Betontod
„Wir haben keine Lust, uns selbst zu wiederholen“
Interview
36 Jahre Bandgeschichte und trotzdem noch einmal von vorne anfangen? Zumindest dem Titel nach haben BETONTOD genau das vor. Auf „Wir fangen jetzt erst an!“ zeigen sich die Punkrocker persönlicher und verletzlicher als zuvor und beschäftigen sich mit Abschied und Aufbruch, Liebe, gesellschaftlichen Missständen und nicht zuletzt der Frage, wie man nach mehr als drei Jahrzehnten Bandgeschichte weitermacht, ohne sich selbst zu wiederholen.
Wir sprachen mit Gitarrist Frank über den vermeintlichen Neuanfang, das Älterwerden im Punkrock, emotionale Momente auf dem neuen Album und darüber, warum BETONTOD beim täglichen Kampf um Social-Media-Content nicht jedes Spiel mitspielen wollen.
Nach 36 Jahren Bandgeschichte nennt ihr euer neues Album ausgerechnet „Wir fangen jetzt erst an!“. Was bedeutet dieser vermeintliche Neuanfang für BETONTOD ganz konkret?
Der Titel ist bewusst doppeldeutig gemeint, nicht als Marketing-Gag. Nach 36 Jahren könnten wir uns locker zurücklehnen und einfach weitermachen wie bisher – aber genau das wollten wir nicht. Der Titel ist ein Statement: Wir haben keine Lust, uns selbst zu wiederholen oder auf Autopilot zu schalten, nur weil wir „etabliert“ sind. Konkret heißt das: neue Themen, mehr Verletzlichkeit, mehr Mut zum Risiko in den Texten, und auch bei der Produktion haben wir uns nicht auf altbewährte Muster verlassen. Es ist nicht der Versuch, die Band nochmal neu zu erfinden, sondern eher Grenzen auszumachen für uns. Wir wissen, wo wir herkommen.
Das Album wird als eine der emotionalsten und verletzlichsten Platten eurer Karriere beschrieben. Warum war gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, diese Seite von BETONTOD stärker zu zeigen?
Weil im privaten Bereich leider in den letzten Jahren viel Scheiße passiert ist und wir mit dieser Platte einiges aufarbeiten und sie so persönlich ist wie keine Platte zuvor. Das werden gerade auf der kommenden Tour sehr emotionale Momente werden.
Auf der Platte geht es auch um das Älterwerden, ohne dabei „weich zu werden“. Hat sich eure Vorstellung davon, was Punkrock sein kann oder sein muss, mit den Jahren verändert?
Ja, schon irgendwie, aber irgendwie auch gar nicht. Heißt, wir bleiben schon unseren Wurzeln treu, aber mit ein paar Jahren Erfahrung hat man keine Angst, auch mit ruhigen Tönen das auszudrücken, was man gerade fühlt.
„All die schönen Menschen“ richtet den Blick auf Verantwortung und diejenigen, die die Konsequenzen von Entscheidungen anderen überlassen. Wen oder was hattet ihr beim Schreiben dieses Songs konkret vor Augen?
Da geht es schon um die wenigen Leute, die den Lauf der Welt gerade verändern können. Wir leben in einer Zeit, in der alle Menschen auf dieser Welt ohne Hunger und Elend leben könnten, aber wir kriegen es trotz all dem Fortschritt nicht hin, dass alle davon profitieren. Und das ist schon genau so gewollt.
„Für Dich“ ist dagegen sehr persönlich und handelt davon, einen Menschen zu finden, für den man plötzlich bereit ist, sein bisheriges Leben auf den Kopf zu stellen. Ist es für euch schwieriger geworden, solche direkten persönlichen Texte zu schreiben – oder gerade leichter?
Ja, so etwas schreibt man nur für den einen Menschen. Und wenn man den gefunden hat, fällt jede Zeile leicht, weil sie von Herzen kommt.
„Eine letzte Runde“ handelt von diesen Momenten mit Freunden und geliebten Menschen, von denen man möchte, dass sie niemals enden. Bekommt ein solcher Song nach mehr als drei Jahrzehnten gemeinsamer Bandgeschichte automatisch eine andere Bedeutung?
Ja, man denkt schon ab und zu mal darüber nach, wie lange das, was wir da machen, noch gut geht. Aber wenn wir ehrlich sind, tun wir das schon über 30 Jahre, weil keiner von uns damit gerechnet hätte, dass wir es so weit und so lange schaffen.
Ein Titel wie „Alles für den Content“ fällt auf einem Punkrock-Album 2026 natürlich sofort ins Auge. Was steckt hinter dem Song – und wie erlebt ihr selbst den Druck, als Band heute permanent Inhalte für Social Media produzieren zu müssen?
Wir sind ja auch gefangen in dieser Social-Media-Welt und laufen immer schneller mit, und wenn man drüber nachdenkt, was man da so treibt, sind das schon sehr skurrile Zeiten. Leute, die täglich irgendeinen Müll posten, nur weil die Algorithmen es so wollen. Das ist schon sehr albern und das machen wir halt so nicht mit. Und da muss man auch mal den Finger in die Wunde legen.
Mit Titeln wie „Das schöne Leben ist vorbei“, „Vielleicht sind wir die Letzten“ und „Abwesenheitsnotiz“ stehen auf dem Album einige ziemlich endgültig klingende Aussagen einem Titel wie „Wir fangen jetzt erst an!“ gegenüber. War dieser Gegensatz zwischen Ende und Neuanfang bewusst ein Leitmotiv der Platte?
Ja, das ist eigentlich gar nicht so gewollt gewesen. Hat sich aber beim Schreiben irgendwie so ergeben. Und die Platte lebt aus unserer Sicht von Gegensätzen und Abwechslung.
BETONTOD sind für große Refrains und Songs gemacht, die live gemeinsam gesungen werden. Gleichzeitig soll das neue Album deutlich intimere Momente enthalten. Wie schwierig war es, diese beiden Seiten zusammenzubringen, ohne dass eine davon aufgesetzt wirkt?
Weil diese ruhigen Momente halt alles Songs sind, wo es eine Geschichte zu gibt, und das fühlt sich sehr gut an. Wenn du die Geschichten dahinter kennst, bekommst du beim Spielen halt Gänsehaut und dann fragst du dich nicht, ob es aufgesetzt klingen könnte.
Nach 36 Jahren stehen mittlerweile mehrere Generationen bei euren Konzerten vor der Bühne. Wenn ihr heute einen neuen Song schreibt: Denkt ihr noch an das Publikum, mit dem ihr selbst groß geworden seid, oder inzwischen genauso an Leute, die BETONTOD vielleicht erst seit zwei Jahren kennen?
Wir denken an die Leute, die uns begleiten, sei es erst seit ein paar Jahren oder auch schon seit mehreren Jahrzehnten. Die Mischung macht es aus und wir spielen ja viele Festivals, bei denen man mit allen Altersklassen ins Gespräch kommt. Und zusätzlich sind wir alle Väter und haben auch die nächste Generation am Tisch sitzen und diskutieren mit denen natürlich auch über diverse Themen, die uns und die Kids beschäftigen. Man muss halt ab und zu schmunzeln, wenn man sich dabei erwischt, dass manche Themen der ganz jungen Kids schon sehr cringe sind. 😉
