Mortiis
"Wenn du dein Ego töten kannst, passieren erstaunliche Dinge."

Interview

Kaum ein Künstler ist so gut darin, sich immer wieder neu zu erfinden, wie MORTIIS. Mit „Ghosts Of Europa“ veröffentlicht der Norweger sein neues Album. Wir sprechen mit ihm über den Entstehungsprozess, die Inspiration dahinter und die Erkenntnisse, die Alter und Erfahrung mit sich bringen.

Deine Musik klingt eigentlich immer anders. Du entwickelst dich ständig weiter. Gleichzeitig beschreibst du „Ghosts Of Europa“ als eine Art kreative Befreiung?

Nun, das sagt zumindest die PR. (lacht) Ich habe die PR abgesegnet, aber geschrieben habe ich das nicht selbst. Aber ja, ich denke, das trifft es schon ganz gut. Bei jeder Platte, die ich mache, versuche ich eigentlich nicht allzu sehr darüber nachzudenken, was andere davon halten könnten. Bei dieser hier musste ich allerdings ganz besonders darauf achten, dass es mir egal ist, weil ich schon wieder in eine andere Richtung gegangen bin.

Das Ganze hat etwas Soundtrackartiges, wie manche Leute sagen. Sehr chorlastig, viele Stimmen. Und definitiv anders als alles, was ich zuvor gemacht habe. Deshalb muss sehr in sich ruhen und darf sich nicht ständig fragen, was die Leute davon halten werden. Wird sich das verkaufen? Wie reagieren die Medien? Was werden die Fans denken? Man muss diesen ganzen Scheiß einfach loslassen.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem du sagst: „Scheiß drauf, ich mache jetzt einfach das, worauf ich Bock habe.“ Und ja, ich denke, das kann man durchaus als befreiend bezeichnen. Den ganzen Druck und Stress abzulegen und einfach seinem Instinkt zu folgen.

Die Arbeit an diesem Album hat ziemlich lange gedauert.

Ja, schon. Aber es ist nicht so, als hätte ich fünf Jahre lang jeden Tag zehn Stunden daran gearbeitet. Das Ganze war eher ein Projekt, das immer wieder pausiert und später fortgesetzt wurde. Die ersten Schritte entstanden während der COVID-Zeit. Als die Pandemie vorbei war, ging es direkt wieder mit den Dungeon-Synth-Touren los, weil mehrere Touren um fast zwei Jahre verschoben worden waren. Plötzlich war ich wieder fünf oder sechs Wochen am Stück unterwegs. Dann kam ich zurück, arbeitete ein wenig am Album, und schon stand die nächste Tour an.

Es war also ständig dieses: „Okay, jetzt arbeite ich ein bisschen daran. Dann lege ich es wieder weg und kümmere mich um andere Dinge.“ Die tatsächliche Arbeitszeit waren also keine fünf Jahre. Aber insgesamt hat es natürlich sehr lange gedauert. Hoffentlich dauert es bis zum nächsten Album nicht wieder so lange.

Wie funktioniert Songwriting bei dir? Wer hat die Kontrolle? Veränderst du das Album oder verändert das Album dich?

Ich glaube, es ist tatsächlich beides. Natürlich wird das Album zunächst von dem bestimmt, was in meinem Kopf passiert. Aber sobald du die Ergebnisse hörst und damit zufrieden bist, motiviert dich das wiederum, genau in diese Richtung weiterzugehen. Also ja, ich habe das Album erschaffen. Aber jetzt zieht es mich selbst in diese Richtung. Es beeinflusst mich ebenso, wie ich es beeinflusst habe.

Das ist irgendwie seltsam. Du erschaffst etwas, gibst ihm Leben, und plötzlich wirkt es auf dich zurück. Interessante Frage. Gar nicht so leicht zu beantworten. Es ist ein bisschen wie ein Kind zu bekommen. Du erschaffst etwas und musst dann mit der Realität dessen leben, was daraus geworden ist – wohin auch immer es sich entwickelt.

Du hast dich im Laufe deiner Karriere so oft verändert. Glaubst du, dass du manchmal von früheren Versionen deiner selbst heimgesucht wirst?

Ich bin ziemlich heimgesucht. (lacht) Das klingt jetzt nach einer Klischeeantwort, aber es gibt Millionen Dinge in meiner Vergangenheit, die ich lieber nie getan hätte. Auf dem Album steckt viel Reue. Manchmal verpacke ich das in Metaphern, manchmal spreche ich es ganz direkt aus. Dinge, bei denen ich denke: „Verdammt, das hätte ich besser nicht gemacht.“ Oder: „Was für eine idiotische Entscheidung.“

Es gibt viele Dinge, die ich gerne anders gemacht hätte. Zumindest kann ich darüber singen. Ändern wird das zwar nichts, aber immerhin. Ja, da steckt definitiv etwas von diesem Gefühl des Verfolgtwerdens drin. Ein Spuken im eigenen Kopf. So ist das Leben. Man lebt und lernt. Und als Künstler hat man wenigstens den kleinen Vorteil, dass man Reue und solche Geister in Kunst verwandeln kann. Das ist immerhin etwas.

Das führt direkt zum Albumtitel. Wer oder was sind die „Ghosts Of Europa“?

Diese Frage bekomme ich ständig. Und ich verstehe, warum du die Verbindung zwischen Geistern und diesem Gefühl des Verfolgtwerdens herstellst. Ich selbst habe diese Verbindung allerdings nie bewusst gezogen. Um ehrlich zu sein, war der Titel einfach einer dieser Momente, die Künstler manchmal haben: Plötzlich taucht eine Zeile in deinem Kopf auf und du denkst: „Verdammt, das klingt gut.“ Genau so war es bei „Ghosts of Europa“.

Der Ausdruck war einfach eines Tages da und ich wusste sofort, dass ich ihn nicht mehr loslassen würde. Also habe ich ihn aufgeschrieben und mit dem Musikstück verbunden, aus dem später der Song wurde. Dahinter steckt keine große Philosophie und keine besonders tiefe persönliche Bedeutung.

Unglücklicherweise kam dann später die russische Invasion der Ukraine hinzu. Dadurch lässt sich der Titel natürlich leicht politisch interpretieren – als Kommentar dazu, dass unser Kontinent vor die Hunde geht, dass ständig etwas Schreckliches passiert, Inflation, Krisen und all dieser Mist, aber das war nie die Absicht. Der Song existierte bereits in einer frühen Form, bevor all das passiert ist. Danach habe ich sogar kurz überlegt, den Titel zu ändern, weil mir klar war, dass die Leute fragen würden, ob ich auf die Situation in Europa anspiele.

Das tue ich nicht. Es ist einfach ein Titel, der mir gefällt. Und er lässt unglaublich viele Interpretationen zu. Für mich gehört er inzwischen einfach zu diesem Stück Musik. Es ist wie mein eigener Name. Er bedeutet nichts weiter, als dass er eben mein Name ist. „Ghosts Of Europa“ ist dieser Song. Aber die Menschen können darin sehen, was sie möchten. Du hast gerade selbst die Verbindung zwischen dem geisterhaften Gefühl des Albums und einem unermüdlichen inneren Kampf hergestellt. Das ist deine Erfahrung mit der Platte.

Wie fühlt es sich an, wenn andere Menschen deine Musik interpretieren – vielleicht sogar auf eine Weise, die dir nicht gefällt?

Ich weiß gar nicht, ob jemals jemand etwas so interpretiert hat, dass es mir nicht gefallen hätte, ich finde das eigentlich interessant. Und ehrlich gesagt ist es auch ein Kompliment, wenn sich Leute so intensiv mit deiner Musik beschäftigen, dass sie anfangen, sie zu interpretieren. Das bedeutet, dass sie wirklich zuhören. Allein das ist schon ein Kompliment, und darüber freue ich mich. Vielleicht habe ich selbst gar nicht aus dieser Perspektive heraus gedacht. Dann sagt jemand: „Ich sehe das so und so.“ Und ich denke: „Okay, interessant. So habe ich das noch nie betrachtet.“

Aber das ist eben deren Sichtweise. Und damit bin ich völlig fein.

Du hast dich im Laufe der Jahre stark verändert. Fans hängen dagegen oft an einer bestimmten Ära und wünschen sich immer wieder dasselbe.

Manche schon, andere wiederum scheinen einfach gespannt darauf zu sein, was als Nächstes kommt. Das sind die Fans, die ich mag. (lacht) Nein, ich mag sie alle. Ich verstehe natürlich, dass jemand, der auf die Sachen aus den Neunzigern steht, nicht automatisch auch alles mögen muss, was danach kam. Der Sound hat sich schließlich massiv verändert. Das kann ich komplett nachvollziehen, aber viele Leute scheinen tatsächlich alles zu mögen und das ist natürlich cool. Am Ende ist es einfach Geschmackssache.

Wie hörst du selbst Musik? Bist du eher nostalgisch unterwegs oder suchst du ständig nach neuen Dingen?

Im Moment weiß ich das gar nicht so genau. Vor allem im letzten Jahr habe ich extrem intensiv an diesem Album gearbeitet, einfach damit es endlich fertig wird. Ich habe fast jeden Tag viele Stunden an Musik gesessen. Wenn du dann am Abend die Lautsprecher ausschaltest, bist du einfach durch. Dann willst du nicht noch zwei Stunden lang ein anderes Album hören. Die Ohren sind komplett erledigt. Das Gehirn ist nur noch Suppe. Dann möchte ich eigentlich nur noch irgendeine alte Folge von „Seinfeld“ anschauen und ins Bett gehen. Verdammt, ich habe schon lange nicht mehr wirklich Musik gehört.

Das wird wiederkommen, natürlich. Ich bin mein ganzes Leben lang Musikfan gewesen und höre alle möglichen Genres. Auf meinen Fahrten zwischen Norwegen und Schweden läuft allerdings ständig Musik. Meine Familie und ich sind vor ein paar Jahren nach Schweden gezogen, aber mein regulärer Job und mein Studio sind immer noch in Norwegen. Wenn ich dort arbeite, wohne ich praktisch im Studio, das sind ungefähr fünf Stunden Fahrt pro Strecke. Entsprechend höre ich viele Rockradiosender. Da läuft dann alles Mögliche – von Bruce Springsteen bis hin zu SABATON und ich mag vieles davon.

Mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Ich liebe „Money for Nothing“ von DIRE STRAITS. Das ist mein Lieblingsriff, das beste Gitarrenriff aller Zeiten. Mach das an! Fantastisch, dieses Eröffnungsriff ist einfach unglaublich. Aber so bin ich eben, ich bin inzwischen ein alter Mann, ich schätze gute Musiker. Und wie gesagt: Ich kann mir die unterschiedlichsten Sachen anhören. Nur keinem verdammten Jazz oder so etwas. (lacht)

Gab es einen Song, der besonders schwer zu schreiben war?

„Tundra, Heart Of Hell“ war mit Abstand der schwierigste. Der Song begann ursprünglich als etwas völlig anderes, viel stärker auf Synthesizer fokussiert. Wenn du die frühen Versionen hören würdest, würdest du ihn wahrscheinlich kaum wiedererkennen. Einer der Gründe, warum er letztlich so klingt, wie er klingt, war pure Frustration. Wir hatten diese Synth-Basslinie, die gewissermaßen das Rückgrat des Songs bildete. Ich mochte sie nicht und wollte sie umschreiben, aber mir fiel einfach nichts Besseres ein.

Das ist ziemlich typisch für mich: Ich sitze stundenlang unter kontrollierten Bedingungen da und versuche zwanghaft, Musik zu schreiben – und nichts Gutes passiert. Dann werde ich langsam genervt. Und genau dann passiert plötzlich etwas. Genau in so einem Moment entstand die Basslinie, die man jetzt im Song hört. Sie hat diesen leicht Synth-Pop-artigen Charakter und wurde direkt aus Frustration geboren und genau dadurch schlug der Song plötzlich eine völlig andere Richtung ein.

Danach kamen allerdings die nächsten Probleme. Kreativ hatte ich ständig das Gefühl, dass der Song noch nicht angekommen war. An einem Tag mochte ich ihn, am nächsten hasste ich ihn. Ich hatte all diese widersprüchlichen Gefühle dem Stück gegenüber, was die Arbeit daran unglaublich schwierig machte. Ich weiß gar nicht mehr genau, was letztlich die Wende gebracht hat. Ich glaube, als wir angefangen haben, deutlich mehr heavy Gitarren hinzuzufügen. Das kam nämlich ebenfalls sehr spät im Prozess. Diese Gitarrenstöße zwischen den Gesangspassagen.

Das hat mich schließlich inspiriert. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: „Okay, jetzt entwickelt sich das langsam zu einem Song, den ich wirklich mag.“ Und plötzlich mochte ich ihn nicht nur gestern, sondern auch heute noch. Gott sei Dank. Ich war mehrfach kurz davor, den Song komplett zu löschen. Dann kam noch diese Synthesizer-Melodie dazu, die vor dem Gesang einsetzt. Die habe ich mitten in der Nacht geschrieben.

Ich saß in Schweden an einem kleinen Tisch mit einem winzigen Keyboard, nur mit meinem Laptop und Kopfhörern. Meine Frau schaute auf der anderen Seite des Raumes Fernsehen, und ich saß da und klimperte vor mich hin. Plötzlich hatte ich diese Melodie und ich dachte: „Oh, cool. Das bringt den ganzen Song zusammen.“ Und natürlich – weil dieser Song so eine lange Geschichte hat – kam danach direkt das nächste Problem. Ich fing an, den Refrain zu hassen.

Also habe ich alles gelöscht und den kompletten Refrain noch einmal eingesungen, diesmal mit einer völlig anderen Gesangstechnik, das war viel besser. Der Song hatte wirklich eine verdammt lange Geburt. Eine extrem lange Geburt. Schmerzhaft. Mit Schreien und Fluchen und allem Drum und Dran, weißt du? Aber am Ende wurde daraus ein guter Song.

Und du magst ihn heute immer noch?

Ja, wir haben ihn auf der Tour gespielt. Wir eröffneten mit „Ghost Of Europa“, spielten anschließend eine Menge Material von „The Smell of Rain“ und gingen dann direkt in „Tundra, Heart Of Hell“ über. Das funktioniert erstaunlich gut mit den Songs von „The Smell of Rain“, der Übergang wirkt ganz natürlich. Der Song hat einfach die richtigen Zutaten, dabei wäre er beinahe nie entstanden.

Gibt es auf dem Album etwas, das du zum ersten Mal ausprobiert hast?

Matthew Setzer, der Live-Gitarrist von SKINNY PUPPY, beherrscht auch Kehlkopfgesang. Auf „Tribes Of Dystopia“ gibt es einen kompletten Abschnitt, in dem genau das zum Einsatz kommt. Ich wusste, dass er solche Sachen macht, also habe ich ihm einfach gesagt: „Hey Mann, probier irgendwas aus. Improvisier einfach.“ Dann hat er mir eine Menge Material geschickt, und ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, ob das überhaupt funktionieren würde, aber es war großartig. Natürlich habe ich mir die Passagen herausgeschnitten, die mir besonders gefallen haben, aber ich finde, er hat das wirklich perfekt umgesetzt.

Danach habe ich – wie immer – alles neu arrangiert und umgebaut. Am Ende entstand ein kompletter Abschnitt des Songs rund um diesen Kehlkopfgesang. Und ich dachte nur: „Verdammt, das ist großartig.“ Ich habe das Ganze dann noch breit im Stereobild verteilt, sodass es richtig groß wirkt. So etwas hatte ich vorher noch nie gemacht. Ebenso wenig hatte ich zuvor mehrere Sängerinnen zusammengemischt, wie wir es auf „Transcending Morpheus“, „Return To The Old Fields“ und einigen anderen Stücken getan haben, auch das war für mich Neuland. Davor hatte ich so richtig eigentlich nur vor langer Zeit mit Sarah Jezebel Deva zusammengearbeitet.

Mit mehreren Sängerinnen gleichzeitig zu arbeiten und ihre Stimmen miteinander zu kombinieren, war also ebenfalls eine neue Erfahrung. Und man muss dabei natürlich hoffen, dass man keine Egos verletzt. Denn oft liefern die Sängerinnen fantastische Performances ab, aber irgendwann musst du die brutale Editor-Mütze aufsetzen. Dann sitzt du da und sagst: „Okay, die Hälfte davon fliegt raus, das verwenden wir nicht.“ Einfach weil es im Kontext des Songs nicht funktioniert. Aber das ist die Realität im Studio. Die Beteiligten sind professionell genug, um das zu verstehen. Sie wissen, dass manche Dinge hervorragend funktionieren werden und andere eben nicht.

Mit mir selbst mache ich genau das Gleiche. Wenn ich Gesang aufnehme, singe ich unzählige Takes ein. Neunzig Prozent davon sind verdammt schrecklich und dann muss ich mir eben eingestehen: „Das war nichts. Das benutzen wir nicht.“ So läuft das nun einmal. Man behält nur das, was man für das Beste hält. Aber man kann ohnehin nicht jeden glücklich machen. Die Geschmäcker sind verschieden. Auf diesem Album gab es definitiv einige Dinge, die ich zum ersten Mal ausprobiert habe. Andererseits hatte ich vieles davon in irgendeiner Form schon früher gemacht. Ich habe das Gefühl, dass ich diese Ideen diesmal einfach weiterentwickelt und verbessert habe.

Auf dem Album sind viele Gastmusiker vertreten – und dazu noch ein ziemlich bunt gemischtes Feld an Leuten. Gibt es für dich trotz räumlicher Distanz noch echte Synergien bei der Zusammenarbeit mit anderen Musikern? Gerade bei elektronischer Musik stelle ich mir den Prozess oft als eher einsam vor.

Ja, Synthesizer-Musik wird tatsächlich häufig von Einzelpersonen gemacht. Nicht ausschließlich, aber sehr oft. Selbst jemand wie Martin Gore von DEPECHE MODE sitzt wahrscheinlich in seinem Heimstudio und entwickelt viele Ideen zunächst allein, erst später bringt er sie zu den anderen Bandmitgliedern. So beginnt auch bei mir vieles. Ich schicke meine Stücke an die jeweiligen Mitwirkenden und gebe normalerweise eine Mischung aus konkreten Anweisungen und kreativer Freiheit mit. Ich sage zum Beispiel: „Probier diese Dinge hier aus.“ Und gleichzeitig: „Improvisier ruhig darüber hinaus.“

Dadurch entstehen letztlich zwei Arten von Material. Zum einen das, worum ich ausdrücklich gebeten habe, und zum anderen die Ideen, die die Leute selbst einbringen. Meistens landen wir am Ende bei einer Mischung aus beidem.

Moment mal – was war die Frage noch gleich?

Wie sich der Aufnahmeprozess im Laufe der Jahre verändert hat. Und ob du trotz der räumlichen Trennung noch echte kreative Synergien spürst.

Ah, richtig. Ich glaube, die größte Veränderung ist, dass ich viel offener geworden bin. Früher habe ich mich fast ausschließlich auf meine eigenen Ideen konzentriert und war deutlich weniger empfänglich für Input von außen, das hat sich komplett geändert. Denn letztlich ist das eine Ego-Sache. Wenn du dein Ego ein Stück weit töten kannst, passieren erstaunliche Dinge. Du bist schließlich nicht der einzige Mensch auf der Welt, der gute Ideen hat, hör auch den anderen zu. Das ist wahrscheinlich die größte persönliche Veränderung.

Technisch hat sich natürlich ebenfalls unglaublich viel getan. Heute kannst du digital alles zerlegen, neu zusammensetzen und völlig neue Performances daraus erschaffen. Mit Laurie Anne Haus habe ich das ständig gemacht, besonders bei „Tribes Of Dystopia“. Die erste Version, die sie mir geschickt hat, war von Anfang bis Ende fantastisch, aber ich habe ihren Gesang trotzdem stark zerschnitten und neu arrangiert. Gleichzeitig habe ich den Song selbst umgebaut, damit er stärker mit ihrer Performance verzahnt ist. Ich weiß nicht, ob das bereits unter Synergie fällt, aber ihre Stimme hat mich so sehr inspiriert, dass ich den gesamten Song neu geschrieben habe, um ihn dynamischer mit ihrem Gesang zu verbinden.

Bei „Transcending Morpheus“ lief es ganz ähnlich. Vor 20 oder 25 Jahren wäre so etwas wesentlich schwieriger gewesen. Damals arbeitete man noch mit Bandmaschinen oder mit diesen kleinen digitalen Geräten, die deutlich umständlicher zu bedienen waren. Heute öffnest du einfach deinen Laptop oder einen großen Bildschirm und fängst an, Dinge zu verschieben, zu schneiden und neu anzuordnen. Du kannst praktisch in Echtzeit arbeiten. Dadurch verschwinden Ideen nicht mehr, während du noch versuchst herauszufinden, wie die Technik funktioniert. Früher konnte dir die gesamte Kreativität verloren gehen, weil du mit technischen Problemen beschäftigt warst. Heute kannst du reagieren, solange die Idee noch frisch ist, bevor die Kreativität einfach verdampft.

Deshalb hat Technologie – so sehr sie mich manchmal auch in den Wahnsinn treibt – auch fantastische Vorteile. Das ist definitiv einer davon. Also ja: Technologie. Und der Tod des Egos. Das waren zwei sehr große Geschenke für mich.

Gab es jemanden unter den Gastmusikern, der dich auf irgendeine Weise überrascht hat?

Eigentlich habe ich das Gefühl, dass alle genau auf dem Niveau geliefert haben, das ich erwartet hatte. Und das meine ich ausdrücklich als Kompliment, ich kann mich nicht an echte Überraschungen erinnern. Als Laurie mir zum ersten Mal ihre Aufnahmen geschickt hat – ich glaube für „Tribes Of Dystopia“ –, war ich allerdings ziemlich überwältigt. Das war unglaublich kraftvoll. Ich dachte nur: „Wow, das ist verdammt großartig.“ Aber gleichzeitig wusste ich sofort: Okay, das ist einfach ihr Niveau. Das ist das, was sie kann.

Wir haben danach noch weitere Songs zusammen gemacht, also wusste ich ziemlich genau, was ich von ihr erwarten konnte. Als die ersten Aufnahmen ankamen, war ich nicht überrascht. Ich war einfach wahnsinnig glücklich. Ich dachte: „Das ist sogar noch besser, als ich gehofft hatte.“ Vielleicht war es eine positive Überraschung, aber keine echte Überraschung im Sinne von: „Damit hätte ich nie gerechnet.“ Ansonsten wusste ich eigentlich bei allen Beteiligten, dass sie gutes Material abliefern würden. Zum Glück wurde ich nicht in die andere Richtung überrascht. Nicht so nach dem Motto: „Moment mal. Ich dachte, du wärst besser als das.“ (lacht)

Langweilige Antwort, ich weiß. Aber nein, ich glaube nicht, dass ich wirklich überrascht wurde.

Das klingt allerdings auch nach einem diplomatischen Albtraum, jemandem sagen zu müssen: „Ich dachte eigentlich, du wärst besser.“

Das habe ich tatsächlich schon erlebt. Bei älteren Projekten, etwa Remixen. Das ist immer ein ziemlicher Nervenkitzel. Du wartest auf den Remix und denkst: „Verdammt, okay, mal sehen.“ Und manchmal bekommst du ihn zurück und denkst nur: „Oh Mann.“ Weil er einfach verdammt schlecht ist. Dann sitzt du da und denkst: „Du hast meinen Song gerade furchtbar klingen lassen.“ Das ist mir tatsächlich schon passiert. Dann musste ich zurückschreiben, natürlich möglichst diplomatisch.

Ich habe so etwas gesagt wie: „Ich glaube nicht, dass das ganz zu dem passt, was wir erreichen wollen. Es ist cool, aber nicht ganz die Richtung, die wir suchen.“ Und ich glaube, die wussten selbst, dass es nicht besonders gut war. Die Antwort lautete dann meist nur: „Ja, alles klar. Kein Problem.“ Im Grunde wie bei einer Trennung. „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir.“ Genau das habe ich gesagt. Lügner. (lacht)

Du hast im Laufe der Jahre so viele unterschiedliche Dinge gemacht. Gibt es noch etwas, das dich kreativ begeistert? Vielleicht etwas, das dich vor zwanzig Jahren gar nicht interessiert hätte? Irgendetwas, das du unbedingt noch ausprobieren möchtest?

Ja, ich habe Ideen. Ich habe eine Menge angefangenes Zeug herumliegen. Halb fertige Sachen, die irgendwo im Archiv gelandet sind, auf irgendwelchen Festplatten. Eines Tages hole ich das alles wieder hervor. So ist dieses Album überhaupt erst entstanden. Ich habe eine alte Kassette mit Ideen hervorgeholt, die buchstäblich seit mehr als 25 Jahren herumlag. Irgendwann dachte ich mir: Daran musst du jetzt arbeiten und daraus wurde dann dieses Album.

Von solchen Sachen habe ich noch mehr herumliegen. Außerdem habe ich schon gewisse Vorstellungen davon, in welche Richtung ich als Nächstes gehen möchte. Es wäre nichts wahnsinnig Überraschendes. Zumindest nicht nach dem, was momentan in meinem Kopf vorgeht. Wenn ich mal vereinfacht sage: Ich war dort, dann dort, und als Nächstes würde es vielleicht eher dort hingehen. Verstehst du? Anders, aber nicht radikal anders. Eher eine weitere Variation von Dingen, die ich schon gemacht habe.

Gleichzeitig gefällt mir aber auch die Idee, noch ein weiteres Album im Stil von „Ghosts Of Europa“ zu machen, so eine Art Schwesteralbum. Anstatt nur eine Platte dieser Art zu haben, könnte es zwei geben, dass das eine kleine Phase wird, bevor ich wieder weiterziehe und andere Ideen erforsche. Deshalb bin ich noch nicht endgültig entschieden, was der nächste Schritt sein wird. Ich habe ein paar Optionen.

Hast du manchmal Angst, nicht genug Zeit zu haben für all die Ideen und all die Alben, die du noch machen möchtest?

Verdammt, ich bin letztes Jahr fünfzig geworden. Da denkt man schon mal kurz: Scheiße. (lacht) Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich bald sterben werde. Solange meine Finger funktionieren und mein Gehirn funktioniert, kann ich Musik machen. Man muss ja nicht mit 65 in Rente gehen. Wenn ich gesundheitlich dazu in der Lage bin, mache ich das auch noch mit 85. Auf Tour werde ich dann wahrscheinlich nicht mehr gehen, vermutlich jedenfalls nicht. Aber ich kann immer noch irgendwo sitzen und Musik produzieren. Natürlich weiß man nie. Vielleicht bin ich nächste Woche tot. Ich werde versuchen, das zu vermeiden, aber wenn mich ein Bus überfährt, habe ich da wenig Mitspracherecht. (lacht)

Also ja, dieses Gefühl von Zeitdruck gibt es schon. Andererseits bin ich auch einfach ein ungeduldiger Mensch. Ich hoffe deshalb, noch im Laufe des Sommers etwas Neues anzufangen. Wahrscheinlich nicht sofort, vielleicht in einem Monat oder so, aber ich möchte definitiv bald wieder an etwas Neuem arbeiten. Auch deshalb, weil Studioarbeit etwas ist, das man trainieren muss. Wenn du eine Zeit lang nicht mehr ins Studio gehst, fängst du an, Dinge zu vergessen. Das ist wie Fitness. Du gehst ins Gym, trainierst, wirst besser – und wenn du es schleifen lässt, verschwindet das alles wieder. Du musst dranbleiben.

Im Studio ist es genauso. Wenn du ein paar Monate wegbleibst und dich dann wieder hinsetzt, denkst du plötzlich: „Verdammt, wie ging das noch mal?“ Das habe ich selbst schon erlebt. Es ist unglaublich nervig. Dann brauchst du erst mal Wochen, bis du wieder in diesem Zustand bist, in dem alles selbstverständlich funktioniert. Bis du nicht mehr vor irgendeinem Gerät sitzt und dich fragst: „Warum kommt aus diesem Ding eigentlich kein Ton?“ Du weißt genau, was ich meine. Deshalb lautet meine Regel inzwischen: Nicht zu lange warten. Ich möchte bald wieder loslegen. Und dann schauen wir einfach, was passiert.

Quelle: Mortiis
26.06.2026

"Es ist gut, aber es gefällt mir nicht." - Johann Wolfgang von Goethe

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