Slaughterday
Freigeschwommen von alten Klischees
Interview
SLAUGHTERDAY stehen mit ihrem Death Metal schon lange nicht mehr im Schatten von gewissen US-Bands. Immerhin haben die Ostfriesen sich vom klassischen HM2-Sound, zum rumpelnden OSDM entwickelt, um jetzt ihre eigene DNA selbstbewusst in die Musik einfließen zu lassen. Ob das ein bewusster Prozess war, wieviel Kontrolle Sänger/Schlagzeuger Bernd Reiners und Gitarrist Jens Finger behalten wollen und vieles mehr, haben die beiden uns in einem super angenehmen Gespräch erzählt.
Hey Jungs, wie geht es euch?
Jens: Ja, eigentlich ganz gut. Du, ich hab heute frei gehabt, also mehr oder weniger frei.
Glückwunsch zu „Dread Emperor“. Die Platte räumt gerade ziemlich ab. Höchstwertungen bei den Kolleg:innen und bei uns seid ihr auf dem zweiten Platz im Soundcheck gelandet. Was bedeutet es euch, wenn ihr in der Presse gut wegkommt? Immerhin lässt sich „Erfolg“ heutzutage ja nicht mehr an Verkaufszahlen alleine messen…
Bernd: Ne, absolut nicht. Also das bedeutet uns unheimlich viel. Also wenn ich sehe, dass man ein paar Plätze hinter KREATOR landet oder wie bei euch hinter MAYHEM… Das sind ja legendäre Bands.
Als Teenager hätte ich mir damals nie träumen lassen, dass ich selber mal die Möglichkeit habe mit diesen Musikern zum Teil die Bühne zu teilen und sie kennenzulernen oder eben mit meiner eigenen Band in so einem Ranking zu landen. Das bedeutet mir immer noch unheimlich viel und ich bin jedes Mal baff, wenn ich sowas sehe.
Jens: Ich teile das nicht so ganz, obwohl ich mich natürlich auch darüber freue. Der Zuspruch der Fans ist mir aber eigentlich viel wichtiger. Ich meine, was nützt einem das, wenn man in Magazinen super Bewertungen bekommt und im Soundcheck weit oben landet, aber die Leute kaufen die Platte nicht oder keiner kommt zu den Konzerten?
Gleichzeitig könnte man auch der These folgen, dass gerade im Bereich Metal, eine journalistische Wertung einer Fan-Meinung gleichkommt…
Bernd: Kleine Magazine gehen manchmal vielleicht sogar mit mehr Herzblut an die Sache heran, als die großen und tauchen noch mehr in die Musik ein und man hat schon das Gefühl, dass die sich das Album auch wirklich komplett angehört haben. Bei anderen kann man meinen, dass es sich um eine Chat-GPT-generierte oder vom Promoblatt abgeschriebene Rezension handelt.
Künstliche Intelligenz ist jetzt tatsächlich ein gutes Stichwort. Eure Platten klingen immer super organisch und gerade auf „Dread Emperor“, hört man, dass echte Menschen die Instrumente bedienen oder das Schlagzeug nicht totgetriggert ist.
Jens: Da kenne ich jemanden, der sich darüber freuen wird, das zu lesen…
Bernd: Oh ja, also unser Produzent Jörg Uken, der freut sich über sowas auf jeden Fall.
Könnt ihr euch trotzdem vorstellen, euch künftig mal von künstlicher Intelligenz – sagen wir mal – unterstützen zu lassen?
Jens: Also das ist ein schmaler Grat. Natürlich wollen wir so viel wie möglich handwerklich machen. Beispielsweise haben wir bei all unseren Platten niemals einen Klick benutzt. Wir spielen das tatsächlich live im Studio ein und das wollen wir auch eigentlich so beibehalten. Alleine das verhindert natürlich schon, dass wir viel herumexperimentieren können. Da kann man nicht einfach eben Part A nach B verschieben und so weiter.
Dieses Mal haben wir zum ersten Mal einen Kemper benutzt. Das ist zwar kein Plugin, aber immerhin ein Verstärker mit Modulation. Der Gitarrensound auf der Platte ist genau so, wie ich ihn eingespielt habe. Für „Dread Emperor“ habe ich zwei Gitarrenspuren zu Hause über den Kemper eingespielt und die Rhythmusparts durch ein Mesa Boogie Topteil gejagt. Das gleiche gilt für die Soli und Overdubs. Insgesamt sind wir aber keine Band, die viel experimentiert, weil wir einfach wie im Proberaum klingen wollen.
Ihr wurdet in der Vergangenheit immer wieder als die deutschen AUTOPSY ausgerufen. Mit „Dread Emperor“ scheint ihr euch aber final davon gelöst zu haben. Ich höre auch immer wieder Einflüsse vom schwedischen Death Metal. Ist das ein natürlicher Prozess gewesen oder wolltet ihr dieses Klischee bewusst abwerfen?
Bernd: Wir haben nie bewusst versucht, wie AUTOPSY zu klingen. Exakt so klingen ist unmöglich, aber ihr Sound hat uns schon beeinflusst und wir haben uns auch nicht ohne Grund nach einem Songtitel von AUTOPSY benannt.
Als wir dann losgelegt haben, haben wir ganz schnell gemerkt, dass wir natürlich auch noch andere Sachen machen wollen. AUTOPSY setzen zum Beispiel kaum auf diese melodischen Soli und Overdubs. Ich sehe das durchaus als Kompliment, wenn du sagst, dass wir unseren eigenen Sound jetzt gefunden haben und wir sind jetzt auch ein bisschen entspannter als in der Vergangenheit. Früher steckten wir noch in einem engen Korsett und haben uns einige Dinge vielleicht nicht getraut, weil wir dachten, dass es nicht zum Sound passen würde. Aber jetzt sind wir ein bisschen experimentierfreudiger, wie zum Beispiel auch der Song „Dethroned“ zeigt, wo wir mal die punkigere Seite auspacken. Wenn die Vocals und der Basissound drumherum dazukommen, dann klingt das letztendlich trotzdem nach SLAUGHTERDAY.
Und ich finde schon, dass wir recht früh eine eigene Nische gefunden haben. Natürlich im Oldschool Death Metal, da haben wir das Rad natürlich nicht neu erfunden. Schwedeneinfluss haben wir eigentlich nie gehabt. Aber ich weiß, was du meinst. Ich glaube, das sind die Melodien, die man oft auch bei DISMEMBER findet. Die Band ist ja sehr stark von IRON MAIDEN beeinflusst. Was das angeht, gibt es schon Überschneidungen. Und deswegen werden wir oft auch mit DISMEMBER verglichen.
Jens: Am Anfang hat einer irgendwann mal geschrieben, wir seien eine DISMEMBER-Kopie. Keine Ahnung, woher das kommt.
Bernd: Wir hatten ja früher auch den HM2-Sound auf dem Demo.
Jens: Ja, aber nur auf dem Demo.
Unser Plan war ursprünglich, Death Metal im AUTOPSY-Style mit dem schwedischen HM2-Sound zu machen. Nach dem Demo haben uns dann viele mit DISMEMBER verglichen und ich habe auf dem Party.San mit Mati Kärki darüber gesprochen. Der meinte nur: „Naja, ist ja auch kein Wunder, weil wir sind ja eigentlich auch AUTOPSY mit HM2-Sound.“
Deshalb haben wir dann auch gesagt: „Komm, das wollen wir nicht.“ Zu der Zeit als wir angefangen haben, gab es eine ganze Bandbreite von HM2-Bands aus Deutschland, sodass wir das nicht auch noch machen wollten.
Bernd: Das würde unserem Sound auch gar nicht gerecht werden, weil da steckt ganz viel Doom wie CANDLEMASS oder TROUBLE drin. Oder klassischer Metal natürlich, auch viel US-Metal und überwiegend US-Death-Metal. Aber sobald man den HM2 anwirft, ist man sofort in der Schwedenecke und alle hören nur noch diesen Sound und achten gar nicht mehr auf das, was eigentlich in der Musik passiert. Und das wollten wir auf keinen Fall, dass wir nur auf diesen einen Sound reduziert werden.
Anfangs waren wir noch ein bisschen orientierungslos, wussten aber, dass alles oldschool werden sollte. Letztlich haben wir uns mit jedem Album entwickelt, bis zu dem Punkt, wo wir jetzt stehen.
Vieles war auch anders geplant, als es dann letztendlich gekommen ist. Wir wollten viel primitiver und räudiger klingen, was sich dann ganz schnell änderte. Wir planen immer viel fürs neue Album, so in der Art: „Wir wollen dreckiger klingen. Wir wollen ein bisschen psychedelischer klingen“. Aber am Ende kommt etwas ganz anderes dabei heraus, manchmal das genaue Gegenteil. Dann ist das auf einmal total catchy und überhaupt nicht psychedelisch und abgefahren.
„Dread Emperor“ beginnt mit „Enthroned“ und endet – das PROTECTOR-Cover „Golem“ ausgenommen – mit „Dethroned“. Alleine beim Lesen der Tracklist könnte man bei diesem klassischen Aufbau von einem Konzeptalbum ausgehen. Was passiert denn zwischen diesen beiden Tracks?
Bernd: „Dread Emperor“ ist eigentlich kein geplantes Konzeptalbum, obwohl sich so einige Themen wie ein roter Faden durchhangeln.
Wenn wir mit dem Songwriting anfangen, liegt vor uns normaler Weise ein riesiger Haufen Puzzleteile und man weiß gar nicht, was wo hingehört. Je länger wir dann an der Platte arbeiten, desto mehr fügt sich alles zusammen. Anfangs wussten wir noch gar nicht, dass der Song „Dethroned“ heißen wird.
Wir schreiben erstmal die Songs und konzipieren sie danach, wo der Refrain, der Mittelteil, die Strophen sein könnten und so weiter. Dabei habe ich meistens schon im Hinterkopf, wie die Gesangslinie sein soll. Dann haben wir Songtitel, die cool klingen und die wir in einen Topf schmeißen, um die Lyrics dazu zu schreiben.
Es ist also nicht so, dass wir mit einem starren Konzept an die Sache rangehen, das wir dann abarbeiten.
Wieso habt ihr euch für den Cover-Song ausgerechnet für „Golem“ von PROTECTOR entschieden?
Jens: Weil ich den Song schon als Jugendlicher geil fand. Ganz simpel. Also wir haben ja auf jeder Veröffentlichung mindestens einen Cover-Song. Das ist natürlich immer eine Hommage an diese Bands, die uns entweder beeinflusst haben oder uns irgendwas im Leben gegeben haben.
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H.P. Lovecraft wird immer wieder als Inspirationsquelle für eure Texte ausgerufen. Zyniker könnten hingegen behaupten, dass ihr einfach über menschenfressende Zombies singen könntet. Was mach die Faszination dieser nihilistischen Monsterwelten eines Lovecraft für euch aus?
Bernd: Ich muss sagen, dass Lovecrafts Geschichten uns eigentlich nur beim Schreiben auf den ersten beiden Alben inspiriert haben. Da sind ganz viele der Lyrics und auch Songtitel direkt an Kurzgeschichten von Lovecraft angelehnt, obwohl wir da ja schon vermieden haben, irgendwelche großen, Alten zu besingen. Ich fand eigentlich auch diese ganz klassischen Horrorgeschichten von Lovecraft immer ein bisschen geiler als diese großen alten Geschichten.
Was bis heute geblieben ist, sind die klassischen Lovecraft-Themen wie Wahnsinn und all die apokalyptischen Dinge. Oft ist es einfach nur ein Bild oder das Cover Artwork, das wir schon vorliegen haben oder ein Film. Da haben wir mittlerweile ganz viele verschiedene Inspirationsquellen.
Jens: Ich möchte Bernd an dieser Stelle auch noch mal ein riesiges Lob aussprechen, weil ich früher gesagt habe, dass es mir völlig egal ist, worüber gesungen wird. Hauptsache es klingt gut. Ich dachte immer, schreib doch einfach irgendwas über Zombies und das passt schon.
Bernds Herangehensweise und die Texte ergeben Sinn und sind viel subtiler als das. Und das finde ich im Zusammenspiel mit der Musik super. Bernd gibt mir auch die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, indem wir die Phrasierungen durchgehen und dann auch alles genauestens besprechen.“ Ist diese Zeile cooler oder soll ich das so und so singen?“ Dann sind das halt keine plakativen Zombie-Metzel-Geschichten, sondern durchaus Texte mit Sinn und Verstand.
Bernd: Wir verbringen wirklich extrem viel Zeit mit den Lyrics. Also die meisten denken ja, man schreibt über irgendwelche Brutalitäten und Leichen und dann passt das alles. Dabei hat das Schreiben von Lyrics ganz viele Dimensionen.
Da ist erstmal der Titel, der cool sein muss der ist praktisch das Etikett des Songs. Der Refrain muss stark sein, da bastelt man teilweise ewig dran rum und versucht die richtigen Worte zu finden.
Wir schreiben die Lyrics oft streng nach Phrasierung, so wie wir das haben wollen. Das ist eine unglaubliche Puzzlearbeit und manchmal sitzt man ewig dran und schafft an einem Tag nur zwei Zeilen, die dafür geil klingen und super passen. Das wissen die meisten gar nicht. Wenn man sich damit beschäftig, ist das schon eine Wissenschaft für sich.
Egal in welche Richtung man heutzutage auf dem Globus blickt: Überall treiben Autokraten ihr Unwesen. Da könnt ihr eigentlich nicht behaupten, dass ihr den Albumtitel „Dread Emperor“ zufällig gewählt habt, oder?
Bernd: „Dread Emperor“ hatten wir schon ganz früh als Albumtitel festgelegt. Und es fiel mir auch ziemlich leicht, die Lyrics zu schreiben. Egal ob man den Fernseher anschaltet oder sich mit Leuten unterhält – es geht ja immer um Dinge, die einem Angst machen.
Und die sind sehr vielschichtig. Jeder hat seine eigenen Dämonen, also die Dinge, die einem persönlich aus dem Inneren heraus sehr viel Angst machen.. Aber von außen wird viel mit Angst als Kontroll- und Machtinstrument gearbeitet. Die Leute haben permanent Angst vor Pandemien, vor Krieg, vor Veränderung, vor Technologie. Und das prasselte irgendwie von allen Seiten auf mich ein und auf Jens sicherlich auch. Wir haben uns auch viel darüber unterhalten, sodass es dann irgendwie ganz klar war, dass es in dem Text darum geht.
Die Figur „Dread Emperor“ ist eigentlich eine Metapher dafür, sich von der Angst der Leute zu ernähren. Sie ist ein Symbol für Angst als Macht- oder Kontrollinstrument, um Leute zu lähmen oder einfach in den Wahnsinn zu treiben.
Letztlich das, was aktuell jeden Tag passiert?
Bernd: Ja, genau. Wir lassen es aber offen, weil ich finde, dass das ein zeitloses Thema ist und ich möchte nicht, dass es nur mit bestimmten Politikern, an die einige vielleicht gerade denken mögen, in Verbindung gebracht wird. Die Menschen haben immer vor irgendwas Angst gehabt und Angst war immer auch ein Weg, um Leute zu kontrollieren. Das ist ja auch nichts Neues.
Ihr wart von Beginn an bei FDA Records unter Vertrag. Jetzt seid ihr zu Testimonial Records gewechselt. Gab es einen expliziten Grund oder waren die Verträge schlicht und ergreifend ausgelaufen?
Bernd: Es ist genauso wie du gesagt hast: Die Verträge waren ausgelaufen und natürlich hätten wir bei Rico verlängern können. Wir haben das auch schon einmal gemacht. Nach den ersten beiden Alben haben wir noch mal verlängert und unseren Vertrag damit dann auch erfüllt. Wir wollten tatsächlich einfach mal neu anfangen und woanders einsteigen.
Testimony ist ein Spitzenlabel. Wir merken das an allen Ecken und Enden, weil dort einfach mehr Leute arbeiten und dadurch sind sie breiter aufgestellt. Das muss man ganz einfach so sagen.
Jens: Ich kannte die Arbeit von Testimony über TEMPLE OF DREAD schon. Also insofern habe ich gedacht, das Label macht das schon ganz gut. Dann habe ich Thomas angeschrieben und einfach gefragt, wie sieht es aussieht? Und der hat gleich „ja“ gesagt. „Klar, machen wir.“
Bernd: Die Zusammenarbeit ist wirklich super und Thomas macht da auch wirklich einen Bombenjob. Also das haben wir überhaupt noch nicht bereut, ganz im Gegenteil.
Jens: Wir sind aber auch nicht großartig auf die Suche nach zig anderen Labels gegangen.
Bernd: Es bleibt ja auch nicht viel übrig, wenn man ehrlich ist. Also was nützt uns das, wenn wir bei einem riesigen Label sind und als eine Band unter vielen laufen? Und bei Testimony bekommen wir natürlich auch die entsprechende Aufmerksamkeit. Ich glaube, dass eine Band unserer Größenordnung eigentlich ganz gut passt. Ich glaube auch, dass Testimony noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen sind. Da geht bestimmt noch einiges.
Kürzlich bin ich neben dir, Bernd, gestanden, als du gefragt worden bist, welche Interviewfrage euch am meisten nervt. Du meintest, wenn ihr immer wieder gefragt werdet, wieso ihr nur zu zweit seid. Hättet ihr aber nicht vielleicht sogar mehr Möglichkeiten mit weiteren „Entscheidern“ in der Band? Oder kontrolliert ihr das Geschehen einfach lieber im kleinen Kreis?
Bernd: Wir sind eigentlich gar nicht so große Kontrollfreaks. Es gibt viele Gründe, warum wir jetzt nicht als Fünf-Mann-Band angetreten sind. Mit fünf Mann zu proben ist wirklich ein riesiger Krampf jedes Mal. Es ist unheimlich schwierig Entscheidungen zu treffen. Das kennt man aus anderen Bands auch, wenn alles ewig dauert. Oder diese ewigen Diskussionen über Bandfotos, wo dann fünf Leute diskutieren, wer, wo, wann?
Aber das sind natürlich alles Nebensächlichkeiten. Wir haben zu zweit angefangen und haben uns das eigentlich immer offen gehalten. Und es ist jetzt auch nicht so, dass uns die Leute zugeflogen wären. Wenn man sich mal die ganzen Line-Ups ansieht, die wir bisher hatten, dann sind das immer Leute gewesen die anderweitig aktiv waren. Außer Tobi, unser zweiter Gitarrist. Dem haben wir jetzt aber zum Beispiel auch angeboten, fest bei uns einzusteigen. Das heißt, dass wir jetzt also in Zukunft zu dritt sein werden. Wenn irgendjemand Input leisten will und das der Band gut tut, dann sind wir die Letzten, die sich dagegen wehren. Aber es ist einfach so, dass den Bandmitgliedern oder unseren Live-Mitgliedern die Zeit fehlte, sich mehr zu engagieren. Oder sie wollten das auch gar nicht, weil sie mit ihren eigenen Bands total eingebunden sind.
Jens: Ja und mittlerweile gibt es Bands wie BÖLZER, MANTAR oder RATS OF GOMORRAH. Die sind sogar nur zu zweit auf der Bühne. Das ist ähnlich so wie mit Phil Anselmo. Da haben auch alle gedacht, kann man in einer Metal-Band spielen und eine Glatze haben? Irgendwie hat er diesen Look dann salonfähig gemacht.
Ich habe die Frage nicht offiziell gestellt…
Bernd: (Lacht) Alles gut. Wir beantworten die Frage auch immer noch. Also es ist nicht so, dass wir stinksauer das Interview abbrechen würden. Nur was soll man dazu noch sagen? Vielleicht wissen nicht alle, dass – auch wenn da fünf Leute auf so einem Poster sind – nur ein oder zwei Leute die Fäden in der Hand haben und die Songs schreiben und die anderen teilweise nur Angestellte in dieser Band sind. Ich glaube, das hat sich noch nicht so rumgesprochen in der Metalszene.
Wenn man euch auf der Bühne sieht, dann strahlt ihr immer eine immense Spielfreude aus und es wirkt nicht so, als ob ihr einen Job erledigt. Das ist auch wieder a-typisch zu all den Grantlern im Death Metal. Wenn ihr euch entscheiden müsstet, entweder nie wieder ein Album aufzunehmen oder nie wieder auf der Bühne zu stehen, worauf würde eure Wahl fallen?
Bernd: Ich hoffe, dass die Entscheidung niemals kommt. Aber wenn ich mich zwischen Live Shows und nie wieder ein Album aufnehmen entscheiden müsste, dann würde ich sagen, auf jeden Fall keine Live Shows mehr.
Die wöchentlichen Treffen mit Jens – gerade auch in so beschissenen Zeiten, wie während der Pandemie – bedeuten mir dann doch so viel, dass ich dann lieber Platten aufnehme. Obwohl ich gerne live spiele. Die Spielfreude, die du angesprochen hast, die ist natürlich echt. Wir sind ja auch noch keine Band, die so viele Shows gespielt hat, dass man so abgebrüht ist, dass man mürrisch auf der Bühne steht und sich dann irgendwie zwingen muss, eine Show zu machen. Also das ist ja für uns auch jedes Mal Spaß, nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne nach der Show.
Jens: Erstmal finde ich das ein ganz tolles Kompliment, wenn du sagst, dass man uns die Spielfreude auf der Bühne ansieht. Das finde ich richtig toll, dass das so rüberkommt, weil wir das auch genauso empfinden. Wir haben schon ganz oft darüber gesprochen, wie Bands sich auf der Bühne präsentieren wollen. Und wir beide sind zumindest der Meinung, dass wir selber Spaß haben wollen, dafür machen wir das Ganze ja. Ich möchte mich nicht verstellen müssen auf der Bühne. Jede Band funktioniert halt anders.
Und ich gucke mir sicherlich auch mal die eine oder andere Black-Metal-Band gerne an, wo man aufgrund vom Corpse Paint kaum etwas von der Mimik erkennt. Aber ich persönlich habe immer viel mehr Spaß daran, Bands zu sehen, die zwar das, was sie machen ernst nehmen, die sich aber selbst nicht zu ernst nehmen und dann auch mal lachen und denen man die Spielfreude ansieht. Was die Attitüde angeht, würde ich mich am ehesten mit ASPHYX vergleichen wollen. Wovon ich gar nichts halte, sind diese Kapuzenbands, die wirklich nur auf einem Fleck stehen. Die haben vielleicht ganz atmosphärische Songs und ich höre mir das auf Platte auch gerne an, muss ich aber nicht live sehen. Insbesondere dann nicht, wenn ich schon ein paar Bier intus habe und ich einfach nur Spaß haben will.
Auf die Frage, was ich lieber machen würde, gehe ich mit Bernd mit. Sprich: Ich würde auch lieber Musik machen wollen als live zu spielen. Die Kreativität ist mir wichtiger. Wenn ich etwas geschaffen habe, was mir keiner nehmen kann und das für die Ewigkeit ist. Konzerte sind immer für den Moment, Platten sind für die Ewigkeit.
Außerdem sind wir ja nicht nur Bandmitglieder, wir sind auch Freunde. Dieses sich-zwei-Mal-treffen in der Woche und sich über den ganzen Quatsch, der in der Welt passiert, auszutauschen, ist enorm wichtig. Da kann es schonmal vorkommen, dass wir uns ganz viel für die Probe vornehmen und dann quatschen wir drei Stunden, weil wir uns erstmal auskotzen müssen. Das war insbesondere übrigens in der Corona-Zeit lebenswichtig für uns.
„Dread Emperor“ ist gerade erst veröffentlicht worden. Viele Musiker:innen sind nie 100 % zufrieden mit dem Ergebnis. Wie sieht das bei euch aus?
Bernd: Also ich weiß nicht, wie Jens das sieht, aber ich kann sagen, dass ich diesen Moment tatsächlich noch nie gehabt habe. Natürlich gibt es immer mal irgendwelche Sachen im Nachhinein. Aber es ist nicht so, dass mich etwas so ärgert, dass ich mir das Ergebnis nicht mehr anhören kann.
Ich mag jeden einzelnen Song so, wie er aufgenommen wurde. Das sind immer Momentaufnahmen, auch wenn soundmäßig mal etwas nicht so gut gelungen ist. Außerdem ist das ja auch immer Geschmackssache.
Jens: Also ich habe diesen Moment beim neuen Album auch noch nicht. Aber anders als Bernd kenne ich diese Momente. Bei der neuen Platte wüsste ich tatsächlich auch nicht, was ich im Nachhinein noch anders machen würde. Da bin ich schon wirklich sehr zufrieden. Was vielleicht auch dem Aufnahmeprozess geschuldet ist. Ich habe diesmal alle Gitarren und den Bass zu Hause eingespielt. Das hat zwar ein bisschen länger gedauert, als wenn ich es bei Jörg machen würde. Gleichzeitig konnte ich die Parts wirklich so oft spielen, bis ich damit zufrieden war.
Bei den Vorgängerplatten ist das teilweise durchaus anders. Mit „Tyrants Of Doom“ bin ich eigentlich auch rundum zufrieden. Auf „Ancient Death Triumph“ gibt es schon die eine oder andere Passage, bei der ich hinterher gedacht habe, die hätten wir vielleicht noch ein bisschen anders aufbauen können. Das trifft insbesondere auf die ersten beiden Alben zu. Gerade bei den Soli, denke ich manchmal: „Alter, was hast du denn da wieder improvisiert?“
Beschreibt „Dread Emperor“ doch mal mit drei Schlagworten…
Bernd: Oh man, das ist schwierig. Melodisch würde ich sagen, brutal und düster oder „Death Doom Decay“, das passt dann immer.
Bernd, Jens. Vielen Dank für diese tiefenentspannte und ehrliche Gespräch. Die famous last words gehören euch beiden.
Bernd: Auf jeden Fall bedanken wir uns für das coole Interview. Ansonsten hoffe ich, dass die Leute die Scheibe auschecken und für gut befinden.
Jens: Meine letzten Worte sind: Hört mehr US-Metal, macht keinen KI-Quatsch und macht keinen KI-Quatsch.
