Neaera
Interview mit Benjamin Hilleke zu "Ours Is The Storm"

Interview

Neaera

Inzwischen ist es beinahe schon Gewohnheit: NEAERA bringen eine neue Platte aus, ich erwarte eine Enttäuschung und bin doch wieder mehr als begeistert. „Ours Is The Storm“ hat sich als ein mutiges Album entpuppt, das die Münsteraner auch mal von einer anderen Seite zeigt. Mit Frontmann Benny plauderten wir über das Album, den erneuerten Deal mit ihrer Dauer-Labelheimat Metal Blade Records und prominente Gastauftritte – einen Abstecher nach Russland inklusive.

 

Ich verfolge euch seit dem Debütalbum und hatte schon öfter die Sorge, ihr würdet euren Zenit langsam mal erreichen, aber diese Befürchtung hat sich immer wieder in Luft aufgelöst. Was ihr aber mit „Ours Is The Storm“ abgeliefert hat, hat selbst meine höchsten Erwartungen ziemlich übertroffen. Deshalb erst einmal Kompliment! Und so wie die Reaktionen bislang ausfallen, scheine ich mit der Meinung nicht allein dazustehen, oder sind euch auch schon wirklich kritische Stimmen untergekommen?

Vielen Dank erstmal für deine Worte! Das freut mich natürlich und bislang ist das allgemeine Feedback der „Kritiker“ tatsächlich sehr, sehr cool! Aber auch von den Leuten, die bislang nur unsere ersten zwei Songs hören konnten, haben dieses Mal nur halb so viele gemeckert, wie es bei anderen Veröffentlichungen der Fall war… und das deute ich mal als gutes Zeichen 🙂 Aber es werden sicherlich auch noch ein paar nicht so pralle Reaktionen kommen, bei Musik scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Was der eine super findet, ist für den anderen Schrott.

Aber das ist völlig okay, solange das einigermaßen konstruktiv geschrieben ist. Jedem kann man es ja eh nicht recht machen.

Für mich liegt die Stärke von „Ours Is The Storm“ eindeutig darin, dass es auch einiges an Überraschungen zu bieten hat. Der Gastauftritt von BOYSETSFIRE-Sänger Nathan Gray in „Slaying The Wolf Within“ hat mich echt beeindruckt, und „My Night Is Starless“ mit seinem bedrückenden Charakter hat mich vollends umgehauen. Gerade letzterer Song sticht ja deutlich aus dem Material der letzten Alben heraus, kannst du dazu etwas mehr erzählen?

Jepp, das sehe ich ähnlich. „Ours Is The Storm“ ist auf jeden Fall sehr abwechslungsreich ausgefallen, und es gibt meiner Meinung nach keinen Song der einzig repräsentativ fürs komplette Album wäre. Was es auch sehr schwer gemacht hat, sich auf eine erste „Single“ zu einigen, man will ja doch irgendwie, dass es allen Neaera-Hörern gefällt… auch wenn das fast unmöglich ist. Und ob du es glaubst oder nicht, aber „My Night Is Starless“ und „Slaying The Wolf Within“ wird in fast jedem Review oder Interview positiv hervorgehoben. Damit hätte ich gar nicht so gerechnet, denn beide Songs tanzen, sagen wir mal, etwas aus der Reihe. Aber ich find’s klasse, dass die etwas „ungewöhnlicheren“ Songs bislang so einen Anklang finden!

Und um gerade noch mal bei BOYSETSFIRE zu bleiben, wie kam es denn zum Gastauftritt von Nathan? Der wohnt ja nicht gerade um die Ecke …

Dass das geklappt hat, ist für mich wirklich ein Traum! Wir sind uns bei einigen Festivals über den Weg gelaufen und haben immer mal kurz miteinander gequatscht. Ich habe dann irgendwann dem Nathan eine Mail geschrieben, ob er nicht Bock hätte, bei unserer Platte mitzusingen. Als nach knapp zehn Minuten schon die Zusage kam, wusste ich vor lauter Euphorie gar nicht, wen ich zuerst anrufen sollte.

Ich hätte am liebsten direkt meinem damaligen Mathe-Lehrer eine E-Mail mit einem Smiley inklusive Mittelfinger geschickt, aber vermutlich hätte er nichts mit dem Namen BOYSTSFIRE anfangen können. Dank der heutigen „Future Technology“ ließ sich das auch relativ easy realisieren. Nathan hat seine Gesangsspuren in einem kleinen Studio bei sich aufgenommen und die Aufnahmen dann zu unserem Produzenten Ali geschickt. Es gibt zwei Bands die mich seit Jahren durchweg begleiten: HEAVEN SHALL BURN und eben BOYSETSFIRE. Molle von HSB hat bei unserer „Armamentarium“ mitgesungen und Nathan jetzt auf „Ours Is The Storm“. Das hat für mich mehr Bedeutung, als wenn James Hetfield oder sonst irgendein andere Riesenstar der Metalszene auf der Platte mitgesungen hätte, kein Scheiß! Und das sage ich jetzt nicht, weil die Jungs dieses Interview evtl. lesen könnten (nachdem Nathan unsere Sprache gelernt hat ;)).

Ihr habt ja wieder mit Alexander Dietz aufgenommen, soweit ich es unserem damaligen Blog-Beitrag entnehmen konnte, lief das nicht ganz so reibungslos wie erhofft. Was war denn los, kehrt nicht im Leben eines Musikers auch bei Gesangsaufnahmen irgendwann
Routine ein?

Oh Mann, wenn ich das nur wüsste. Bessere Bedingungen hätte es kaum geben können, und trotzdem habe ich mehrere Anläufe gebraucht, bis es wirklich so geklungen hat, wie es klingen sollte. Ich bin auch nach dem x-ten Studioaufenthalt weit entfernt von einem professionellen Sänger. Das wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Aber wenigstens sind die anderen Jungs zuverlässig!

Um mal einen kurzen Abstecher ins Business zu wagen: Ihr habt euren Deal bei Metal Blade Records erneuert und bleibt dem Label treu. Ihr seid dort ja seit Anbeginn eurer Tage beheimatet, gab es da wirklich ernsthafte Überlegungen zu wechseln, oder ziehen sich solche Vertragsgespräche einfach manchmal etwas?

Der Hauptsitz von Metalblade befindet sich in den USA, und für die sind wir im Vergleich zu so Kalibern wie CANNIBAL CORPSE oder AS I LAY DYING verständlicherweise eher kleine Fische. Es gab dann ein paar Punkte, in denen man sich einig werden musste, und das hat dann etwas länger gedauert. Es ging dabei auch nicht um gigantische Summen, sondern um so Dinge wie Songrechte etc.  Aber ich bin froh, dass die Verhandlungen für beide Seiten zufriedenstellend verlaufen sind und wir weiter zusammenarbeiten. Man kennt sich mittlerweile seit fast zehn Jahren und gerade die europäischen Kollegen legen sich zur neuen Platte echt ins Zeug. Da können wir uns wirklich nicht beklagen!

So, wieder zurück zu „Ours Is The Storm“. Inzwischen gehört ihr in der schnelllebigen Welt der Musikindustrie ja schon fast zu
den „alten Hasen“ und könnt vielleicht sogar besser reflektieren, wie ihr selbst als Band euch entwickelt habt. Wie siehst du unter dem Gesichtspunkt denn euer neues Album? Im Vergleich zu euren eigenen vergangenen Werken und vielleicht auch in Bezug auf die seit Jahren anhaltende Veröffentlichungsflut seitens Bands und Labels?

Puh, das ist keine einfache Frage. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal so sage: Aber ich komm bei vielen aktuellen Bands gar nicht mehr hinterher. 🙂 Ich erinnere mich ans Impericon Fest im letzten Jahr, bei dem ich maximal die Hälfte der Bands kannte. Das war das erste Mal der Punkt, an dem ich mir eingestehen musste: Ich werde alt! Haha.

Ich meine, ich finde es cool, dass es so viele Bands da draußen gibt, aber auf der anderen Seite ist es wiederum erschreckend, wie schnell einige von den Bands wieder von der Bildfläche verschwinden. Gut, die haben in den zwei Jahren Existenz vermutlich das 23-fache an Merch verkauft wie wir in zehn Jahren… trotzdem: Ich freue mich, dass auch nach zehn Jahren auf unseren Konzerten eine gesunde Mischung aus Kids und älteren Semestern vertreten ist und wir anscheinend auch mit der neuen Platte noch den Nerv einiger Leute treffen.

Kommen wir noch zu der obligatorischen Frage nach dem lyrischen Inhalt. Auf dem letzten Album habt ihr euch, neben persönlichen Erlebnissen, ja zum Beispiel der Ölkrise im Golf von Mexiko oder den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche gewidmet. Themen also, die sich am aktuellen Geschehen orientieren. Verhält es sich auf „Ours Is The Storm“ ähnlich?

So verhält es sich auch mit dieser Platte: „Black Tomb“ handelt beispielsweise von  der Ölpest im Nigerdelta, die von den Ausmaßen her die im Golf von Mexiko überschreitet und fast völlig unbekannt ist. Und wie bei fast jedem Album, haben wir aber auch diesmal wieder Texte, die einem Mut machen sollen bzw. einen gewissen Aufforderungscharakter beinhalten. So geht es bei „Walk With Fire“ darum, dass man es sich schuldig ist, im Leben das zu machen, wonach das Herz schlägt… anstatt etwas zu tun, das einem Unglück bereitet.

In den letzten Monaten wart ihr wieder eine ganze Menge unterwegs und das ja quer durch Europa. Unter anderem in nicht allzu betourte Flecken in Osteuropa. Wie war es für euch denn dort so? Von Russland zum Beispiel hört man hierzulande ja eher selten positives, wie war es auf und abseits der Bühne dort?

Russland ist auf jeden Fall eine krasse Erfahrung und auch immer ein kleines Abenteuer… die Leute sind aber wahnsinnig freundlich und bei den Shows geht’s immer gut ab! Es sind so Erlebnisse, die ich nicht missen möchte… seien es die Stromstöße bei meinem Mikro während der Show, der ziemlich zwielichtige (aber  nette ;)) Veranstalter oder der betrunkene Polizeikommissar, der mir während der Show ständig Backpfeifen gegeben hat. Zu dem Zeitpunkt fand ich es nicht unbedingt klasse, aber wenn ich jetzt daran denke, muss ich immer grinsen. Die verschiedenen Geschichten von unseren Russlandreisen verkürzen viele unserer Autofahrten!

Um noch einmal kurz auf euren Blog bei uns zu sprechen zu kommen: Macht dir das Schreiben dort eigentlich Spaß und ebenso wichtig, werdet ihr uns weiterhin in dieser Form am NEAERA-Leben teilhaben lassen?

Klar macht das Spaß. Ich finde es klasse (wenn auch unverantwortlich :)), dass ihr unserer geistigen Grütze eine Plattform bietet! Außerdem kann ich mich auch endlich „Blogger“ nennen! Haha. Die Antwortet lautet also: JA!

Da wir ja gerade mal im Februar sind und das Jahr 2012 noch gar nicht so alt ist, welche Platten haben dich denn vergangenes Jahr besonders bewegt, welche waren bodenlose Enttäuschungen und welchen fieberst du 2013 entgegen?

Hmm, ich freue mich wahnsinnig auf die neue HSB und die neue BOYSTSFIRE… welch Überraschung. 🙂 Mir hat im letzten Jahr einiges sehr gut gefallen, spontan fällt mir da jetzt die AS I LAY DYING ein. Eine richtige Enttäuschung gab es für mich eigentlich nicht.

Die Frage nach künftigen Live-Dates kann ich mir an dieser Stelle ja getrost sparen, steht die nächste Tour ja quasi schon vor der Türe, und auch auf den Sommerfestivals scheint ja so manches zu gehen. Deshalb bedanke ich mich an dieser Stelle sehr herzlich bei dir und überlasse selbstredend dir den Abschluss des Interviews!

Danke für’s Lesen und für euer Interesse an unserer Band. Dass ich solche Geschichten aus Russland erleben darf oder meine eigenen Lieblingsbands auf unseren Platten mitwirken, haben wir letzten Endes Euch da draußen zu verdanken. Ihr kauft unsere CDs, unser Merch und/oder besucht unsere Konzerte. Ohne euren Support geht nichts! Es mag sich abgedroschen anhören… aber glaubt mir: Ich weiß es sehr zu schätzen!

21.02.2013

Chefredakteur

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