
Family and Friends Fest
mit Waves Like Walls und wie Ingolstadt zu Kalifornien wird
Special
Es gibt Festivals, die einen erschlagen wollen, mit Größe, mit Hauptbühnen am Horizont, mit dem Gefühl, irgendwo zwischen 40.000 anderen Leuten verloren zu gehen. Und dann gibt es das Family & Friends Fest. Am 16. Mai habe ich einen Samstag in der Fronte 79 in Ingolstadt verbracht, und ich kann es vorwegnehmen: Selten habe ich erlebt, dass ein „ausverkauft“ so wenig nach Enge und so viel nach zu Hause klingt.
Genau dort beginnt unsere neue Sonderreihe „Frontline Frequencies“. Für „Metal Minds – The Pit Unplugged“ war ich mit dem Mikrofon vor Ort und habe mit fast allen Bands des Festivals gesprochen. Den Anfang machen die Menschen, ohne die es diesen Tag nicht gäbe: WAVES LIKE WALLS, Band und Veranstalter in Personalunion. Dieser Artikel ist die Begleitung dazu und gleichzeitig meine kleine Liebeserklärung an ein Festival, das vieles richtig macht, was Größere längst verlernt haben.
Family & Friends Fest: Von der Geburtstagsparty zum festen Termin
Die Geschichte zum Family & Friends Fest ist fast zu schön, um wahr zu sein, und trotzdem ist sie es. 2022 wollten WAVES LIKE WALLS eigentlich nur ihr zehnjähriges Bandbestehen feiern. Aus der Idee, das Jubiläum etwas größer aufzuziehen, wurde eine einmalige Sause, die so gut lief, dass aus dem einen Mal inzwischen fünf geworden sind. „Wir haben uns gefühlt, als wäre Ingolstadt Kalifornien“, erzählt Sänger Marky im Podcast über die erste Ausgabe. Die Struktur stand, die Leute hatten Bock, die Band hatte Bock, also: noch mal. Und noch mal. Und so weiter.
Was als Geburtstagsparty begann, ist heute ein fester Anlaufpunkt für die süddeutsche Hardcore-, Metalcore- und Punk-Szene und gilt mittlerweile als inoffizieller Auftakt zur süddeutschen Festivalsaison. Die erste Ausgabe fand noch im November statt, auch eine Folge der damaligen Corona-Lockerungen. Inzwischen ist das Fest fest im Mai verankert: vor dem großen Urlaubs- und Festivaltrubel, wenn das Wetter mitspielt und auch der Außenbereich der Location genutzt werden kann.
Veranstaltet wird das Ganze in der Fronte 79, einem Jugendkulturzentrum in der Jahnstraße. Das ist kein Zufall, sondern gewachsene Verbundenheit: Schon vor über zehn Jahren spielte die Band hier eine ihrer ersten Hometown-Shows, Gitarrist Florian hat über Jahre mit dem Stadtjugendring zusammengearbeitet und selbst Festivals auf die Beine gestellt. Wo man sich kennt und gute Partner hat, lässt sich so etwas eben leichter fortsetzen.
DIY heißt: alles selbst, mit allem Risiko
Im Gespräch wird schnell klar, wofür dieses Festival eigentlich steht. Booking, Organisation, Ablauf, Werbung: alles in Eigenregie, und das, während die vier am selben Abend auch noch selbst auf der Bühne stehen. „Stressig“, fasst die Band lachend zusammen, „aber ein positiver Stress.“ Die Vorbereitungen beginnen im alten Jahr, in den Wochen davor wird es zur Crunch Time, und am Tag selbst sind zwei Mal über zehn Stunden vor Ort die Regel, nicht die Ausnahme.
Dahinter steht eine Haltung, die tief in der Hardcore- und Punk-Szene verwurzelt ist: Man muss geben, um nehmen zu können. Florian bringt es im Podcast auf den Punkt: Wer in seiner Stadt eine Bühne baut und Bands bucht, die man hier sonst nie sehen würde, der bekommt von der Szene auch etwas zurück. Genau deshalb sind WAVES LIKE WALLS seit der letzten Ausgabe bewusst nicht mehr eigener Headliner. Zum einen, weil man als letzte Band des Abends nur noch am Aufräumen ist statt auf der eigenen Aftershow-Party, zum anderen, weil es schlicht cool ist, größere Acts nach Ingolstadt zu holen, die hier sonst keinen Tourstopp einlegen würden. 2026 übernahmen diesen Job die Headliner ACCVSED.
Eine der ehrlichsten Erkenntnisse des Gesprächs: Band und Festival können nicht beide gleichzeitig auf 100 Prozent laufen. Früher hat man das Fest immer an einen Album- oder Single-Release gekoppelt, heute weiß man, dass genau das der „Todesstoß“ sein kann, weil man überall Abstriche machen muss. Stattdessen zehrt die Band nach dem Festival von der Energie des Abends. Und ganz ehrlich: Eine bessere Bühne als das volle eigene Haus gibt es kaum.
WAVES LIKE WALLS: Ein Otter mit Mütze
Wer die Band kennt, kennt den Otter. Wer das Festival kennt, kennt den Otter auch. Das Maskottchen mit der schicken Mütze ist längst auf Plakaten, Shirts und Bannern zu finden und hat, anders als man vermuten würde, einen sehr persönlichen Hintergrund. Eines von Markys allerersten Stofftieren war ein Otter und ausgerechnet in der schweren Corona-Zeit tauchten die kleinen Tiere wieder in seinem Leben auf: zehn Otter-Memes gegen das Tief, eine ehrliche kleine Selbstfürsorge-Strategie, die viele nachvollziehen können. Aus dieser Geschichte und der ohnehin vorhandenen Wasser-Thematik der Band (beim allerersten Fest war es noch ziemlich random ein Wal) entwarf Florian den Otter, der sich seitdem von Ausgabe zu Ausgabe weiterentwickelt, genau wie die Band selbst. Tipp aus der Crew: Die vielen kleinen Otter, die sich auf dem großen Band-Banner verstecken, sieht man am besten beim Crowdsurfen.
Family & Friends Fest: So sollte ein Familientreffen aussehen
Und jetzt zum eigentlichen Punkt, dem Festival selbst. Sieben Bands standen 2026 auf dem Programm, neben den Headlinern ACCVSED und den Gastgebern WAVES LIKE WALLS auch BACKSTABBED, TWIN MILL, ATTIC STORIES, WAITING FOR SUMMER, SILENT MISERY. Eine bewusst genre-übergreifende Mischung aus Hardcore, Metalcore und Pop-Punk, aus regionalem Nachwuchs und überregional etablierten Namen. Genau diese Kuratierung mit Liebe statt nur mit Reichweite ist es, die das Line-up so rund macht.
Aber das Family & Friends Fest ist eben mehr als nur sein Bühnenplan. Es ist das liebevolle Drumherum, das den Unterschied macht: die Tattoo-Station, die Tierschutz-Aktion, die Verpflegung, die legendäre Aftershow-Party und tausend kleine Details, die zeigen, dass hier Menschen am Werk sind, die ihr Wohnzimmer für einen Abend öffnen und nicht einfach nur Tickets verkaufen wollen. Über die Jahre ist nicht nur das Fest gewachsen, sondern auch die Crew dahinter: Freundinnen und Freunde, die an der Kasse, dem Merch-Table und der Bühne anpacken, damit die Band überhaupt noch Luft hat, Dinge wie diesen Podcast zu machen. Man spürt diese Nähe an jeder Ecke.
Erstmals war die Ausgabe 2026 komplett ausverkauft und das ist vielleicht das schönste Kompliment, das man diesem Konzept machen kann. Denn trotz vollen Hauses blieb der Charme, blieb die Wärme, blieb dieses Gefühl, Teil von etwas zu sein statt nur Gast. Ein Familientreffen, wie es tatsächlich sein sollte. Dass dahinter eine klare Haltung gegen Ausgrenzung und Intoleranz steht, macht das Ganze noch sympathischer.
Auf die Frage aller Fragen: Wird es auch 2027 ein Family & Friends Fest geben? gibt es im Podcast übrigens ein klares Ja. „Unter Vorbehalt“, schiebt jemand grinsend hinterher, „je nachdem, was heute noch passiert.“ Es ist offensichtlich nichts schiefgegangen. Im Gegenteil.
Frontline Frequencies: Mini-Podcastreihe zum Family & Friends Fest
Die ganze erste Folge von Frontline Frequencies mit WAVES LIKE WALLS gibt es ab Sonntag überall, wo es Podcasts gibt – als Teil von „Metal Minds – The Pit Unplugged“, dem Podcast von metal.de. Und das ist erst der Anfang: In den kommenden Episoden kommen die anderen Bands des „Family and Friends Fest“ zu Wort, und auch die Leute von der Ingolstädter Eventhalle und dem regionalen (Nachwuchs-)Format „Noize Attack“ haben wir mitgenommen.
In diesem Sinne: Stay hardcore, stay proud, bleibt Metal, bleibt laut.
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| Bands | |
|---|---|
| Stile | Alternative Metal, Crossover, Emocore, Hardcore, Metalcore, Modern Metal, Nu Metal, Post-Hardcore, Punk Rock, Screamo |
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Diana Heinbucher




















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