Brymir
"Und wo wollen wir hin? Überall hin, bitte und danke!"

Interview

Jarkko Niemi bedient seit der Bandgründung 2006 den Tieftöner bei BRYMIR und ist für Backing Vocals zuständig. Heute holen wir ihn ins Rampenlicht, um mit ihm über das neue Album „What We Leave Behind“ zu sprechen, dessen Veröffentlichung noch frisch ist.

Moin und vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, unsere Fragen zu beantworten.

Vielen Dank für das Interview! Dann lasst uns durchstarten!

„What We Leave Behind“ ist der Titel eures neuen Albums. Was bedeutet dieser Satz für BRYMIR und wie spiegelt er die zentralen Themen und die Geschichte des Albums wider?

Der Titel zieht sich wie ein roter Faden durch die vielen unterschiedlichen Botschaften und Bilder des Albums. Dabei geht es um persönliche Erfahrungen, die Weltgeschichte und mögliche düstere Zukunftsszenarien. Im Kern stehen Fragen wie: „Worauf läuft das alles hinaus?“, „Warum tun wir die Dinge, die wir tun?“ und „Für wen hoffen wir, eine bessere Welt zu hinterlassen?“

Dahinter steckt der zutiefst menschliche Antrieb, irgendetwas Bedeutsames zu hinterlassen. Das kann bedeuten, sein eigenes kleines Leben so gut wie möglich zu leben, aber auch von größenwahnsinnigen Träumen der Unsterblichkeit getrieben zu sein. „What We Leave Behind“ ist die Frage, auf die wir eine Antwort suchen – und gleichzeitig die Frage, die das Album zu beantworten versucht.

Verglichen mit euren bisherigen Veröffentlichungen: Was ist eurer Meinung nach die größte musikalische oder emotionale Weiterentwicklung auf „What We Leave Behind“?

Von all unseren bisherigen Veröffentlichungen ist dieses Album musikalisch, visuell und thematisch das düsterste. Natürlich gibt es auch ein paar Ausreißer, beispielsweise einen ziemlich abgedrehten Bonustrack. Trotzdem finden sich hier die brutalsten musikalischen und deprimierendsten textlichen Höhepunkte unserer bisherigen Karriere.

Ich denke, man merkt daran, dass die Dinge zumindest in unserer persönlichen Wahrnehmung der Welt seit dem letzten Album nicht gerade heller geworden sind. Die Frustration, Wut und Verzweiflung spiegeln sich sowohl in der Musik als auch in den Texten wider.

Das Album verbindet epische Melodien, harschen Gesang und kraftvolle orchestrale Elemente. Wie seid ihr beim Schreiben und Produzieren vorgegangen, um diese unterschiedlichen Komponenten in Einklang zu bringen?

Viktor, unser Sänger und verantwortlich für die Orchestrierungen, ist unser Produktionsguru. Er kümmert sich seit unserem zweiten Album um diesen Bereich und hat sich bis zu unserem mittlerweile fünften Album eine der wichtigsten Lektionen zu einer echten Kunstfertigkeit angeeignet: Man muss wissen, was der zentrale Antrieb eines bestimmten Abschnitts ist.

Früher haben wir versucht, alles jederzeit möglichst groß und fett klingen zu lassen. Aber man muss lernen, der Orchestrierung ihre Momente zu geben, den Instrumenten der Band ihren eigenen Raum zu lassen und ruhigere Passagen tatsächlich ruhig zu gestalten. Die Gitarren klingen wesentlich härter, wenn man ihren Sound nicht mit orchestralen Klangflächen verwässert. Und erhabene Melodien profitieren auch nicht unbedingt von einer übermäßig komplizierten Rhythmussektion im Hintergrund.

Genau diese Balance perfektioniert Viktor seit Jahren. Wenn all diese Elemente dann an den richtigen Stellen aufeinanderprallen, entstehen wirklich epische Momente!

Diesmal haben wir außerdem einige sehr elektronische Klangfarben in die Musik eingebaut. Sie unterstreichen die stärker Science-Fiction-orientierte Bildsprache des Albums und erweitern unsere ohnehin schon vielseitige musikalische Palette um weitere Möglichkeiten. Wenn man weiß, wie man dorthin reist, sind dem epischen Kosmos der Erhabenheit keine Grenzen gesetzt!

Gab es bestimmte Mythen, historische Ereignisse, persönliche Erlebnisse oder Ideen, die euch bei den Texten und der allgemeinen Atmosphäre von „What We Leave Behind“ inspiriert haben?

Da neben Viktor und mir erstmals in der Geschichte von BRYMIR auch Joona, unser Gitarrist und für die Chöre verantwortlich, Texte für das Album geschrieben hat, sind die thematischen Schwerpunkte ziemlich vielfältig.

Einer der wichtigsten roten Fäden sind persönliche Erfahrungen mit Verlust und Verzweiflung sowie deren Gegenstück: Hoffnung, auch wenn sie noch so vage und weit entfernt erscheint. Ob es nun um konkrete Ereignisse aus unserem Leben oder um psychische Ängste geht, für die wir durch die Kunst einen Gegenpol oder eine Art Katharsis suchen – die Songs sind allesamt sehr persönlich.

Genau darin liegt die Kraft einer Songbotschaft. Ganz gleich, mit welchen Farben und mythologischen Anspielungen wir unsere Bilder gestalten: Wenn die Musik nicht von Herzen kommt, fehlt ihr meistens die Kraft, langfristig etwas zu bewirken.

Was diese „Farben“ selbst angeht, haben wir ebenfalls einiges zu bieten. Wenn ich jetzt anfangen würde, sämtliche Referenzen aufzuzählen, könnte ich seitenweise Material auflisten. Sagen wir einfach, dass aktuelle Ereignisse, Mythologien aus zahlreichen Kulturen sowie klassische Literatur und moderne Science-Fiction ihren Anteil daran haben. Sie sind sozusagen die Pinsel, mit denen wir unsere Geschichten ausmalen.

Wie lief der Songwriting-Prozess diesmal ab? Habt ihr die Songs gemeinsam als Band entwickelt oder brachten einzelne Mitglieder den Großteil der ersten Ideen ein?

Viktor hat den Großteil des Materials geschrieben, während Joona und ich jeweils einen Song zum Album beigesteuert haben.

Beim Songwriting arbeiten wir größtenteils ziemlich zurückgezogen und fast schon klösterlich. Jeder von uns feilt für sich an seinen Ideen und versucht, sie so perfekt wie möglich auszuarbeiten, bevor er sie den anderen präsentiert.

Sobald diese erste Hürde genommen ist und alle begeistert sagen: „Ja, genau der Song!“, beginnt die eigentliche Feinarbeit.

Der größte Unterschied zu früher war diesmal, dass unser Schlagzeuger Patrik deutlich mehr Gelegenheit hatte, seine Ideen einzubringen. Das betraf vor allem die Schlagzeugarrangements, aber auch andere Bereiche der Songs.

Normalerweise geraten wir ziemlich in Zeitnot, sobald die Songauswahl feststeht und wir ins Studio wollen. Diesmal hatten wir, glaube ich, bei allen Songs die bisher größte gemeinsame Zustimmung innerhalb der Band. Natürlich hätten wir noch mehr Zeit investieren können, aber man muss sich auch ein bisschen Hunger für das nächste Mal bewahren. Das ist gesund.

Was sollen die Hörer aus „What We Leave Behind“ mitnehmen, womit sie bei BRYMIR vielleicht nicht gerechnet hätten?

Am offensichtlichsten ist wohl die Science-Fiction-Ästhetik. Wir haben in der Vergangenheit bereits hier und da darauf hingedeutet, aber diesmal steht sie im Mittelpunkt und verdrängt die eher klassische nordische oder griechische Mythologie, die unsere Musik früher stärker geprägt hat.

Wir hatten mit deutlich heftigeren Reaktionen gerechnet. Offenbar haben wir aber bereits genug Grundlagen geschaffen, sodass wir unsere Musik inzwischen gestalten können, wie wir wollen, ohne dass unsere Fans vergessen, dass es sich um BRYMIR handelt.

Wenn wir also dachten, dass dieser Aspekt die Leute aus der Bahn werfen würde, ist das eigentlich Auffälligste am Album wohl, wie düster es tatsächlich wird. Am Ende dieser Reise spenden wir wirklich überhaupt kein Licht mehr.

In gewisser Weise ist der fröhliche Party-Sound unseres Scooter-Covers als Bonustrack deshalb fast notwendig – sowohl für uns als Band als auch für die Hörer, die danach eine Art musikalische Gaumenreinigung gebrauchen können.

Diese ehrliche emotionale Reise hat uns diesmal auf einen sehr dunklen Pfad geführt. Deshalb wollten wir zumindest die Möglichkeit bieten, das Ganze mit etwas Leichterem abzuschließen, falls man das Gefühl hat, es zu brauchen.

Die Welt ist schließlich schon düster genug. Es ist völlig in Ordnung, sich mit dieser Dunkelheit auseinanderzusetzen und sich darin zu verlieren – man sollte nur nicht darin stecken bleiben.

Was steht in Zukunft bei BRYMIR an? Sind (Headliner-)Touren, Festivals oder andere Aktivitäten geplant?

Zum Zeitpunkt dieses Interviews stehen wir kurz davor, unsere bisher größte finnische Headliner-Tour zu starten.

Auch international gehen wir große neue Schritte: Im Januar 2027 spielen wir auf der Kreuzfahrt 70000 TONS OF METAL unsere allerersten Shows auf dem amerikanischen Kontinent. Wasser zählt schließlich auch, oder? Danach folgt eine richtig schöne Tour durch Nordeuropa, bei der wir unsere guten Freunde von BLOODRED HOURGLASS begleiten.

Es ist also einiges los! Mit jedem Albumzyklus sind unsere Touren im In- und Ausland größer, besser und länger geworden.

Es ist kein Geheimnis, dass internationale Tourneen zunehmend schwieriger werden, weil die Kosten ständig steigen. Aber Schritt für Schritt kommen wir mit BRYMIR unserem Ziel näher.

Und wo wollen wir hin? Überall hin, bitte und danke!

Vielen Dank für eure Zeit! Die letzten Worte gehören euch.

Vielen Dank für das Interview, es war uns eine Freude!

An alle, die das hier lesen: Verliert nicht die Hoffnung, kämpft für die richtigen Dinge und versucht, einen positiven Beitrag zu euren lokalen Gemeinschaften zu leisten – ganz gleich, ob in der Metalszene oder anderswo. Unterstützt eure lokale Szene, und hoffentlich sehen wir uns bei einer Show!

Lasst uns gemeinsam kathartische Ausbrüche voller Lachen und Tränen erleben, epische Moshpits veranstalten – und natürlich auch Fishpits!

Galerie mit 9 Bildern: Brymir - Summer Breeze Open Air 2026
Quelle: Mail-Interview mit Jarkko Niemi / Brymir
15.10.2026

Redakteur für alle Genres, außer Grindcore, und zuständig für das Premieren-Ressort.

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