Anathema
Interview mit Danny Cavanagh zu "Weather Systems"

Interview

Anathema

Die frisch zurückliegende Europa-Tour anlässlich der neuen Platte „Weather Systems“ nahm die britischen Progressive Rocker ANATHEMA so sehr in Anspruch, dass Gitarrist Danny Cavanagh erst kürzlich Zeit fand, uns ein paar Fragen zu beantworten. Eigentlich ein sehr umgänglicher Zeitgenosse, gibt es offenbar ein Thema, das ihm sehr zum Hals heraushängt …

Hallo Danny, wie geht es dir?

Alles bestens, danke!

Wie lief eure Tour bisher? Gab es Shows, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Sie waren alle großartig, es gab keine schlechten. In Paris hatten wir vielleicht das wildeste Publikum, das Konzert war dadurch besonders intensiv. In Mailand hatten wir den besten Sound – und auch hier haben die Zuschauer sehr energisch mitgesungen. In Polen gab es zwar mal Probleme mit dem Klang, aber auch das legte sich gegen Ende. Es war wirklich eine fantastische Tour.

Wie sahen die Reaktionen auf euer neues Album „Weather Systems“ aus? Überwiegend positiv?

Ja, die meisten waren sehr positiv. Natürlich gab es wie immer auch ein paar negative Stimmen, aber das hielt sich doch sehr in Grenzen.

Unterschied sich eure Herangehensweise, der Schreib- und Aufnahmeprozess, bei „Weather Systems“ denn von der bei eurem letzten regulären Werk „We’re Here Because We’re Here“?

Es gab eigentlich nur einen Unterschied – und zwar die Produktion betreffend: Christer André Cederberg war von Anfang an für den gesamten Prozess zuständig. Er machte den Unterschied, denn er lieferte fantastische Arbeit ab. Bei vorangegangenen Album waren Mix und Mastering noch unter verschiedenen Personen [Steven Wilson, Jon Astley – Anm. d. Verfassers] aufgeteilt, was vielleicht nicht ideal war.

Musiker stecken ihre Arbeit ja nur selten gerne in Schubladen, aber wenn du es dennoch tun müsstest: Welche Musik spielen ANATHEMA anno 2012? Progressive Rock? Atmospheric Rock?

Ich sehe uns schlicht und einfach als Rock-Band, vielleicht als Alternative-Rock-Band. Nicht mehr, nicht weniger.

Was kannst du über die Texte der neuen Scheibe verraten? Die „Wetter-Systeme“ scheinen natürlich eine Metapher zu sein. Vielleicht für das Leben an sich?

Ja, in der Tat. Es ist ein Bild für das Leben mit all seinen verschiedenen Emotionen. Auch wenn sich nicht alle Titel mit diesem Thema befassen, so doch genug, um darin das übergeordnete Thema des Albums zu sehen.

Ich persönlich halte „Weather Systems“ für ein interessantes, aber doch sehr ruhiges Werk. War die Wetter-Thematik nicht geradezu für schärfere Kontraste und auch härtere, rockigere Stücke – im Stile von „Pulled Under At 2000 Metres A Second“ – prädestiniert?

Ruhig? Hm, das sehe ich nicht so. „Untochable, Part 1“, „Lightning Song“, „The Beginning And The End“ oder auch „The Lost Child“ – sie alle haben sehr intensive Momente, die ich wirklich nicht als „ruhig“ bezeichnen würde. Abgesehen davon ist „Pulled Under At 2000 Meters A Second“ einfach kein gelungenes Stück.

Ihr habt euren alten Werken mit dem letztjährigen „Falling Deeper“ einen Besuch abgestattet, auf der Veröffentlichung fanden Orchester-Arrangements einiger eurer ältesten Stücke. Was verspührst du, wenn du eure Doom-Metal-Alben „Serenades“ und „The Silent Enigma“ hörst? Nostalgie? Bist du noch stolz auf diese Sachen?

Ich höre es mir gar nicht mehr an. Nostalgisch bin ich zwar, aber nicht aufgrund der Musik, sondern eher im Bezug auf alte Freunde und einfach die damalige Zeit, die damaligen Gegebenheiten. Ich bin stolz auf alles, was wir mit ANATHEMA veröffentlicht haben, aber ich denke, dass unser erstes wirklich starkes Werk „Alternative 4“ war. Selbst das ist schon eine Ewigkeit her.


Hast bereits in „Tragic Idol“ hineingehört, die neue Platte eurer alten Freunde PARADISE LOST, die am gleichen Tag wie „Weather Systems“ veröffentlicht wurde? Nach ihrer experimentellen Phase Ende der 90er Jahre sind PARADISE LOST dieser Tage wieder deutlich härter und metallischer unterwegs – schließt du ein solches Back-To-The-Roots-Album für ANATHEMA völlig aus?

Nein, das letzte PARADISE LOST-Album, das ich gehört habe, war „One Second“, zu ihrer aktuellen Entwicklung kann ich nichts sagen. Ein Back-To-The-Roots-Album? Sicherlich nicht! [sehr genervter Tonfall]

Das Thema scheinst du offenbar gar nicht zu mögen, vielleicht möchtest du eher etwas zu euren aktuellen Einflüssen: Welche Künstler, Ereignisse oder Entwicklungen in Politik und Gesellschaft haben bei ANATHEMA in den letzten ein, zwei Jahren besondere Spuren hinterlassen, das neue Album geprägt?

Nun, die Politik beeinflusst unsere Musik nicht, ebenso wenig die Gesellschaft. Es sind stets die zwischenmenschlichen Beziehungen, Liebe, Hass und alle anderen Gefühle, die unsere Musik beeinflussen.

Und was ist mit anderen Künstlern? Hast du beispielsweise irgendwelche Lieblingsautoren oder Lieblingsmaler?

Ja, zu viele um sie alle zu nennen. Ich mag insbesondere Tolkien und Stephen King im Bereich des Fiktionalen, aber auch nicht-fiktionale Texte, philosophische Abhandlungen. Mein Lieblingsmaler dürfte Van Gogh sein, aber wie gesagt, es gibt da viele. Ich bewundere einfach Leute, die gut malen können, denn das ist wirklich etwas, das ich niemals könnte.

Viele große Künstler haben ihren Fußabdruck in der Geschichte hinterlassen. Wenn du dir eine Sache aussuchen könntest, wofür sollten ANATHEMA eines fernen Tages berühmt sein?

Ich habe da wirklich noch nicht drüber nachgedacht. Hm, vielleicht ist es das Beste, wenn man sich – wie bei den BEATLES – eines Tages bei ANATHEMA daran erinnern würde, dass wir über die Liebe gesungen haben.

Danny, danke für deine Zeit und viel Erfolg auf den restlichen Sommer-Festivals!

Ich danke auch dir für die Zeit, es war ein angenehmes Gespräch. Ich freue mich darauf, bald wieder nach Deutschland zu kommen, denn ich liebe das Land sehr. Tschüss!

Quelle: Danny Cavanagh
03.07.2012
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