SOEN
"Anstatt irgendwo dazwischen zu bleiben, wollten wir bewusst ganz nach vorne gehen."

Interview

Wir haben mit SOEN über das neue Album „RELIANCE“, den Schreibprozess und die Botschaften hinter den einzelnen Songs gesprochen.

Hey und willkommen bei metal.de. Heute sprechen wir mit Martin und Joel von SOEN, die am 16. Januar 2026 ihr neues Album „RELIANCE“ veröffentlichen werden.

Wer die Single „Primal“ bereits gehört hat, weiß: Dieses Album wird ordentlich einschlagen. Schön, dass ihr da seid – wie geht es euch heute?

Schön, hier zu sein.

Uns geht es sehr gut.

Lasst uns mit der neuen Single beginnen. „Primal“ wirkt gleichzeitig wütend und erhebend. Da ist diese rohe, fast urtümliche Energie, aber auch ein Gefühl von Hoffnung, das sich seinen Weg bahnt. Wie ist diese Balance im Songwriting entstanden?

Das hast du sehr gut erfasst. Es geht darum, die aktuelle Situation kritisch zu sehen, aber gleichzeitig auch zu erkennen, dass Veränderung möglich ist – und dass man selbst die Kraft hat, etwas zu bewirken.

Der Song ist definitiv aggressiv, ein regelrechter Aufschrei, aber eben auch voller Hoffnung. Wir glauben daran, dass es am Ende des Tunnels ein Licht gibt. Und natürlich beginnt alles mit einem richtig massiven Metal-Riff.

Ihr habt gesagt, dass der Song aus Frustration, Korruption, Spaltung und dem Einfluss von Technologie auf unser Leben entstanden ist. Wie haben diese Themen Sound und Lyrics von „Primal“ geprägt?

Im Kern geht es um die Sorgen ganz normaler Menschen. Wir erleben, wie echte zwischenmenschliche Interaktion immer weiter verschwindet und durch Bildschirme ersetzt wird – man verbringt Stunden damit, zu sehen, was fremde Menschen irgendwo auf der Welt frühstücken oder zu welchem Song sie gerade tanzen.

Gerade für uns, die eher aus einer älteren Generation kommen, fühlt es sich so an, als wäre uns etwas Wichtiges genommen worden. Social Media hat eine neue Art von Klassentrennung geschaffen – zwischen denen, die Inhalte produzieren, und denen, die sie endlos konsumieren. Dieses gedankenlose Scrollen macht irgendwann einfach nur noch taub.

Gerade im Metal scheint es aber immer noch viele echte, persönliche Verbindungen zu geben – Konzerte, Gemeinschaft, Zusammenhalt. Gibt euch das Hoffnung?

Auf jeden Fall. Die Metal-Community hat noch immer etwas sehr Starkes. Wir sind durch die Liebe zur gleichen Musik verbunden und teilen oft ähnliche Werte und Sichtweisen auf das Leben.

Aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. Wenn wir nicht aufpassen, kann auch uns das genommen werden. Metal-Fans halten zusammen, kümmern sich umeinander und schätzen es, gemeinsam in einem Raum zu stehen und echte Live-Musik zu erleben. Dieses Gefühl von Zusammenhalt und Brüderlichkeit macht die Szene stark.

„Primal“ ist nicht ganz am Anfang des Schreibprozesses entstanden. Hat der Song trotzdem den Ton für das Album gesetzt?

Der Song kam eher in der Mitte des Prozesses. Wir arbeiten meistens parallel an vielen Ideen und springen je nach Tagesstimmung zwischen Songs hin und her. Nach ein paar Monaten tauchte dieses schwere Riff auf – und von da an hat sich der Song fast von selbst entwickelt.

Der Albumtitel „RELIANCE“ wirkt sehr kraftvoll. Er steht für Vertrauen, Verbindung, vielleicht auch Verletzlichkeit. Was bedeutet dieser Begriff für euch im Kontext des Albums?

Es geht um diese unsichtbare Verbindung zu den Menschen, auf die wir uns verlassen können – Menschen, die nicht aufgeben und weiterhin daran glauben, dass es besser werden kann. Es geht darum, sich nicht mit Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit zufriedenzugeben, sondern weiterzukämpfen.

Gleichzeitig bedeutet „Reliance“, den Mut zu haben, verletzlich zu sein und anderen zu vertrauen. Zu glauben, man müsse alles alleine schaffen, wirkt stark – macht einen aber eigentlich schwach. Wirkliche Stärke entsteht gemeinsam.

Ihr schafft es seit jeher, Härte, Atmosphäre und Melodie sehr natürlich zu verbinden. Wie habt ihr diese Balance auf „RELIANCE“ im Vergleich zu früheren Alben weiterentwickelt?

Wir sind heute selbstbewusster. Wir haben Ideen aus früheren Alben aufgegriffen und sie konsequenter weitergedacht. Die Extreme sind stärker geworden – sowohl das Harte als auch das Sanfte.

Anstatt irgendwo dazwischenzubleiben, wollten wir bewusst ganz nach vorn gehen. Dieses Vertrauen in die eigenen Entscheidungen gibt der Musik mehr Gewicht und macht sie ehrlicher.

Hattet ihr während des Schreibprozesses einen Moment, in dem ihr wusstet: Dieser Song definiert das Album?

Dieses Gefühl muss man eigentlich bei jedem Song haben, der es aufs Album schafft. Wenn ein Song nicht das Gefühl vermittelt, „das ist gerade der beste Song, den wir je geschrieben haben“, dann fliegt er raus.

Dieses Mal hatten wir dieses Gefühl zwölfmal. Erst später, beim Mix und Mastering, kristallisiert sich heraus, welche Songs das Album nach außen am besten repräsentieren. Ein Teil davon ist pure Magie – kleine Details, die man nicht planen oder kontrollieren kann.

Gab es im Studio Momente, in denen euch die Musik selbst überrascht hat?

Ständig. Man arbeitet mit teuren Vintage-Mikrofonen und alles klingt perfekt – und dann nimmt man ein simples SM7, und plötzlich sind sich alle einig: Das ist es.

Das kann frustrierend sein, ist aber auch wunderschön. Egal, wie sehr man versucht, Musik zu kontrollieren oder zu digitalisieren – sie lebt. Manchmal passiert es einfach.

Ihr habt erneut mit Alexander Backlund in den Fascination Street Studios gearbeitet, das Mastering kam von Tony Lindgren. Was macht diese Zusammenarbeit so besonders?

Da ist viel Vertrauen. Alexander versteht unsere Vision und ist bereit, mit uns auch ungewöhnliche Ideen bis ins Detail zu verfolgen. Er zwingt uns nicht in feste Abläufe, sondern sucht mit uns nach dem richtigen Weg.

Er hat mit diesem Album gelebt – über Monate hinweg jedes Detail verinnerlicht. Mit jemandem zu arbeiten, der sich in dieser Phase seiner Karriere voll reinhängt, passt perfekt zu uns.

Nach über zehn Jahren als Band: Wie haltet ihr die kreative Energie aufrecht?

Kreativität ist für uns keine Entscheidung mehr – sie ist ein innerer Antrieb. Musik zu machen gehört zu uns und gibt uns das Gefühl, vollständig zu sein. Je länger wir zusammen sind, desto stärker wird die Band und desto neugieriger werden wir, wie weit wir uns noch entwickeln können.

Was sollen die Hörer aus „RELIANCE“ mitnehmen?

Wir hoffen, dass das Album Menschen stärkt und inspiriert. Dass es sie motiviert, selbst kreativ zu werden oder etwas in ihrem Leben zu verändern. Metal hat die Kraft, Menschen davor zu bewahren, innerlich abzustumpfen – und genau das ist uns wichtig.

Die Welt wirkt aktuell politisch und gesellschaftlich extrem unruhig. Welche Rolle spielt „RELIANCE“ in diesem Kontext?

Wir hoffen, dass das Album für gesunden Menschenverstand, Logik und ein Stück Normalität steht. Es soll den ganz normalen Menschen eine Stimme geben – denen, die einfach versuchen, ihr Leben zu leben, zu arbeiten, Familien großzuziehen und etwas Frieden zu finden.

Gerade wenn alles verrückt erscheint, ist es wichtig, nicht abzuschalten, sondern Haltung zu zeigen.

Zum Abschluss: Worauf freut ihr euch am meisten, wenn die neuen Songs live auf die Bühne kommen?

Touren ist ein riesiger Teil unserer Identität. Schon beim Schreiben denken wir daran, wie sich die Songs live anfühlen werden.

Wir wollen, dass die Menschen sich mitgenommen, gestärkt und inspiriert fühlen. Diese Musik ist dafür gemacht, gemeinsam erlebt zu werden – im selben Raum, mit derselben Energie.

Vielen Dank für eure Zeit.

17.01.2026
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