
Mortiis
"Wenn du dein Ego töten kannst, passieren erstaunliche Dinge."
Interview
Auf dem Album sind viele Gastmusiker vertreten – und dazu noch ein ziemlich bunt gemischtes Feld an Leuten. Gibt es für dich trotz räumlicher Distanz noch echte Synergien bei der Zusammenarbeit mit anderen Musikern? Gerade bei elektronischer Musik stelle ich mir den Prozess oft als eher einsam vor.
Ja, Synthesizer-Musik wird tatsächlich häufig von Einzelpersonen gemacht. Nicht ausschließlich, aber sehr oft. Selbst jemand wie Martin Gore von DEPECHE MODE sitzt wahrscheinlich in seinem Heimstudio und entwickelt viele Ideen zunächst allein, erst später bringt er sie zu den anderen Bandmitgliedern. So beginnt auch bei mir vieles. Ich schicke meine Stücke an die jeweiligen Mitwirkenden und gebe normalerweise eine Mischung aus konkreten Anweisungen und kreativer Freiheit mit. Ich sage zum Beispiel: „Probier diese Dinge hier aus.“ Und gleichzeitig: „Improvisier ruhig darüber hinaus.“
Dadurch entstehen letztlich zwei Arten von Material. Zum einen das, worum ich ausdrücklich gebeten habe, und zum anderen die Ideen, die die Leute selbst einbringen. Meistens landen wir am Ende bei einer Mischung aus beidem.
Moment mal – was war die Frage noch gleich?
Wie sich der Aufnahmeprozess im Laufe der Jahre verändert hat. Und ob du trotz der räumlichen Trennung noch echte kreative Synergien spürst.
Ah, richtig. Ich glaube, die größte Veränderung ist, dass ich viel offener geworden bin. Früher habe ich mich fast ausschließlich auf meine eigenen Ideen konzentriert und war deutlich weniger empfänglich für Input von außen, das hat sich komplett geändert. Denn letztlich ist das eine Ego-Sache. Wenn du dein Ego ein Stück weit töten kannst, passieren erstaunliche Dinge. Du bist schließlich nicht der einzige Mensch auf der Welt, der gute Ideen hat, hör auch den anderen zu. Das ist wahrscheinlich die größte persönliche Veränderung.
Technisch hat sich natürlich ebenfalls unglaublich viel getan. Heute kannst du digital alles zerlegen, neu zusammensetzen und völlig neue Performances daraus erschaffen. Mit Laurie Anne Haus habe ich das ständig gemacht, besonders bei „Tribes Of Dystopia“. Die erste Version, die sie mir geschickt hat, war von Anfang bis Ende fantastisch, aber ich habe ihren Gesang trotzdem stark zerschnitten und neu arrangiert. Gleichzeitig habe ich den Song selbst umgebaut, damit er stärker mit ihrer Performance verzahnt ist. Ich weiß nicht, ob das bereits unter Synergie fällt, aber ihre Stimme hat mich so sehr inspiriert, dass ich den gesamten Song neu geschrieben habe, um ihn dynamischer mit ihrem Gesang zu verbinden.
Bei „Transcending Morpheus“ lief es ganz ähnlich. Vor 20 oder 25 Jahren wäre so etwas wesentlich schwieriger gewesen. Damals arbeitete man noch mit Bandmaschinen oder mit diesen kleinen digitalen Geräten, die deutlich umständlicher zu bedienen waren. Heute öffnest du einfach deinen Laptop oder einen großen Bildschirm und fängst an, Dinge zu verschieben, zu schneiden und neu anzuordnen. Du kannst praktisch in Echtzeit arbeiten. Dadurch verschwinden Ideen nicht mehr, während du noch versuchst herauszufinden, wie die Technik funktioniert. Früher konnte dir die gesamte Kreativität verloren gehen, weil du mit technischen Problemen beschäftigt warst. Heute kannst du reagieren, solange die Idee noch frisch ist, bevor die Kreativität einfach verdampft.
Deshalb hat Technologie – so sehr sie mich manchmal auch in den Wahnsinn treibt – auch fantastische Vorteile. Das ist definitiv einer davon. Also ja: Technologie. Und der Tod des Egos. Das waren zwei sehr große Geschenke für mich.
Gab es jemanden unter den Gastmusikern, der dich auf irgendeine Weise überrascht hat?
Eigentlich habe ich das Gefühl, dass alle genau auf dem Niveau geliefert haben, das ich erwartet hatte. Und das meine ich ausdrücklich als Kompliment, ich kann mich nicht an echte Überraschungen erinnern. Als Laurie mir zum ersten Mal ihre Aufnahmen geschickt hat – ich glaube für „Tribes Of Dystopia“ –, war ich allerdings ziemlich überwältigt. Das war unglaublich kraftvoll. Ich dachte nur: „Wow, das ist verdammt großartig.“ Aber gleichzeitig wusste ich sofort: Okay, das ist einfach ihr Niveau. Das ist das, was sie kann.
Wir haben danach noch weitere Songs zusammen gemacht, also wusste ich ziemlich genau, was ich von ihr erwarten konnte. Als die ersten Aufnahmen ankamen, war ich nicht überrascht. Ich war einfach wahnsinnig glücklich. Ich dachte: „Das ist sogar noch besser, als ich gehofft hatte.“ Vielleicht war es eine positive Überraschung, aber keine echte Überraschung im Sinne von: „Damit hätte ich nie gerechnet.“ Ansonsten wusste ich eigentlich bei allen Beteiligten, dass sie gutes Material abliefern würden. Zum Glück wurde ich nicht in die andere Richtung überrascht. Nicht so nach dem Motto: „Moment mal. Ich dachte, du wärst besser als das.“ (lacht)
Langweilige Antwort, ich weiß. Aber nein, ich glaube nicht, dass ich wirklich überrascht wurde.

Das klingt allerdings auch nach einem diplomatischen Albtraum, jemandem sagen zu müssen: „Ich dachte eigentlich, du wärst besser.“
Das habe ich tatsächlich schon erlebt. Bei älteren Projekten, etwa Remixen. Das ist immer ein ziemlicher Nervenkitzel. Du wartest auf den Remix und denkst: „Verdammt, okay, mal sehen.“ Und manchmal bekommst du ihn zurück und denkst nur: „Oh Mann.“ Weil er einfach verdammt schlecht ist. Dann sitzt du da und denkst: „Du hast meinen Song gerade furchtbar klingen lassen.“ Das ist mir tatsächlich schon passiert. Dann musste ich zurückschreiben, natürlich möglichst diplomatisch.
Ich habe so etwas gesagt wie: „Ich glaube nicht, dass das ganz zu dem passt, was wir erreichen wollen. Es ist cool, aber nicht ganz die Richtung, die wir suchen.“ Und ich glaube, die wussten selbst, dass es nicht besonders gut war. Die Antwort lautete dann meist nur: „Ja, alles klar. Kein Problem.“ Im Grunde wie bei einer Trennung. „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir.“ Genau das habe ich gesagt. Lügner. (lacht)
Du hast im Laufe der Jahre so viele unterschiedliche Dinge gemacht. Gibt es noch etwas, das dich kreativ begeistert? Vielleicht etwas, das dich vor zwanzig Jahren gar nicht interessiert hätte? Irgendetwas, das du unbedingt noch ausprobieren möchtest?
Ja, ich habe Ideen. Ich habe eine Menge angefangenes Zeug herumliegen. Halb fertige Sachen, die irgendwo im Archiv gelandet sind, auf irgendwelchen Festplatten. Eines Tages hole ich das alles wieder hervor. So ist dieses Album überhaupt erst entstanden. Ich habe eine alte Kassette mit Ideen hervorgeholt, die buchstäblich seit mehr als 25 Jahren herumlag. Irgendwann dachte ich mir: Daran musst du jetzt arbeiten und daraus wurde dann dieses Album.
Von solchen Sachen habe ich noch mehr herumliegen. Außerdem habe ich schon gewisse Vorstellungen davon, in welche Richtung ich als Nächstes gehen möchte. Es wäre nichts wahnsinnig Überraschendes. Zumindest nicht nach dem, was momentan in meinem Kopf vorgeht. Wenn ich mal vereinfacht sage: Ich war dort, dann dort, und als Nächstes würde es vielleicht eher dort hingehen. Verstehst du? Anders, aber nicht radikal anders. Eher eine weitere Variation von Dingen, die ich schon gemacht habe.
Gleichzeitig gefällt mir aber auch die Idee, noch ein weiteres Album im Stil von „Ghosts Of Europa“ zu machen, so eine Art Schwesteralbum. Anstatt nur eine Platte dieser Art zu haben, könnte es zwei geben, dass das eine kleine Phase wird, bevor ich wieder weiterziehe und andere Ideen erforsche. Deshalb bin ich noch nicht endgültig entschieden, was der nächste Schritt sein wird. Ich habe ein paar Optionen.
Hast du manchmal Angst, nicht genug Zeit zu haben für all die Ideen und all die Alben, die du noch machen möchtest?
Verdammt, ich bin letztes Jahr fünfzig geworden. Da denkt man schon mal kurz: Scheiße. (lacht) Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich bald sterben werde. Solange meine Finger funktionieren und mein Gehirn funktioniert, kann ich Musik machen. Man muss ja nicht mit 65 in Rente gehen. Wenn ich gesundheitlich dazu in der Lage bin, mache ich das auch noch mit 85. Auf Tour werde ich dann wahrscheinlich nicht mehr gehen, vermutlich jedenfalls nicht. Aber ich kann immer noch irgendwo sitzen und Musik produzieren. Natürlich weiß man nie. Vielleicht bin ich nächste Woche tot. Ich werde versuchen, das zu vermeiden, aber wenn mich ein Bus überfährt, habe ich da wenig Mitspracherecht. (lacht)
Also ja, dieses Gefühl von Zeitdruck gibt es schon. Andererseits bin ich auch einfach ein ungeduldiger Mensch. Ich hoffe deshalb, noch im Laufe des Sommers etwas Neues anzufangen. Wahrscheinlich nicht sofort, vielleicht in einem Monat oder so, aber ich möchte definitiv bald wieder an etwas Neuem arbeiten. Auch deshalb, weil Studioarbeit etwas ist, das man trainieren muss. Wenn du eine Zeit lang nicht mehr ins Studio gehst, fängst du an, Dinge zu vergessen. Das ist wie Fitness. Du gehst ins Gym, trainierst, wirst besser – und wenn du es schleifen lässt, verschwindet das alles wieder. Du musst dranbleiben.
Im Studio ist es genauso. Wenn du ein paar Monate wegbleibst und dich dann wieder hinsetzt, denkst du plötzlich: „Verdammt, wie ging das noch mal?“ Das habe ich selbst schon erlebt. Es ist unglaublich nervig. Dann brauchst du erst mal Wochen, bis du wieder in diesem Zustand bist, in dem alles selbstverständlich funktioniert. Bis du nicht mehr vor irgendeinem Gerät sitzt und dich fragst: „Warum kommt aus diesem Ding eigentlich kein Ton?“ Du weißt genau, was ich meine. Deshalb lautet meine Regel inzwischen: Nicht zu lange warten. Ich möchte bald wieder loslegen. Und dann schauen wir einfach, was passiert.
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| Band | |
|---|---|
| Stile | Ambient, Electronic, Industrial |
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