Linkin Park - A Thousand Suns

Review

Ich sehe die langen Gesichter von Menschen vor mir, die „A Thousand Suns“ noch am selben Tag der Veröffentlichung eingetütet und sich zu Hause vor die Stereoanlage gesetzt und dem gelauscht haben, was aus den Boxen dröhnt, und das ist – damit verrate ich zu diesem Zeitpunkt wohl kein Geheimnis mehr – nicht LINKIN PARK. Jedenfalls nicht, wie man die Band bisher gehört hat. „A Thousand Suns“ erinnert weder an „Minutes To Midnight“, das bei vielen Kritikern aufgrund der leichten Kurskorrektur durchgefallen ist, noch im entferntesten an die ersten beiden Alben, die sich untereinander sehr stark ähneln, sondern präsentiert die aus Los Angeles stammenden Herren – verdammt nochmal, die größte New-Metal-Band aller Zeiten! – als Drum’n’Bass-Act, der selbst denjenigen sauer aufstößt, die den bisherigen Mix aus Metal, Hip Hop und einer Vielzahl an Crossoverelementen als das Non-Plus-Ultra abfeierten.

Dabei haben LINKIN PARK ein unglaublich interessantes Album veröffentlicht, das jedem Kritiker – denkt doch einmal an die Veröffentlichung vom Vorgänger zurück -, der von Anbiederung an den Pop-Mainstream krakeelt, mit einem Lächeln im Gesicht den Mittelfinger zeigt. „A Thousand Suns“ ist – auch das ist neu – unheimlich bedrückend, klingt düster und nachdenklich, und findet seinen Höhepunkt im bereits vorab als Single ausgekoppelten „The Catalyst“, ein Song über das Ende unserer Welt, die der Mensch mit zunehmendem Eifer ausbluten lässt und sich dabei selbst richtet. Songs der Marke „What I’ve Done“, „Numb“ oder „Crawling“, um für die LINKIN PARK, die wir bis dato kannten, typische Nummern von jedem Album zu nennen, finden sich auf „A Thousand Suns“ schlichtweg nicht. Zwar kommen die Herren mit „Burning In The Skies“ noch einmal in die Nähe der genannten Tracks, aber eben nur in die Nähe, denn im Vordergrund stehen auch hier Drum’n’Bass und elektronische Spielereien, die den neuen Longplayer prägen. LINKIN PARKs Trademarks lassen sich nur noch marginal erkennen, dabei harmonieren Chester Benningtons und Mike Shinodas Stimmen nach wie vor perfekt, was in einem emotionalen Song wie „Iridescent“, zu dem die Tränen fließen dürfen, sehr gut zur Geltung kommt. Zu bedauern ist diesmal nur, dass Chester seine aggressiven Screams, die hier und da auf den vorherigen Alben zu hören waren, auf „A Thousand Suns“ nur in einem einzigen Song zu hören sind, nämlich im leicht abgedrehten „Blackout“. Dabei hätten die Screams aufgrund der thematisch verzweifelten Situation durchaus häufiger zum Einsatz kommen können.

LINKIN PARK präsentieren sich heuer völlig unberechenbar und pendeln zwischen sperrigem Bombast-Pop, maschinell-kaltem Tribal-Alternative, sphärischem Ambient-Trance und melancholischen Rock-Hymnen mit Endzeitstimmung. Die fünf Interludes empfinde ich dabei keineswegs als Störfaktor, sondern als wichtiges Bindeglied und als eigenwilligen Übergang zur nächsten Nummer: Ein weiterer Mittelfinger, der auf die beschissene iTunes-Mentalität abzielt, sich lediglich einzelne Songs herauszupicken und die Atmosphäre und den Fluss eines Albums entweder überhaupt nicht oder nur in Ansätzen nachzuempfinden.

„A Thousand Suns“: Operation gelungen, Patient tot? Ein Meilenstein der Musikgeschichte ist dieses Album nicht, aber interessant und vor allem mutig. LINKIN PARK haben mit diesem Album vieles richtig gemacht und sich neu erfunden. Ob die Fans diese Entwicklung allerdings mitgehen werden, wird die Zeit zeigen. Sicher ist, dass LINKIN PARK nicht auf diesem Level verweilen werden und bereits auf dem nächsten Album neue Klangwelten erforschen werden. Bis dahin aber wird „A Thousand Suns“ zumindest in meiner Stereoanlage noch oft rotieren, denn wer diesem Album eine Chance gibt und neue Erfahrungen mit experimenteller Musik machen will, wird hervorragend bedient, auch wenn sich das Album nicht auf Anhieb erschließt. Aber gerade das macht den Reiz dieses Albums aus.

18.09.2010
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