Enslaved
Kanalisieren ihren inneren Seebären
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Die längst ihren Black-Metal-Wurzeln entwachsenen Prog-Metaller ENSLAVED demonstrieren ein weiteres Mal ihre stilistische Wandelbarkeit. In Zusammenarbeit mit ihren Landsmännern vom STORM WEATHER SHANTY CHOIR haben die Norweger gleich zwei Seemannslieder aufgenommen. Während es sich bei „Anna Lovinda“ um ein Stück aus der Feder des norwegischen Kult-Seefahrers Erik Bye handelt, hat die Band zum traditionellen Shanty „Fire Marengo“ ein Lyric-Video veröffentlicht.
Zum Zustandekommen dieser ungewöhnlichen Kollaboration wissen ENSLAVED folgendes zu berichten:
Enslaved gründeten sich am westlichen Rande Norwegens, wo Berge steil ins Meer abfallen und die Geschichte von Wind und Gezeiten weitergetragen wird. Bergen ist nicht einfach nur eine Küstenstadt, sie ist eine Übergangszone – zwischen Land und Meer, zwischen Mythos und gelebter Erfahrung. Das Meer ist hier keine Kulisse, es ist Erinnerung, Arbeit, Aufbruch und Heimkehr.
Zu den eindrucksvollsten lebendigen Symbolen dieses Erbes gehört die „Statsraad Lehmkuhl“, der majestätische Großsegler aus Bergen, der noch immer die Weltmeere befährt. Um dieses Schiff herum lebt und atmet die Shanty-Tradition – Lieder, die aus Rhythmus, Tauwerk, Salz und gemeinschaftlicher Anstrengung entstehen. Aus diesem Umfeld ging der STORM WEATHER SHANTY CHOIR hervor.
Unsere Verbindung zum Schiff begann 2014, als die „Tall Ships Races“ in Bergen zu Ende gingen. Wir wurden eingeladen, ein Auftragswerk an Deck der Statsraad Lehmkuhl zu komponieren und aufzuführen. Metallische Klänge hallten an diesem Abend über den Hafen – ein Zusammentreffen uralter, windbetriebener Technologie und eines modernen, elektrisch verstärkten Rituals. Es fühlte sich weniger wie ein Kontrast als vielmehr wie Kontinuität an.
Seitdem ist eine Freundschaft gewachsen – insbesondere mit Haakon Vatle, Leiter der Schiffsstiftung und einer der engagiertesten Bewahrer der norwegischen Shanty-Tradition. Er bemerkt oft, dass Seeleute die ersten Metalheads waren – Menschen, die täglich den Naturgewalten trotzten und ihnen mit Gesang antworteten. Da ist etwas Wahres dran. Shanties waren keine Unterhaltung, sondern funktionale Beschwörungen – Rhythmus als Überlebensstrategie.
Im November 2025, während des Konzerts zum 20-jährigen Jubiläum des Chors in Bergen, vereinten wir uns bei dem traditionellen „Fire Marengo“ und dem norwegischen Shanty „Anna Lovinda“, geschrieben vom verstorbenen Seemann und Kulturschaffenden Erik Bye. Die Zusammenarbeit fühlte sich weniger wie Verschmelzung als vielmehr wie Anerkennung an – zwei Ausdrucksformen desselben Küstenerbes trafen sich im Zentrum.
Nach dem Auftritt war klar, dass diese Begegnung nicht vergänglich bleiben sollte. Wir trafen uns Anfang 2026 erneut, um das Material aufzunehmen – nicht als Neuheit, sondern als Fortsetzung.
Denn im Zentrum – im mið – finden wir keine Isolation, sondern Gemeinsamer Ursprung. Wind, Rhythmus, Stimme. Derselbe Puls, der einst Segel bewegte, treibt nun Verstärker an. Derselbe Wechselgesang, der einst die Arbeit koordinierte, prägt nun moderne Rituale.
Das Meer vergisst nicht. Und wir auch nicht.
