich schlage andere Arbeitsmethoden vor und bringe mich auf diese Weise ein. Und ich bringe Frieden. [grinst]

Den Titel “Krushers Of The World” kann man zweideutig verstehen: Er könnte die Diktatoren und Kriegstreiber meinen, die die Welt im wahrsten Sinne zerstören oder als Motivation bzw. Empowerment verstanden werden.

Mille: Letzteres. Die erste Bedeutung wäre zu negativ und davon haben wir in der Realität schon genug. Für mich soll der Titel Mut machen. Es geht mir darum, mit Problemen umzugehen und sie nicht zu hassen.

Das ergibt Sinn, denn der Song hat eine traditionelle, melodische Schönheit und etwas Aufmunterndes.

Mille: Das ist ein tolles Kompliment. Danke, dass du das Wort ‘schön’ benutzt hast, denn ich habe das Gefühl, im Metal haben davor viele Angst. Alles muss irgendwie evil und true sein und ich freue mich, dass wir dieses Gefühl auslösen konnten.

Frédéric: Musik soll ja auch schön sein.

Absolut. Jeder Mensch findet ja auch etwas anderes schön. Die alten KREATOR-Alben waren auch schön, weil sie ganz unmittelbar Aggression, Wut und die hässlichen Seiten der Welt verarbeitet haben und viele Menschen sich darin verstanden fühlten. Ihr habt aber auch schon dutzende Male bewiesen, dass ihr in der Lage seit, pure Aggression mit dissonanten Soli und Highspeed-Riffs zu schreibe, also ist das doch ein cooles neues Feature.

Mille: Danke, das ist eines der schönsten Komplimente überhaupt.

Bei “Combatants” muss ich fragen, ob das ein gewollter Tribut an die alten MANOWAR ist. Das epische Stampfen, die Art, wie du ‘Combatants of the gods’ singst und das Feeling insgesamt lassen daran denken.

Mille: MANOWAR sind vielleicht die eine Band, auf die wir uns alle einigen können …

Frédéric: … außer Sami. Ihre ersten vier Alben sind absolut ikonisch.

Mille: Ich weiß, vielen sind sie zu kitschig, aber wir stehen auf die alten Alben. Ist es ein bewusster Tribut? Definitiv nicht. Aber es kommt aus der selben Ecke. Wir lieben es, wenn wir den Menschen mit Metal Energie und Power geben können. Und die ersten Alben von MANOWAR haben das definitiv gekonnt. Es gab diese Fantasy-Welt, in die man flüchten konnte und es gab immer den einen sonderbaren Song, z. B. “Warlord”. Die Leute denken, sie sind corny, aber … sie sind es nicht. Sie haben Eric Adams. [Gelächter] Warum rede ich jetzt nur noch wie ein Fanboy über MANOWAR?

[Gelächter]

Frédéric: Keine Ahnung, aber es ist cool.

Es ist auf alle Fälle cool, Metal-Pionieren zuzuhören, wie sie über etwas sprechen, das sie echt lieben.

Frédéric: Ventor sagt auch immer, wir sollen einen Podcast zusammen machen.

Einer der überraschendsten Tracks auf dem Album ist “Satanic Anarchy”. Auch hier hat der Refrain etwas geradezu Positives, Aufmunterndes und steht im Kontrast zu dem, was der Titel zunächst suggeriert. Was bedeutet denn “Satanic Anarchy”.

Mille: Es sind zwei Worte, die ein wenig die Fantasie anregen sollen. Satanismus bedeutet völlige Freiheit. Anarchie totales Chaos, das ebenfalls Freiheit bedeuten könnte. Diese Worte ergeben kombiniert einen neuen Vibe und man sollte es nicht zu wörtlich nehmen.

“Barbarians” ist ebenfalls ein Highlight. Um welche Barbaren geht es da?

Mille: In dem Song steckt vielleicht mehr MANOWAR drin als irgendwo sonst. Es hat einen “Conan”-Vibe, aber es geht auch ums Älterwerden und zu realisieren, dass die eigene Zeit abläuft. Es erzählt davon wie man als Mensch aus der Vergangenheit mit Problemen der Gegenwart konfrontiert ist und wie herausfordernd das sein kann.

War es schwer, die Tracklist zu arrangieren? “Death Scream” geht als vorletzter Song fast etwas unter, ist aber mörderisch.

Mille [grinsend]: Das kommt auf die Aufmerksamkeitsspanne an. Ich verstehe aber, was du sagen willst. Ehrlich gesagt hatten wir ein Luxusproblem dieses Mal. Wir empfanden das Material als sehr stark und wussten, dass wir eine gute Abfolge brauchen. Also überließ ich die Entscheidung unserem Produzenten Jens. Ich wusste nur, dass “Seven Serpents” der erste und “Loyal To The Grave” der letzte Song sein sollten. Das funktionierte aber nur, weil Jens dieses Mal so stark einbezogen wurde. Das Klischee vom ‘fünften Bandmitglied’ stimmt dieses Mal absolut.

Lasst uns mal noch über das spektakuläre Artwork sprechen. Man könnte Verbindungen zu Dante und Hieronymus Bosch ziehen …

Mille: Genau. Vielleicht auch noch Surrealismus à la Max Ernst.

Frédéric: Es sind auch Referenzen an ältere KREATOR-Artworks drin, zum Beispiel “Out Of The Dark”.

Mille: Zbigniew ist ein Genie, ich liebe den Kerl. Er hat einen fantastischen Job gemacht und nicht nur den Vibe der Lyrics erfasst, sondern auch eine neue Welt eröffnet. Die Verbindung von Artwork und Musik passt einfach super gut.

Gibt es noch etwas, das ihr den Fans mitteilen wollt?

Beide: Dankeschön!

Danke euch ebenfalls für dieses äußerst angenehme Gespräch!

Quelle: Mille Petrozza & Frédéric Leclercq
19.01.2026

Redakteur

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