Schandmaul
Schandmaul

Interview

Neues Album, neue Tour: Genügend Gesprächsstoff also für unsere beiden Redakteure Andreas und Xeledon, um SCHANDMAUL-Sänger Thomas Lindner vor dem Konzert im Stuttgarter Theaterhaus auf den Zahn zu fühlen. Ihr wollt wissen, was man mit Kleiderbügeln so alles anstellen kann, welche Rolle Frauen bei Touren übernehmen und wie Thomas zu Schlagern steht? Dann lest weiter!

Ihr seid auf Tour, habt gerade ein neues Album raus und ich muss sagen, das Album gefällt mir richtig gut, insbesondere da es ein paar Sachen gibt die einfach anders klingen, als man es von SCHANDMAUL vorher kannte.

Was ist früher?

Vor allem die ersten vier Alben, nach denen sich SCHANDMAUL immer wieder weiter entwickelt hat. Während insbesondere die ersten drei Alben noch recht homogen sind, ging es danach Stück für Stück weiter. Inwiefern hatten die jüngsten Erfahrungen, die ihr mit WETO gesammelt habt, hier Einfluss auf das Songwriting?

Gar nicht, da die Lieder der WETO-Platte älter als die Band SCHANDMAUL sind. Von daher müsste dann auch schon die erste Platte von SCHANDMAUL von WETO beeinflusst gewesen sein. Oder anders herum gesagt: Es sind einfach dieselben Leute, so dass nicht WETO von SCHANDMAUL oder umgekehrt beeinflusst sind, sondern einfach nur dieselben Leute zusammen Musik machen.

Kam da auch kein besonderes Feeling auf, als ihr WETO letztlich wiederbelebt habt?

Nö.

Inwieweit ist eigentlich „Missgeschick“ als sehr augenzwinkerndes Stück, autobiographisch zu verstehen?

In Wahrheit gar nicht. Ich habe ein Buch gelesen in dem eine ähnliche Szene vorkam und dann – das werd ich auch auf der Bühne noch erzählen – tatsächlich ausprobiert, ob die Sache empirisch überhaupt möglich ist. Ich hatte nichts anderes als einen Kleiderbügel zur Hand und das ergab schon ein paar lustige Szenen im Proberaum, ich war aber allein und es gibt auch ein Fotomaterial.

Sehr schade. Du trägst mal wieder einen Schal, bist du bereits erkältet?

Nein, die Stimme ist einfach nur durchgefickt.

Ein lästiges Übel, das man bei einer Tour regelmäßig mit sich rumschleppt?

Naja, man weiß es ja vorher. Die ersten fünf, sechs, sieben Shows hat sie super gehalten und dann wurde sie langsam räudig. Hamburg war ziemlich schlimm, dann hatten wir einen Tag frei, gestern in Köln ging es wieder. Allerdings, wenn du mit so ’ner angeschlagenen Stimme dann wieder ein Konzert machst, dann ist es auch wieder ziemlich räudig. Mal sehen was sie nachher sagt.

Hast du irgendwelche Hausmittelchen, die du da empfehlen kannst?

Es sind grundsätzlich alles Placebos. Die einen sagen Salbeitee, die anderen wollen Islandmoos, die Nächsten kommen mit Ipalat-Pastillen und was weiß ich. Ich trinke mittlerweile einen Tee und singe mich ordentlich ein, lutsch, wenn’s weh tut, ’ne Halstablette. Es ist ein Muskel, einfach ein Muskel der jetzt angestrengt ist. Hausmittelchen, daran muss man glauben und sich hinterher auch bekreuzigen wenn man es nimmt.

Apropos Bekreuzigen. Seid ihr in der Band gläubige Menschen?

Was heißt gläubig. Ich denke an irgendwas glaubt jeder, ich glaube weder an die Kirche noch an die Bibel. Ich persönlich will da aber nicht für die anderen sprechen. Ich habe meinen eigenen Glauben, aber mit Sicherheit nicht das, was einem da aufoktruiert wird.

Was wir heute abend erwarten dürfen sind sicherlich viele alte Stücke, hoffentlich aber auch ein paar neue Sachen. Wie sind die neuen Lieder bisher so angekommen?

Wir sind relativ knapp zur Veröffentlichung losgefahren, das heißt die Leute haben gerade mal zwei, zweieinhalb Wochen Zeit sich auf das neue Material vorzubereiten und dafür finde ich es grandios was da abgeht. Grad die ersten Reihen sind ja sowieso immer Streber, die sind alle schon recht textfest und gehen da mit ab. Es ist kein Durchhänger dabei bei den neuen Nummern, die wir ausgewählt haben, wir werden acht vom neuen Album spielen.

Also schon ziemlich viel.

Genau, macht wirklich Spass.

Wie schwer ist eigentlich die Songauswahl, wenn man sich zwischen einem neuen Album, an dem man vor kurzer Zeit noch gearbeitet hat, und den alten Gassenhauern entscheiden und notgedrungen etwas rausschmeissen muss?

Die Auswahl der Songs von „Anderswelt“ war recht simpel. Wir hatten uns vorgenommen so acht bis neun Nummer zu spielen, ein paar sind automatisch rausgeflogen, weil sie sich so mit unserem normalen Besteck nicht umsetzen lassen. „Die Königin“ zum Beispiel, da ist es einfach eklatant wichtig, dass zumindest ein Streichquartett spielt, weil darauf das Arrangement aufgebaut ist. Solche Spielereien können wir frühestens am 14.11 in München machen, dass man sich zum Beispiel ein Quartett dazu leiht oder so. Da haben sich ein paar von alleine rausgekürzt, was halt einfach dann keinen Sinn machte so, und ein paar wurden dann zur Seite geschoben, die auch nicht ausgewählt wurden. Wir fahren ja im Herbst wieder, da wollen wir auch nochmal ein bischen rumtauschen. Und bei der Auswahl der alten Nummern standen dann auch einfach „neue Alte“ im Vordergrund. „Teufelsweib“ werdet ihr heute zum Beispiel nicht hören, „Willst du“ und „Sonnenstrahl“ auch nicht. Einfach mal andere Alte.

Merkt man schon beim Songwriting oder später beim Aufnehmen „Das könnte jetzt die Live-Nummer werden“, weil sie einfach ein gewisses Feeling hat oder lässt sich das vorher überhaupt nicht abschätzen?

Es kristallisieren sich manche Songs raus, bei denen man es nicht für möglich gehalten hätte. Und andere wiederum bei denen man dachte „das isses“ gehen dann doch nicht so ab wie man es sich vorher vorgestellt hatte. Aber im Großen und Ganzen lässt es sich schon im Studio sagen, wie der Fankörper reagiert.

Gezielte Livenummern schreibt ihr aber nicht?

Nein, das hat man nicht im Kopf.

Welches von den neuen Sachen findest du am besten, beziehungsweise kommt am besten an?

Ich hab im letzen halben Jahr jedes dieser Lieder, ich will nicht übertreiben, während dem Vorproduktionsprozess, Produktionsprozess, Mischen, Mastern acht- bis neunhundert mal gehört, die stecken so tief drin. Frag mich in einem halben Jahr nochmal.

Ihr seid mit WETO auf Tour gewesen, da seid ihr nur Männer, mit SCHANDMAUL habt ihr zwei Frauen dabei, was ist eigentlich angenehmer?

Natürlich mit Mädels. Ich mein, wenn da so ein räudiger Rüdenhaufen unterwegs ist, dann ist der Ton schon ganz anders. Das weibliche Geschlecht wirkt schon etwas regulierend.

Das heißt, ihr benehmt euch dann?

Man benimmt sich besser. Ich meine, die machen auch viel Scheiss und wir machen natürlich auch Scheiss, ein bischen regulierend ist es aber schon.

Wo seht ihr eure musikalische Stellung in der deutschen Mittelalterrockszene im weitesten Sinne? In jüngster Zeit bekommt man es wieder verstärkt mit, dass große Bands nicht so ganz grün miteinander werden und abstreiten, voneinander beeinflusst zu sein. Wo steht ihr da?

Also wir kommen mit allen gut zurecht, es gibt keinen Zank und wenn die zanken, dann ist uns das echt Schnuppe. Das sollen die unter sich ausmachen. Wir sind, glaube ich, die „folkigsten“ aus dem Gehege da, haben unser Eck gefunden, pissen keinem ans Bein und uns auch keiner. Wir sind da echt glücklich und zufrieden.

Ihr seid ja mittlerweile alle Vollzeitmusiker. Wie groß war der Schritt, den man in der Öffentlichkeit nicht so mitbekommt, für euch persönlich und was ändert sich?

Es ist ein ganz großer Schritt, der viel Denkarbeit erfordert. Man hat schon auch sehr viel Angst. Man geht ja nicht irgendwie seine 10 Semester Landschaftsarchitektur studieren, um das dann jetzt mal eben an den Nagel zu hängen, wie jetzt die Birgit zum Beispiel. Oder der Stefan als Bauingenieur, der ist jetzt seit vier Jahren raus aus dem Job, den kann er vergessen. Auf immer. Da ist ja alle Jahre gleich wieder ein neues System und haste nicht gesehen und er ist raus aus der Nummer, einfach an den Nagel gehängt. Und auch alle anderen hier. ich bin aus der Kaufmannsbranche, da brauch ich jetzt nicht mehr andackeln und sagen: „Hier ist mein Lebenslauf, darf ich mich bei ihnen vorstellen?“ – „Was haben sie gemacht die letzen Jahre?“ – „Musiker.“ – „Dankeschön, auf Wiedersehen.“ Ne, das überlegt man sich schon vorher bevor man diesen Sprung wagt und das ist auch genau der Punkt, wo die Meisten, die sich das eben nicht trauen, dann stehen bleiben weil sie die Zeit da nicht mehr aufbringen können um zu wachsen.

Habt ihr da einen Notfallplan, was ihr machen würdet wenn es mit SCHANDMAUL mal nicht mehr funktioniert, da bleiben ja noch einige Jahre bis zur Rente mit 67.

Ne, da mache ich mir jetzt keine Gedanken drum. Machst du dich eh nur verrückt.

Wie du treffend gesagt hast, seid ihr die „folkigsten“ Mittelaltermusiker, die wir hier im Land haben. Von den Texten her unterscheidet ihr euch aber auch ganz krass von den Anderen. Bei euch stehen immer die kleinen Geschichten im Vordergrund. Ich muss dazu sagen, dass ich leidenschaftlicher Rollenspieler bin, und das, was ihr in den Texten verarbeitet, erinnert mich immer sehr an die Erlebnisse in Rollenspielrunden. Bestehen da Einflüsse, gezielt bei den kleinen Geschichten, die das Märchenhafte aufgreifen?

Ich hab zwar früher auch „gewürfelt“ und Liverollenspiel gespielt, aber die Geschichten sind eher inspiriert durch Bücher und Gedichte, die ich lese – oder die anderen natürlich auch. Aber durch Erlebnisse natürlich auch. Wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, dann fällt schon einiges vor, wo man abschreiben kann.

Ich finde die Kunst bei euch ist, dass ihr nicht die hochtrabenden Themen nehmt und opulente Konzepte ausheckt, sondern kleine Lieder macht, mit denen ihr viel tiefere Weisheiten rüberbringen könnt.

Ja, es ist unser Anliegen, dass man als Konsument – sage ich mal so platt – selbst entscheiden kann ob man der Geschichte lauscht und genau das sieht, der Musik lauscht oder irgendwas tut oder ob man versucht, zwischen den Zeilen zu lesen. Da kann dann jeder reininterpretieren, was er glaubt, dass der Autor gemeint haben könnte. Das ist die Spannung dabei, sprich: Man lässt sich kurzweilig unterhalten oder man denkt nach.

Im Großen und Ganzen erinnert das ja fast wieder an Volksmusik. Wie ist euer Verhältnis zur Volksmusik?

Du meinst jetzt so volkstümliche Musik, so Schlager, Volksschlager? Die finde ich pillepalle. Und richtige Volksmusik hat auf jeden Fall mal Tradition, aber das ist jetzt nicht das, was ich mir zuhause anhöre. Soll jeder sein Eck haben, es gibt mit Sicherheit Kunden, die das hören wollen.

Offensichtlich. Noch irgendwas zum Schluss, das du unseren Lesern mitteilen möchtest?

Wer das hier liest und es auf dieser Tour nicht geschafft hat, uns zu Sehen: Wir sind im Herbst wieder unterwegs, schaut euch die Termine an, kommt vorbei und bewegt euren Arsch, wir machen nämlich Spass!

03.05.2008
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