Sea
Musiker ohne Plan B - Interview mit Anders Brink zum Debütalbum "Sea"

Interview

Sea

„Sea“ ist ein Debütalbum, das es in sich hat: Acht ausgeklügelte, reife und fruchtige Rocker, umgesetzt von einer Band, die sich ab sofort als eine der besten Rockbands Dänemarks bezeichnen darf. Keine Übertreibung! Bleibt die Frage: Wer steckt hinter SEA, was ist ihr musikalisches Rezept und warum ist der musikalische Umweg über das Flötespielen manchmal gar nicht verkehrt? Gitarrist und Sänger Anders Brink gibt Auskunft.

Wie sehr seid Ihr eigentlich vom Meer fasziniert, wenn Ihr sowohl die Band als auch den Albumtitel danach benannt habt?

Eigentlich nicht so sehr. Wir sind deshalb darauf gekommen, weil wir einen einfachen und prägnanten Namen gesucht haben. Man assoziiert SEA nicht mit einem bestimmten Genre, bevor man die Musik gehört hat. Aber wir sind natürlich alle auf Inseln groß geworden, weshalb dieser Bezug sicherlich bei uns im Hinterkopf rumschwirrt.

Ihr habt „Sea“ im Dead Rat Studio von Produzent Jacob Bredahl aufgenommen – in lediglich einer Woche und ohne moderne Studiotechnik, wie Autotune oder Clicktracks.

Im Grunde genommen haben wir nichts gegen moderne Aufnahmetechnik, so lange sie der Musik nicht die Seele raubt. Es stimmt, dass wir ohne Clicktracks und Autotune aufgenommen haben. Es war aber nicht analog, und ich bin mir sicher, dass der Produzent hier und da ein wenig Pro Tools verwendet hat. Worauf es uns ankommt, ist, dass die Musik sich lebendig anhört, und da stört das eine oder andere Fehlerchen gewiss nicht. Die Produktion ist ein wesentlicher Bestandteil des Bandsounds, weshalb jede Band ihren eigenen Weg finden muss, mit dem sie gut zurecht kommt. Es gibt also keinen Königsweg.

Benutzt Ihr denn alte Gitarren und Verstärker lieber als moderne Instrumente?

Wir benutzen beides. Es gibt definitiv eine Seele in alten Instrumenten, die man bei neueren nicht findet. Anders Kargaards Lieblingsgitarre ist eine 1976er Les Paul Custom, und die ist wirklich schön und anders als neuere Modelle. Ich wiederum benutze eine Reihe Les Paul-Äxte aus dem Gibson Custom Shop, und ich liebe sie, selbst wenn sie keine Klassikermodelle sind. Maico (Thyge, Bass; Anm. d. Red.) spielt eine Gibson Thunderbird, die früher dem Bassisten von SOIL und MINISTRY gehört hat, also ist sie ein wenig altehrwürdig. Bei den Verstärkern verlassen wir uns aber auf neue Marshall- und Ampeg-Modelle.

Euer Sound ist ein Schmelztiegel verschiedener Stile, vor allem aus den Siebzigern. Übt diese Epoche eine besondere Faszination auf Euch aus?

Es ist nicht so, dass wir Musik schreiben, um wie eine bestimmte Band, aus einem bestimmtes Genre oder einer bestimmten Zeitepoche zu klingen. Als wir vier in der Band zusammengefunden hatten, ergab das einen bestimmten Sound und eine bestimmte Energie. Von diesem Ansatz her versuchen wir lediglich, die besten Songs in dieser Konstellation zu schreiben. In unseren Augen sind gute und einprägsame Melodien die wichtigste Zutat, selbst im Metal. Es macht dabei keinen Unterschied, ob die Melodie jetzt in einem Refrain, einer Gesangslinie, einem Solo oder einfach einem großartigen Riff vorkommt.

Natürlich sind wir von einer Reihe Bands inspiriert, aber sie haben keinen ganz deutlichen Einfluss auf unsere Musik. Es ist offensichtlich, dass wir vom Rock und Metal der Siebziger und Achtziger inspiriert wurden, also Bands wie SABBATH, ZEPPELIN, URIAH HEEP, PURPLE, METALLICA, PANTERA und so weiter. Aber wir sind auch von Bands wie den BEATLES, CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL, ZZ TOP und vielen anderen Rock-, Blues und Popbands beeinflusst worden. Der gemeinsame Nenner aller dieser Bands ist sicherlich, dass sie großartige Melodien in ihre Musik eingearbeitet haben.

Du und Maico kommt von Bornholm und seid seit Kindertagen miteinander befreundet, Anders und Jonas sind ebenfalls Freunde aus Kindertagen und kommen von Amager. Ziemlich bemerkenswerte Kombination. Wie habt Ihr als Band zusammengefunden?

Maico und ich sind auf Bornholm groß geworden und haben dort bereits in einer Band zusammengespielt. Als die Band auseinanderbrach und wir nach Kopenhagen gezogen sind, hatten wir zunächst einen schweren Stand. Wir kannten niemanden in Kopenhagen und in der dortigen Musikszene, weshalb wir Anzeigen im Internet geschaltet haben. Wir haben häufig vorgespielt, bis uns Anders und Jonas über den Weg liefen. Uns war sofort klar, dass wir mit den beiden einen Treffer gelandet hatten.

Wie würdest Du Deine Bandkollegen charakterisieren?

Nun, Maico und ich sind zusammen aufgewachsen und seit vielen Jahren enge Freunde. Wir haben viele Gemeinsamkeiten entwickelt, was Meinungen, Stil und unseren Musikgeschmack angeht. Eine der ersten Sachen, die uns bei Anders und Jonas (Bangstrup, Schlagzeug; Anm. d. Red.) aufgefallen ist, ist, dass sie echte Musiker und Musikliebhaber sind. Sie haben ihre Kindheit quasi damit verbracht, wirklich ALLE alten Songs von METALLICA und MEGADETH auswendig zu lernen. Selbst heute haben sie noch keinen Plan B – bei ihnen dreht sich alles um Musik!

Du bist mit klassischer Musik groß geworden. Wie passt das mit Deinem heutigen Erscheinungsbild als langhaariger Rocker zusammen?

So lange ich zurückdenken kann, war ich immer schon gleichermaßen Musikfan und Musiker. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich im Kindergarten meine eigene Gitarre aus Sperrholz, Schrauben und Angelschnur gebaut habe. Meine Freunde mussten immer mit mir „Band“ spielen, anstatt dass sie ihre Kindheit wie heute üblich vor dem Computer verbringen konnten. Übrigens verstehe ich Computer heute immer noch nicht.

Als ich sechs war, begann ich mit klassischer Musik. Meine Eltern entschieden, dass Gitarre zu schwierig für mich wäre, weswegen ich erstmal Flöte lernen musste. Sie meldeten mich in einem Kindersinfonieorchester an, wo ich in den späten Neunzigern und den frühen Nullern einige ziemlich große Konzerte in ganz Europa gespielt habe. Das war zwar alles Klassik, aber ich habe natürlich immer wieder die alten SABBATH-, PURPLE und HEEP-Platten meines Vaters angehört. Als Teenie habe ich dann mit Gitarre angefangen und mich direkt vom Fleck weg für Metal begeistert.

Wie unterscheidet sich Anders Kargaard von Dir als Gitarrist?

Als Gitarrist kann ich natürlich das gut einbringen, was ich damals während meiner klassischen Ausbildung gelernt habe. Nicht, dass ich ständig den YNGVIE raushängen lassen müsste, sondern dass ich versuche, Melodien und verschiedene Stimmungen in die Musik einzubauen. Anders‘ Ansatz ist vielleicht ein bisschen bluesiger und thrashiger. Er bevorzugt es zu jammen und zu improvisieren, und bei Soli fügt er erst beim Spielen die letzten Ideen hinzu.

Was bevorzugt Ihr: Spielen im Proberaum oder Konzerte?

Definitiv beides. Ich glaube, alle Musiker lieben es, live zu spielen, aber ich mag es auch, in unserem Proberaum zu jammen. Wir haben zuletzt ziemlich viel beim gemeinsamen Jammen komponiert. Wir haben für uns entdeckt, dass die Ergebnisse besser werden, wenn wir sie zusammen diskutieren. Das zu teilen, was mögen – und natürlich, ebenso wichtig, was wir nicht mögen. Bei vier großen Künstleregos kann das schon mal anstrengend sein, aber das Resultat ist es wert.

Das war’s auch schon. Danke für das Interview!

19.11.2014

- Dreaming in Red -

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