Winterfylleth
Vom ersten Tag missverstanden
Interview
Die englischen Black-Metaller von WINTERFYLLETH gehen seit nunmehr fast zwanzig Jahren konsequent ihren eigenen Weg. Dabei musste das Quintett schon dem einen oder anderen Gegenwind ausweichen. Bandkopf, Gitarrist und Sänger Chris Naughton hat darauf allerdings schon längst keine Lust mehr und sieht eine Zuspitzung gesellschaftlicher und politischer Gefüge, die er auf „The Unyielding Season“ thematisiert. Darüber hinaus gibt er bereitwillig Auskunft über Ansichten und Hintergründe.
Wir wollen heute über „The Unyielding Season“, euer neuntes Studioalbum, sprechen. Der Zusammenhang dürfte schon alleine ob des Covers klar werden – glaubst du, dass wir uns dieser Tage alle in einem großen politischen, soziokulturellen Kampf befinden?
Ich glaube, die kurze Antwort ist ja. Ich meine, ich habe jetzt schon einige Interviews zum neuen Album gemacht. Ich spreche mit vielen Journalisten aus vielen verschiedenen Ländern. Obwohl es mir um unser Album geht, bin ich immer interessiert, auch die Perspektiven anderer Menschen zu hören. Natürlich spreche ich mit Leuten wie dir in Deutschland, in Österreich, in Schweden, in den USA, überall. Ich finde, es ist eine seltsame Zeit, in der wir leben. Du musst nur die Nachrichten einschalten, um die neuesten verrückten Dinge zu sehen, die mal wieder passieren.
Das Konzept des Albums handelt vom Klima in der sozialen und politischen Welt, das sich gerade unnachgiebig anfühlt. Deshalb habe ich es „The Unyielding Season“ genannt. Für mich bezeichnet es die Idee, dass der soziale und politische Raum sich anfühlt, als stünde die Welt in Flammen. Wenn ich an unser Heimatland Großbritannien denke, dann fühlt sich unsere Regierung an, als wäre sie etwas totalitärer mit verschiedenen Dingen geworden. Es fühlt sich an, als würden sie mit vielen persönlichen Freiheiten brechen.
Kein Links-Rechts-Ding
Zum Beispiel haben sie davon gesprochen, dass sie digitale ID-Karten etablieren, um die Leben der Menschen einfacher zu machen. Aber in der Realität besteht die berechtigte Sorge, dass sie zu einem Schlüssel werden, mit dem du Reisen ermöglichen kannst, oder was auch immer. Wenn du das vor zehn Jahren gesagt hättest, würden die Leute sagen, das sei ein Verbrechen. Dann wird darüber gesprochen, Juristen aus den Kriminalverhandlungen zu entfernen, und so weiter.
Dann gibt es die alltäglichen Dinge. Wir haben schlechte Politik, die zu den Mietpreisen, zu den Essenspreisen, zu internationalen Verhältnissen mit anderen Ländern führt. Wenn du nicht sowieso ein großer Gewinner in unserem Land bist, dann kommt das bei dir an. Die politische Welt ist gerade ein bisschen verrückt und ich denke als Band ist es wert, das auch mal zu sagen. Das ist auch kein Links-Rechts-Ding, sondern eher so eine generelle Menschenfreiheits-Sache – wenn wir diesbezüglich nicht zusammenkommen als Menschheit, dann sind wir alle kaputt.
Gibt es für dich einen Punkt, wo das Ganze deiner Meinung nach angefangen hat, oder sprichst du eher von einem schleichenden Prozess?
Ja, absolut. Ich denke, dass es im Moment ein bisschen klingelt. Ich habe auf dem letzten Album „The Imperious Horizon“ gesagt, dass eine undefinierbare Bedrohung hinter dem Horizont wartet, während sich dieses Gefühl beim neuen Album manifestiert.
Es ist nicht die eine Sache, sondern es ist so, als würden 100 Dinge jeden Tag ein bisschen gravierender werden. Es ist die digitale ID-Sache, die Sache mit dem Gericht, es sind die 15-Minuten-Städte und all diese verrückten Dinge, die Leute lokalisieren. Es geht um Umweltthemen, mit denen sich Firmen brüsten und dann Techniken wie Fracking nutzen. Und dann packst du all diese Dinge zusammen und es ist so, dass die meisten Menschen damit beschäftigt sind, irgendwie ihre Miete und ihren Lebensunterhalt zu bezahlen und sich gar nicht mit solchen Dingen befassen können.
Ich finde, dass wir als Band eine kleine, aber lohnenswerte Plattform haben, um diese Verrücktheiten thematisieren zu können. Das mache ich grundsätzlich nicht direkt, nutze gerne alte Gedichte und eine recht elegante Sprache, um Dinge auszudrücken. Manchmal drückt aber die Atmosphäre dieser alten Geschichten ein ähnliches Gefühl aus, wie wir es heute fühlen.
Das ist das Konzept des Albums und ich hoffe, das kommt auch entsprechend beim Hörer an.
Du hast das Artwork schon angesprochen – der Wald, der in Flammen steht. Auch musikalisch ist der Ton schärfer geworden, jedenfalls zu Beginn. Ihr fangt mit „Heroes Of A Hundred Fields“, der ersten offiziellen Single, an, die in Schlachtenlyrik verpackt ist. Man kann aber den Bogen zum zeitgenössischen Thema spannen.
Jeder, mit dem ich bisher über das Albumcover gesprochen habe, war davon beeindruckt. Es ist einfach ein sehr emotionales Bild, wobei man das Gefühl hat, dass die ganze Welt in Flammen steht.
Die Songs sind praktisch in allen Fällen kleinere, für sich stehende Geschichten, die aber im Gesamtkonzept stehen. Die erste Single „Heroes Of A Hundred Fields“ handelt von einem Kampf gegen das Böse. Der wirkliche Punkt dahinter ist, dass die Menschen zusammenkommen, gegen einen Feind, in Form diese ganzen verrückten Ideen aus der Welt, um uns zu unterdrücken und klein zu halten.
Dann ist da zum Beispiel die zweite Single „Echoes In The After“, die zeigt, wie es aussieht, nachdem irre Agendas die Kontrolle übernommen haben. Es gab einen berühmten Baum, den Sycamore Gap, im Nordosten von Großbritannien. Wir haben diesen Baum bei unserem 2018er-Album als Cover benutzt.
Der Baum war offenbar nicht mehr von Interesse und man hat sich nicht mehr für den Symbolismus und die Spiritualität interessiert, was dieser Baum für viele Menschen vielleicht bedeutet. Man hat ihn also einfach gefällt und das war es. Es ist einfach total verrückt. Der Song handelt davon, wie die Landschaft reagiert, wenn man ihr die Hände oder die Arme abtrennt. Es geht darum einen Teil von sich und seiner Geschichte zu verlieren.
Der Akustik-Track am Ende, „Where Dreams Once Grew“ handelt davon, was wir von unseren Lebens und Kulturen erhofft und erwartet haben . Wenn man an die USA denkt, oder an den amerikanischen Traum, das war früher die Art, wie die Leute dargestellt haben, wie sie leben wollten und wie sie über ihre Länder gedacht haben.
Man spricht manchmal von einer gewissen WINTERFYLLETH-Formel, mit der ihr an eure Songs musikalisch heranzugehen scheint. Die zeigt sich auch auf „The Unyielding Season“ immer mal wieder, auch wenn sich Nuancen verändert haben.
Das ist eine interessante Sache, oder? Man wird manchmal für Songs kritisiert, die wie deine Band klingen. Das ist eine seltsame Sache, denn wir haben diesen Klang geschaffen und in einer Art und Weise entwickelt. Ich frage mich, ob die Leute bei IRON MAIDEN die gleichen Fragen stellen, sobald sie eine neue Aufnahme machen, ob das nun eine Formel oder ihr Stil ist.
Wenn man kein intensiver Hörer der Band ist, dann kannst du jedes Album schnappen und feststellen, es klingt wie WINTERFYLLETH. Auf der anderen Seite denke ich aber auch, dass zum Beispiel „The Unyielding Season“ aggressiver und heavier als seine Vorgänger ist. Es hat mehr Bass-Präsenz und der Keyboard-Anteil ist ebenfalls deutlich höher.
„Wenn ich meine Gitarre nehme, kommt eben WINTERFYLLETH raus“
Wenn du einfach nur sechs Minuten lang auf Blastbeats und Gitarre hörst, dann wirst du einfach einen Black-Metal-Track wahrnehmen. Aber ich denke, es gibt viele interessante Dinge darunter. Und wir haben versucht, das Songwriting ein wenig zu verändern, um verschiedene Zeitsignaturen zu haben. Aber im Kern ist es natürlich ein WINTERFYLLETH-Album. Wenn ich meine Gitarre nehme, kommt eben WINTERFYLLETH raus.
Wir haben in den letzten vier bis fünf Jahren neue Mitglieder dazu bekommen. Wie Mark am Bass oder Russell, der seit 2020 ebenfalls Gitarre spielt und die jeweils ihre Ideen einbringen. Demnach gibt es durchaus Veränderungen. Der letzte Black-Metal-Song auf dem Album „Towards Elysium“ klingt durchaus anders, der Titeltrack ist etwas langsamer, dann etwa „Ashen Wake“, der mit einem langen Klavier-Intro beginnt. Das sind eben die Dinge, die du auf einem neunten Album machen kannst, es sei denn, du entscheidest dich, nun eine elektronische Band zu werden.
Dann lass mich direkt mal den letzten Song „Towards Elysium“ herausnehmen. Dieser konterkariert die aggressive Wut zu Beginn des Albums mit einem Funken Hoffnung.
Absolut, genau das ist es. Man kann nun zusammenfassen, dass die Welt zerbrochen, jede Hoffnung vergangen und alles in die falsche Richtung geht. Aber dann gibt es da noch mein Herz, welches fühlt, dass die meisten Menschen eigentlich doch dieselben Dinge wollen. In einer sicheren Gesellschaft leben, gut essen, ihre Kinder zur Schule bringen, glücklich und sicher sein.
Sie wollen ihr Leben ohne Krieg, Konflikte und politische Einflussnahmen bestreiten. Ich denke, obwohl die Welt sich nach Feuer anfühlt, muss es immer noch eine Art Hoffnung geben. Natürlich geht es um „Elysium“, um einen besseren Ort und so weiter.
Die Hoffnung auf einen besseren Ort
Ich wollte, dass wir einen aggressiven Anfang haben, ein ruhiger, nachdenklicher Mittelpart und dann Hoffnung in Richtung Ende. Ich denke, die besten Alben sind die Alben, die dich auf eine Reise mitnehmen. Es muss dich mitreißen und dich interessieren. Es muss dich manchmal aufmerksam machen und an andere Zeiten denken lassen. Ich hoffe, dass das passiert.
„Elysium“ ist eine größere Art des Himmels. Ich denke, in der westlichen christlichen Kultur ist der Himmel die Utopie am Ende. Ich nenne es die Hoffnung auf einen besseren Ort.
Und dann kommt „Enchantment“ von PARADISE LOST…
Es gibt viele Dinge zu diesem coolen Song. Meine erste Band vor WINTERFYLLETH war ATAVIST, damals auf Candlelight Records. Das war mehr Death/Doom. Jetzt spielen zwei, drei von uns noch beim Projekt ARD, das auf Prophecy Productions veröffentlicht. Das ist auch melodischer Doom Metal. Es ist Marks Projekt und er schreibt die Songs. An den Drums spielt dort Live Jeff Singer, der auch für PARADISE LOST trommelt und wir haben ihn in den letzten Jahren kennengelernt.
Zuletzt haben wir auf unseren Alben regelmäßig unsere liebsten Black-Metal-Songs gecovert, doch diesmal wollten wir einen interessanten Bonus-Track spielen, der von einer anderen Ecke kommt. Wenn du die Geschichte von mir oder Mark kennst, ist es nicht so seltsam, einen Doom-Metal-Song zu covern. Ich habe in Huddersfield gewohnt, wo Peaceville Records ist. Also genau dort, wo damals MY DYING BRIDE, PARADISE LOST oder ANATHEMA erschienen sind.
Hast du denn den Song eingesungen?
Nein. Das war Mark, unser Keyboarder. Wir haben uns im Studio dazu entschieden, obwohl ich eigentlich Sänger und Frontmann der Band bin. Es ist einfach Marks Lieblingssong, also haben wir gesagt, er solle ihn einsingen, da er ihm so viel bedeutet.
Mark ist ein toller Sänger. Er klingt etwas anders als ich, aber ich denke, er hat es sehr gut gemacht.
Neue Musiker sind nicht die einzige Veränderung auf dem Papier zu „The Unyielding Season“. Inzwischen seid ihr bei Napalm Records unter Vertrag. Einst vorwiegend für nischigen Black Metal bekannt, ist das Label mittlerweile einer der Big Player der gesamten Szene. Habt ihr künstlerisch weiterhin komplett freie Hand?
Das Label ist unglaublich cool. Sie durchaus Vorschläge mit exklusiven Shirt-Designs für den Webshop oder Shirts mit Back-Print, da es von den Leuten offenbar verstärkt gekauft wird. Man macht uns keinerlei verbindliche Vorgaben, aber sie haben Daten und Auswertungen zur Verfügung, um uns Vorschläge zu machen. Es gibt keinen Einfluss auf unsere Musik, aber sie schlagen uns Singles oder die Art der Produktion vor. Im Endeffekt waren wir aber gemeinsam mit den Entscheidungen einverstanden – wir müssen schließlich auch nicht wie Piraten aussehen oder so.
Napalm Records hatten einen größeren Reiz für uns, denn ich glaube mit Candlelight Records sind wir ein bisschen ans Ende angelangt. Ich sehe zwar keine gemeinsame Tour mit ALESTORM und GLORYHAMMER, aber es ist schön, mit dem Label eine größere Bandbreite erreichen zu können. Es gibt vielleicht Power- oder Folk-Metaller, die mit der Musik von WINTERFYLLETH etwas anfangen können. Ich glaube, es öffnet uns ein größeres Publikum in Deutschland und in Europa.
In euren Songs gibt es schon seit jeher häufig eine Verbindung zu englischer Historie oder zur Naturgeschichte. Wie sehr muss man mit einem gewissen Maß von Lokalpatriotismus vorsichtig sein, nicht missverstanden zu werden?
WINTERFYLLETH wurde vom ersten Tag an missverstanden, an dem wir uns als Band formiert haben. Wir haben Artikel veröffentlicht, es gibt einen Artikel in einem Black Metal Buch über uns, in dem wir darüber sprechen. Das Problem ist, dass die Leute nichts richtig lesen. Die Leute sind zu links oder rechts und wollen ein Problem ganz einfach lösen. Ich denke, die Band hat immer eine romantische Sicht auf die Geschichte. Unsere Schüler in den Schulen lernen unsere Geschichte nicht in irgendeiner sinnvollen Art – du musst es dir schon selbst beibringen.
Vom ersten Tag an missverstanden
Wie kann ein Land vorankommen, wenn es nicht mal seine eigene Geschichte kennt und wie kannst du Visionen für die Zukunft entwickeln, wenn du nicht einmal die Vergangenheit kennst? Ich mache mir an dieser Stelle nicht allzu viele Gedanken, was Leute denken, wenn man uns ganz bewusst falsch verstehen möchte. Wir sind immer offen, mögliche Fragen zu beantworten. Es gibt genug Möglichkeiten über Social Media, Interviews oder Ähnliches.
Eure Zusammenarbeit mit Dan Capp kommt in diesem Zusammenhang auch immer wieder auf den Tisch.
Was soll ich sagen? Dan ist ein enger Freund von uns. Er war über lange Jahre ein Teil der Band und ist nach wie vor für unsere Artworks zuständig. Er hat eine konträre zu vielen Menschen, was öffentliche Politik und deren Instrumentalisierung betrifft, aber er ist ein unfassbar netter Familienmensch. Im Internet sorgen diverse Leute gerne für Chaos und entmenschlichen ihre Opfer. Was kannst du schon dagegen tun?
Dennoch habe ich das Gefühl, dass sich der Wind ein wenig dreht und diese Art und Weise auch ebenso vielen Menschen inzwischen auf die Nerven geht. Die Sache scheint auszubrennen. Am Ende sind wir immer noch da und ich hoffe die Sinnhaftigkeit kehrt irgendwann zurück.
Blicke mal ein paar Jahre in die Zukunft. Aktuell brennen die Wälder. Welches Artwork wird euer nächstes Album haben?
Ich hoffe auf grüne, nährstoffreiche Felder und befürchte eine ausbrannte Ödnis, auf der nichts mehr steht.
