Servant
"Wir möchten uns der Sache hingeben."
Interview
SERVANT haben gerade ihr aktuelles Album „Lux Ex Inferis“ veröffentlicht und feiern das gemeinsam mit FIRTAN und SPERE. Wir schnappen uns die Band im LOGO in Hamburg und sprechen über den kreativen Prozess hinter dem Album, Interpretationsfreiheit und die aktuelle Tour.
Mit „Lux Ex Inferis“ gibt es bei SERVANT eine relativ deutliche Entwicklung in Richtung Melodie. In unserem letzten Interview haben wir darüber gesprochen, dass ihr beim Songwriting nicht plant, ob der Sound mehr in die eine oder andere Richtung gehen soll. Ist das immer noch so, oder habt ihr euch jetzt bewusst in diese Richtung bewegt?
Farago: Es ist immer noch so. Es hat sich überhaupt gar nichts verändert. Am Ende des Tages ist es nichts weiter als das Bedürfnis, Songs zu schreiben. Seit Platte eins haben wir das eigentlich immer so gehandhabt.
Jetzt ist es melodischer geworden. Das liegt einfach an der Situation, in der man steckt. Wenn die das hergibt, was sie ist, dann ist es auf jeden Fall echt. Und das wollen wir nach wie vor sein und bleiben.
Deswegen hat sich nichts geändert. Nach meinem Empfinden waren wir immer ein bisschen melodisch. Wenn man noch etwas ergänzen könnte, dann, dass es auf jeden Fall spürbar intensiver ist. Zumindest aus meiner beziehungsweise unserer Sicht.
Samael: Es ist alles ein Stück weit plastischer, mehr zum Anfassen.
Habt ihr irgendwelche Dinge, bei denen ihr nach „Death Devil Magick“ dachtet: Das wollen wir unbedingt noch mal machen? Oder gab es andere Sachen, bei denen ihr euch vorgenommen habt, sie diesmal bewusst anders zu machen?
Farago: Nein.
Samael: Um noch mal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Diese Natürlichkeit, dass alles einfach aufgrund eines natürlichen Prozesses weitergeht, ohne dass man wirklich darüber nachdenkt, sondern die Dinge einfach geschehen lässt, ist spannend zu sehen.
Ist das für euch ein grenzenloser Prozess, oder würdet ihr irgendwo eine Grenze ziehen und sagen: Das hier ist vielleicht cool, aber jetzt nicht mehr SERVANT?
Farago: Nein. Wir möchten uns der Sache hingeben, und es wäre total falsch, uns dabei eine Grenze zu setzen. Dann bist du ja nicht mehr frei. Unsere Interpretation dessen, was wir tun, und vielleicht auch des Black Metal im Allgemeinen ist völlige Freiheit. Die möchten wir uns einfach nehmen. Daher entsteht wirklich jede Entwicklung aus absolut natürlichen Zuständen heraus.
Ich finde das im Black Metal ganz spannend, weil es die eine Seite gibt, die mit dieser absoluten Freiheit unterwegs ist. Gleichzeitig lebt Black Metal natürlich auch davon, dass Leute dem Genre Grenzen und bestimmte Elemente aufzwingen.
Samael: Ja, dass sie sich bewusst auch Grenzen schaffen und sagen, es gebe einen Regelkanon – von der Optik bis hin zum Songwriting. Und du hast die andere Seite, die sehr, sehr frei, sogar avantgardistisch unterwegs ist. Das Spannungsfeld dazwischen macht es interessant.
Läuft es bei euch immer so, dass die Musik eher eine Beschreibung des aktuellen Zustands ist, oder kann die Musik diesen Zustand auch erzeugen?
Farago: Das kann beides sein. Sobald die ersten ein, zwei Songs Gestalt angenommen hatten, war es bei „Lux Ex Inferis“ schon so. Da lässt man sich gerne fallen und nimmt diesen Zustand einfach auf. Deswegen ist es auch so, dass unser Songwriting-Prozess relativ gebündelt ist. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen doof, aber man suhlt sich darin und wirft mit Dingen um sich, um später daraus ein Bild zu machen.
Das war bei diesem Album der Fall, und bei „Death Devil Magick“ würde ich behaupten, dass es auch so ähnlich war. Wenn der Stein erst einmal ins Rollen kommt, läuft das direkt weiter, bis wir das Gefühl haben, jetzt haben wir für die Platte alles gemacht.
Gibt es einen Song, den ihr geschrieben habt und bei dem ihr euch hinterher gedacht habt: „Ah, das hat mich beschäftigt, jetzt habe ich es verstanden“?
Farago: Ich glaube, dass jeder das für sich selbst und durchaus unterschiedlich interpretiert. Auch wir untereinander interpretieren die Songs etwas unterschiedlich. Es gibt vielleicht den einen oder anderen Song, bei dem ich im Nachgang denke, dass ich ihn jetzt anders höre oder interpretiere als in dem Moment, als er aufgenommen wurde. Das finde ich aber klasse. Auch im Nachgang entwickelt sich das weiter, und vor allem auch live.
Gibt es eine Fan-Interpretation zu irgendeinem Song, die euch überrascht hat?
Farago: Man ist selbst auch Fan von Dingen und interpretiert sie oftmals wahrscheinlich anders, als der Künstler es gedacht hat. Das ist ja das Tolle daran. Auch Interpretationsfreiheit ist ein Teil dieser Freiheit.
Jeder kann das für sich interpretieren. Deswegen würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, dass es ein Richtig und Falsch gibt. Man kann aber natürlich schon sagen, dass man es als Komponist selbst nicht so gesehen hat.
Wir wurden sicherlich schon das eine oder andere Mal darauf angesprochen – überhaupt nichts Negatives –, aber eben von Leuten, die vielleicht Dinge für sich interpretieren, bei denen wir meinen, dass sie mit dem Kern der Inhalte überhaupt nichts zu tun haben. Aber das liegt ja an einem selbst. Darüber urteilen wir gar nicht.
Ist schon mal ein Song ganz anders geworden, als er angefangen hat?
Samael: Nein.
Farago: Das ist immer eine Entwicklung. Wenn der Song beginnt, ist er logischerweise noch nicht fertig.
Eigentlich führt dich der aktuelle Part immer schon zum nächsten, und du versuchst, daraus irgendein Bild zu schaffen. Wenn der Song fertig ist, hast du das Bild dann sozusagen erschaffen.
Also diktiert keine übernatürliche Entität durch eure Hand diesen Song und läuft völlig mit euch davon?
Samael: Dann wäre das alles so schön einfach.
Farago: Das wäre cool, ist aber nicht der Fall. Man sitzt auch ganz unromantisch mit Instrumenten vor einem Computer.
Gibt es ein Album, das ihr gerne noch mal mit den Fähigkeiten, die ihr jetzt habt, schreiben würdet? Habt ihr das Gefühl, ihr seid besser geworden?
Farago: Nein. Ich glaube nicht, dass wir ein Album anders gestalten würden, weil es ja, wie schon gesagt, eine stetige Entwicklung ist.
Wahrscheinlich würde man es einfach anders aufnehmen. Es wäre dann nicht dieselbe Platte. Wenn man die Songs noch mal schreibt, würde man sie anders interpretieren.
Habt ihr von euren eigenen Songs mittlerweile die Schnauze voll?
Samael: Es gibt immer Songs, die man lieber spielt, aber die Schnauze voll haben wir auf gar keinen Fall.
Farago: Es ist schwierig, wenn man ein halbes Jahr mit Songwriting und Produktion beschäftigt ist, genügend Abstand zu haben, um das auf irgendeine Art und Weise bewerten zu können beziehungsweise es überhaupt zu hören. Ich glaube, wenn da ein bisschen mehr Abstand dazwischen ist, ist es wahrscheinlich anders. Aber aus dem Stegreif würde ich einfach mal Nein sagen.
Funktionieren eure Songs live so, wie ihr euch das erhofft habt? Ist das Publikum rezeptiv genug, sich die Zeit für den Spannungsaufbau zu nehmen? Oder denkt ihr manchmal, es hätte jetzt mehr Dynamik gebraucht?
Farago: Im Song selbst würde ich das gar nicht so sehen, aber wenn man ein Live-Set zusammenstellt, ergibt es schon Sinn, auf gewisse Dynamiken zu achten.
Es ist nicht nur ein Stück, sondern logischerweise ein ganzes Konzert. Wir haben aktuell ein 50-Minuten-Set und sortieren die Songs so, dass es von vorne bis hinten für uns eine schlüssige Reise ist – und im besten Fall auch fürs Publikum.
Wie verändert sich die Beziehung zwischen euch und den Songs, wenn ihr sie live spielt?
Farago: Die Live-Entwicklung, also wie sich ein Song live entwickelt und wie er an dem Abend wirkt, ist immer wieder individuell. Im Studio zählt der Moment: Dann ist die Idee ganz frisch und ganz neu.
Man versucht, die Emotionen so gut es geht direkt festzuhalten. Wenn man einen Tag verstreichen lässt und der Kopf anspringt, sobald man darüber nachdenkt, ist es nicht mehr so impulsiv und intuitiv gesteuert. Du bist in dem Moment schon wieder einen Schritt zurück.
Live ist die Situation anders. Der Sound ist anders, die Leute fühlen sich anders, die Band fühlt sich anders. Es ist eine Interaktion zwischen dem Publikum und der Bühne. Dementsprechend beeinflusst das auch extrem die Performance.
Das kann ich zumindest für mich behaupten. Wenn man mit dem Publikum kommuniziert und agiert, kriegt man etwas zurück. Das macht den Moment so besonders.
Deswegen ist es schwierig zu vergleichen. Aber aus künstlerischer Sicht ist das Kreieren im Studio sicherlich ein sehr intensiver Moment. Auf eine andere Art und Weise ist es das live auch, aber das ist eine andere Baustelle.
Verändern sich die Songs noch mal, wenn ihr sie live spielt? Macht ihr dabei ein paar Dinge ein bisschen anders?
Farago: Ganz geringfügig. Natürlich ist es beim Livespielen eine andere Symbiose, weil der Moment ein anderer ist als dann, wenn du gerade frisch einen Part komponiert hast und ihn gleich aufnimmst, weil du versuchst, den Moment festzuhalten.
Aber genau das Gleiche gilt auch live. Daher ist es sowieso eher individuell zu sehen. Jeder Abend und jede Performance sind anders.
Allerdings ist es schon so, dass wir die Songs so spielen, wie wir sie komponiert haben.
Samael: Aber nichtsdestotrotz interpretiert man ja auch seine eigenen Dinge in der Sekunde. Das macht es dann jeden Abend immer wieder anders.
Ihr seid mit FIRTAN und SPERE in einem coolen Package unterwegs. Gibt es einen verbindenden Faktor, den alle drei Bands gemeinsam haben?
Farago: Das sind gute Leute.
Künstlerisch findet das sowieso jeder individuell. Ich denke aber schon, dass so ein Abend mit diesen drei Bands von vorne bis hinten gut gestaltet ist. SPERE spielen 40 Minuten, wir spielen 50 Minuten, FIRTAN eine Stunde. Das ist von der Länge her ziemlich gut gemacht. Alle drei Bands klingen unterschiedlich, aber vom Vibe her gibt es definitiv Parallelen. Von daher ist es eine gute Tour.
Hört ihr euch die anderen Bands auch immer an?
Farago: Bei SPERE muss man fairerweise sagen, dass wir uns fertig machen, während sie spielen. Wir haben leider gar nicht die Chance, die Bands zu sehen.
Bei FIRTAN ist es genau andersherum. Während die spielen, versuchen wir, uns zu sammeln. Von deren Show sehen wir 20 Minuten oder so. Das ist wirklich schade.
Die Bands würde ich supergerne sehen, aber wenn man im Billing mittendrin ist, ist das immer ein bisschen schwierig: erst die Vorbereitung und danach, wenn du fertig bist, das Zeug zusammenräumen.
Gibt es etwas, das ihr für die Zukunft schon geplant habt? Eine tolle Idee, die ihr bereits habt?
Farago: Das ist jetzt Zukunftsmusik. In die Glaskugel schauen kann man sowieso nicht. Aber es wäre gut, wenn man das Material auf der Bühne visuell mit Licht unterstützen könnte.
Wir haben einen eigenen Tontechniker dabei. Aber das Licht wäre noch so eine Sache.
Da haben wir schon Ideen und Vorschläge, die wir nur noch umsetzen müssen. Auf jeden Fall wollen wir das Material visuell unterstützen. Da merkt man, was das noch ausmacht.
Es ist ja nicht so, dass man ein Konzert nur hört, man sieht und erlebt es auch. Deswegen finde ich es immer toll, wenn es eine richtige Reise ist. Die Visuals richtig darzustellen, wäre deswegen supergeil.
