Books & Blast Beats
Interview mit The Black Court, Damnation Defaced und Nico Rose

Interview

THE BLACK COURT feiern ihren 15. Bandgeburtstag und laden dafür unter dem Banner „Books & Blast Beats“ nicht nur DAMNATION DEFACED und PARANOIAC ein, sondern auch Metal-Autor NICO ROSE. Denn was passt schon besser zusammen als Literatur und Metal? Darüber und über vieles mehr sprechen wir vor dem Event mit den Philipps von THE BLACK COURT und DAMNATION DEFACED und Nico Rose.

Ihr habt das Format Konzert und Lesung schon mal zusammen gemacht. Was war eure Vision? Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

The Black Court: Das war eigentlich aus diesem Konzertüberfluss geboren, den es in Städten wie auch Hamburg gibt. In Hannover ist es mittlerweile auch so, dass man immer auf so viele Konzerte geht und dann das Gefühl hat, es ist immer derselbe Ablauf: Band 1, Band 2, Band 3.

Irgendwie fehlt dann manchmal diese große Rahmung oder irgendwas, was das Ganze zusammenhält. Letztes Jahr war dann unsere Album-Release-Show von THE BLACK COURT, und das war der Anlass, mal zu sagen, dass irgendein Element an diesem Abend über ein Konzert hinausgeht.

Etwas, das diesen kulturellen Part mit reinbringt oder eröffnet. Es hätte auch genauso gut eine Metal-Karaoke-Party im Anschluss sein können. Oder irgendeine geile Aktion, wo man die Leute, das Publikum, mitnimmt.

Damnation Defaced: Kinderschminken zum Beispiel.

The Black Court: Das Ganze mit einem Autor zu machen oder mit einem Release, ist technisch relativ einfach umzusetzen. Und Kinderschminken oder Karaoke-Party ist bei der Bar nicht so auf Gegenliebe gestoßen.

Das mit Michael Goehre, der letztes Jahr gelesen hat, war das Naheliegendste. Und es hat gut funktioniert, die Leute haben es gut angenommen.

Macht ihr dieses Mal irgendwas anders? Hat sich euer Plan verändert?

The Black Court: Anders ist, dass wir es offiziell unter das Banner „Books & Blast Beats“ gepackt haben. Das könnte vielleicht auch, wenn das gut funktioniert, etwas für die Zukunft sein. Damals war es noch nicht unter dem Banner „Books & Blast Beats“, sondern einfach Lesung plus Konzert. Ansonsten ist der Ablauf relativ ähnlich – außer, dass es jetzt eine Band mehr ist.

Natürlich ist immer die Frage: Hält man die Spannung den ganzen Abend über? Wie lange sollten die Leseparts sein, damit die Leute nicht zu sehr runterkommen? Aber eigentlich hatten wir da beim letzten Mal gar kein schlechtes Gefühl. Die Angst war da, ob Leute früher abspringen, weil die Pausen zu lang sind. Aber solange Programm ist und das die Leute abholt, passt das eigentlich. Von daher hat sich nicht viel verändert.

Für die Zukunft gibt es ein, zwei Ideen. Da kann ich jetzt aber noch nichts Detailliertes zu sagen. Wir schauen erst mal, wie es heute angenommen wird und ob das überhaupt etwas von Dauer ist.

Damnation Defaced

Damnation Defaced: Es ist aber auch super schwer, die Leute überhaupt noch zu motivieren. Also klar, du hast die großen Touren, da gehen die Leute hin. Da denke ich mir aber auch als Gast manchmal: „Boah, vier Bands, ey.“ Entweder kommt man sowieso später oder man hält dann gar nicht mehr so lange durch. Wir sind alle jetzt so an die Ü40, Ü50, und dann merkst du wirklich: „Ich kann nicht mehr so. Ich habe keine Lust mehr.“

Ich komme dann noch direkt von der Arbeit… Ich war letztens auf einem Konzert, da fing der Main Act um 22 Uhr an. Auf einem Donnerstag. Das ist nun mal die Realität, mit der man konfrontiert wird. Die Leute halten nicht mehr so lange durch. Du bist damit konfrontiert, dass die Leute weniger Aufmerksamkeit haben, aber auch irgendwie verwöhnt sind mit allem Drum und Dran. Deswegen ist das gar nicht verkehrt zu sagen, wir wollen irgendwas konstruieren, das ein bisschen aus der Norm rauskommt.

Und die Leute sagen: Da gehe ich hin, das finde ich spannend.

The Black Court: Ich kenne das gerade bei den Indoor-Festivals. Für mich ist es immer wahnsinnig anstrengend, wenn das so ein eng getaktetes Festival ist. Ich war jetzt gerade beim Braincrusher in Hell. Zwei Tage, eine Bühne, 15 Bands und jeweils nur 20 Minuten Umbaupause. Und man will auch viel sehen. Das schlaucht dann irgendwann – mich zumindest.

Zwischen Bands ein bisschen Entschleunigung zu haben, kommt mir selber auch entgegen. Deswegen war das ein weiterer Gedanke, der für diesen Mix aus Lesung, die eher ein geringeres Tempo hat – so ein bisschen Erzähltempo – und Konzert gesprochen hat.

Lädt das Format dazu ein, tiefer einzutauchen, weil man ein bisschen mehr Zeit hat, zwischendurch zu reflektieren und sich auszutauschen, oder reißt einen das eher raus?

Damnation Defaced: Wahrscheinlich sowohl als auch, ich bin gespannt. Ich habe tatsächlich noch keine Erfahrung in so einem Kontext.

Deswegen bin ich gespannt, was du nachher so von dir geben wirst, Nico.

Nico Rose: Ich gebe das von mir, was im Buch steht.

Damnation Defaced: Ja gut, aber das habe ich nicht gelesen.

Nico Rose: Ich muss mich heute ein bisschen daran halten, nicht zu viel drumherum zu labern. Wenn ich ganze Lesungen mache, dann erzähle ich viel drumherum. Heute ist es eher eingetaktet, deswegen muss ich das mit dem Improvisieren ein bisschen zurückfahren.

Abgesehen vom heutigen Abend natürlich – was wäre euer perfektes Line-up aus Autoren und Bands, wenn ihr selber buchen könntet?

Damnation Defaced: Ich glaube, als Autor würde ich Heinz Strunk nehmen, das wäre sehr unterhaltsam.

The Black Court: Aber mit wem würde er zusammenspielen? Es braucht Bands, die einen runterziehen, die so ein bisschen schmierig sind.

Ich muss zugeben, der einzige Autor, von dem ich bewusst Bücher kaufe, weil sie mir gefallen, ist Heinz Strunk. Ich habe auch überlegt, was die nächste „Books & Blast Beats“-Ausgabe sein könnte. Irgendwann sind ja auch die Autoren und Autorinnen, die sich mit Metal befassen, ein bisschen durchgekaut.

So viele Menschen, die das aufgreifen, gibt es nicht in der Szene. Wir hatten schon mal mit Till Burgwächter gesprochen. Und Ernie hätte man natürlich noch auf dem Zettel.

Weibliche Autorinnen drin zu haben, wäre natürlich schön. Deswegen wird es vielleicht in Zukunft mal Autorinnen geben, die zum Beispiel in Richtung Fantasy, Horror oder True Crime schreiben, und dann dazu passend Bands spielen zu lassen. Vielleicht sogar in einem noch engeren Wechsel.

Sprich: fünf Minuten Lesung, einen Song spielt die Band.

Nico Rose: Das mache ich mittlerweile tatsächlich relativ häufig. Das ist durch Zufall passiert. Vor zwei Jahren habe ich eine Band aus Lingen kennengelernt – ACOUSTIC STEEL. Auch so mittelalte, weiße Kerle wie ich. Die spielen Metal- und Rockklassiker, aber im akustischen Gewand. Immer mit ein bisschen Augenzwinkern mixen die Sachen zum Teil neu ab.

Eigentlich sollte ich bei denen in Lingen lesen und die im Vorprogramm spielen. Dann habe ich mir vorher angeschaut: Was spielt denn hier eigentlich? Und dann haben wir tatsächlich festgestellt, dass man das auch ganz gut takten könnte. Also ich lese mal ein paar Minuten, und die spielen dann den passenden Song dazu. Und das haben wir mittlerweile zum Beispiel auch schon mehrfach in Wacken gemacht. Das fand ich richtig gut.

Es ist ein bisschen gechillter, weil es eben der akustische Teil ist. Aber wir fanden das damals richtig, richtig gut – die Leute auch. Seitdem machen wir das ein paar Mal im Jahr. Diesen schnellen Wechsel finde ich richtig gut.

Damnation Defaced: Ist nicht Frank Schätzing auch Heavy-Metal-Fan? Oder hat irgendwas mit BLIND GUARDIAN zu tun? Es gibt bestimmt viele, die das gar nicht so raushängen lassen. Aber wenn man das mal irgendwo größer kundtut oder überhaupt dieses Projekt mal ein bisschen größer denkt, kann ich mir schon vorstellen, dass der eine oder andere aus einem Loch rauskommt und sagt: „Ey, ich bin übrigens auch Metal-Fan.“

The Black Court: Auf jeden Fall. Es gibt den Jean-Philippe Kindler von Studio Rot, die machen Podcasts und Sitcoms in eine linke Richtung. Das könnte man zum Beispiel kombinieren mit Punkbands, wo das geschriebene Wort, das gesungene Wort und die Musik inhaltlich übereinstimmen.

Ob man das persönlich alles supportet, ist eine andere Frage. Aber ich würde es mir zum Beispiel vorstellen, wenn es in eine Fantasy-, Horror-, Crime-Richtung geht, die übereinstimmt – oder vielleicht auch etwas Gesellschaftliches. Nicht per se politisch, aber Gesellschaftsthemen – das könnte auch eine Überschneidung sein.

Ich dachte auch, dass das Konzept mit Lyrik bestimmt funktionieren würde. Das ist ja von Lyrics logischerweise nicht so weit entfernt.

Damnation Defaced: Ich finde, man sollte dann den ganzen Abend MANOWAR-Texte vorlesen.

Nico Rose: Aber dann auf Deutsch. Das macht Ernie doch zwischendurch mal.

The Black Court: Aber dann bitte eingedeutscht. Irgendwann habe ich mal mit Britta gesprochen, warum die auf Englisch singen – das war im Rahmen von einem Studienprojekt. Und dann sagte sie, im Englischen liegt die Schwelle zur Peinlichkeit höher. Wenn wir alle die Texte auf Deutsch übersetzen würden, die man so singt… das kann man eigentlich nicht machen.

Aber wenn man kein Muttersprachler ist, ist es auch schwierig. Aber das wäre vielleicht auch so ein Fun-Ding: englische Metal-Texte auf Deutsch zu übersetzen und das als Gedicht vorzulesen.

Damnation Defaced: Wir haben auch zwei oder drei deutsche Texte. Die liest man dann 5.000 Mal Korrektur. Ist das jetzt cringe? Ist das peinlich?

Gefühlt haben wir auch eine viel feinere Sprache. Auch wenn man selber Texte schreibt – und das mache ich ja – dann brauchst du natürlich Übersetzungstools und fragst dich am Ende: Hä, das ist ja alles dasselbe Wort, aber ich möchte etwas ganz anderes ausdrücken. Man ist manchmal so limitiert im Englischen. Oder zumindest in dem, was wir als Englisch kennen.

Ich muss euch natürlich auch ein paar Buchfragen stellen, wenn es um Books & Blast Beats geht. Welche Bücher haben euch schon mal inspiriert? Entweder in Richtung Musik, aber auch in anderen Lebenssituationen?

The Black Court: Ich habe tatsächlich keinen Stil, den ich per se gerne lese. Was mich früher sehr lange Zeit begleitet hat, war „Der dunkle Turm“ von Stephen King. Das hat extrem lange gedauert. Von 15 bis ich 19 war, habe ich dafür gebraucht. Das war damals meine erste große Buchreihe.

Deswegen hat mich das damals geprägt, und das ist auch in ein, zwei Texten, die man selber versucht hat zu schreiben, mitgeschwungen. Unser Sänger Oskar hat „Der Todesmarsch“ von Stephen King gelesen und das zu einem Songtitel verarbeitet. Und „Archipel Gulag“ habe ich gelesen, daraus sind auch einige musikalische Ideen entstanden.

Ansonsten würde ich nicht sagen, dass das bei mir eine enge Verbindung hat. Ich mag gerne gute Texte, beziehungsweise ich merke, wenn ich Texte scheiße finde. Aber es ist selten, dass ein Text in der Musik mich so packt, dass ich sage, das ist jetzt der Grund, dass ich diesen Song so geil finde.

Das muss wirklich eher rhythmisch und gesanglich gut resonieren und gut zusammenpassen. Ansonsten achte ich bei Musik nicht so viel auf die expliziten Lyrics und bin auch wahnsinnig schlecht darin, Lyrics rauszuhören. Ich bin ein richtiger Misheard-Lyrics-Guy, bis ich dann fünf Jahre später merke, ich habe die ganze Zeit falsch gesungen.

Damnation Defaced: Vor allem im Extreme Metal – also heute Abend – wird man auf jeden Fall hören, dass die Vocals mehr ein Instrument sind, das etwas transportiert, als Geschichten zu erzählen. Und jeder, der etwas anderes erzählt, dem würde ich mal ernst in die Augen gucken und sagen: Na, stimmt das wirklich? Ich bin ehrlich, ich lese auch ganz wenig Texte von Bands, auch von denen, die ich geil finde. Und einfach aufgrund der Akustik versteht man immer nur 50 %.

Auch meine eigene Stimme ist für mich mehr das Instrument, als dass ich etwas vermitteln möchte. Wir erzählen Geschichten – bei uns geht es um Sci-Fi und Horror und selten mal um soziale Kritik. Und das ist immer nur das Add-on oder der Bonus, dass die Leute dann sagen: Ey, fand ich voll geil, hab mir die Texte durchgelesen. Dann sage ich: cool, aber wäre nicht nötig gewesen. Also gerade bei den ersten Alben würde ich auch sagen: lass das mal lieber.

Aber um noch mal auf die Frage zurückzukommen: Mich inspirieren Bücher und Texte weniger, ich bin eher der visuelle Mensch. Gerade Filme und Serien oder generell Popkultur inspirieren mich mehr. Ich bin als Kind nie wirklich in das Thema Lesen reingekommen. Ich habe vielleicht 20 Bücher gelesen, aber ich könnte auch nicht sagen, was mich da am meisten abgeholt hat. Es war mal etwas auf Empfehlung oder Biografien, aber ich habe andere Inspirationsquellen.

Nico Rose

Nico, bitte gib mir eine Buchempfehlung, ich kann nicht mehr.

Nico Rose: Ich habe ja den Luxus, dass ich selber Bücher schreibe, und das Problem ist, dass du dann immer sehr verwertungsorientiert liest. Also du liest in der Regel Dinge, die du jetzt gerade fürs nächste Buch gebrauchen kannst, und deswegen hängt das immer sehr davon ab, woran ich gerade schreibe.

Ich habe vier Bücher nacheinander zum Thema Metal geschrieben, deswegen habe ich natürlich unglaublich viel Metal-Literatur gelesen, und es gibt auch Forschung dazu, was ich auch spannend finde. Aber ich habe auch meine Stephen-King-Phase früher durchgehabt und meine Terry-Pratchett-Phase. Ganz früher Jules Verne in der Badewanne. Ich habe „In 80 Tagen um die Welt“ dreimal komplett in der Badewanne gelesen, nach einem Tennisturnier als Kind.

Aber wenn ich jetzt gerade eins rauspicken würde: Es gibt ein Buch von einem englischen Musikjournalisten, Dan Franklin. Das Buch heißt tatsächlich nur „Heavy“, und er versucht ein Buch lang, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu ergründen, was Heaviness eigentlich im Kern ausmacht und was es bedeutet.

Das gibt es nicht auf Deutsch, aber da ist ein Zitat drin, was mich sehr mitgenommen hat im positiven Sinne, und das werde ich gleich auch mit reinbringen. Ansonsten habe ich in den letzten Jahren viele Künstlerbiografien gelesen, entweder von einzelnen Musikern oder Bands. Und fast alles, was es an soziologischen Büchern zum Thema Heavy Metal/Kulturwissenschaft gibt.

Psychologisch gab es tatsächlich bisher relativ wenig, und das war einer der Gründe, warum ich damals „Hard, Heavy & Happy“ geschrieben habe. Es gibt ganz viel über die Metal-Szene von außen: Wie ist das? Die Metal-Szene in der DDR, Gender in Metal – aber wie fühlt sich das eigentlich von innen an, ein Metal-Fan zu sein und damit aufzuwachsen, und wie hilft dir die Musik dabei, ein halbwegs anständiges Leben zu führen? Das gab es aus meiner Sicht so noch nicht, und das war der Impuls für „Hard, Heavy & Happy“, aus dem ich heute vorlesen werde.

Es gibt mittlerweile auch neurophysiologische Forschung dazu: Was macht Metal eigentlich mit deinem Gehirn? Im Sinne von: Was macht es mit deinem Gehirn, wenn du Metal-Fan bist? Was Gutes. Was macht es mit deinem Gehirn, wenn du nicht Metal-Fan bist? Nichts Gutes.

Ich habe vorgestern noch eine Studie von 2015 nachgelesen, da geht es um Anger-Processing, also: Wie gehst du mit deinen unangenehmen Gefühlen um? Und das ist eines der größten Missverständnisse, wenn Leute von außen auf die Musik schauen. Jetzt geht es dir schon scheiße, und dann machst du auch noch so einen Krach an – das zieht dich doch noch weiter runter. Das ist ein kolossales Missverständnis.

Ich habe für das Buch 6.000 Leute online befragen dürfen, zum Beispiel über Lieblingsbands, aber eben auch: Wie nutzt du eigentlich deine Musik und was macht die Musik mit dir? Und dieses Thema „Metal macht mich friedlich“ ist etwas, was immer hochgekommen ist. Was ich auch spannend finde, ist, dass Leute sagen: Metal ist für mich wie ein guter Freund. Ich höre die Musik, aber ich habe auch das Gefühl, dass die Musik mir zuhört.

Da geht man in einen Austausch, und das wird dann zum Ausgleich. Und das ist, glaube ich, etwas, was der Nicht-Metal-Fan von außen überhaupt nicht nachvollziehen kann, weil die natürlich sagen: Mach mal den Scheiß aus, da werde ich ja aggro von. Aber werdet ihr aggro von normaler Musik, kennt ihr das?

Damnation Defaced: Dafür habe ich beruflich zu viel damit zu tun. Deutschrap ist für mich ein Problem, Reggae ist ganz schlimm, und was mich richtig aggro macht, ist Elektroswing – das allerschlimmste Genre auf der ganzen Welt.

Nico Rose: Was sagt ein Reggae-Fan, wenn das Dope alle ist? Mach mal die scheiß Musik aus!

Damnation Defaced: Ja… aber Elektroswing, das müsst ihr euch mal anhören. Das ist auf 20er-Jahre und dann … es gibt nichts Uncooleres. Das ist eigentlich nur Fahrstuhlmusik auf Crack.

Nico Rose: Aber das ist tatsächlich auch eine Wahrnehmung, dass viele Metal-Fans bei normaler Chartmusik sagen, dass die das nach 20–30 Minuten aggressiv macht. Im Englischen gibt es ja dieses Wort „hangry“. Ich habe die Theorie, dass Menschen auch unterschiedliche musikalische Nährstoffe brauchen und dass Metal-Fans irgendwann hangry werden, wenn es zu lange zu seicht ist.

Damnation Defaced: Aber das hast du ja auch innerhalb des Genres, dass du selber genau weißt: Ich habe jetzt überhaupt gar keinen Bock auf Black Metal, ich höre jetzt gerne Doom oder möchte klassischen Heavy Metal hören. Das haben wir doch alle, dass du innerhalb deines eigenen Kosmos noch differenzierst und sagst: Nee, da habe ich jetzt überhaupt gar keinen Bock drauf.

Nico Rose: Was wir darüber auch sehen, ist: Viele Metal-Fans fangen an, auch Klassik zu hören, aber dann gerne auch das, was knallt. Du hörst ja nicht eine Idylle von Chopin, sondern Rachmaninow. Wenn, dann muss es auch knallen.

Es ist leider viel zu teuer, Menschen in einen Gehirnscanner zu legen, aber ich würde das gerne mal machen, um nachzuschauen. Ich finde ja selbst komisch, dass ich diese Musik mag. Das muss ja eine physiologische Grundlage haben. Das werden wir wahrscheinlich nie rauskriegen.

Was denkst du denn, sagt es psychologisch über Menschen aus, wenn die an einer Wall of Death teilnehmen? Wie würdest du das psychologisch einstufen?

Nico Rose: Man kann Menschen qua ihrer Persönlichkeit relativ stabil auf fünf verschiedene Dimensionen verteilen. Nicht Schubladen, sondern das ist wie immer eine gaußsche Normalverteilung. Die meisten Leute sind eben mittelgroß. Ich bin 1,90, das ist ein bisschen seltener. Und das ist das sogenannte Big-Five-Modell, das sind die großen fünf Persönlichkeitsdimensionen. Die kann man sich gut merken anhand des Akronyms OCEAN.

Das O in OCEAN steht für „Openness to new experiences“. Das habe ich auch in der Stichprobe mit den Leuten im Buch gemacht. Ich habe denen einen kurzen Fragebogen vorgelegt, um deren Big-Five-Profil zu messen. Und dann kannst du das vergleichen mit Stichproben von Normalos, da findet man spannende Unterschiede.

Du findest aber auch innerhalb der Metal-Population Unterschiede. Ich würde erst mal sagen: Jemand, der an einer Wall of Death teilnimmt, hat eine relativ hohe Offenheit für neue Erfahrungen und im Zweifel auch blaue Flecken. Je extremer die Lieblingsbands der Leute sind, desto offener ist auch die Persönlichkeit, zumindest in der Richtung.

Derjenige, der nur Black Metal von sibirischen, einhändigen Menschen hört, wo es nur zwei Copies auf dem Planeten gibt, der ist offener für neue Erfahrungen als der Durchschnitts-METALLICA-Hörer zum Beispiel.

Damnation Defaced: Ist das so? Ich würde das jetzt challengen. Wenn ich so in meinem Mikrokosmos bin, bleibe ich eigentlich in meiner Bubble und habe dann gar keinen Bock, andere Sachen zu erkunden. Oder muss man das auf eine andere Art und Weise betrachten?

Nico Rose: Zumindest musst du ja erst mal in diese Bubble rein wollen, aber ich weiß, was du meinst. In den Daten sehe ich tatsächlich: Je extremer der Stil, desto offener die Persönlichkeit. Aber vielleicht ist es eine sehr spezifische Form von Offenheit, und dann ist die irgendwann wieder sehr geschlossen – das ist ja auch bei METALLICA-Fans so.

Ich bin total froh, dass ich METALLICA erst spät in meinem Leben für mich entdeckt habe. Deswegen muss ich die neuen Sachen jetzt nicht scheiße finden. Sonst musst du ja kategorisch alles scheiße finden, was nach ’87 gekommen ist.

Dann gibt es das C in OCEAN, das steht auf Englisch für „Conscientiousness“, auf Deutsch Gewissenhaftigkeit. Wenn du hoch gewissenhaft bist, dann stehst du eher auf Regeln und Ordnung – wer A sagt, muss auch B sagen. Da sind wir Metal-Fans im Mittel tatsächlich auch ein bisschen niedriger. Da kommt dann das dionysische Element rein mit dem Trinken.

Also wahrscheinlich Offenheit für neue Erfahrungen ein bisschen höher, Gewissenhaftigkeit ein bisschen niedriger, und dann hast du Spaß an der Wall of Death.

Phil, alles Gute zu eurem Bandgeburtstag. Herzlichen Glückwunsch.

Damnation Defaced: Was habt ihr? Zehn Jahre?

The Black Court: 15 Jahre. Zehn in der gleichen Besetzung. Erschreckend manchmal. Fast die Hälfte meines jungen Lebens.

The Black Court

Was hat sich in diesen 15 Jahren am meisten verändert? Egal ob persönlich oder musikalisch.

The Black Court: Frisuren haben wir ja schon bei Instagram beschrieben. Was sich verändert hat… natürlich das Bandleben.

Es ist ja immer noch eine vom Anspruch her semiprofessionelle, aber von der Größe her Amateurband. Wir verdienen damit wirklich kein Geld. Die Lebensrealität hat sich bei uns allen verändert. Wir haben uns im Studium kennengelernt, und jetzt sind wir mittlerweile über Norddeutschland verstreut.

Wir sehen uns so circa einmal im Monat. Also diese Dynamik, wie eng das Leben verzahnt ist, hat sich ein bisschen verändert. Auch wenn wir uns immer noch als sehr enge Freundesgruppe begreifen – und dafür sprechen ja auch zehn Jahre in der gleichen Konstellation, trotz aller Schwierigkeiten, die es gibt.

Wie viel Zeit wir haben, hat sich nicht großartig verändert. Früher haben wir intensiv studiert, natürlich alle sehr erfolgreich. Jetzt haben wir mehr Geld. Aber ich glaube, diese räumliche Distanz macht etwas. Wir treffen uns nicht mehr zweimal die Woche zum Proben und schreiben dauerhaft an Songs. Man muss das viel aktiver pflegen, dass es musikalisch weitergeht, aber auch persönlich, zwischenmenschlich.

Ich bin als Erster weggezogen, vor mittlerweile schon acht Jahren. Da war die Frage: Hören wir dann auf oder nicht? Und dann dachte ich mir: So viele Bands wohnen nicht alle in der gleichen Stadt – versuchen wir es einfach mal. Es funktioniert immer noch gut, aber man muss es menschlich sehr aktiv gestalten.

Wenn eure Band ein Buch wäre, welches Genre wäre das?

The Black Court: Dark Romance vielleicht. Spaß beiseite – ich muss kurz überlegen, aber ich glaube, es wäre sozialkritisch. Es wäre kein Roman, sondern eher in Richtung Sachbuch oder vielleicht etwas, das ein bisschen dazwischen ist. Non-Fiction definitiv und düster-dystopisch. Sowas wie „1984“ oder „Fahrenheit 451“.

Philipp, wie wichtig ist euch Inhalt und Atmosphäre im Vergleich zur musikalischen Härte?

Damnation Defaced: Das ist tatsächlich ganz interessant, weil bei uns Synthesizer und Klangwelten immer ein Thema sind. Wir sind diese Woche im Studio gewesen und arbeiten gerade an einem neuen Album.

Da wird natürlich diskutiert: Wie viel Raum nimmt was ein? Das ist sehr wichtig. Ich möchte Gefühle erzeugen, die über das 08/15 hinausgehen. Durch elektrische Sounds, durch Industrial, durch Schreie, Synthesizer, Melodien – soll man schon denken: Was ist das denn, passt ja gar nicht rein oder passt ja doch rein?

Von daher nimmt das einen großen Part bei uns ein und über die Jahre auch einen immer größeren, weil man immer mehr ausprobiert und immer mehr sagt: Können wir noch weitergehen? Man denkt immer, man will noch extremer dabei werden, Sachen zu vermischen, aber das ist gar nicht einfach. Die Dinge so zu kombinieren, dass es dabei noch harmonisch klingt, das ist eine Herausforderung.

Wir wollten noch mehr Techno-Elemente haben, und es ist sehr schwer, das zu kombinieren. Man sieht viel im Netz oder auf Social Media, aber meistens klingt es einfach scheiße oder ist Effekthascherei. Das vernünftig zu kombinieren, ohne dass es gleich klingt wie COMBICHRIST oder KMFDM – das ist eine Herausforderung. Aber wir haben ja noch ein bisschen Zeit.

Wir sind gespannt!

12.04.2026

"Es ist gut, aber es gefällt mir nicht." - Johann Wolfgang von Goethe

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