Nevermore - Dreaming Neon Black
Review
Dass NEVERMORE heuer die Bretter der Welt gemeinsam mit SAVATAGE bespielen, dürfte bei allen Fans des kernigen US-Power-Metals für feuchte Augen und möglicherweise diverse weitere humide Stellen am Körper sorgen. Zu lange gab es keine Lebenszeichen beider Bands, zu perfekt ist die Kombination dieser Legenden.
NEVERMORE werden nie wieder mit ihrem stilprägenden Sänger und Texter Warrel Dane auf einer Bühne stehen oder gemeinsam ein Album aufnehmen. Zu früh ist die Kultröhre mit der langen blonden Matte von uns gegangen, die Ende des Jahres schon 65 geworden wäre. Da der Einfluss der Band aus Seattle auf Power Metal, Groove Metal, Progressive Metal und sogar Djent allerdings bis in die Gegenwart – und vermutlich noch weiter in die Zukunft – reicht, lohnt es sich, den noch offenen Platten bei uns eine würdigende Betrachtung zu spendieren.
Das Meisterwerk von NEVERMORE?
Die Frage nach der besten Scheibe von NEVERMORE wird unterschiedlich beantwortet. Häufig wird die Abrissbirne “This Godless Endeavor” (2005) oder das durchweg starke “Dead Heart In A Dead World” (2000) genannt. “Dreaming Neon Black” ist das letzte Studioalbum der Band, welches auf sechssaitigen Gitarren eingespielt wurde und ein durchweg intensives Highlight in der Diskografie der Band. Nachdem auf dem ziemlich progressiven und streckenweise hektischen “The Politics Of Ecstasy” noch der spätere CANNIBAL-CORPSE– und heutige EXHORDER-Gitarrist Pat O’Brien zu hören war, holte sich Gitarrenvirtuose Jeff Loomis für die vorliegende Scheibe den ehemaligen FORBIDDEN-Gitarristen Tim Calvert als Shred-Partner ins Boot. Der später als Pilot arbeitende Calvert steuerte drei Songs zu “Dreaming Neon Black” bei und ist im Jahr 2018 leider der Krankheit ALS erlegen.
Zu besonderen Atmosphäre auf “Dreaming Neon Black” trägt vor allem das textliche Konzept bei. Nachdem eine Ex-Freundin von Warrel Dane einer religiösen Gruppierung beitrat, hörte er nie wieder etwas von ihr und nahm an, dass sie inmitten von Sektenstrukturen ums Leben kam. Ihn plagten wiederkehrende Albträume. In Wahrheit wurden sie und ihr späterer Ehemann Opfer des als “Truck Stop Killer” bekannten Serienmörders Robert Ben Rhoades. Ausgelöst dadurch driftet der Ich-Erzähler des Albums schrittweise in Wahnsinn und Verzweiflung, was von Dane ergreifend interpretiert wird. Abgesehen von dem SANCTUARY-Klassiker “Into The Mirror Black” ist “Dreaming Neon Black” die beste Gesangsleistung der Ausnahmestimme.
Süße Verzweiflung mit “Dreaming Neon Black”
Man kann nicht über “Dreaming Neon Black” sprechen, ohne zu betonen, wie großartig die häufig dissonante, schwer zugängliche Musik zu den Texten passt. Das Eröffnungs-Triple “Beyond Within”, “The Death Of Passion” und das wütende “I Am The Dog” strapazieren die Nackenmuskulatur unbarmherzig. Den absoluten Tiefpunkt der Verzweiflung haben NEVERMORE hingegen clever in der Mitte des Albums mit dem eher bedächtigen Titeltrack, dem doomigen “Deconstruction” und dem psychedelisch-wahnhaften “The Lotus Eaters” gepackt – wobei sich mit dem großartigen “The Fault Of The Flesh” ein Groove-Monster von typischer NEVERMORE-Machart zwischen diese Songs geschlichen hat.
Das Ende der Geschichte mündet in einer Mischung aus lichtloser Tragik, shakespeare’scher Katastrophe und viel Zynismus. “All Play Dead” und “Cenotaph” klingen immer stärker nach Kapitulation und Resignation, wohingegen die bedrückenden “No More Will” und “Forever” ganz am Schluss zum ersten Mal so etwas wie traditionelle Melodielinien erkennen lassen. Gleichwohl lassen NEVERMORE ihrem Publikum nicht mal ansatzweise eine Illusion von Hoffnung. Das Album tönt vielmehr konsequent nach Nihilismus, Selbstaufgabe und tief schneidendem Schmerz.
NEVERMORE zum letzten Mal mit sechs Saiten
Ob Warrel Dane in Folge der erlebten Episode genau so am Ende war, wie er hier klingt, wissen wir nicht genau. Fakt ist, der blonde Hühne war einen Großteil seiner Lebenszeit gezwungen, innere Konflikte und Widersprüche auszuhandeln und diverse Dämonen zu bekämpfen. Von daher fällt es schwer, große Teile von “Dreaming Neon Black” nicht als persönliches Bekenntnis zu lesen, was die Platte umso intensiver macht. Doch auch die schrägen Riffs, komplexen Grooves und die konstante Intensität machen “Dreaming Neon Black” – wie jedes Album von NEVERMORE
– zu einem absoluten Pflichtkauf für alle Fans von anspruchsvollem Metal. Zudem markiert das Album eine wichtige Zäsur in der Bandgeschichte, da hier ein letztes Mal mit deutlichen Anleihen des Thrash Metals gerifft wurde. Ab dem – selbstredend fantastischen – Nachfolger “Dead Heart In A Dead World” stieg Gitarrist Jeff Loomis auf die Siebensaiter um und ließ seine Death-Metal-Roots immer weiter durchscheinen, was den Stil der Band noch einzigartiger machte.
Nevermore - Dreaming Neon Black
| Band | |
|---|---|
| Wertung | |
| User-Wertung | |
| Stile | Heavy Metal, Power Metal, Progressive Metal, Thrash Metal |
| Anzahl Songs | 13 |
| Spieldauer | 65:56 |
| Release | 26.01.1999 |
| Label | Century Media |
| Trackliste | 1. Ophidian 2. Beyond Within 3. The Death Of Passion 4. I Am The Dog 5. Dreaming Neon Black 6. Deconstruction 7. The Fault Of Flesh 8. The Lotus Eaters 9. Poison Godmachine 10. Cenotaph 11. All Play Dead 12. No More Will 13. Forever |
