Walkways
und der Weg zurück zu sich selbst!

Interview

Sieben Jahre nach „Bleed Out, Heal Out“ melden sich WALKWAYS mit ihrem neuen Album „A Reminder“ zurück. Persönlicher und emotionaler als je zuvor verbindet die israelische Metalcore-Band brachiale Härte mit zerbrechlichen Momenten und setzt sich dabei intensiv mit Schmerz, Heilung, Rückschlägen und persönlicher Veränderung auseinander.

Wir haben mit Gitarrist Bar Caspi und Sänger Ran Yerushalmi über die Entstehung von „A Reminder“, die persönliche Bedeutung des Albums und die Balance zwischen Aggression und Verletzlichkeit gesprochen.

„A Reminder“ beginnt auf überraschend ruhige und verletzliche Weise. Warum fühlte sich der Titelsong wie der richtige Song an, um das Album zu eröffnen?

[Bar]: Wir wollten, dass das Album mit seiner emotionalen These beginnt. „A Reminder“ bringt als Song auf den Punkt, was das gesamte Album aussagen möchte: Selbst in unseren dunkelsten Momenten lohnt es sich, innezuhalten, durchzuatmen und sich dafür zu entscheiden, es noch einmal zu versuchen.
Dass wir ruhig beginnen, war eine bewusste Entscheidung. Unser vorheriges Album „Bleed Out, Heal Out“ endete emotional auf einem sehr schweren, niederschmetternden Ton. Deshalb fühlte es sich richtig an, dieses Album von einem anderen Ausgangspunkt zu beginnen – etwas hoffnungsvoller, offener. Das Album als Ganzes bewegt sich zwischen beiden Extremen: Schwer und zerbrechlich, Wut und Zärtlichkeit.

Wir wollten als ersten Eindruck die verletzliche Seite zeigen, damit die Härte, wenn sie einsetzt, in einem Kontext emotionaler Ehrlichkeit steht und nicht einfach nur aggressiv wirkt. Auch das Album endet auf einer ruhigeren, hoffnungsvolleren Note. Dadurch entsteht zwischen Anfang und Ende eine Art emotionaler Bogen, der widerspiegelt, wie wir das Leben tatsächlich erleben: Die Tiefpunkte dauern nie ewig, und irgendwann kommt immer wieder ein Höhepunkt.

Wenn man das Album von Anfang bis Ende hört, wird man feststellen, dass es sich wie eine Reise anfühlt, die zu derselben Note zurückkehrt, mit der sie begonnen hat. Aber es ist kein Kreis, sondern eine aufwärts führende Spirale. Dieser Unterschied ist wichtig. Er erinnert uns daran, dass zukünftige Situationen zwar vertraut erscheinen mögen, wir uns aber in einer völlig anderen Phase befinden. Wir sind jetzt weiser, kompetenter und haben uns weiterentwickelt. Wir sind stolz auf unseren fortlaufenden Prozess und freuen uns darauf, aus allem zu lernen, was auf uns zukommt.

Ihr habt „A Reminder“ als euer bislang persönlichstes Album beschrieben. Was hat sich an eurem Songwriting-Prozess verändert, das euch ermöglicht hat, euch so offen zu zeigen?

[Ran]: Auf persönlicher Ebene finde ich es therapeutisch, meine verletzlichsten Gefühle und Gedanken zu nehmen und daraus etwas zu machen, das jemand anderem helfen könnte, sich weniger allein zu fühlen. Außerdem hat es etwas Heilendes, diese Gedanken in die Welt hinauszutragen. Sobald sie ausgesprochen und geteilt sind, sind sie weniger privat, weniger in meinem eigenen Kopf gefangen und irgendwie auch weniger mächtig. Anstatt dass sie in den dunkelsten Ecken meines Verstandes zu übertriebenen Monstern heranwachsen, werden sie zu etwas, das andere Menschen hören, nachvollziehen und vielleicht sogar als Trost empfinden können.

Diese Absicht – nicht nur für uns selbst zu schreiben, sondern auch für die Person, die genau das vielleicht hören muss – ist wahrscheinlich der Grund, warum sich das Album so persönlich anfühlt. Wenn man weiß, dass es darum geht, jemandem zu helfen, dringt man tiefer vor und schützt seinen eigenen Komfort weniger.

Das Album wechselt ständig zwischen Zerbrechlichkeit und schierer Härte. Wie wichtig war dieser Kontrast für das Gesamtkonzept des Albums?

[Bar]: Er ist essenziell, aber es war nichts, was wir geplant hätten. Es entspricht einfach unserer tatsächlichen Art, Emotionen zu erleben. Wir alle bewegen uns durch Wellen aus Freude, Schmerz und Frustration, fühlen uns überwältigt von Glück oder Wut, von Liebe, Verzweiflung und Zorn.

Wenn wir nur schwere Parts schreiben würden, würden wir das Zerbrechliche darunter verbergen. Wenn wir nur ruhige Parts schreiben würden, würden wir die Wut unterdrücken. Unter der Aggression steckt fast immer etwas Zerbrechliches, das darauf gewartet hat, dringend wahrgenommen zu werden.

Was unseren Prozess betrifft, wissen wir nicht immer im Voraus, in welche Richtung ein Song gehen muss. Wir experimentieren. Manchmal können Worte, die in Wut geschrieben wurden, in Kombination mit einem sanften Arrangement verheerend wirken. Manchmal treffen dieselben Worte aber auch dann am härtesten, wenn man sie einfach für sich stehen lässt und mit der brutalsten Musik versieht, die wir schreiben können.

Es ist ein Prozess von Versuch und Irrtum, bis jemand es auf die richtige Weise fühlt.

„A F*k You, A Thank You“ klingt wütend, roh und vollkommen ungefiltert. Was steckt hinter dieser Wut?

[Ran]: Eigentlich handelt es sich um eine Mischung aus Wut und Befreiung, die in der Akzeptanz und Dankbarkeit für all den Scheiß verwurzelt ist, den ich in meinem Leben durchgemacht habe. Es geht darum, diese Wut als Antrieb zu nutzen, um die eigene Perspektive zu verändern und zu erkennen, was Gutes aus vergangenen Schwierigkeiten entstehen kann. Gleichzeitig ist es ein unterhaltsames, kathartisches Ventil, um einfach zu all dem „F*ck you“ zu sagen.

Es geht nicht darum, den Schmerz zu verleugnen, sondern darum zu akzeptieren, dass diese Erfahrungen dazu beigetragen haben, mich zu dem Menschen zu machen, der ich heute bin, und einen Weg zu finden, daraus etwas Sinnvolles zu machen.

„A Virus. Prove Me Wrong“ verbindet Shouts, Spoken-Word-Passagen und vom Rap beeinflussten Gesang. Wie entscheidet ihr, welchen vokalen Ansatz ein bestimmter Song benötigt?

[Ran]: Ich versuche zu spüren, wie sich der Subtext und die Essenz der Lyrics möglichst authentisch vermitteln lassen. In „A Virus. Prove Me Wrong“ verbinden die Strophen beispielsweise Rap mit Growls und Shouts, um dieses Gefühl von Gier, Dringlichkeit, dem ständigen Verlangen nach mehr und dem Wunsch, Dominanz auszuüben, zu erzeugen.

Die Lyrics im Bridge-Part wirken dagegen beinahe wie eine Predigt oder eine Rede, die sich sowohl an die Menschheit als Ganzes als auch an mich selbst richtet. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, sie als gesprochene Worte vorzutragen – irgendwo zwischen persönlichen Gedanken und einer Ansprache an die Welt.

Piano und Streicher spielen auf „A Reminder“ eine deutlich größere Rolle. Was haben diese Elemente in die Songs eingebracht, was Gitarren allein nicht hätten leisten können?

[Bar]: Das Piano ist mein erstes Instrument, auch wenn ich mich darauf deutlich weniger sicher fühle. Für mich ist es viel persönlicher. Wenn ich Musik auf der Gitarre schreibe, kann ich mich dahinter verstecken – hinter Riffs, Verzerrung, schnellem oder schwerem Spiel. Da ich viel weniger versiert bin und keine Technik am Piano habe, bin ich vollkommen ungeschützt. Keine Masken, keine Alter Egos.

Das Piano ist für mich das intimste Instrument. Es lässt mein Herz transparent erscheinen. Es gibt Songs, die ich am Piano zu schreiben begonnen und später für Gitarren arrangiert habe. Aber bestimmte Parts fühlten sich so an, als müssten sie ehrlich und intim bleiben. Deshalb habe ich das Piano diesmal beibehalten.

Und bei Streichern fühle ich mich ein wenig unqualifiziert. Aber fast jedes Mal, wenn ich dichte Akkorde mit erbarmungslosen, schmerzhaften, herzzerreißenden Harmonien höre, die mit Streicherarrangements kombiniert werden, katapultiert mich das auf eine völlig andere Ebene, auf der ich die Musik tatsächlich auf die intensivste körperliche Weise fühle.

Die Lyrics beschäftigen sich mit Schmerz, Rückfällen, Heilung und persönlicher Veränderung. Gab es während des Schreibprozesses einen bestimmten Moment, in dem euch klar wurde, wie persönlich dieses Album werden würde?

[Ran]: Es war kein einzelner Moment, sondern eine allmähliche Erkenntnis, die immer stärker wurde. Wie etwas, das zunächst unscharf ist und immer klarer wird, je näher man ihm kommt, begann sich das Material während der Arbeit immer persönlicher und wichtiger anzufühlen.

Die Ideen und Bedeutungen hinter den Songs wurden immer tiefgründiger. Irgendwann ging es nicht mehr um einzelne Songs, sondern um eine ganze Reise: zu fallen, wieder aufzustehen und zu verstehen, dass genau das Wiederaufstehen der entscheidende Punkt ist.

Es hat außerdem etwas unglaublich Kraftvolles, solche Momente zu überwinden. Es baut Resilienz auf und macht es irgendwie leichter, sich jeder zukünftigen Herausforderung zu stellen. Heilung bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Leben aufhört, schwierig zu sein. Die Herausforderungen sind immer noch da. Aber zu wissen, dass man schon einmal gefallen ist und es geschafft hat, den Kopf zu heben, aufrecht zu stehen und weiterzugehen, macht einen besser gerüstet für das, was als Nächstes kommt.

Es ist eine Erinnerung daran, dass man es schon einmal geschafft hat – und es wieder schaffen kann.

Walkways – Bleed Out, Heal Out – Artwork

Euer vorheriges Album „Bleed Out, Heal Out“ erschien 2019. Was hat sich innerhalb von WALKWAYS seitdem am stärksten verändert, sowohl musikalisch als auch persönlich?

[Bar]: Persönlich besteht die größte Veränderung darin, dass wir alle Väter geworden sind. Das allein verändert die gesamte Existenz, die emotionale Tiefe und die Geduld. Es erweitert das Verständnis dafür, was wirklich wichtig ist.

Darüber hinaus ist die Welt um uns herum härter geworden. Covid, Politik, Krieg und die anhaltende Situation in unserer Region haben sich während der Zeit, in der wir gearbeitet und geschrieben haben, ereignet und sind in alles eingeflossen. Es gab Momente, in denen es sich unmöglich, fast schon wie eine Sisyphusarbeit, angefühlt hat.

All das machte es wirklich schwierig, Zeit für gemeinsames kreatives Arbeiten zu finden. Dadurch mussten wir bewusster mit der Zeit umgehen, die uns zur Verfügung stand. Das Ergebnis ist ein Album, das offener und ungeschützter ist als alles, was wir zuvor gemacht haben.

Wir haben das geschrieben, was für uns in dieser Phase unseres Lebens wahr war.

Die siebenjährige Pause war nicht geplant, aber sie hat uns Erfahrungen beschert, aus denen wir uns weiterentwickelt haben. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen.

WALKWAYS haben schon immer persönliche Erfahrungen mit der Welt um euch herum verbunden. Wie sehr prägt euer Leben in Tel Aviv und Israel die emotionale Landschaft von „A Reminder“?

[Ran]: Ich halte Politik und das Chaos dieser Region aus meinen Lyrics heraus. Das Leben ist ohnehin schon schwierig genug. Der Zweck unserer Musik ist es, jeden zu unterstützen, der diese Art von Unterstützung braucht, und dabei zu helfen, zu heilen, indem wir Aggression auf gesunde Weise Raum geben.

Wir wollen dabei helfen, etwas Platz im Kopf und im Herzen zu schaffen. Platz, damit Liebe hineingelangen und im Gegenzug nach außen strahlen kann – auf andere Menschen.

[Bar]: Das Aufwachsen in der Metal-Szene von Tel Aviv hat uns tief geprägt. Als Teenager gingen wir zu lokalen Shows und sahen lokale Bands, die bewiesen, dass man genauso sein kann wie die Bands, die man aus Europa und den USA bewundert. Dass man hier geboren werden und trotzdem großartige, harte Musik machen kann.

Die Menschen, mit denen wir bei diesen Shows aufgewachsen sind, wurden später zu den Leuten, mit denen wir uns Bühnen teilten. Die politische Situation hier macht das Leben zweifellos schwieriger. Aber wir entscheiden uns dafür, sie nicht die Musik bestimmen zu lassen.

Unsere Songs sind ein sicherer Ort, um Aggression herauszulassen und den Weg zurück zu Mitgefühl zu finden. Politik funktioniert über Angst und Sorgen, um die Menschen daran zu binden. Und genau das ist das Gegenteil von dem, wer wir sind und was wir in die Welt tragen wollen.

Wenn Hörer:innen in vielen Jahren zu „A Reminder“ zurückkehren, was soll von dem Album bei ihnen bleiben: ein Gefühl, eine Botschaft oder vielleicht eine eigene Erinnerung?

[Bar]: Ich hoffe, dass es ihnen so erhalten bleibt wie ein guter Freund – als das Gefühl, verstanden zu werden und nicht allein zu sein.

Das Album soll eine Erinnerung daran sein, durchzuatmen, wenn sich die Dinge unerträglich anfühlen.

Innehalten, bevor man auf etwas Überwältigendes reagiert. Herauslassen, was heraus muss, sich ausruhen, verarbeiten, akzeptieren und der Heilung die Zeit geben, die sie braucht.

Ich hoffe, es wird daran erinnern, dass wir nicht die Summe unserer vergangenen oder gegenwärtigen Umstände sind. Wir sind nicht unsere Gedanken, nicht unsere Emotionen und auch nicht das Produkt unserer Gesellschaft. Wir entscheiden selbst, wer wir sind und wer wir sein wollen. Und das liegt nicht in den Händen anderer.

Wenn jemand Jahre später zu diesem Album zurückkehrt und es ihm immer noch dieses Gefühl von Trost gibt, dieses Gefühl, dass wir gemeinsam mit ihm durch all das gehen, dann hat das Album genau das erreicht, was es erreichen sollte.

Quelle: Walkways
03.09.2026

It`s all about the he said, she said bullshit.

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