Amenra
Willkommen in der Finsternis.

Interview

Mit „Mass VI“ haben die Belgier AMENRA jüngst zum mittlerweile sechsten Mal die Pforten zu den dunkelsten Katakomben ihrer Seelenwelt geöffnet – und fraglos eines der eindrucksvollsten Alben des Jahres vorgelegt. Wir haben mit Frontmann Colin H. van Eeckhout über die Hintergründe der neuen Platte gesprochen.

Meister des vertonten Unbehagens: AMENRA

Wenn jemand zu dir kommt und sagt: „Ich mag die neue Platte vor allem, weil sie nach AMENRA klingt.“ – Würdest du dich darüber freuen?

Ja, das wäre schon schön. Wir versuchen, wir zu bleiben. Wir wollen uns gar nicht verändern. Klar, eine Band muss sich schon irgendwie entwickeln, aber nicht in einem Maß, dass sie ihre Identität verliert. Wenn Leute mir also genau das sagen würden, dann glaube ich, dass sie in diesem Moment nicht nur unsere Musik meinen, sondern auch das, was sie bei ihnen auslöst. Das ist in meinen Augen der wichtigste Aspekt. Ich wäre also tatsächlich glücklich, wenn Leute mir das sagen würden.

Was habt ihr gefühlt, als ihr an den Songs gearbeitet habt? Enthusiasmus? Schmerz? Befreiung?

Wenn man Songs schreibt und aufnimmt, ist man immer sehr mit seinem Instrument beschäftigt. Damit, dass du deine Takes hinkriegst oder wo deine Finger auf dem Griffbrett sein müssen. Wenn dann alles fertig ist, sind wir manchmal wirklich überrascht. Wenn wir alle dann einen Song mit etwas Abstand hören, dann schauen wir uns immer mal wieder mit offenen Augen an und realisieren, dass wir da gerade etwas Besonderes geschaffen haben. Dass das, was wir da hören, wirklich Bedeutung hat. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Inwieweit setzt ihr euch mit den Erwartungen der Hörer auseinander? Denkt ihr beispielsweise, dass die Leute von euch mittlerweile verlangen, düster zu klingen?

Nicht wirklich. Es ist, was es ist. Wir schreiben, was wir schreiben. Und zwar wirklich komplett für uns selbst. Was die Leute am Ende davon halten, ist uns egal. Wir überanalysieren unser Tun nicht. Klar wollen wir die Latte für uns sehr hoch legen. Und zwar jedes Mal ein Stückchen weiter. Und wenn es am Ende funktioniert, dann haben wir einen guten Job gemacht. Diese Musik muss von Herzen kommen. Wir denken daher nicht darüber nach, wie lang ein Song beispielsweise ist. Bei dieser Musik fühlst du, wenn es echt ist. Du merkst, dass Leute sie geschrieben haben, die nicht über Erwartungen und Konzepte nachgedacht haben.

Die Daft Studios, in denen ihr aufgenommen habt, liegen in den Ardennen und sehr abgelegen. Kanntet ihr diesen Ort?

Wir waren mal in der Gegend, dort gibt es riesige Wälder. Aber wir waren noch nie in diesem Studio. Tatsächlich waren wir auch die erste Band, die dort aufgenommen hat. Als wir dann einmal angekommen waren, konnten wir auch nicht mehr weg, nicht nach Hause, nichts für die Arbeit machen. Wir waren wirklich wie von der Außenwelt abgeschnitten. Das war eine magische Atmosphäre.

Wie wichtig sind die Bedingungen und Gegebenheiten vor Ort für das letztliche Resultat? Könntet ihr eure Songs theoretisch auch in der Sonne von Miami aufnehmen?

Vielleicht wäre das sogar möglich. In der Kunst ist alles möglich. Aber ich bin ehrlich gesagt generell kein großer Freund von Studios. Alles ist so steril. Du schreibst diese Musik zu Hause, allein, oder mit deinen engen Vertrauten. Und dann nimmst du sie mit in einen fremden, sterilen Raum. Das nimmt irgendwie die Stimmung. Und selbst wenn man live aufnimmt, werde ich nie ein großer Fan davon werden, weil du ja – auch wenn du gemeinsam spielst – trotzdem isoliert und allein aufgenommen wirst. Im Studio musst du immer versuchen, das Level zu erreichen, dass du ursprünglich wolltest. Und am Ende musst du glücklich sein, wenn du es irgendwie hinbekommen hast. Es ist ja so: Ein Take würde einen Tag früher oder später wohl völlig anders klingen. Insbesondere wenn es um den Gesang geht. Um es so ehrlich wie möglich zu machen, müsstest du es schreiben, sofort aufnehmen, und den allerersten Take verwenden. Aber klar, um zur Frage zurückzukommen: Je besser du dich in einem Studio fühlst, desto besser wird das Resultat. Bei der neuen Platte ist es zum ersten Mal tatsächlich so, dass ich das, was ich da gemacht habe, nicht hasse. Ich habe sonst immer gedacht: „Hey, das und das hättest du anders und besser machen sollen.“ Ich höre unsere alten Alben auch kaum, weil ich mit ihnen nicht wirklich zufrieden bin, auch wenn es da sicher einige wirklich wichtige und spezielle Songs gibt. Dieses Mal war da aber wirklich ein positives Gefühl. Und je länger wir existieren, desto bewusster wird mir, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Ich bin daher sehr glücklich, dass es ein Album ist, das Gewicht hat. Das ehrlich ist. So ehrlich, wie es eben geht.

Wenn man eure Musik hört, taucht man in eine dunkle, nachdenkliche Welt ab. Empfindest du das auch so?

Unsere Musik ist ein Ort zur Introspektion. Dort musst du dich mit den Fragen auseinandersetzen, die dich nachts nicht schlafen lassen. Und wenn wir uns an diesen Ort begeben, wissen wir auch, dass wir nicht alleine sind. Manche Menschen verdrängen diese Fragen. Mit unserer Musik machen wir das Gegenteil. Wir kanalisieren die dunkle, negative Energie und versuchen, sie in etwas Positives umzuwandeln. Etwas, von dem wir lernen können. Wir versuchen, in Hoffnung in der Finsternis zu leben.

Könntest du denn ohne AMENRA leben?

Nein, ich glaube nicht. Ich glaube auch nicht, dass ich jemals aufhören kann, Musik zu machen, unabhängig vom Stil. Ich will die Geschichte weitererzählen. Ich sehe mich nie stoppen. Manchmal machen wir uns natürlich darüber Gedanken, ob und wie lange wir weiter Shows spielen können, auch in körperlicher Hinsicht. Aber die Band ist eben ein großer Teil unserer persönlichen Identität geworden.

Peter Dolving, ehemalige Sänger von THE HAUNTED, hat einmal auf Kritik an seinem Gesangsstil gesagt: „Warum soll ich schreien, wenn ich nichts habe, worüber ich schreien muss?“ Ist deine Wut denn echt?

Ja, leider ist das so. Da wir uns immer ein wenig Zeit zwischen den verschiedenen Alben lassen, gibt es auch genügend Zeit, in der wir neue Eindrücke und Erfahrungen sammeln. Und manche Dinge ändern sich wohl nie. Ich werde mich beispielsweise immer irgendwie verloren fühlen. Ich werde auch immer das Gefühl haben, dass ich gegen etwas ankämpfen muss. Ich werde immer Frustrierendes erleben, mit dem ich mich arrangieren und zu leben lernen muss. Das ist das, was ich adressiere. Diesmal habe ich etwas mehr clean gesungen, aber Dolving hat recht. Ein echter Schrei ist etwas Urtümliches. Der Schrei beispielsweise, den du irgendwo auf der Straße hörst, weil sich jemand verletzt oder jemand Angst hat. Ein echter Schrei geht ins Fleisch. Jeder erkennt einen echten Schrei. Ich finde das technische, konstruierte Geschreie in der Musik durchaus interessant, aber das ist nicht das, was damit ursprünglich mal gemeint war.

Stichwort Technik: Arbeitest du eigentlich an deinem Klargesang? Willst du dich als Musiker generell in technischer Hinsicht verbessern?

Ich kann nicht für alle in der Band sprechen, aber ich persönlich lege darauf kaum Wert. Bei einem Gitarristen mag das von Haus aus sicher anders sein. Mir aber geht es darum, Emotionen zu übersetzen. Ich finde, dass die Cleanparts beispielsweise viel tiefer gehen als jemals zuvor. Und auch die harten Passagen haben viel mehr Gewicht. Zumindest ist das mein Gefühl. Das emotionale Spektrum insgesamt ist viel breiter. Und darauf kann ich viel stolzer sein als auf die Tatsache, dass ich beispielsweise eine Note singen konnte, die ich zuvor noch nie gesungen habe. Ich als Sänger will und muss ein besserer Mensch werden. Und für uns alle, denke ich, steht im Vordergrund, dass wir nicht in musikalischer Hinsicht besser werden, sondern besser darin, wie wir unsere Geschichte erzählen. Wir wollen Menschen berühren. Und ich denke, dass wir mit dem neuen Album emotional mehr ausrichten können als jemals zuvor.

Ihr entfacht sowohl live als auch auf Platte eine Düsternis wie kaum eine andere Band. Ist euch bewusst, mit welcher negativen Macht ihr da arbeitet?

Ja. Natürlich, das ist uns bewusst und ja auch unser Ziel. Wenn es dieses Ziel nicht gäbe, bräuchten wir kein AMENRA-Album schreiben. AMENRA ist ein Vehikel, diese Düsternis in Licht zu verwandeln.

Gab es Momente, in denen euch das Ganze entglitten ist?

Ja, diese Momente gab es. Es wird auch immer schwieriger, zu schreiben. Je mehr Alben du machst, desto schwieriger wird es. Wir sind fünf Leute, die sich individuell entwickeln. Wir müssen es also schaffen, uns irgendwo zu treffen und alles zu geben. Die Gefahr, dass das aus dem Fokus rückt, ist allgegenwärtig. Gerade wenn du anfängst, wie eingangs gesagt, über Erwartungen nachzudenken. Oder aber darüber, wie du eine größere und bekanntere Band werden kannst. Daher ist es gut, dass wir uns immer die nötige Zeit lassen. Und dass wir natürlich auch noch andere Projekte haben, mit denen wir uns ausdrücken können. Das ist wichtig.

Seid ihr imstande, alle Songs der neuen Platte live zu spielen?

Irgendwann werden wir sie alle spielen können. In der Vergangenheit haben wir die Alben immer im Live-Kontext geschrieben. Wir hatten zwei Gitarrenspuren, und ich habe auch beim Singen auf meine Luft geachtet. Diesmal war das ein wenig anderes. Wir haben an einigen Stellen Dinge im Kopf gehabt, die wir dann noch hinzugefügt haben. Das macht es nun etwas schwieriger, die Songs live zu spielen. Aber jedes der Stücke passt ins Live-Set. Trial and error. Wir spielen sie einfach. Und dann werden wir sehen, was funktioniert. Das wird sich innerhalb des kommenden Jahres zeigen.

Was waren für dich die prägendsten Live-Erlebnisse mit AMENRA?

Je größer eine Show ist, desto nervöser bist du. Und du denkst daran, dass es gut sein muss, weil viele Leute da sind. Wir waren immer glücklicher damit, auf etwas kleineren Bühnen zu spielen. Das ist viel direkter, das Gefühl kommt besser rüber. Es gab diesbezüglich großartige Momente. Beispielsweise als uns 2009 NEUROSIS als Kuratoren zum Roadburn-Festival eingeladen haben. Das war eine große Ehre. Wir haben auch mal eine große Show in unserer Heimatstadt gespielt, in einem Theater. Das war auch etwas Besonderes, weil wir dort vor langer Zeit in dem kleinsten Schuppen der Stadt angefangen haben. Ich erinnere mich auch gern an die US-Tour in diesem Jahr mit CONVERGE und NEUROSIS. Wir haben auch schon in Kirchen gespielt und vielen anderen besonderen Venues. Sie alle haben einen besonderen Platz in unserem Herzen. Wir werden das nie vergessen.

Du hast in der Vergangenheit mal gesagt, dass die Musikindustrie ziemlich abgefuckt ist. Hast du diesbezüglich im Laufe der Jahre Veränderungen verspürt?

Wir haben von Tag eins an immer unser eigenes Ding gemacht. Und um uns herum wurde alles immer mehr zum Business. Marketing macht mich müde und traurig. Ich fühle, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem wir auf der Türschwelle stehen. Und wir müssten nur noch eintreten. Die Verlockung ist da, und das macht mir Angst. Denn Musik kannst du nicht strategisch planen. Veränderungen…keine Ahnung. Social Media hat viel verändert, das muss man sagen. Und Fakt ist auch, dass wir fast schon vergessen haben, wie damals alles ablief. Wenn du es seinerzeit überhaupt geschafft hattest, eine Tour zu buchen, war das allein schon ein Riesending. Du musstest unglaublich viel Arbeit reinstecken. Ich finde es gut, dass ich mir das Ganze nach wie vor von der Seitenlinie anschauen und meine Schlüsse ziehen kann.

Fühlst du dich privilegiert?

Wir fühlen uns ausgesprochen privilegiert. Wir sind da, wo wir nie dachten, dass wir da hinkommen. Es war auch nicht unser Ziel. Die Bühnen wurden mit der Zeit größer. Und es überwältigt uns jedes Mal aufs Neue. Aber es ist hart, im Kopf bist du immer noch ein 16-jähriges Hardcore-Kid. Du bist erwachsen, fühlst dich aber nicht so. Vielleicht haben wir den Status erreicht, dass Leute uns kennen. Das aber zu akzeptieren, ist für uns nach wie vor schwierig. Wir fühlen uns nur wie ein ganz kleiner Teil von etwas viel, viel Größerem.

21.11.2017
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