Dokken
Die Geschichte einer Hassliebe

Special

Die frühen Jahre der Karriere von DOKKEN sind die Geschichte einer Hassliebe. Die Geschichte einer Hassliebe zwischen einem charismatischem Sänger und einem Ausnahmegitarristen: Don Dokken und George Lynch. Beide sprühen vor Songideen, beide sind Meister ihres Fachs und beide wollen der Chef im Ring sein. Anfang der 80er finden Dokken und Lynch zusammen. Bis zum Ende des Jahrzehnts betouren sie nicht nur die ganze Welt, sondern nehmen auch vier Hard-Rock-Alben auf, die mit den Jahren zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten sind: „Breaking The Chains“, „Tooth And Nail“, „Under Lock And Key“ und „Back For The Attack“. Letzteres feiert dieser Tage seinen 30. Geburtstag, was wir zum Anlass für eine kleine Retrospektive genommen haben.

Breaking The Chains (1981/1983)

Die Karriere von DOKKEN beginnt recht holprig. Ursprünglich erscheint das Debütalbum „Breaking The Chains“ 1981 über das französische Label Carrere Records. 1983 folgt die Wiederveröffentlichung über Elektra Records mit leicht abgewandelter Tracklist. Beide Versionen eröffnen aber mit dem hymnischen Titelsong. „Breaking The Chains“ gehört zweifelsohne zu den bekanntesten Stücken des Albums. Kein Wunder, besticht es doch durch einen Mitsingrefrain und ein knackiges Mainriff, wie es eben nur von George Lynch kommen kann. Dazu gesellt sich ein Gitarrensolo, das durch geschmackvolle Licks glänzt. Alle Trademarks von DOKKEN sind in diesem Song bereits vereint. Dass die Band mit der Platte trotzdem unter dem Radar fliegt, ist angesichts von mittelmäßigen Stücken wie „Felony“, „I Can’t See You“ oder „In The Middle“ allerdings wenig überraschend. Die Verkaufszahlen fallen enttäuschend aus und DOKKEN scheinen vor dem Aus zu stehen, noch bevor ihre Karriere überhaupt richtig begonnen hat.

Tooth And Nail (1984)

Dem Management von DOKKEN gelingt 1983 das eigentlich Unmögliche. Obwohl das Debütalbum „Breaking The Chains“ vollkommen floppt, bekommt die Band von Elektra Records eine zweite Chance. Das Versprechen: Der Nachfolger wird auf jeden Fall ein durchschlagender Erfolg. „Tooth And Nail“ erscheint nur ein Jahr danach und  bereits der Opener ist ein absoluter Knaller, der das gesamte Vorgängeralbum in den Schatten stellt. Das instrumentale Intro „Without Warning“ baut eine unheimliche Spannung auf, die sich im Riffgewitter des Titelsongs entlädt, der die neuen, besseren DOKKEN etabliert. Den Bass übernimmt erstmals Jeff Pilson. Gemeinsam mit Schlagzeuger Mick Brown liefert er nicht nur ein sattes Sound-Fundament für Lynchs Gitarrenriffs, sondern bringt sich auch beim Songwriting ein. Hits wie „Don’t Close Your Eyes“, „Into The Fire“ und „Alone Again“ sorgen dafür, dass die an „Tooth And Nail“ beteiligten Musiker als die definitive DOKKEN-Besetzung in die Geschichte eingehen.

Die Platte fährt Goldstatus ein und sichert der Band eine Verlängerung ihres Plattenvertrags bei Elektra. Doch hinter den Kulissen kracht es gewaltig. Georgy Lynch arbeitet beim Songwriting ausschließlich mit Jeff Pilson und Mick Brown zusammen. Mit dem Namensgeber der Band möchte er während der Aufnahmen nicht mal im selben Raum sein. Die zunehmende Egoprobleme zwischen Lynch und Don Dokken überschatten den aufkeimenden Erfolg.

Under Lock And Key (1985)

Nachdem DOKKEN mit „Tooth And Nail“ nicht nur künstlerisch zu sich gefunden, sondern auch die Erwartungen der Plattenfirma erfüllt haben, geht es für die Band steil nach oben. Der nächste Schritt dabei ist „Under Lock And Key“. Dass DOKKEN wissen, wie man ein Album eröffnet, haben sie schon auf den ersten beiden Platten unter Beweis gestellt. Auch „Under Lock And Key“ eröffnet mit einem augenblicklichen Highlight: „Unchain The Night“. George Lynch beweist, dass er immer noch eine Riffmaschine ohne Gleichen ist. Währenddessen intoniert Don Dokken den wohl eindrucksvollsten Refrains seines Lebens. Ernsthaft, der Chorus von „Unchain The Night“ geht durch Mark und Bein, so emotional und kraftvoll präsentiert sich der Frontmann hier. Danach gibt es für DOKKEN kein Halten mehr. Befeuert vom Erfolg ihrer zweiten Platten, setzt die Band alles daran, zu beweisen, dass sie keine Eintagsfliege ist.

Aufgrund der ungemeinen Hitdichte, gelingt ihnen das spielend leicht. Für die Charts gibt es den Schmalz-Rocker „In My Dreams“, der harte Metaller hingegen erfreut sich am Dampfhammer „Lightnin‘ Strikes Again“ oder dem stilvollen „The Hunter“. Produziert wird das Album Michael Wagener. Musikalisch greift er kaum ein, dafür muss er sich aber als Bandpsychologe betätigen. Aufgrund der stetigen Spannungen zwischen George Lynch und Don Dokken mietet er zwei verschiedene Studios an, in denen die beiden getrennt voneinander arbeiten können. Wagener sieht die Konflikte aber nicht als Problem, sondern hat das Gefühl, sie würden sich positiv auf die Kreativität der Musiker auswirken. Die Verkaufszahlen geben ihm Recht: Allein in den USA setzt „Under Lock And Key“ eine Millionen Einheiten ab und fährt Platin ein. DOKKEN scheinen unaufhaltsam zu sein.

Back For The Attack (1987)

Nach anfänglichen Schwierigkeiten, gelang DOKKEN mit „Tooth And Nail“ und „Under Lock And Key“ endlich der lang ersehnte Erfolg. 1987 erreicht die Band allerdings ihren absoluten kommerziellen Zenit. „Back For The Attack“ läutet aber auch das Ende einer Ära ein. Dem Album voraus geht im Februar ’87 die Single „Dream Warriors“. Der Song fungiert als Titelstück für den Horrorfilm „Nightmare On Elm Street 3“. Im Video taucht passend dazu Robert Englund in seiner Paraderolle als Freddy Krueger auf. Der Clip schlägt auf MTV ein wie ein Bombe und katapultiert „Dream Warriors“ auf Platz 22 der amerikanischen Billboard-Mainstream-Rock-Charts.

Auf dem fertigen Album peitschen die beiden Kreativköpfe Lynch und Dokken die Band zur absoluten musikalischen Höchstleistung an. So gut eingespielt, wie auf „Back For The Attack“, waren DOKKEN noch nie zuvor. Da verwundert es wenig, dass sich auf der Platte praktisch nur Hits befinden. Einzig „Lost Behind The Wall“ kommt ein klein wenig unspektakulär daher. Die spieltechnische Leistung aller Musiker kopuliert derweil im Instrumentalstück „Mr. Scary“. Das dient vor allem George Lynch als Vehikel, um seine herausragenden Fähigkeiten zur Schau zu stellen. Seinem Selbstbewusstsein verleiht Lynch allerdings nicht nur musikalisch, sondern auch in Konflikten mit Don Dokken Ausdruck. Die an „Back For The Attack“ anschließende Tour wird zur Zerreißprobe, die die Band nicht besteht.

Der letzte Atemzug

Im April 1988 wird ein Konzert in Japan für das hervorragende Livealbum „Beast From The East“ mitgeschnitten. Anschließend lösen sich DOKKEN aufgrund der anhaltenden internen Streitereien auf. Zwar kommt es bereits 1993 zur Reunion. Doch die führt zu den eher mäßigen und künstlerisch ziellosen Alben „Dysfunctional“ (1995) und „Shadowlife“ (1997). Danach steigt George Lynch endgültig aus und in den folgenden Jahren verlässt auch Jeff Pilson die Band. Mick Brown verbleibt neben Don Dokken als einziges Mitglied der klassischen DOKKEN-Ära. Pilson und Lynch kehren zwar 2016 für eine kurze Japantour zurück. Eine richtige Reunion der Band folgt dem allerdings nicht. So bleibt nur ein Vermächtnis von vier tollen Alben.

27.11.2017

"Irgendeiner wartet immer."

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