Cirith Ungol
Das Feuer brennt noch
Interview
Überraschend kurz nach ihrem letzten Album „Dark Parade“ und der Ankündigung des Live-Ruhestandes ab Ende 2024, melden sich CIRITH UNGOL mit den fantastischen neuen Langspieler „All The Shadows“ zurück. Und auch von der Bühne ließen sich die kalifornischen Urgesteine trotz kleiner Lineup-Veränderungen nicht lange fernhalten. Wir haben einem gut aufgelegten Robert Garven (Schlagzeug) dazu ein paar Fragen über die Meere des Schicksals gesendet um zu klären, wie es zu dem schnellen Sinneswandel kam, wie das neue Album entstanden ist und was von CIRITH UNGOL in Zukunft noch zu erwarten ist.
Hallo Robert, hier ist Hans von metal.de und zunächst einmal vielen Dank für das Interview. Als ich dich 2023 interviewt habe, hattest du gerade den Rückzug von CIRITH UNGOL vom Live-Geschehen für Ende 2024 angekündigt. Jetzt ist es 2026 und ihr seid nicht nur mit einem neuen Album am Start, sondern auch auf die Bühne zurückgekehrt und habt ein paar weitere Live-Auftritte angekündigt. Was hat sich geändert, hast du deine Entscheidung zum Rückzug sofort bereut?
Hans, ich hoffe, es geht dir gut. Es ist so schön, heute wieder mit dir zu sprechen. Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit mir über unser neues Album „All The Shadows“ zu sprechen.
Wir kündigten unseren Rückzug an, nachdem wir unsere beiden langjährigen Gitarristen verloren hatten, und sahen keinen glaubwürdigen Weg für die Band nach vorn. Armand (NIGHT DEMON), der seit unserer Wiedervereinigung mit der Band zusammengearbeitet hat und alle unsere jüngsten Projekte in seinem Studio The Captain’s Quarters aufgenommen hat, sprang ein, um bei der Albumveröffentlichungsparty von „Live At The Roxy“ zu spielen, die ein riesiger Erfolg war!
Er stimmte zu, eine begrenzte Anzahl von Abschlussshows in Europa, Südamerika, Australien und China zu spielen, und unsere Abschiedstournee wurde angekündigt. Direkt nachdem ich zugestimmt hatte, bekam ich ernsthafte Zweifel, denn ich liebe es, Heavy Metal zu spielen, zu schreiben und zu erschaffen! Wir hatten Spaß, und die Shows liefen gut.
Damals schrieb ich von Europa aus einen Artikel für das Decibel Magazine hier in den USA, in dem ich diese Gefühle teilte, und ich begann, die Band dazu zu drängen, durchzuhalten, neues Material zu schreiben und noch einige wenige Auftritte zu spielen, was im Grunde genau das war, was wir seit der Wiedervereinigung der Band getan hatten. Ich denke, was sich geändert hat, waren die Bedingungen vor Ort.
Wir spielten beim Deaf Forever Birthday Bash in der Markthalle in Hamburg und ich glaube, dort wurde mir alles klar: Die Band hatte tatsächlich einen neuen Kurs eingeschlagen, den wir fortsetzen konnten, „wenn“ ich die Jungs in der Band dazu bringen konnte, zuzustimmen. Das wurde leichter, je erfolgreicher und unterhaltsamer die Shows wurden.
Wie ist das Feedback zu eurer Rückkehr bisher ausgefallen? Sind die Leute größtenteils begeistert oder habt ihr auch einige negative Reaktionen bekommen, weil ihr tatsächlich nur relativ kurze von der Bühne weg wart?
Leider wird es in der heutigen Welt immer einige negative Reaktionen geben, selbst wenn eine Gans ein goldenes Ei gelegt hätte! Insgesamt waren alle, denen die Band wirklich am Herzen liegt und die unsere Musik lieben, begeistert und erfreut, dass wir weitermachen. Ich vergleiche es damit, wenn ein geliebter Mensch im Sterben läge und du dich gerade von ihm verabschiedest und dann käme der Arzt herein und sagte, dass er nun glaube, dein geliebter Mensch könne noch ein paar Jahre leben! Du wärst überglücklich und würdest so viel wertvolle Zeit wie möglich mit diesem geliebten Menschen verbringen wollen. Während der Abschiedstournee sagte ich allen, dass ich noch nicht bereit bin aufzuhören. Ein Veranstalter umarmte mich nach seiner Show und flüsterte mir ins Ohr, „mach weiter“.
Es ist ja nicht so, dass wir irgendjemanden absichtlich getäuscht hätten. Und seien wir ehrlich, die meisten Bands finden mehrere Jahre nach ihrer Abschiedstournee wieder zusammen. Ich habe versucht, die Band wieder zusammenzubringen, mitten während der Abschiedstournee! Dasselbe gilt für das neue Album „All The Shadows“. Viele unserer langjährigen Fans waren überrascht und begeistert, dass wir ein neues Album fertig hatten, das veröffentlicht werden sollte. Sie waren genauso aufgeregt, als wären du oder ich morgen aufgewacht und es hätte ein neues BLACK SABBATH-Album gegeben.
Ich bin sicher, einige Veranstalter hatten das Gefühl, in die Irre geführt worden zu sein, aber dafür übernehme ich die volle Verantwortung. Die Band hatte nie die Absicht, Fans oder Veranstalter hinters Licht zu führen, und wir waren uns alle einig, dass es unsere Abschiedstournee sein würde. Ich war derjenige, der sich einfach weigerte, die Band sterben zu lassen, weil ich wusste, dass wir weiterhin einen erheblichen Beitrag zur Heavy-Metal-Szene leisten können. Tim und ich sind beide 70 und so viele unserer Musikerkollegen sind in letzter Zeit hinter den Schleier getreten, also haben wir als Elder Statesmen des Metal keine Zeit zu verlieren!
Werdet ihr nur für eine Handvoll Auftritte auf die Bühne zurückkehren oder ist noch mehr geplant?
Nach der Veröffentlichung des Albums werden wir im Februar hier in Los Angeles eine Album-Release-Show spielen und im März eine beim Up the Hammers-Festival in Athen und es sind weitere Shows in Planung, die bald angekündigt werden. Wir werden niemals eine traditionelle Tournee spielen und um ehrlich zu sein, hat die Band während ihrer gesamten Karriere nie eine solche gespielt, da die Mitglieder Vollzeitjobs haben. Wir werden weiterhin einzelne Festivalauftritte und vereinzelte Gigs spielen, in der Hoffnung, dass wir einige neue Festivals und Orte besuchen können, an denen wir bisher noch nie spielen konnten. Natürlich haben wir viele Freunde in Deutschland, also bin ich mir sicher, dass wir hier öfter spielen werden als irgendwo sonst.
Während du Jarvis wohl nicht zweimal fragen musstest, hatte Jim Barraza die Band noch vor der Veröffentlichung von „Dark Parade“ aus gesundheitlichen Gründen verlassen (ich hoffe, es geht ihm gut?). Und auch Greg Lindstrom entschied sich gegen eine Rückkehr. Was waren seine Gründe, im Ruhestand zu bleiben?
Ich denke, beiden geht es gut, ich habe nicht mehr so viel Kontakt zu ihnen wie damals, als wir zusammengespielt haben. Wir haben einige unglaubliche Musik geschaffen, aber beide waren nicht in der Lage, die Band auf unserer aktuellen Reise weiter zu begleiten.
Armand Anthony scheint aufgrund seiner Verbindung zu Jarvis und weil er bereits bei „Live At The Roxy“ ausgeholfen hat, die offensichtliche Wahl als Ersatz zu sein. Habt ihr ihn sofort gefragt, ob er einsteigen möchte, als klar wurde, dass Greg nicht zurückkehren würde, oder gab es noch andere potenzielle Kandidaten für die Position?
Armand ist wie gesagt seit unserer Wiedervereinigung in der einen oder anderen Funktion mit der Band verbunden. Da er seit der Reunion alle unsere Projekte aufgenommen hat, war er in einzigartiger Weise qualifiziert, nicht nur in der Band zu spielen, sondern auch zu wissen, was CIRITH UNGOL-Songs erfolgreich macht. All das machte ihn zum idealen Kandidaten.
Ich denke, von allen Gitarristen, mit denen ich jemals zusammengearbeitet habe, ist es mit ihm am einfachsten, Musik zu erschaffen. Er ist ein talentierter Gitarrist und Schlagzeuger und hat im Laufe der Jahre in einer Vielzahl von Hard-Rock-Bands unterschiedlicher Stilrichtungen gespielt. Auf der Bühne ist er ein Rock-Gott und abseits der Bühne ein Meister seines Fachs als Toningenieur und ein guter Freund.
Habt ihr für eure kommenden Shows einen zweiten Gitarristen am Start oder werdet ihr weiterhin als Quartett spielen?
Abgesehen von einer kurzen Zeit nach der Veröffentlichung unseres ersten Albums, als Flint zur Band stieß, und dann erneut nach unserer Reunion, waren wir immer eine Band mit nur einer Gitarre. Zwei Gitarren bringen eine zusätzliche Dimension ins Spiel, was großartig ist, und ermöglichen beispielsweise zweistimmige Leadgitarren-Melodien. Aber die Band ist jetzt wieder ein Quartett.
Lass uns über das Album sprechen. Wie läuft der Songwriting-Prozess zwischen euch vieren heutzutage im Allgemeinen ab? Wie stark waren Jarvis und Anthony eingebunden?
Ich kann euch unser Geheimrezept nicht verraten (wenn ich das täte, würde jeder CIRITH UNGOL-Songs schreiben), aber die Songs wurden nach genau diesem Rezept geschrieben, das sich über die Meere der Zeit erstreckt hat. Wir schmieden einen Song, so wie ein Meisterschmied ein heldenhaftes Schlachtschwert erschafft, indem er die richtigen Legierungen hinzufügt, um es stark und makellos zu machen, und dann diese Elemente aus geschmolzenem Metall hämmert, um ihm Stärke und Charakter zu verleihen und es schließlich im Blut der Unvergoltenen abschreckt! Wenn es fertig ist, sind unsere Herzen geschwärzt und unsere Seelen versengt!
Natürlich würden in einer Band voller Menschen mit so starken Meinungen und Persönlichkeiten alle Bandmitglieder, wenn man sie einzeln fragen würde, den gesamten Verdienst für das Album für sich beanspruchen! Das bedeutet, dass sich jeder persönlich in das Projekt eingebracht fühlt! Allerdings haben wir alle gleichermaßen zum Songwriting auf dem Album beigetragen. Ich denke, das ist eine klare Aussage, dass wir noch mehr zu bieten haben, bevor sich der letzte Vorhang schließt!
„All The Shadows“ beginnt unglaublich kraftvoll und geht genauso auch weiter. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es euer bisher härtestes und wütendstes Album ist. Woher kommt diese Energie?
Das ist sehr nett von dir, das zu sagen und ich stimme zu, dass es auf diesem Album unglaublich harte Musik gibt. Alle fragen mich, welches mein Lieblingssong ist, und es gibt mehrere, die herausstechen, aber jeder einzelne von ihnen hat eine erstaunliche Menge an Doom und Biss. Die zweite Hälfte von „Hollow Nimbus“ ist extrem heavy. Und ja, leider scheinen alle wütend zu sein!
Was die Energie angeht, haben alle Mitglieder der Band dieses Feuer des wahren Metal, das in ihren Seelen brennt, und bei mir brennt es besonders hell. Enzo Ferrari ist einer meiner größten Einflüsse. Er wollte im Leben vieles werden, Rennfahrer, ein Journalist und Opernsänger. Aber es stellte sich heraus, dass seine größte Fähigkeit darin bestand, Menschen mit erstaunlichen Talenten zusammenzubringen und sie dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten, um seine wunderschönen Maschinen zu erschaffen. Vielleicht besteht mein größtes Talent darin, dasselbe zu tun, diese unglaublich talentierten Menschen über die Jahre zusammenzubringen, um diese fantastische Musik zu erschaffen.
Während Jim Barraza euren Songs früher diese gefühlvollen, bluesigen Soli hinzufügte, ist Armands Stil stärker im klassischen Heavy Metal verwurzelt. Dadurch klingt „All The Shadows“ insgesamt deutlich metallischer im klassischen Sinne, würdest du dem zustimmen?
Jims Gitarrenspiel war außergewöhnlich, daran besteht kein Zweifel. Armand hat einen Hintergrund in Hard-Rock- und Bluesbands, und ich finde, dass auch einiges von seinem Spiel ziemlich gefühlvoll ist. Ich hatte die Band jahrelang damit genervt, auf einem unserer Songs eine Slide-Gitarre einzusetzen. Als wir an „Shallow Reflection“ arbeiteten, sagte Armand zu mir: „Rob, ich glaube, das ist dein Slide-Gitarren-Song! Der Song „Turning Blind“ hat ein ziemlich gefühlvolles Lead-Solo!“
In letzter Zeit wurden Tims Texte eher von den Schrecken der Realität als von Fantasy und Fiktion inspiriert. Ist das auch bei „All The Shadows“ der Fall? Gibt es ein konkretes Konzept?
Von Zeit zu Zeit darf ich einen Packen Songtexte schreiben, aber auf diesem Album hat Tim sämtliche Texte geschrieben, und hier ist seine Interpretation dessen, was sie bedeuten:
„All The Shadows“ ist der neueste Schritt auf der verdrehten Reise, die CIRITH UNGOL ausmacht. Geschichten von geschwärzten Herzen und zerbrochenen Träumen. Echos des Wahnsinns, der Korruption, der Sünde, wahnsinniger Visionen und unsagbaren Schreckens. Die dystopische Zukunft der Menschheit liegt offen vor uns. Die fortlaufende Saga unseres niemals endenden Abstiegs in die „Dark Parade“. „All The Shadows“ ist der Höhepunkt all unserer Bemühungen, die vor mehr als einem Jahrzehnt mit unserer Wiederauferstehung begannen. Alle darin enthaltenen Songs sind Schatten derselben vom Unheil genährten Prophezeiungen, die zum düsteren Markenzeichen von CIRITH UNGOL geworden sind.
Welcher Song auf „All The Shadows“ repräsentiert deiner Meinung nach das Album am besten?
Es fällt mir schwer, das genau festzulegen, da alle Songs echte Kracher zu sein scheinen. Aber wenn ich den vielleicht herausragendsten Song des Albums auswählen müsste, wäre es „Venus in Thirds“, vom ultracoolen Bass-Intro über die superharten Riffs, das Talkbox-Solo und einige wirklich coole Drum-Beats bis hin zu Tims Gesang. Ich denke, es ist der herausragende Hit und deshalb hat er auch den letzten Platz auf dem Album bekommen, wo die Band traditionell einen ihrer besten Songs unterbringt, um die Platte abzuschließen!
Das war’s von mir, vielen Dank für deine Zeit, Robert, ich wünsche euch alles Gute für die kommenden Shows. Du hast das letzte Wort.
Hans, vielen Dank für all deine durchdachten Fragen und dafür, dass du dir heute Zeit genommen hast, um mit mir über unser neues Album „All The Shadows“ zu sprechen. Die Band freut sich wirklich sehr darüber und ich hoffe, dass jeder sich ein Exemplar besorgen und es anhören kann. Wie bei den meisten unserer Alben sind einige unserer Songs und Kompositionen ziemlich tiefgründig, daher sind möglicherweise mehrere Durchläufe nötig, um die volle Wirkung zu erzielen, die wir beabsichtigt haben. Und natürlich sollte es immer bei maximaler Lautstärke abgespielt werden!
