Antrisch - Expedition III: Renitenzpfad

Review

ANTRISCH verschlägt es auf ihrem zweiten Langspieler von verschneiten Gebirgsketten und den eisigen Weiten des Polarkreises ins tropische Klima des Regenwaldes. Auf „Expedition III: Renitenzpfad“ (die Debüt-EP war „Expedition I“) wandeln die bayrischen Abenteurer und Konzeptfetischisten auf den Spuren des berüchtigten spanischen Konquistadoren Lope de Aguirre, der 1560 an Pedro de Ursúas Amazonas-Expedition teilnahm und nicht unwesentlich zu deren katastrophalem Ausgang beitrug.

ANTRISCH wechseln vom Eis in den Urwald

Und so nehmen uns ANTRISCH mit auf einen fiebrigen Abstieg durch Wahnsinn, Gewalt und Verrat in die dunkelsten Abgründe der menschlichen Natur. Präsentiert wird der Trip wieder höchst stimmungsvoll in Form von atmosphärischem Black Metal, welcher dem Setting angemessen nicht eisig klirrend, sondern wohl temperiert, um nicht zu sagen drückend, klamm und klaustrophobisch dargeboten wird. Dabei bewegen sich die Würzburger abseits einiger rasender Ausbrüche überwiegend im mittleren Tempobereich, denn der Weg durch den Dschungel ist schließlich ein beschwerlicher.

Schon beim ersten Durchlauf stellt man fest, dass man „Expedition III“ für das intensivste Hörerlebnis wohl am besten in Gänze und unterm Kopfhörer auf sich wirken lässt. Denn die Musik von ANTRISCH lebt weniger von Hooks, eingängigen Melodien oder Hit-Momenten, sondern vor allem von ihrer einnehmenden, nahezu pulsierenden Dynamik. Die Songs sind gekennzeichnet von einem steten Auf und Ab zwischen ruhigen, aber nichtsdestotrotz subtil bedrohlichen Ambient- und Akustik-Parts und furiosen Black-Metal-Eruptionen, denen sich auch die intensive Gesangsdarbietung von Maurice Weber anpasst. Der zieht hier mit entrückten Spoken-Word-Passagen, wahnsinnigem Flüstern, wütendem Knurren und markerschütterndem Kreischen sämtliche Register und empfiehlt sich als eine der aktuell wohl markantesten Stimmen in der deutschen Black-Metal-Landschaft.

Auf instrumentaler Ebene sind es vor allem die ruhigen Zwischentöne, die immer wieder für gespitzte Ohren sorgen, während der Black-Metal-Anteil über weite Strecken zwar keinesfalls öde, jedoch recht routiniert runtergezockt wird. Neben post-rockigem Geklimper im Opener „Conquista – Prolog“ und obligatorischen, von Dschungelgeräuschen begleiteten Ambient-Flächen in Stücken wie „Bittergrün – Los Marañones II“ oder „Abkehr – Non Svfficit Orbis“ gibt es etwa bei „Hidalgo Infernal – Der Baskische Wolf“ sowie „Nattern & Narren –  Los Marañones I“ spanisch anmutende Akustikgitarren zu hören, welche an die Herkunft des Protagonisten erinnern und sich stimmig ins Gesamtbild einfügen.

Das soll aber wie gesagt nicht heißen, dass sich ANTRISCH beim metallischen Anteil ihres Reisetagebuchs lumpen lassen. Zwischen scharfen Breitseiten setzen die Gitarren immer mal wieder zu leicht progressiven Läufen an und das finale „Canis Lvpvm Edit – Wolfsfalle“ ist mit derart markanten Basslines und einem so mörderischen Groove gesegnet, dass es den Konquistadoren glatt den Morion vom verschwitzen Haupt zwirbelt.

Mit „Expedition III: Renitenzpfad“ stecken ANTRISCH ihre Nische weiter ab

Der Wechsel vom Eis in den tropischen Urwald kann jedenfalls als geglückt bezeichnet werden. Sowohl musikalisch als auch konzeptionell bleiben ANTRISCH stark und grade in letzterer Hinsicht auch ziemlich originell, denn historische Expeditionen im Allgemeinen und die Umtriebe der Konquistadoren im Besonderen sind nun wirklich keine Themenkomplexe, die im Black Metal bisher sonderlich tiefgreifend ausgeschöpft wurden.

In die deutschen Texte, die zwischen kryptischen Monologen, düsterer Poesie und ein klein wenig „reim dich oder ich fress dich“-Dichtung entfernt an die Kollegen von NOCTE OBDUCTA erinnern, muss man sich zwar erstmal reinhören, dann verschmelzen aber auch diese mit dem stimmigen Gesamtbild. Und dass die meisten Stücke vom Aufbau her nach einem ähnlichen Muster gestrickt sind, ergibt sich aus dem Konzept, zumal „Expedition III – Renitenzpfad“ ja ohnehin am Stück erlebt werden will.

So oder so haben sich ANTRISCH mit nur einer EP und zwei Alben ihre eigene kleine Nische abgesteckt und man darf gespannt sein, welche Expeditionen die Bayern in Zukunft noch unternehmen. Auf jeden Fall dürften die Herren froh sein, heiße Clubshows und Sommerfestivals nun nicht mehr in Bergsteigerausrüstung oder dicken Seemannspullis bestreiten zu müssen.

27.03.2026

"Musik hat heute keinen Tiefgang mehr." - H.P. Baxxter

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