Skálmöld
Klischee-Alarm! Landeskunde mit den Isländern

Interview

Die Herren von SKÁLMÖLD machen nicht nur auf der Bühne Spaß, sondern sind auch sehr umgängliche und lustige Zeitgenossen. Vor Kurzem befanden sie sich mit OMNIUM GATHERUM auf einer Co-Headline-Tour mit dem Titel „The Arctic Circle Alliance – Chapter I“, für die momentan auch schon ein Nachfolger geplant ist. Die Konzerte im November 2017 boten mir aber endlich die Gelegenheit, mir die Isländer (wie auch die Finnen) mal für ein Interview zu schnappen. Bei all dem Rumgehocke und der Langeweile auf Tour wollte ich den Jungs aber nicht auch noch ein langweiliges Interview vor den Kopp hauen und habe mich deshalb für etwas ungewöhnlichere Fragen entschieden.

Isländische Klischees mit SKÁLMÖLD

Das Interview steht also im Zeichen der Klischees über Island, oder auch der Landeskunde, wenn man so will. Zuerst muss aber mal geklärt werden, wer das Interview überhaupt übernehmen soll. Als sich dann plötzlich ganz brav alle sechs Mannen von SKÁLMÖLD versammeln, stehe ich vor einer ganz anderen Schwierigkeit: wie soll ich hinterher sechs Leute auf der Aufnahme auseinanderhalten? Eigentlich ganz einfach; jeder nennt vor seiner Antwort seinen Namen. Denkste! Schnell entwickelt sich das System zu einer ganz eigenen Unterhaltungsquelle. Lange durchgehalten haben SKÁLMÖLD es außerdem auch nicht. Manches lässt sich jetzt also nicht mehr so genau zuordnen, aber ich würde einfach mal ganz dreist behaupten, dass sich das Lesen auf jeden Fall trotzdem lohnt.

Dann legen wir mal los. Klischee Nummer eins: Ihr habt eine heiße Quelle im Garten.

Allgemeines Durcheinanderreden mit wahlweise Bejahen und Verneinen

OK, also irgendwie muss ich hinterher auseinanderhalten können, wer was gesagt hat. Also sagt doch bitte wirklich zuerst euren Namen.

Baldur: B-Unit.

Alle lachen

Baldur: Also ich habe keine heiße Quelle im Garten, aber ich kenne Leute, die eine haben.

Und was macht man dann damit?

Baldur: Drin baden?

Besauft ihr euch und macht euch nackig und badet dann drin?

Baldur: Ja, das kann man machen, das machen die Leute oft. Man kann sich aber auch einfach so nackig machen und reingehen. Oder auch nicht nackt, es ist ein freies Land.

Jón: Oder man kann sich betrinken und ausziehen und nicht baden gehen, das ist auch eine Option, wenn man keine heiße Quelle hat.

Ihr habt einen Vulkan bestiegen.

Alle: Ja!

Ihr habt einen Gletscher bestiegen.

Alle: Ja!

Macht ihr das öfter, oder macht man das, um es mal gemacht zu haben?

Snæbjörn: Das ist mehr so ein Bucket List-Ding.

Allgemeine Zustimmung

Ihr habt euch schonmal in einem Lavafeld verlaufen.

Alle: Nein.

Gunnar: Ich musste schonmal Leute retten, die sich da verlaufen hatten. Touristen. Nichts Ernstes, sie sind nur vom Weg abgekommen und ich musste sie finden.

Ihr werdet sauer, wenn Leute eure Pferde als Ponnies bezeichnen.

Thráinn: Das sind keine Ponnies! (Alle lachen) Das sind Seelen, ihr Deppen! Hier spricht Thráinn, der Sohn eines Pferdezüchters!

Ich würde mal sagen, das Klischee ist also wahr.

Baldur: Anscheinend, ja.

Ihr glaubt an Trolle.

Alle: Ja, klar.

Gunnar: Ich hab sie gesehen.

Gesehen? Kannst du das etwas weiter ausführen?

Gunnar:
Nein. Ich habe versprochen, das Geheimnis zu bewahren.

Jemand: Wenn du es erzählst, fressen sie dich.

Ihr seid immer größer als alle anderen, wenn ihr im Ausland seid.

Es herrscht Uneinigkeit

Jemand: Wir haben gerade den größten Typ auf der Welt als Tontechniker dabei, gegen den ist jeder klein. [Anm. d. Red.: Er ist Finne und wirklich riesig]

Ihr glaubt an die nordischen Götter.

Alle: Ja.

Jemand: Wir sind alle Mitglieder bei den Ásatrúarfélagið.

Skálmöld sind auch an unserem Autogrammstand gern gesehene Gäste.

Jón (ohne seinen Namen zu nennen): Man sollte sie aber nicht personifizieren. Es sind keine Personen, es sind Geschichten, die die menschliche Natur repräsentieren. Also ja, die Sittenlehre ist da, aber wir glauben nicht an sie als „Personen“.

Das war übrigens Jón, der seinen Namen nicht genannt hat. Aber bei durchdachten Aussagen sollten wir schon Namen dazu nennen.

Gunnar: Bei durchdachten Aussagen ist es immer Jón.

Snæbjörn (ohne seinen Namen zu nennen): Naja, an diese Definition von Religion sollten sich alle halten. Ihr religiösen Arschlöcher, die Religion wörtlich nehmen: hört auf, Idioten zu sein!

Baldur (flüstert): Bibbi spricht!

Also quasi, was ihr auch auf einem eurer SKÁLMÖLD Shirts stehen habt.

Alle: Genau.

Es macht euch krank, wie sich einige Touristen in Island benehmen.

Alle: Ja.

Habt ihr irgendwelche Stories dazu?

Björgvin: Ja, diese ältere Frau, die in meiner Heimatstadt an den Hafen gekackt hat.

Snæbjörn: Da können wir uns vielleicht aber auch selbst ein wenig die Schuld geben. Der Tourismus ist über die letzten Jahre echt explodiert, und wir wissen einfach nicht, wie wir mit all den Leuten umgehen sollen. Irgendwo müssen sie ja hinkacken, oder? Also sollten wir sanitäre Anlagen dafür haben. Also haben wir selbst Schuld. Natürlich sind Touristen auch Idioten, aber trotzdem…

Björgvin: Insgesamt ist das mit dem Tourismus aber eine gute Sache. Es ist wie überall sonst, schwarze Schafe gibt es immer. Und das gilt auch für Isländer.

Jemand: Oh ja!

Ihr und eure Partnerin musstet zuerst checken, ob ihr auch nicht verwandt seid, als ihr euch kennengelernt habt.

Jemand: Das tun wir alle, jeder checkt das.

Es herrscht Einigkeit

Baldur: B-Unit hier. Meine Freundin kommt aus dem Heimatort meiner Mutter, also hab ich das zuallererst gecheckt. Und wir sind nicht verwandt. Darüber war ich sehr froh. (Pause) Und damit meine ich meine Freundin, nicht meine Mutter. Mit der bin ich verwandt.

Damit zusammenhängende Frage: Ihr könnt euren Stammbaum bis zu den Wikingern zurückverfolgen.

Alle:
Ja, fast.

Thráinn: Bis zum elften Jahrhundert oder so.

Galerie mit 17 Bildern: Skálmöld - The Arctic Circle Alliance - Chapter One in Köln

Das wären meine Klischees gewesen. Habt ihr noch welche parat, die ich vergessen habe?

Jemand: Das ist eine gute Frage.

Deshalb stelle ich sie ja.

Snæbjörn: Also ich hoffe, das lässt jetzt langsam nach, aber für eine Weile kannten alle nur BJÖRK und SIGUR RÓS. Und die Leute dachten wohl, dass wir alle Elfen sind.

Jón: Statistisch gesehen sind von einer Million Isländern drei BJÖRK.

Bitte was?

Jón: Es gibt 33000 Isländer. Also sind bei einer Million drei davon BJÖRK.

Jemand: Macht Sinn.

Danke fürs Nachrechnen.

Baldur: Ich glaube, eines der größten Klischees ist auch, dass wir nicht wissen, wie wenig wir in der Welt bedeuten und denken, dass wir alles erobern können. Dass wir irgendwie einfach vergessen, wie klein wir sind.

Mal ein paar andere Island-Fragen. Wie ist die isländische Metalszene so „von innen“? Von außen betrachtet kommt sie einem sehr breit aufgestellt für ein so kleines Land vor.


Thráinn:
Der Szene geht es wirklich gut. Weil wir das Gefühl haben, dass das, was wir machen, wichtig ist. Und weil wir das machen, was uns gefällt. Wir unterstützen uns auch alle gegenseitig, weil es so wenige von uns gibt. Du hast kein semi-großes Black Metal-Publikum und semi-großes Power Metal-Publikum, sondern alle halten zusammen. Wenn ein Black Metal-Konzert ansteht, geht man da hin, um das zu unterstützen.

Jón: Und normalerweise sind auch alle in mehreren Bands und spielen Musik aus drei verschiedenen Genres, die garnicht alle Metal sein müssen.

Björgvin: Da stimme ich zu. B-Unit 2.

Autogrammstunde mal anders. Baldur am metal.de-Stand.

In eurer Erfahrung, wie unterscheiden sich die verschiedenen Metalszenen international? Ihr habt ja schon einige miterlebt.

Baldur: B-Unit hier. Ich würde sagen, dass das Publikum an einem bestimmten Ort eine Menge über die Mentalität der Bevölkerung aussagt. Natürlich haben alle die gleichen Interessen gemeinsam und daher ähnelt es sich überall, aber die Mentalität kann schon sehr unterschiedlich sein. Ich habe den Eindruck, dass die Leute in Osteuropa einfach komplett durchdrehen. In Island, oder Skandinavien, sind wir ein wenig entspannter. Die Grundlage ist die gleiche und wir mögen die gleichen Dinge, aber wir gehen da etwas anders ran.

Allgemeine Zustimmung

Thráinn: Ich denke, es hat damit zu tun, dass es in Skandinavien so viele Konzerte gibt, wo man hin kann. Wir haben zum Beispiel in Rumänien gespielt, die haben da nicht so viele. Die sind da also voll dabei.

Björgvin:
Ich glaube, je ärmer das Land, desto begeisterungsfähiger sind die Fans. Die müssen für ein Ticket wirklich investieren. Die haben nicht so viel Geld wie Leute in Nordeuropa und müssen wirklich sparen, um zu einem Konzert gehen zu können.

Du meinst, sie wissen es mehr zu schätzen?

Jemand: Auf eine andere Weise. Es ist ein größerer Teil ihres Lebens.

Gunnar (der wegzunicken droht): Sie kommen mit dem festen Entschluss da hin, Spaß zu haben.

Jemand: Gunnar spricht.

Jemand anders: Ja, aber gerade noch so.

Allgemeines Gelächter

Würdet ihr sagen, dass es beim isländischen Metal eine Art Alleinstellungsmerkmal gibt?

Baldur: B-Unit. Die Leute sagen uns immer, dass isländische Bands diesen „isländischen Sound“ haben. Also gibt es den wahrscheinlich, wenn das alle sagen. Wir denken da aber nicht wirklich drüber nach, oder versuchen, daraus ein Ding zu machen.

Thráinn: Vielleicht ist das wieder diese Sache mit der Vielfalt, über die wir geredet haben. Weil wir so viel Musik mit Leuten aus anderen Genres machen, die andere Arten von Musik mögen, und wir alles irgendwie mischen.

Mit dem Teil wäre ich durch. Euer Kommentar zu diesem Interview?

Baldur: B-Unit hier. Sehr guter Stoff.

Gute Antwort.

Gunnar: Gunnar hier. Mir hat der Teil mit dem Namen oder Codenamen sagen, wenn man was Interessantes zu sagen hat, am besten gefallen.

Jemand: Das sollten wir immer machen.

Bei der Bandprobe zum Beispiel.

Gunnar: Ja, oder einfach im Leben. „Gunnar hier, ich würde gerne sagen, dass…“

Allgemeines Gelächter

Jón: Das ist wie eine Umkehrung dessen, was Leute machen, die immer deinen Namen sagen, wenn sie mit dir reden. „Oh, Thráinn, ich wollte nur sagen…“

Das war übrigens Jón, der seinen Namen in diesem Interview kein einziges Mal genannt hat.

Jemand klatscht. Jón versucht, noch etwas zu sagen, wird dann aber vom Hohn der anderen und von Gelächter übertönt

Jón: Jetzt sag ich garnix mehr (Pause) Jón Geir hier.

Noch mehr Gelächter und Applaus

Jón: Ich glaube, ich hab meinen Namen mal gesagt.

Jemand: Aus Versehen.

Jemand anders: Ja, wahrscheinlich.

Noch jemand anders: Das hat Spaß gemacht.

Danke! Habt ihr jetzt noch was loszuwerden?

Thráinn: Also, für mich war es schon immer toll, in Deutschland zu spielen, aber auf dieser Tour war es besonders toll. Das Publikum war viel größer, als ich erwartet hatte, und die Shows hier in Deutschland waren wirklich, wirklich, wirklich gut. Ich bin also glücklicher, als ich erwartet hatte.

NOCH glücklicher, als du erwartet hattest?

Thráinn: Ja! (mit dramatisch verstellter Stimme:) Thráinn hat gesprochen.

Gunnar: Gunnar hier. Es wäre echt unangenehm, zu spielen, wenn da keine Leute wären. Also danke!

Danke euch, Jungs!

Analog zum SKÁLMÖLD Interview hat übrigens auch ein Finnland-Interview mit OMNIUM GATHERUM stattgefunden.

Quelle: Skálmöld (alle)
25.11.2017

headbanging herbivore with a camera

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