Krisiun - Mortem Solis

Review

Man könnte es im Falle „Mortem Solis“ dem geschätzten Kollegen Di Iorio gleichtun und ihn und sein eröffnendes Statement zur neuen SOULFLY-Platte paraphrasieren: KRISIUN! Album Nummero 12 [stimmt sogar auf die Zahl genau, Anm. d. Red.]! Ballert! Review fertig! Aber auch hier würde man zuvorderst ein paar interessante Details auslassen, die sich im Hintergrund abgespielt haben. Und man muss natürlich über die unverdünnte Boomer-Energie sprechen, welche die Presseinfo förmlich ausstrahlt. Schließlich wird hierin wiederholt der pure Spirit des Death Metal beschworen und eine Reihe von Lanzen gegen Quantisierung, Clicktracks und weitere digitale Helferlein gebrochen. Prinzipiell ja alles schön und gut, aber wenn man sich da so oft wiederholen muss, grenzt das schon an … ach, lassen wir das.

KRISIUN mit neuem Produzentengespann und alter Wut im Bauch

Viel interessanter für die Gebrüder Kolesne respektive Camargo ist hinsichtlich des neuen Albums ohnehin eher, wo es aufgenommen worden ist. Statt ihre klanglichen Geschicke wieder in die Hände von Andy Classen zu legen, der zuletzt zweifelsohne gute Arbeit geleistet hat, hat die Band entschieden, „Mortem Solis“ [was offenbar schöner klingt als „Mors Solis“ oder „Solis Mors“] in ihrer Wahlheimat São Paulo unter der Aufsicht von Hugo Silva und Otavio Rossato aufzunehmen, was vermutlich auch eine Entscheidung gewesen sein dürfte, die zumindest teilweise von der anhaltenden Pandemie inspiriert worden sein könnte. Der Mix wurde schließlich von Mark Lewis in den Staaten vollendet, der „Mortem Solis“ sogleich einen etwas originelleren Anstrich verpasst hat, da sich der Classen-Sound ja zugegeben schon ein bisschen totgehört hat.

Klanglich hat das aber wenig an der Schießwütigkeit der Brasilianer geändert. Wer Melodien sucht, sollte woanders suchen gehen, denn bei KRISIUN regiert wieder einmal das chromatische Riffing, das gerne mal eine Spirale abwärts, ebenso gerne auch aufwärts beschreibt. Ebenso jagen sie ihre Hörer gerne mal zackig durch mehrere Motive pro Song durch. Das führt manchmal dazu, dass die Brasilianer einen schwindelig spielen wie gleich im Opener „Sworn Enemies“, der dadurch erst nach wiederholten Hördurchgängen zündet. Ebenfalls der eigenen Entwicklung folgend stehen attilierieartige Blastbeats zwar immer noch im Vordergrund, doch Tempovariationen entweder in Form punkiger Backbeats oder Midtempo-Grooves halten „Mortem Solis“ rhythmisch durchgehend interessant und abwechslungsreich.

Der frische Anstrich hat „Mortem Solis“ hörbar gut getan

„Necronomical“ beispielsweise eröffnet mit einem fetten Groove, den KRISIUN auch fast zwei Minuten durchhalten inklusive thrashigem Geschrubbe, das sich wunderbar an den schleppenden Groove anschmiegt, ebenso wie fieser Tremolo-Licks, die sich ob ihres erstaunlich bedächtigen Einsatzes wunderbar effektiv in den Sound einfügen, ehe es wieder mit Vollgas nach vorne geht. Doch selbst hiernach, in seiner flotteren Phase, bleibt der Track der atmosphärischste Song der Platte. Wer dagegen ein klassisches Beispiel für einen modernen KRISIUN-Klopper sucht, wird entweder beim feisten „Serpent Messiah“ fündig mit seinen fiesen Nackenbrecher-Breaks, oder aber bei „War Blood Hammer“, während „Temple Of The Abattoir“ das spiralenartige Riffing mit zahllosen Tritoni auf die Spitze treibt.

Der neue Anstrich hat den Brasilianern also definitiv gut getan und sorgt bei weitestgehend vertrautem Sound für ein erfrischendes Hörerlebnis. „Mortem Solis“ klingt insgesamt möglicherweise etwas düsterer als sein direkter Vorgänger dank eines Schlagzeugs, das nicht mehr so stark und prägnant im Vordergrund bollert und doch gut genug herausgearbeitet ist, um stets angemessen hörbar zu bleiben. Wer klangliche Innovationen sucht, ist bei KRISIUN natürlich auch anno 2022 an der falschen Adresse angelangt, da die Brasilianer unbeirrt ihren ureigenen Sound weiter zelebrieren. Aber sie versehen ihn erneut mit reichlich Komplexität und Impulsivität, was dieses Album einfach so wahnsinnig unterhaltsam macht. Der brasilianische Dreier bleibt also eine qualitative Hausnummer, mit der man auch dieses Jahr wieder rechnen sollte.

28.07.2022

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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