Atrocity
Listening-Session zu "Atlantis"

Special

Nach einigen experimentellen Ausflügen in die Rock und Pop Gefilde, sowie einem etwas durchwachsenen Vorgängeralbum, wurde es eine ganze Weile still um die Schwaben. Wie gut ihnen allerdings diese Ruhepause getan hat beweisen sie eindrucksvoll auf dem neuen Longplayer „Atlantis“. Doch lest selbst und macht euch ein Bild über das was uns bald erwarten wird.

Der Tag begann schon prima, als mich ein grelles rotes Licht auf der Fahrt in das schwäbische Fellbach aus tiefen Gedanken riss. Ein beherzter Blick in den Rückspiegel brachte dann Gewissheit. Die Herren in Grün hatten mal wieder zugeschlagen. Als die Gesetzeshüter dann in Form eines Knöllchens, welches am Ende des Abends demonstrativ an meiner Scheibe prangte, zum Doppelschlag ausgeholt hatten, machte dieser Freitag der 13te seinem Unglück bringenden Ruf alle Ehre. Zwischen diesen beiden Ereignissen lagen allerdings einige, vor allem musikalisch, äußerst interessante Stunden. Die Location, für die Listening Session war, das Matersoundstudio, welches von Herrn Krull und seinen Mitstreitern in den letzten Jahren mit viel Schweiß und Eigeninitiative aufgebaut wurde und gleichzeitig als Produktionsstätte für das neue Meisterwerk „Atlantis“ dient. Nachdem ich schlussendlich die Pforte des etwas versteckt gelegenen Mastersoundstudios gefunden hatte, tönte mir schon im, mit zahlreichen Bandbildern verzierten, Treppenhaus eine gut gelaunte Stimme entgegen, die mich lautstark in die oberen Stockwerke dirigierte. Am Eingang empfing mich neben einer lebensgroßen Elvis Pappfigur, Schlagzeuger Martin Schmidt mit einem breiten Grinsen auf den Lippen. Da es zu kleinen Verzögerungen kam und ein Teil, der aus ganz Europa geladenen Schreiberlinge noch unterwegs war, nahm sich Martin Schmidt ein wenig Zeit und führte die bereits Anwesenden durch die heiligen Hallen und gab beim ersten Bier ein kleines Geheimnis preis. Dazu allerdings später mehr. Nach und nach fanden sich auch die restlichen Bleistiftrocker ein und gesellten sich, bewaffnet mit einer Flasche Bier oder wie ein schwedischer Vertreter gleich mit einer Flasche Tennessee Whiskey, um das reichhaltige Buffet. Schon im Vorfeld wurde angeregt über das neue Werk der Schwaben diskutiert, wie es denn wohl ausfallen könnte, vor allem in Anbetracht des mächtigen historischen Kontextes. Während die runde immer feuchtfröhlicher wurde und durch amüsante Einlagen des zusehends immer betrunkener werdenden schwedischen Kollegen erheitert wurde, legte Alex Krull noch letzte Hand an das Songmaterial. Gegen 20:30 war es dann endlich soweit. Ein sichtlich aufgeregter und zugleich stolzer Herr Krull, mittlerweile im Kreis seiner Bandkollegen, erhob das Wort zur offiziellen Begrüßung und bat die Schar in eines der letzten Geheimnisse der Menschheit abzutauchen. Irgendwie war ich skeptisch, angesichts der Experimentierfreudigkeit der Schwaben in den vergangenen Jahren, was meine Erwartungen an die einstige Härte und Kompromisslosigkeit sichtlich dämpfte. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Und um es gleich vorwegzunehmen: „Atlantis“ ist sowohl musikalisch als auch konzeptionell das reifste Werk der Jungs, das die einstige Härte neu interpretiert und darum ein klassisches Gerüst baut. Play!

01. Reich Of Phenomena
Gleich ein Paukenschlag zu Beginn, der unmissverständlich klar macht, wohin die Reise geht (Ein kurzer Blick in die Runde macht klar, wie unerwartet die Hörerschaft getroffen wird). Nach dem bombastisch, orchestralen Intro bricht ein blastspeed Gewitter hernieder und findet im Chorus, in dem Sänger Krull weibliche Unterstützung findet, einen ersten Höhepunkt. Der Mittelteil ist geprägt von schleppendem Sprechgesang bis zum Punkt, an dem der Song erneut eine abrupte Wendung erfährt, und wieder mächtig Tempo macht. „Reich Of Phenomena“ ist ein äußerst komplexer Song, der von überraschen Breaks und einem hymnenhaften Refrain lebt. Hitverdächtig!

02. Superior Race
Willenskraft lässt grüßen. Superior Race lebt von der Unterstützung der Streicher und bewegt sich eher im midtempo Bereich. In der zweiten Hälfte des Albums stampfen die Gitarren mächtig und lassen den Song langsam aber beharrlich an Härte gewinnen. Prädikat: moshtauglicher midtempo Stampfer zum Mitgrölen!

03. Gods Of Nations
Der einzige Song, der bisher den Weg nach Draußen gefunden hat. Er wurde anlässlich des 20 jährigen Jubiläums der Rockfabrik auf einem Sampler veröffentlicht. Heftig groovende Gitarren und ein stellenweise gar tribalartiges Drumming, machen Gods Of Nations in Kombination mit den cleanen Vocals zu einem kleinen Highlight der Scheibe.

04. Ichor
Ein ziemlich „spacig“ geratenes Intro ebnet den Weg ich einen, von progressiven Gitarrenlinien getragenen Song, der vom gesanglichen Wechselspiel lebt. Cleane Passagen, untermalt von orientalisch anmutenden Samples, wechseln sich mit voluminösem Grunzgesang ab. Richtig klasse sind die Gitarrensoli am Ende des Songs.

05. Enigma
Eines der gefühlsbetontesten Stücke auf dem Album. Man befindet sich in einem Wechselbad der Gefühle, hervorgerufen durch den gezielten Einsatz von Härte und weiblichen Backingvocals. Der Song arbeitet immer wieder auf den ohrwurmartigen Refrain hin und hat definitiv Hitpotenzial.

06. Morbid Mind
WOW! Ein Killer vor dem Herrn. Ultrathrashiges Riffing gepaart mit mörder Breaks und einem sich die Seele aus dem Leibe schreienden Alexander Krull, machen Morbid Mind zu einer Speedgranate erster Güte. Fett!

07. Omen
Erneut sehr orchestral gehaltenes Stück, mit apokalyptischem Grundthema. Eine weibliche Stimme lässt den Song stellenweise gar plastisch wirken. Eigentlich eine Vorbereitung zum folgenden Song

08. Cold Black Days
Die Singleauskopplung des Albums. Man präsentiert sich erneut von einer etwas anderen Seite. Die Gitarren im Einklang mit dem Piano erschaffen diese gewisse Atmosphäre, die ein Ohrwurm einfach haben muss. So auch bei Cold Black Days, der Chorus türmt sich meterhoch auf und hält ähnliche lange an, wie das kultige „Love is Dead“.

09. Atlantean Empire
Wurde uns an diesem Abend leider noch vorenthalten.

10. Clash Of The Titans
Dieses Geschoss macht dem Titel alle Ehre. Bombast trifft auf heavy Gitarren, die durch herrlich erfrischende soundtechnische Finessen und Samples noch mehr Präsenz bekommen. Im Mittelteil gibt es überraschend eine Sprechgesangeinlage. „Clash Of The Titans“ ist eine aggressive Mischung aus Black und Death-Metal mit subtil gesetzten Überraschungsmomenten. Ein gewisses Dimmu Borgir Flair kann dieser Song nicht leugnen. Bang Your Head!

11. Apocalypse
Und es geht noch ne Spur heftiger. Fieses Black-Metal lastiges Drumming vereint sich mit der Energie von messerscharfen Gitarren zu einem Klangmonster, das nur durch die cleanen Chorusparts in Zaum gehalten werden kann.

12. Lost Eden
Ein reines Instrumentalstück, welches das eigentliche Intro zum nachfolgenden Track „The Sunken Paradise“ ist.

13. The Sunken Paradise
Im Gegensatz zu allen anderen Songs, hat dieser eine stark balladeske Note, bedingt durch den Einsatz einer Akustikgitarre. Der Refrain ist erneut absolut charttauglich, ohne jedoch die nötige Härte zu verlieren.

14. Aeon
So jetzt kommen wir wieder zurück auf die zu Anfang erwähnte Überraschung. Herr Krull verkündete vor versammelter Mannschaft, dass eben dieser Song noch nicht ganz fertig wäre, da man dazu noch sangeskräftige Unterstützung eines Chores benötige. Freudestrahlend teilte er uns weiter mit, dass er gerne uns für diesen Part „engagieren“ würde. Gesagt getan, formierten sich immer vier, vom Bleistiftrocker zum Atrocity Chor aufgestiegene, Schreiberlinge um das bereits vorbereitete Mikro. Unter Anleitung des „Reglerschiebers“ Krull liefen alle zu Höchstleistungen auf. Nicht nur diese Einlage, sondern auch der Song an sich, angelegt im midtempo Bereich, versetzt mit ohrwurmartigen Vocals, machen dieses Stück zu einer absoluten Metal-Hymne. Die Frage, wie es denn nun mit einer Beteiligung an den Einnahmen aussehen würde, ließen die Jungs, mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, offen.

15. Ein Volk
Ein weiteres Stück, welches uns nicht präsentiert wurde. Aufgrund des Titels lässt sich allerdings wieder eine eher experimentelle Nummer vermuten.

Mal abgesehen von dem Schweden, der seinen Alkoholpegel mittlerweile in astronomische Höhen geschraubt hatte, und sich zu einigen undefinierbaren Aussagen hinreißen ließ, waren alle nach dieser Hörprobe mehr als geplättet. Keiner der Anwesenden hatten mit einem derartigen Brett gerechnet, welches auch noch so opulent in Szene gesetzt werden würde. Für mein Dafürhalten ein Album, das für einigen Wirbel sorgen könnte. Wer allerdings die am 15.03.2004 erscheinende Single „Cold Black Days“ als Referenz für das Scheibchen heranziehen möchte, sollte sich bewusst machen, dass Atlantis ne ganze Spur härter sein wird. Eigentlich waren alle zufrieden und eine sichtlich gelöster Alexander Krull ließ sich noch zu einigen Schnappschüssen vor dem mit zahlreichen Piranhas gefüllten Aquarium überreden. Den Abschluss fand der wirklich gelungene Abend in der Rockfabrik zu Ludwigsburg, in der dann, für den einen früher für den anderen später, die Lichter ausgingen. Geiler Abend mit klasse Mucke.

19.02.2004
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