Perchta
"Die gleiche Situation wie am Arbeitsmarkt"

Interview

Im Rahmen unseres Specials zur Repräsentation von Frauen auf dem SUMMER BREEZE 2026 haben wir vor Ort einige Musikerinnen interviewt. Darunter Frau Percht von PERCHTA. Hier findet ihr das ganze Interview, von dem aufgrund des Umfangs nur einige Parts Platz im Special gefunden haben.

In PERCHTA thematisierst du explizit das Weibliche. Ein Artikel über euch von Annika Eichstädt vom Metal Hammer hatte beispielsweise den Aufhänger „Provokation Menstruation“. Wie ist dieses Thema in das Gesamtkonzept der Band eingebettet?

PERCHTA: Danke erst mal, dass ich dazu befragt werde. Es freut mich immer sehr, wenn gerade von dieser Seite her Interesse da ist. Da kommen wir schon zum ersten Punkt: Es ist nicht viel Interesse daran da.

Von PERCHTA wird es drei Alben geben, und alle drei Albumkonzepte bestehen schon seit 2013. Das zweite Album „D’Muata“ war mir ein sehr, sehr, sehr großes Anliegen. Denn: Worüber kann man schreiben? Über Themen, die einen selbst bewegen. Und ich bin eine Frau, ich bin Mutter und ich bin Künstlerin, und dadurch habe ich sehr viel Material, was da reinfließen kann. Meines Wissens war das sehr rar gesät bis jetzt, dass eine Black-Metal-Band über Weiblichkeit geschrieben hat. Und wir behandeln eben Themen wie Menstruation, wie Gewalt an Frauen, wie Mutterschaft, Schwangerschaft.

Zum Beispiel wurden meine Presswehen bei der Geburt meines Sohnes aufgezeichnet und in einem Song verarbeitet, weil das so eine riesige Kraft ist, dass man das im Studio nicht reproduzieren kann. Und ich als Hebamme darf dieses Wunder regelmäßig erleben und sitze dann natürlich auch wieder an der Quelle. Das gibt mir ganz viel Material, das ich in die Songs einbauen kann. Ich sehe das Leben der Frau in meinem Selbsterleben und im Beruf.

Was ist dein Eindruck in Bezug auf weibliche Repräsentation in der Szene? Allgemein, aber auch bei Festival-Billings und hier beim SUMMER BREEZE?

PERCHTA: Als ich in die Musikszene reingekommen bin, war es für mich unglaublich toll, Bands zu sehen und Metal zu spüren, aber es war hauptsächlich männlich repräsentiert. Übrigens ganz lustig: Das SUMMER BREEZE war mein erstes Metal-Festival, 2005 in Abtsgmünd damals noch. Da war ich 15 Jahre alt. Ich hatte nie wirklich richtige Vorbilder, bis ich dann mehr in die Black-Metal-Szene eingetaucht bin und über DARKENED NOCTURN SLAUGHTERCULT und BETHLEHEM die Onielar kennengelernt und dadurch ein tolles Vorbild gewonnen habe. Mich hat das sehr angesprochen, diese künstlerische Freiheit, die sie auf der Bühne repräsentiert. Nämlich nicht stigmatisiert zu werden als Körper, als schöne Stimme, sondern als Musikerin gesehen zu werden.

Da ist nie etwas infrage gestellt worden. Sie war einfach da und da hat man nicht bewertet. Vielleicht hat mal jemand gesagt: „Wow, toll, die langen Haare“ oder so was, aber das war’s. Sie wurde als Künstlerin wahrgenommen, und das hat mich schlussendlich unglaublich inspiriert zu sagen: Cool, ich muss mich, jetzt provokativ gesagt, nicht ausziehen auf der Bühne. Ich muss nicht nur schön und clean singen. Ich bin kein Sidekick, sondern ich kann das, was ich fühle, auch so, wie ich es wahrnehme, auf der Bühne transportieren. Es gibt einen Weg und es gibt Vorbilder.

Perchta ©Cartismandua

Und das hat dann zu PERCHTA geführt?

PERCHTA: Der nächste Schritt war die Forming-Phase von PERCHTA, 2013 bis 2017. Lustigerweise muss ich gestehen, dass PERCHTA nie als Live-Projekt geplant war. Es wurde eigentlich nur als Studiokonzept, als Spaß an der Freude gemacht, um sich künstlerisch auszuleben. Ich habe mir damals, 2017/2018, nie vorstellen können, wirklich auf der Bühne zu sein, weil da noch immer eine große Hemmschwelle war. Weil wir alle von Äußerlichkeiten beeinflusst werden. Da denkt man als Frau automatisch drüber nach: Bin ich gut genug? Bin ich hübsch genug? Und so weiter. Obwohl es eigentlich für die Rolle der Percht, die es damals als Bühnenfigur noch nicht gegeben hat, gar nicht relevant ist.

Fragen, die sich die meisten Männer wahrscheinlich eben nicht stellen, aber wir als Frauen schon.

PERCHTA: Auch wenn man sehr selbstsicher ist, auch wenn man gefühlt sehr im Leben steht, kriegt man unterbewusst diese Fragen reingespielt.

Es wurde dann 2017 konkreter, 2019 war das erste Album „Ufång“ fertig, 2020 hätte man es live spielen sollen, dann kam die große Seuche. Aber dann war klar, dass die Bühnenfigur passt. Und ich habe natürlich unglaublich Glück mit meinen Perchten, also mit meinen Musikern, die zu 1000 Prozent hinter mir stehen und auch hinter diesem Thema. Wir haben einen sehr engen Schulterschluss gehabt.

Aber ich muss auch sagen, ich habe bis dato keine negativen Erfahrungen gemacht, was mich und meine Weiblichkeit anbelangt. Also wir haben weder im Social-Media-Bereich noch von Veranstaltern noch im Medienbereich Kritik in dem Sinne bekommen. Weil wahrscheinlich mein großes Ziel erreicht wurde, dass ich als Musikerin wahrgenommen werde.

„D’Muata“ war dann ganz bewusst auf dieser feministischen Seite, das war mir wichtig. Mit der Reichweite von einer Band hat man eine gewisse Verantwortung und man hat die Möglichkeit, Dinge an Leute zu bringen, die gehört werden. Und da fand ich es einfach unglaublich schön, Themen wie Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Gewalt an Frauen vermitteln zu dürfen. Auch die ganze Symbolik – ich bin ein sehr detailverliebter Mensch – spiegelt das wider.

Auch der karitative Sinn war uns immer sehr wichtig. Wir haben Shows gemacht, wo wir Spendengelder gesammelt haben, die an Frauenhäuser gegangen sind, also an Schutzeinrichtungen für Frauen, die Gewalt erlebt haben.

Perchta – „D’Muata“-Cover

Wie sieht es im Alltag aus, zum Beispiel auf Tour?

PERCHTA: Natürlich ist es ein männerdominiertes Gebiet, und das spürt man insofern, dass es kaum auf Frauen ausgelegt ist. Wir haben es gerade gestern in Italien erlebt. Du bist in einem Backstage-Raum, in dem mehrere Bands sind. Und wie man gerade an eurer tollen Grafik [im Special] gesehen hat, die ihr wirklich beeindruckend zusammengestellt habt und wo einem die Kinnlade runterfällt: Ja, da bin ich die einzige Frau von drei Bands, die den Backstagebereich teilen.

Und es sind aber keine Separées, sondern es wird einfach erwartet: So, hier ist der Umkleidebereich für alle. Jetzt habe ich mich dabei erwischt, dass ich mich schon vorbereite, was ich vorher und nachher anziehe, damit ich mich so wenig wie möglich ausziehen muss.

Etwas, über das Männer auch überhaupt nicht nachdenken müssen.

PERCHTA: Überhaupt nicht! [lacht] Also das sind die Fälle, die mir auffallen. Wo einfach eine Gap ist. Das wird in der Zusammenstellung oder im Backstage-Management gar nicht berücksichtigt. Ich selbst fühle mich jetzt dadurch nicht benachteiligt, aber es gibt mir eine gewisse Logistik auf, wo ich mir überlege: Okay, ich möchte jetzt nicht blank ziehen vor anderen Kollegen. Und sonst erlebe ich es relativ oft, dass female fronted sehr rar gesät ist.

‚Female fronted‘ ist ja auch so ein Ding. Es gibt Bands und es gibt ‚female fronted‘ Bands.

PERCHTA: Es wird schon so deklariert, als ob das ein eigenes Genre ist.

Als würde es Sinn machen, dass ihr mit NIGHTWISH auf Tour geht.

PERCHTA: Aber was will ich damit sagen? Ich will damit sagen, dass wenige Frauen an der Bandspitze stehen, als Organisatorinnen und als Bandleaderinnen tätig sind, so wie bei uns. Auch sind es wenig Musikerinnen generell.

Deine Band ist männlich.

PERCHTA: Ja, meine Band ist männlich, zum Beispiel. Es gibt schlichtweg nicht viele Musikerinnen in Tirol, wo wir herkommen. Da gibt es niemanden Weiblichen, die mir damals in der Gründungsphase eingefallen wäre oder die ich gekannt hätte, die mit mir hätte spielen können. Das erste Album wurde von Theresa, einer Hackbrettspielerin und einer Zitherspielerin, eingespielt. Aber sie war nur im Studio aktiv und dann nicht mehr live. Sehr schade. Ich bin sehr, sehr, sehr glücklich mit meinen Perchten, aber eine Option gab es eigentlich nicht.

Perchta – Summer Breeze Open Air 2026

Was glaubst du, warum es so wenige Frauen in dem Bereich gibt?

PERCHTA: Ich glaube, ich weiß, warum es als Frau so schwierig ist. Ich habe es selbst erleben dürfen. Von 2023 bis 2025 ist der Stein bei PERCHTA ins Rollen gekommen, und es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Man fühlt sich unglaublich geehrt, aber gleichzeitig unglaublich überfordert. Weil wir die gleiche Situation haben wie am Arbeitsmarkt, als Frau. Wir sind schwanger, wir gebären, wir stillen, wir verdienen weniger, wir werden weniger in Führungspositionen eingesetzt, wir sind ersetzbarer.

Für uns ist das ein tolles Hobby, ein toller Nebenberuf. Wir machen das aus Freude und sind Gott sei Dank nicht wirtschaftlich abhängig davon. Aber eigentlich ist es eins zu eins umzumünzen auf die Bandstruktur. Wenn du touren möchtest, wenn du Konzerte, Promotion und so weiter machen möchtest, dann ist es fast nicht vereinbar mit der Mutterrolle und mit der Arbeit zu Hause.

Ich bin Hebamme, habe 15 Gemeinden in meinem Bereich, bin auf Rufbereitschaft und betreue bis zu 14 Familien im Monat nach. Ich habe einen kleinen Sohn mit fünfeinhalb Jahren, den ich drei Jahre lang gestillt habe, und das war sehr, sehr schwierig. Das hat für mich sehr viel erleuchtet und ich habe mir gedacht: Ah ja, es gibt diesen Faktor, der es für uns Frauen im Arbeitsleben und auch im Musikbereich sehr schwierig macht, durchzustarten, größer zu werden und mehr zu werden, besonders.

Und wenn du jetzt nicht die Fronterin und das Gesicht der Band bist, bist du noch ersetzbarer.

PERCHTA: Genau. Und dann wirst du ausgetauscht. Und wenn du schwanger bist, dann hast du vielleicht Pech gehabt. Je nachdem, wie gut der Bandzusammenhalt ist. Oder du gibst es selbst auf, weil du an deine Leistungsgrenzen kommst.

Ich habe das erlebt. Mein Mann ist selbst Musiker in zwei Projekten. Der hat gleich nach der Geburt unseres Sohnes wieder Bandproben machen können. Der hat auf Tour fahren können. Er ist ein super Papa, unglaublich supportive. Ich möchte ihm das nicht ankreiden, das soll jetzt nicht so rüberkommen. Aber da hat man wirklich live und in Farbe erlebt, wie viel leichter es selbst als engagierter Papa trotzdem ist, dass du weg sein kannst.

Galerie mit 33 Bildern: Perchta - Prophecy Fest 2024

Ihr hattet mit PERCHTA beispielsweise eine längere Bandpause.

PERCHTA: Also ich sage immer, meine Neurodivergenz lässt viel zu, alles unter einen Hut zu bringen. Aber 2024 hat mir gezeigt, wo meine Limits sind. So nämlich, dass 2025 alle Konzerte abgesagt wurden und komplette Pause war. Es gab ja wilde Gerüchte. ‚Jetzt ist sie schwanger!‘ [lacht]. Es war einfach eine bewusst gewählte Pause, weil ich gemerkt habe: Das ist zu viel Druck. Es ist zu viel. Ich kriege das nicht mehr mit Familie und Job unter einen Hut. Es geht im Prinzip darum, Prioritäten zu setzen, und das war bei mir der Fall.

Ich glaube, dass weniger Männer sich diese Frage stellen müssen. Und da liegt die Schwierigkeit. Und ich glaube, deswegen sind Frauen auch noch weniger vertreten. Aber es wächst. Es ist unglaublich schön zu sehen, wie viele Frauen inspiriert werden durch Figuren wie die Percht, wie Onielar, wie Nokt von DYMNA LOTVA. Es ist wunderbar zu sehen, dass man auch zeigen kann: Schau, du wirst als Musikerin wahrgenommen, ohne dass dein Geschlecht Priorität hat. Und darum geht es ja eigentlich, oder? Das ist ja das, was wir wollen. Wir wollen ja diesen Begriff ‚female fronted‘ eigentlich nicht haben. Das ist ein Werbe-Gag, an dem die Plattenlabels verdienen.

Und vor allem ist ‚fronted‘ eben immer ein Gesang. Wo sind die Musikerinnen?

PERCHTA: Ja, genau, wo sind die Musikerinnen? Und eben: Ich nehme mich als Musikerin wahr und als Bandleaderin. Ich bin ein bisschen allergisch auf das Wort ‚female fronted‘ [lacht].

Vielen Dank für das Interview!

Quelle: Frau Percht, Perchta
26.10.2026

headbanging herbivore with a camera

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