Fluoryne
Fluoryne

Interview

Mit “Dark Water“ lieferte Falk vor rund vier Jahren ein Demo ab, welches bereits auf einige offene Ohren stieß. Damals noch eindeutig im modernen Black Metal beheimatet, kommt nun, vier Jahre später mit “Dämmerung“ ein Album, welches Grenzen sprengt und sich darüber hinaus noch mit einem lyrischen Konzept beschäftigt. Es klingt nicht einfach, ein solches Album zu realisieren, und dennoch: Falk ist es gelungen und damit gibt es auch genügend Gründe den Herren, der auch bei GEIST aktiv ist, mit einigen Fragen zu löchern.

FluoryneDu hast „Dämmerung“ schon vor einer ganzen Weile angekündigt, die Veröffentlichung zog sich dann allerdings ewig hin, bis ich fast die Sorge hatte, nie in den Genuss des Albums zu kommen. Woran lag die lange Wartezeit bis das Werk endlich fertig geworden ist? Lediglich an der Suche nach einem geeigneten Label?

Hier kamen mehrere, ganz unterschiedliche Aspekte zusammen: Der erste ist wohl, dass sich meine musikalischen Aktivitäten nicht auf FLUORYNE beschränken, sondern dass ich eben auch Mitglied – wenn auch nur am Keyboard – bei GEIST bin, mit denen ich neben den Vorbereitungen und Aufnahmen zu „Galeere“ auch einige Konzerte bestreiten durfte.

Rückt man das eigentliche Album „Dämmerung“ in den Blickpunkt, hatte ich, kurz nachdem die Vorproduktion der ersten beiden Songs „Morgens“ und „Fern“ abgeschlossen war, eine Phase, in der ich keinen richtigen musikalischen Zugang zu expressionistischer Lyrik fand. Ich habe mich dann eine gewisse Zeit mit anderen Ideen beschäftigt, bevor ich den Weg zurück zur Idee hinter „Dämmerung“ fand. Mit einer Promo-CD, die vier der fünf Songs enthielt, war ich dann ein Weilchen auf Labelsuche und habe mit Lost Souls Graveyard einen hervorragenden Partner gefunden. Die „richtigen“ Aufnahmen der Songs haben dann auch etwas gedauert – das Mitwirken dreier Gastmusiker muss außerdem zeitlich vernünftig koordiniert werden; das Gleiche gilt für den Mix und das Mastering, welches ich in die professionellen Hände von Sebastian Schneider geben konnte, den Drummer von SONIC REIGN und Besitzer des Sonic Room Studios.

Ich denke aber, dass sich die Zeit und die Mühe, die alle Beteiligten in das Album gesteckt haben, wirklich gelohnt haben.

Lost Souls Graveyard hat dein Album veröffentlicht, wie entstand der Kontakt zu dem Label, das ja wenige und sehr ausgewählte Sachen veröffentlicht (die ja fast alle irgendwie mit den GRABNEBELFÜRSTEN in Zusammenhang stehen)?

Der Kontakt zu Dirk aka Sturm Deiner Winter kam durch meine Funktion bei GEIST zustande. Dirk und Alboin kennen sich schon ewig, außerdem ist GEISTs „Patina“ über Lost Souls Graveyard auf Vinyl erschienen. Dirk wurde durch GEIST auf FLUORYNE aufmerksam und wir haben uns von Anfang an ganz hervorragend verstanden. Die Vorproduktion zu „Dämmerung“ hat ihn sofort begeistert und wir haben uns dann relativ bald entschieden, zusammen zu arbeiten.

Auf „Dämmerung“ finden sich eine Menge Gäste, u.a. Cypher D. Rex von GEIST am Schlagzeug, Martin Wiese von ENID und Gravlagd von STENCH OF STYX als Sänger. Wie kam der Kontakt zu den Leuten zustande und haben sie „Dämmerung“ in irgendeiner Form geprägt oder waren sie nur „Mittel zum Zweck“?

Der Kontakt zu Cypher D. Rex ist vermutlich recht offensichtlich, hehe. Er ist jedoch nicht nur Sänger bei GEIST, sondern auch Drummer bei den Bielefelder Thrashern LOST WORLD ORDER (die mit „Marauders“ gerade ein ausgezeichnetes Album veröffentlicht haben). Ich mag seinen Stil am Schlagzeug sehr und konnte ihn auch schnell für „Dämmerung“ begeistern. Bei den Drum-Aufnahmen, die wir im Aurora Musiklabor von Martin Wiese (ENID) durchführten, kam es zu einem relativ spontanen Beitrag Martins als Sänger. Auch hier war Alboin maßgeblich für den Kontakt, weil Martin und er auch schon seit Urzeiten befreundet sind und bei ENID zusammen musizieren. Last but not least ist Pariah G. aka Gravlagd, Sänger der aufstrebenden Black Metal-Band STENCH OF STYX, als Gastsänger dabei gewesen. Ich habe ihn das erste Mal auf dem „Kainsmal“-Releasekonzert von GEIST gesehen und war damals schon von seiner Stimme beeindruckt. Als ich ihn dann auf der „Galeere“-Releaseparty bei einem „Freezing Moon“-Cover sah, entstand die Idee, ihn auch auf „Dämmerung“ singen zu lassen.

Der zweite Teil deiner Frage ist nicht so leicht zu beantworten: Natürlich habe ich den dreien meine Vorstellungen der Songs beschrieben, habe ihnen aber auch künstlerische Freiheit gelassen.Der entscheidende Grund, die drei für „Dämmerung“ zu gewinnen war natürlich, dass sie ihre „Instrumente“ deutlich besser beherrschen als ich das tue. Von „Mittel zum Zweck“ will ich aber nicht sprechen. Sie haben schließlich ihren persönlichen Beitrag geleistet und die Songs auf ihre Weise bereichert.

„Dämmerung“ ist ja ein Konzeptalbum, welches sich der expressionistischen Lyrik widmet. Ich tue jetzt gar nicht erst so, als würde ich mich besonders dafür interessieren, aber dennoch, wie kamst du auf den Gedanken überhaupt ein Konzeptalbum zu machen und, vor allem, dich gerade dieser Epoche zu widmen?

Die grundsätzliche Idee, expressionistische Lyrik zu vertonen, spukt schon seit meiner Schulzeit in meinem Kopf herum. Die Lyrik des Expressionismus ist (daher wohl auch der Name) so unglaublich ausdrucksstark und entzieht sich fast allen Versuchen, sie „greifbar“ zu
machen. Dennoch (oder gerade deswegen) vermittelt diese Lyrik eine unglaublich intensive Stimmung, die von Verzweiflung, vom Verlust etablierter Werte, von tiefer Skepsis geprägt ist. Während die Ausdrucksstärke für eine grundsätzliche Nähe zur Musik sorgt, sehe ich atmosphärisch und inhaltlich eine große Schnittmenge zwischen Black Metal (im weitesten Sinne) und dieser Lyrik. Wie du schon sagtest, hat die Umsetzung dieser Idee zwar einige Zeit gedauert (meine Schulzeit ist achteinhalb Jahre her), aber letztendlich wurde der Grundstein in meinen Deutsch-Kursen gelegt, hehe.

Kannst du vielleicht einen kurzen Einblick geben, welche Gedichte du verwendet hast und warum?

Klar. Das erste Gedicht, „Morgens“ ist wohl eins der bekannteren Gedichte aus dieser Epoche, aus der Feder von Jakob van Hoddis (der auch DAS Aushängeschild des Expressionismus, das auch das erste Gedicht der Pinthus-Anthologie „Menschheitsdämmerung“ ist, mit dem Titel „Weltende“ geschrieben hat). Mit „Fern“ und „Unwetter“ folgen zwei Gedichte von Alfred Lichtenstein, den ich erst spät schätzen gelernt habe. Die bekannteren Werke von ihm sind formal sehr eng – Reimschema, Metrum etc. – zumindest in meinen Augen. Die beiden genannten Gedichte brechen hiermit zum Glück und sind dabei unheimlich stark. Die letzten beiden Gedichte, „De Profundis“ und „Klage“ stammen von Georg Trakl, den ich schon lange sehr verehre und der in seinem viel zu kurzen Leben unglaublich viele fantastische Gedichte geschrieben hat.

Ich habe bei den fünf Gedichten einfach das Gefühl gehabt, dass sie „passen“, was auch immer das bedeuten mag. Einerseits gefallen mir die Gedichte an sich, andererseits haben diese Gedichte bei mir kreative musikalische Prozesse in Gang gesetzt – was für eine Vertonung ganz entscheidend ist.

Was die Reihenfolge der Gedichte angeht, so sehe ich auch hier einen gewissen „roten Faden“: In „Morgens“ und „Fern“ klingt – finde ich – so etwas wie leichte Zuversicht an, eine vorsichtige Hoffnung. „Unwetter“ zerstört diese Hoffnung langsam, aber unaufhaltsam – in „De Profundis“ und „Klage“ kommen Verzweiflung und Depression unglaublich gut zum Ausdruck. Schaut man sich den Verlauf der „Tageszeiten“ an – das Album beginnt mit „Morgens“ und endet mit der Zeile „… unter Sternen, dem schweigenden Antlitz der Nacht.“ – ergibt sich vielleicht auch hier ein Konzept; besonders im Hinblick auf die ambivalente Bedeutung des Wortes „Dämmerung“…

Um uns mal dem musikalischen Aspekt des Albums zu widmen. Hierbei steckst du dir ja nicht annähernd so enge Grenzen wie beim lyrischen Konzept. Moderner Black Metal, Industrial, Trip Hop (ich kann mich nur wiederholen, “How The World Came To An End“ kommt mir da immer wieder in den Kopf) und sogar Ambient vermischst du zu einer fabelhaften Einheit. Woher kommen die Einflüsse und vor allem, wie hast du’s geschafft, diese zu wirklich ausgereiften Songs zu verarbeiten?

Danke für dein Lob. Ich mache mir ehrlich gesagt wenig aus diesen Schubladen. Mir ist es wichtig, dass die Songs, die ich schreibe, atmosphärisch stimmig sind – da ist mir erst mal egal, was für Stilmittel ich verwende oder welchem Genre diese Stilmittel zugeordnet werden können. Ich versuche ständig, mein musikalisches „Vokabular“ zu erweitern, sortiere dabei aber weniger nach Genre, sondern nach Wirkung. Das machen Projekte wie MANES (du nennst ja ihr letztes Album, aber auch der Vorgänger „Vilosophe“ ist hervorragend), VOID, DHG oder THORNS ja auch. Weiterhin gibt es viel Musik, die mit der Black Metal-„Szene“ so gar nichts zu tun hat, atmosphärisch aber weite Teile der „Szene“ weit hinter sich lässt. AMON TOBIN hat ganz fantastische Drum’n’Bass-/Trip Hop-Alben veröffentlicht.

Ich nehme mir beim Schreiben eines Songs also nicht vor, dieses oder jenes Element unterzubringen, sondern integriere, was sich richtig anfühlt. Dass diese Fokussierung auf Stimmung und Atmosphäre funktioniert, zeigt dein Kompliment zur „Geschlossenheit“ des Albums.

Wie du ja weißt halte ich „Unwetter“, entgegen anderer Rezensenten und Hörer, für den unspektakulärsten Song des Albums, was meinst du woher es kommt, dass gerade das Stück sich solcher Beliebtheit erfreut?

Hehe, eine gute Frage, so richtig beantworten kann ich die auch nicht. Ich finde übrigens nicht, dass „Unwetter“ weniger spektakulär ist als der Rest des Albums – aber dieser Song ist schon etwas „homogener“, was durchaus ein Grund sein könnte, dass andere Hörer sich dafür eher begeistern können. Die Dynamik ist auch etwas anders geartet als in den anderen Songs, was wohl der lyrischen Vorlage geschuldet ist. Eine endgültige Antwort kann ich hier aber nicht geben.

Generell sind es die Black Metal-fremden Passagen, welche mir am besten gefallen und das Album stark prägen und FLUORYNE von anderen Bands in diesem Jahr abheben. Ich werde „Dämmerung“ auch nie als BM Album bezeichnen, würdest du, auch wenn dir Schubladendenken zuwider ist, das Album irgendwie charakterisieren können?

Ich sehe „Dämmerung“ schon im Dunstkreis des Black Metals, wenn musikalisch schon nicht überall, so doch in atmosphärischer Hinsicht. Ich mag den Begriff „Avantgarde Metal“ mittlerweile sehr, weil er so schön unverbindlich ist und „nur“ suggeriert, dass man als Hörer eine gewisse Offenheit mitbringen muss. Ein echtes Genre ist das also nicht – und so richtig durchgesetzt hat sich die Bezeichnung auch noch nicht.

Um noch mal kurz auf die Reaktionen zusprechen zu kommen: wie ich in diversen Internetforen gelesen habe, gibt es einige, die sich wohl sehr mit „Dämmerung“ anfreunden könnten, zumindest gibt es viel Lob für den Trailer. Welche Personen, denkst du, können was mit dem Album anfangen?

Ich denke, dass jeder, der offen für ungewöhnliche Herangehensweisen an die schwarzmetallische Kunst ist, mal reinhören sollte. Ganz ohne Geduld wird es wahrscheinlich auch nicht gehen, potentielle Hörer sollten sich also auch etwas Zeit für das Album nehmen können. Ich nehme aber an, dass man sich anhand des Trailers schon ein ungefähres Bild davon machen kann, wie das Album klingt.

Du hast mir ja bereits erzählt, dass ein neues Album von dir eigentlich schon “fertig“ ist, erzähl doch mal etwas mehr darüber, wie es klingen wird und vor allem wann du planst es zu veröffentlichen.

Naja, „fertig“ ist wohl etwas übertrieben. Ich habe nach der „Dark Water“ eine Demo-CD mit zehn Songs als Demo aufgenommen, sie aber auf Eis gelegt, als „Dämmerung“ sich zu entwickeln begann. Die Songs sind zwar arrangiert und auch die Texte sind fertig, aber aufgenommen und produziert werden muss das Album noch. Es wird „Dynamics Of Extinction“ heißen und im Vergleich zu „Dämmerung“ geradezu minimalistischen Black Metal enthalten. Natürlich wird es kein Old School-Black Metal, die schwarzmetallischen Elemente überwiegen aber deutlich. Da ich momentan noch nicht weiß, wie genau es bei mir beruflich weitergehen wird, kann ich leider noch keine Aussagen dazu machen, wann die Aufnahmen stattfinden werden, geschweige denn, wann das Album veröffentlicht werden wird.

Wie schaut eigentlich der Deal mit Lost Souls Graveyard aus? Bezieht sich diese Kooperation nur auf „Dämmerung“ oder wirst du auch in Zukunft dort beheimatet sein?

Wir haben uns bisher nur auf „Dämmerung“ konzentriert, über die Zukunft kann ich jetzt noch nichts sagen – was auch damit zu tun hat, dass noch völlig unklar ist, wie und wann es mit FLUORYNE wirklich weitergeht.

Alles klar, das war es soweit. Ich danke dir vielmals für das Interview und wünsche dir viel Erfolg mit “Dämmerung“.

Vielen Dank für deine Unterstützung und das Interview.

27.12.2009

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