Evergrey
Interview mit Tom S. Englund zu "Torn"

Interview

Tom S. Englund, seines Zeichens Chef, Sänger und Gitarrist der Schweden von EVERGREY kann es kaum noch erwarten. Das aktuelle und mittlerweile siebte Studio-Album „Torn“ ist bereits seit acht Monaten im Kasten und wartet nur darauf, jetzt endlich in die Plattenläden gestellt zu werden und in eurer Anlage zu Haus ordentlich zu rocken. Worum es sich thematisch diesmal dreht, warum Tom die Schnauze von Leuten gestrichen voll hat, die meinen ihm Vorschriften machen zu müssen und was er über den neuen Plattenvertrag mit SPV/Steamhammer zu sagen habt, lest ihr im folgenden Interview.

Hallo Tom, das siebte Studio-Album ist im Kasten und ihr fiebert sicherlich schon dem endgültigen Release entgegen. Wie fühlt ihr euch zu wissen, dass die Arbeit getan und ein neuer Longplayer auf dem Weg in die Läden ist?

Wir fühlen uns großartig und können den Tag kaum erwarten, an dem unser Album endlich veröffentlicht wird. Tatsächlich ist alles bereits seit dem siebten Dezember letzten Jahres komplett fertig. Andererseits tut es gut zu wissen, und diese Erfahrung machen wir jetzt zum ersten Mal, dass wir mit dieser Platte absolut zufrieden sind, denn auch nach acht Monaten zünden die Songs immer noch gewaltig. Also müssen wir doch etwas richtig gemacht haben! (lacht)

Im letzten Jahr habt ihr euren Bassisten Fredrik Larsson durch Jari Kainulainen (Ex-STRATOVARIUS) ersetzt. Weshalb hat Fredrik die Band verlassen und wie ist der Kontakt zu Jari zustandegekommen?

Fredrik gehört zu unseren besten Freunden und wir waren sehr glücklich, dass er uns recht spontan und völlig unkompliziert zur Seite stand, als wir Hilfe brauchten. Wir hatten eine tolle Zeit zusammen auf der letzten Tour und wünschen ihm mit HAMMERFALL alles Gute. Was Jari angeht, so kam der Kontakt zu ihm durch einen Freund von Jari zustande, der auf unserer Homepage gelesen hatte, dass wir einen neuen Bassisten suchen und Interessenten Demo-Material und Fotos zuschicken sollten. Wir haben uns hunderte von Bewerbern angehört und schließlich vier oder fünf in die engere Auswahl genommen, und am Ende hat Jari keine 15 Sekunden vorgespielt als wir uns sicher waren, das ist der Mann! Den nehmen wir!

Hatte denn der Wechsel am Bass einen Einfluss auf das Songwriting oder auf die Aufnahmen an sich?

Jari kam zu uns, als wir die Songs bereits geschrieben hatten. Aber sein Bassspiel hatte natürlich schon Auswirkungen auf unsere Songs und den Sound an sich.

EVERGREY hatten mehrere Jahre einen Vertrag mit Inside Out, aber mit dem neuen Album habt ihr auch ein neues Label an eurer Seite. Seid ihr mit der bisherigen Arbeit von SPV/Steamhammer zufrieden?

Um ehrlich zu sein bist du einer der ersten 50 Interview-Partner, so dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen kann, ob SPV/Steamhammer ihren Job gut machen oder nicht. Aber die Arbeit fühlt sich vielversprechend an und wir haben einen sehr zufriedenstellenden Vertrag abgeschlossen, also habe ich keinerlei Zweifel.

Das neue Album trägt den Titel „Torn“ und wird am 19. September in Deutschland veröffentlicht. Was bedeutet dieser Titel?

„Torn“ (engl.: „hin- und hergerissen“, „zerrissen“, „herausgerissen“) ist ein tiefsinniges Wort und es hat viele verschiedene Bedeutungen in Bezug zu unseren neuen Songs: ein Herz mag in zwei Teile gerissen sein oder man ist zwischen zwei Entscheidungen hin- und hergerissen… In gewisser Weise steht das Wort also für alle Sachen, die unser Leben irgendwie erschweren.

Einige eurer vorherigen Alben hatten ein Konzept. „In Search Of Truth“ befasst sich mit Paranoia und handelt von einem Mann, der davon überzeugt ist, dass er von Außerirdischen entführt wurde. Auf „Recreation Day“ dreht sich alles um den Tod und „The Inner Circle“ befasst sich mit religiösem Fanatismus. Erzählt auch „Torn“ eine konzeptionelle Geschichte?

Nein, diesmal gibt es kein zusammenhängendes Konzept, aber elf kleine und ganz unterschiedliche Geschichten. Die Lyrics betrachte ich dabei immer wie ein Gespräch mit einem guten Freund, und dem erzähle ich über Beziehungsprobleme oder über was auch immer. Der Stift ist mein bester Freund und ein treuer noch dazu. (lacht)

Einer meiner Lieblingssongs vom neuen Album ist „Fear“. Wovon handelt dieser Song ganz genau?

Der Titel deutet es bereits an, es geht um Angst. Angst zu haben etwas zu entdecken, das dein Leben umkrempeln könnte; Angst zu haben zu versagen; Angst vor deinen eigenen Gefühlen; Angst zu haben etwas falsch zu machen; Angst zu haben die Wahrheit zu kennen oder einfach Angst zu haben, nicht die Erwartungen erfüllen zu können, die man an uns stellt: es geht um alle Ängste, die wir täglich erfahren, denen wir uns stellen und die wir ein für allemal bekämpfen müssen.

Mir gefällt das Cover-Artwork wirklich sehr. In gewisser Weise ist es surreal und erinnert an ein Videospiel. Welche Idee steckt dahinter und in welcher Beziehung steht das Artwork mit dem Inhalt des Albums und den Songs an sich?

Das Cover reflektiert den Opener unseres Albums, der auch als Video-Single ausgekoppelt wird: „Broken Wings“. Im Prinzip handelt es sich hierbei um eine moderne Aschenputtel-Geschichte: ein junges Mädchen wird adoptiert und wächst in einer Familie auf, die ihr nicht das Gefühl gibt dazuzugehören. Sie muss im Keller schlafen, während alle anderen in den oberen Etagen die Gemeinschaft genießen. Diese entsetzliche Geschichte basiert mehr oder weniger auf einigen tatsächlich geschehenen Schicksalen des Lebens und lässt mich bereits beim bloßen Gedanken daran erschauern…

Ich verrate wohl kein Geheimnis, wenn ich dir sage, dass „Monday Morning Apocalypse“ viele Fans teilweise vor den Kopf gestossen hat, denn das Album klingt wirklich etwas anders als die vorherigen Longplayer. „Torn“ hingegen geht wieder mehr zurück an den Anfang, während die Songs an sich auch weiterhin sehr straight sind. Wie betrachtest du die Kurskorrektur auf dem neuen Album?

Das ist wirklich lustig. Jeder will uns vorhalten mit jedem Album in eine andere Richtung zu drängen und uns wohlmöglich noch vorschreiben wie wir zu klingen haben, dabei spielen wir genau die Musik, an der wir Spaß haben und die uns gefällt. Das haben wir schon immer so gemacht, denn wir haben keinen Plan, den wir befolgen müssen oder wollen, um ein Album so oder so klingen zu lassen. Alles steckt in uns und kommt so, wie es aus uns herauskommt, auch auf das Album. Deshalb kann ich die Änderungen, die andere heraushören wollen, auch nicht so ganz nachvollziehen. Wir machen nur das, was wir schon immer gemacht haben: Musik, die uns gefällt. Schon komisch, wenn man dann auf den Konzerten hört, dass unsere Songs – ganz unabhängig davon, von welchem Album sie stammen – nach EVERGREY klingen… (lacht)

Stellt ihr eigentlich ganz besondere Erwartungen an „Torn“ oder habt ihr bestimmte Hoffnungen in Bezug auf das neue Album?

Ganz ehrlich, nein. Schon nach Veröffentlichung unseres ersten Albums haben wir damit aufgehört Erwartungen zu haben. Erwartungen können Hoffnungen erzeugen, die nicht erfüllt werden und enttäuschen. Wir gehen unseren Weg und freuen uns über jeden Moment, den wir genießen können.

Ich kenne viele Musiker, die Musik nur noch nebenberuflich machen, weil sie einfach zu wenig verdienen. Dabei kommt oft das Argument, dass man im Business schon sehr, sehr hart arbeiten muss, wenn man nicht gerade bei METALLICA oder IRON MAIDEN spielt, um überhaupt halbwegs über die Runden zu kommen. Könnt ihr denn mittlerweile von der Musik leben, oder habt ihr auch noch andere Berufe?

Wir sind keine Millionäre, wenn du darauf hinauswillst, nicht mal annähernd, aber seit ein paar Jahren, ich glaube seit 2004, können wir von unserer Musik ganz gut leben. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, das tun zu können, was uns Spaß macht und damit unsere Rechnungen bezahlen zu können.

Ich denke mal nach dem Release geht’s auch wieder auf Tour?

Davon kannst du ausgehen. Unser Plan ist, diesmal zunächst eine Tour in Skandinavien zu spielen und danach Süd- und Mittelamerika unsicher zu machen. Danach spielen wir eine Headliner-Tour quer durch Europa und Nordamerika und sicherlich auch ein paar Sommer-Festivals.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

Danke für das Interesse.

17.09.2008
Exit mobile version