Maudlin - Ionesco

Review

Sue Ellen Ionesco, Namensgeberin des MAUDLIN-Debüts, war (oder ist?) eine rumänischstämmige Ärztin in Washington D.C. Dort entwickelte sie 1944 eine Methode zur Behandlung von Depression, die so genannte Transorbitale Lobotomie. Hierbei wurde das corpus callosum, zu deutsch schlicht Balken, also der Teil des Gehirns der die beiden Hemisphären (Hirnhälften) miteinander verbindet, durchtrennt. Wie Frau Ionesco auf diese Idee kam weiß ich nicht; dass dieses Verfahren nicht mehr praktiziert wird liegt höchstwahrscheinlich an dessen eher bescheidenem Heilungserfolg.

MAUDLIN, eine belgische Psychedelic Sludgecoreband waren von Frau Ionesco derart fasziniert, dass sie diese Pionierin experimenteller Hirnschnippelei posthum mit einem Konzeptalbum ehren. Auf ”Ionesco“ erzählen unsere westlichen Nachbarn die Geschichte eines Depressiven der sich mit Selbstmordgedanken beschäftigt. Ein Arzt empfiehlt ihm eine neuartige Methode, bei der ein operativer Eingriff Besserung verschaffen soll. Der Protagonist entscheidet sich für die Operation.
In neun Kapiteln wird die Entwicklung von der Depression zur Verwirrung und dem diffusen Gefühl einer schwerwiegenden Veränderung mit lückenhaften Erinnerungen an die Zeit vor dem Eingriff und Gedächtnisausfällen erzählt. Das Ende bleibt offen.

Präsentiert wird all dies in einem kruden Klanggewand, das mit ‚Psychedelic Sludgecore‘ nur unzureichend beschrieben wird. Denn MAUDLIN erinnern nicht nur an den dreckspritzenden Breitbandsound von EARTHRIDE oder DOWN, sie kreuzen ihn mit der wirren Emotionalität von MUSE, mit den unkalkulierbaren Ausbrüchen der PIXIES und der kalten Düsternis von CULT OF LUNA und NEUROSIS. Dieses Album ist ein fesselnder, schwer definierbarer Galoppritt durch unterschiedliche Stile und Gefühle, durch Depression, aufkeimende Hoffnung, Schmerz, Benommenheit und Leere.
Eingepackt ist all dies im schwarz und braun gehaltenen Digipak in dessen Booklet die Geschichte des unbenannten Depressiven anhand dichter Strichzeichnungen illustriert wird.
Passend zu den nach der Transorbitalen Lobotomie getrennten Hirnhälften hat jeder Song von ”Ionesco“ zwei Titel, die in zwei Schriftarten auf der Rückseite verzeichnet sind. Gemäß der Theorie dass eine Gehirnhälfte primär für die Verarbeitung emotionaler Zustände herangezogen wird, während ihre Kollegin sich mit rationalen Belangen befasst, sind die besagten Titel einerseits handschriftlich-gefühlsmäßiger, andererseits druckschriftlich und eher überlegter Art.

”Ionesco“ ist eine fesselnde Platte, die man sinnvollerweise am Stück hören sollte. Beim reinen Durchzappen entfaltet sie ihre Wirkung nicht. Nimmt man sich die Zeit und lässt sich auf die Geschichte ein, erlebt man eine Episode aus dem Leben eines Opfers fragwürdiger medizinischer Theorien, die in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts keine Seltenheit waren und sich besonders in den USA großer Beliebtheit erfreuten. Erst mit dem Verhallen von ”Into The Dark Hands Of The Dancing Devil“/“Noise Between The Ears“ entlassen MAUDLIN ihre Zuhörer mit einem flauen Gefühl in der Magengegend. Und der Erkenntnis dass man sich bei Depression an qualifiziertes Fachpersonal wenden und nicht in die Hände Messer wetzender Schulmediziner, die ihren Job mit dem des Pferdemetzgers verwechseln, begeben sollte.

06.08.2008

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