The Slayerking
Geistige Höhenflüge und menschliche Abgründe - Interview mit Efthimis Karadimas zu "Sanatana Dharma"

Interview

Nach längerer Funkstille meldet sich NIGHTFALL-Mastermind Ehthimis Karadimas mit dem Album „Sanatana Dharma“ endlich wieder zurück – das allerdings das Werk seiner neuen Band THE SLAYERKING ist. Warum er eine neue Gruppe gegründet hat, was das für seine bisherige Band heißt, was er über den menschlichen Geist und die menschliche Dummheit zu sagen hat, und warum „Sanatana Dharma“ sowohl von der Apollo-11-Mission als auch vom fatalen Blitzeinschlag in eine Kirche in Brescia handelt – im folgenden Interview erfahrt Ihr es.


Wie fühlt es sich an, mit einer neuen Band ein Debütalbum herauszubringen, nachdem Du mit NIGHTFALL schon so lange im Geschäft bist?

THE SLAYERKING ist eine neue Band, und als solche muss sie von null anfangen, um sich zu etablieren. Da zählt kein großes Ego und keine großen Sprüche. Der Reiz dabei ist es, die Leute durch gute Musik überzeugen zu müssen, damit sie ihre Zeit darauf verwenden. Dieser ganze Prozess ist so erfrischend und erinnert mich stark an die ersten Gehversuche mit NIGHTFALL.

Was war die Hauptmotivation für Dich, eine neue Band zu gründen?

Ich habe eine längere Phase persönlicher Kämpfe hinter mir und benötigte eine Befreiung. Eine Art Reset. Also habe ich mir meinen Bass geschnappt und begonnen zu spielen, einfach um mich in der Musik verlieren zu können. THE SLAYERKING wurde im Zeichen der Depression geboren, mit Jam Sessions, die ein Licht aus diesem dunklen Labyrinth in mir darstellen. Bald haben wir angefangen, kleinere Studiogigs vor Freunden zu spielen. Das war wirklich befreiend. Es war klar, dass wir das Ganze auf das nächste Level bringen wollten, was wir gemacht haben. Alles ist ganz natürlich entstanden, und das ist phantastisch.

Was bedeutet das für NIGHTFALL?

NIGHTFALL werden in ihrer eigenen Zeit und im eigenen Raum weitermachen. Sie werden niemals sterben.

Im Grunde genommen ist die Musik von THE SLAYERKING nicht grundsätzlich verschieden von der NIGHTFALLs, was auch an Deiner Stimme liegt. Welche Ziele hast Du mit THE SLAYERKING, und wo liegen die Unterschiede zwischen beiden Bands?

Das Ziel ist es, die Musik atmen zu lassen. In dem Sinne, größere Musik- und weniger Vokalanteile zu haben. Die Tatsache, dass ich wieder ein Instrument spiele, ändert auch wieder meine Herangehensweise an eine Produktion. Diese wiedererlangte Bindung ist eine treibende Kraft, wenn wir jammen oder neue Riffs ausprobieren. Man könnte also sagen, dass es das Ziel ist, Atmosphäre zu erschaffen, aber ohne den Song aus den Augen zu verlieren.

 

Wer sind Deine Mitstreiter bei THE SLAYERKING?

Mein Partner ist Kostas Kyriakopoulos. Ein alter Kumpel aus NIGHTFALLs „I Am Jesus“-Ära. Seine Baritongitarre und sein old schooliger Ansatz sind vitale Teile des Sounds von THE SLAYERKING. Und wir nehmen den Klang sehr ernst – bei uns wirst du keinen Loudness-War oder hundert übereinandergelegte Gitarren hören, nur damit eine künstliche Heaviness erzeugt wird. Wir lassen alles live, roh und unkomprimiert. Mein Freund Maor Appelbaum war für den letzten Teil des Mixings und Masterings ein guter Berater, und ihm gebührt der Dank für den stets warmen Sound.

„Sanatana Dharma“ ist, vereinfacht ausgedrückt, der Ausdruck, den Hindi für ihre Religion benutzen. Warum hast Du ihn als Albumtitel ausgewählt?

Religionen sind kulturelle Quellen mit einem enormen Spektrum. Ich tauche häufig in sie ein und lerne Dinge kennen, die ich dann mit den Dingen vergleiche, die ich kenne oder glaube. Sanatana Dharma kann nicht treffsicher übersetzt werden. Es bezieht sich auf die natürlichen Gesetzmäßigkeiten und die Ordnung der Dinge, die uns umgeben und auf die unsere Existenz aufbaut. Vor allem bin ich fasziniert von der Größenordnung, die dem Tod eingeräumt wird, und der Furcht vor dem absoluten Ende in allen möglichen Aspekten. Ich habe eine Tendenz, aller möglichen Sachen und Ideen zu studieren, die sich mit der Unendlichkeit auseinandersetzen.

Der Opener heißt „She Is My Lazarus“ – wovon handelt der Text, und warum ist Lazarus hier eine Sie?

Das ist eine außergewöhnliche Geschichte. Ich habe sie als eine Parabel geschrieben, indem ich nicht die Sicht des Gebieters, sondern die des Empfängers wähle. Ich möchte die Macht betonen, die manche Dinge oder Personen in unserem Leben haben, und wie sie uns nicht loslassen. Deshalb verwende ich dieselbe Phrase immer und immer wieder in einem hypnotisierenden Tonfall statt weiterer Textbausteine. Es ist dieses bittersüße Gefühl, das man hat, wenn du dich zu jemandem oder etwas hingezogen fühlst, das dich und deine Seele verzehrt. Aber du ziehst keinen Schlussstrich. Du bleibst, völlig unterdrückt und gewillt, aus deiner Höhle zu kriechen, sobald du deinen Namen hörst.

Ich habe aus „Lazarus“ eine Sie gemacht, um sie vom christlichen Ursprung zu lösen und dem Ganzen einen erotischen Unterton zu geben – und am Ende ist es doch irgendwie ein erotisches Lied, nicht wahr?!

Der Track selbst ist die Einführung in die Welt von THE SLAYERKING, nicht nur für dieses Album, sondern generell. Er steht ganz am Anfang und sieht in meinen Augen so aus wie der gruselige Butler aus dem Kinofilm, der dem ahnungslosen Besucher die knarrende Tür des unheimlichen Herrenhauses öffnet.

Worum geht es in den Texten auf „Sanatana Dharma“?

Die Texte handeln vom Oxymoron der menschlichen Natur. Die Größe unseres Verstandes, die Hand in Hand mit Verrücktheit geht, wie ein Fluch. Ich behandle diese Beziehung durch eine Kombination aus realen Geschehnissen und Parabeln. Ich habe kürzlich noch einmal Wilhelm Reichs „Rede an den kleinen Mann“ gelesen, und ich glaube, es hat meine Texte beeinflusst.

„She Is My Lazarus“ handelt von der absoluten Kontrolle, die ein Lebewesen oder eine Situation über uns haben kann, ob jetzt uns als Individuum oder als Kollektiv. Es kann eine Person oder eine Sache gemeint sein, beispielsweise auch eine Religion.

„Black Mother of the Lord of Light“ umfasst die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, im wahrsten Wortsinn eine Situation von Grund auf zu erschaffen, damit wir uns mit unserer unvollendeten Natur wohlfühlen. Die „Black Mother“ ist der Verstand, und der „Lord Of Light“ ist der Gott, den sie erschaffen hat, um eine Antwort auf die existenziellen Fragen zu erhalten.

„Sargon Of Akkad“ ist eine Parabel über den primitiven Kampf, die Zeit überlisten, den Tod bekämpfen und unsterblich werden zu wollen. Und wenn nicht wir selbst, dann durch unsere Kreationen. Aber, wie es im Text heißt: „Time is a beast, it is not divine, and what man creates, it does despise“.

„Magnificient Desolation“ ist der Ausdruck, den Edwin „Buzz“ Aldrin gesagt hat, als er auf die unermessliche Weite des Universums blickte, als er sich mit der Rest der Apollo-11-Crew mitten im Nichts befand. Ein gewaltiger Moment für die Menschheit. Der Mittelpart mit den von der Gitarre erzeugten Morsesignalen soll das Bild von ihm liefern, mit ihm in einem Zustand zwischen gewaltigem Druck und Ehrfurcht.

„We Are The End“ ist ein knapper Überblick über die westliche Welt, wie sie sich derzeit präsentiert. Von den vergangenen Tagen der totalen Party, des billigen Geldes und des Orgasmus des Nichts bis hin zum Ringen heute, der Neubesinnung, der verwichsten defensiv-aggressiven Politik und dem steigenden Misstrauen. „You want revenge, but we don’t live forever“.

„My Lai“ ist nach einem realen Kriegsmassaker in den Siebzigern benannt. Es handelt von den Lügen, die wir erfinden, um uns gegenüber Entschuldigungen für abscheuliche Taten zu liefern. Dieselbe Spezies, die lebende Seelen auf den Mond schicken kann, ist zu den schlimmsten Grausamkeiten auf Erden fähig. Das ist grotesk.

„The Man That Never Was“ ist eine weitere reale Geschichte aus unserer unmittelbaren Vergangenheit. Sie handelt von einer Operation mit dem Namen „Operation Mincemeat“, bei der der Körper eines anonymen Toten gebraucht oder missbraucht wurde, um die Richtung des Krieges zu beeinflussen. Darüber wurde auch ein Buch geschrieben, das ihr euch mal durchlesen solltet. Die Details der Operation wurden nach ein paar Jahren freigegeben und beweisen wie weit oder wie niedrig Menschen gehen können, um ihr Ziel zu erreichen. Krank.

„Southern Gate Of The Sun“ ist sozusagen das Fazit des Ganzen, um uns in epischer Breite an den größten Feind in unserer Welt zu erinnern: Dummheit. Der Text basiert auf der wahren Geschichte von der Tötung von 3.000 Gläubigen in einer Kirche in Brescia, Italien, nachdem dort ein Blitz eingeschlagen war. Diese Tragödie hätte leicht verhindert werden können, wenn die Geistlichen nur einen zu diesem Zeitpunkt schon erfundenen Blitzableiter installiert gehabt hätten. Sie lehnten aber in Gottes Namen ab. Sie sahen im Blitzableiter ein Werkzeug gegen den Willen Gottes. Lustig, oder?

Die Musik von THE SLAYERKING ist nachweislich nicht leicht zu konsumieren, sondern braucht seine Zeit, damit sich die volle Wirkung entfaltet. Womit würdest Du Leuten Eure Musik schmackhaft machen, die sich nicht sicher sind, ob sie die Zeit investieren sollen?

Wenn du einen Grund benötigst, möchte ich gerne einen Grund liefern: Weil das Album Stil hat. Es fällt nicht in eine einzige Genrekategorie, ist in sich aber stimmig. Es gibt hier und da ein paar Experimente, aber nichts, was öde oder trügerisch wäre. Das Album enthält Lieder, die in sich schlüssig sind. Und egal, ob man es jetzt mag oder nicht, das ist letztlich Geschmackssache – der künstlerische Wert kann nicht in Abrede gestellt werden.

Wie sieht es mit Euch an der Livefront aus?

Diese Band ist bereit, live zu spielen, keine Frage. Wir freuen uns auf jede Chance oder Gelegenheit, um auf Tour zu gehen. Als Trio – ich garantiere dir, dass wir auf der Bühne noch besser klingen!

Efthimis, danke für das Interview!

15.04.2016

- Dreaming in Red -

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